Samstag den 9. November
189»
Erstes Blatt
Nr. 264
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Deutsche» Reich.
— Mit dem 9. November ist ein Ehrentag der deutschen Flotte herangekommen. An dem genannten Tage vollenden sich fünfundzwanzig Jahre, daß in den Gewässern von Havana daS denkwürdige S e e g e f e ch t zwischen dem deutschen Kanonenboot „Meteor" und dem weit stärkeren französischen Aviso „Bo uv et" stattfand, zu welchem der Franzose seinen deutschen Gegner herauSgefordert hatte. Der Kampf endete bekanntlich mit dem glänzenden Siege des „Meteor", den der damalige Capitän - Lieutenant und heutige commandirende Admiral Knorr befehligte- der „Bouvet" wurde von seinem Gegner jämmerlich zerschoffen und hätte sich demselben ergeben müssen, wenn der „Bouvet" nicht gerade noch in letzter Stunde die rettende neutrale Gewässer• Zone erreicht hätte. In unseren Martnekceisen werden zur Erinnerung an diese wackere That verschiedene Festlichkeiten in Scene gehen.
Neueste Nachrichten»
Wolffs telegraphisch-- Eorrrspondmz-Bureau.
Berlin, 7. November. Der „Reichsanzeiger" meldet: Dem General der Infanterie Blume, Commandeur deS 15. Armeecorps, wurde das Großkreuz des Rothen Adler« ordens mit Eichenlaub, dem Generallteutenant Jena der 'Rothe Adlerorden 1. Klasse mit Eichenlaub und Schwertern am Ringe, dem Generallieutenant Buch der Kronenorden 1. Klage verliehen.
Berlin, 7. November. Die „Post" schreibt: „Die von unS vor einigen Monaten gebrachte Nachricht, daß im Krieg-Ministerium eine besondere Centralstelle geschaffen werden solle, um alle Angelegenheiten, die sich auS der Fürsorge für die Arbeiter in den Armeewerkstätten und Betrieben ergeben, zu erledigen, wird neuerdings in ver« schiedenen Zeitungen in dem Sinne besprochen, daß eS sich hierbei um eine umfangreichere Neuschaffung (manche Blätter sprachen sogar von einem besonderen Departement) handele. DaS ist jedoch nicht der Fall. Wie wir hören, wird vielmehr nur eine unerhebliche Summe für Schaffung dieser Centralftelle, die die Gestalt einer Abtheilung erhalten dürfte, durch den nächstjährigen Etat gefordert werden." — Die .Post" schreibt ferner: „Nachdem, wie wir vor einigen Tagen meldeten, in den anderen alten Provinzen bereits die Be- rathungen Über die geplante höhere Nutzbarmachung der Landschaft für den bäuerlichen Realcredit -stattgefunden haben und demgemäß Schritte zur Ausführung der Beschlüsse in die Wege geleitet worden sind, ist die letzte dermalige Versammlung, nämlich die in der Provinz Westpreußen, wie wir in Bestätigung unserer früheren Mittheilung melden können, zum 26. d. M. nach Danzig berufen worden. Den Vorsitz wird der Oberpräfident von Goßler führen und das Ministerium für Landwirthschaft, wie auch bet den anderen Versammlungen dieser Art, durch den Geheimen Ober-Re« aierungSrath Dr. Hermes vertreten sein."
Loudon, 7. November. In seiner gestern in Derby gehaltenen bereits erwähnten Rede führte der UnterftaatSsecretär des Auswärtigen, Curzon, aus, daß nach einer längeren Windstille verschiedene auswärtige Fragen abermals ihr Haupt über den Horizont erhöben. Die Welt sei unruhig, es lägen beunruhigende Symptome vor. Man höre das Stöhnen der kranken Nationen auf ihren Lagern und sähe den Todeskampf sterbender Männer. Dieser Zustand dürfte sich eher weiter entwickeln als abnehmen. Mit der Zunahme der Bedürfnisse nach neuen Umsatzgebieten vermehren M die BerührungS- und RetbungSpunkte zwischen den wetteifernden Völkern. DaS müsse jedoch nicht nothwendiger« weise die Gefahren eines Krieges erhöhen. Der Krieg werde von Jahr zu Jahr unpopulärer und die eifrig betriebenen Rüstungen deuteten, obwohl sie nach der einen Seite gefährlich seien, eher auf Frieden, als auf Krieg hin.
Petersburg, 7. November. Eine Depesche der „Nowoje Wremja" auS Wladiwostok meldet, daß das Kriegsschiff Jakut", welches den russischen Robbenfang im Ochotsksschen Meere beschützt, auf den Seehundsinseln 17 ausländische Robbenfänger mit einer Menge getödteter Robben beschlagnahmt hat.
Depeschen bei Bure« »Herold*.
Berlin, 7. November. Bet der heutigen Truppeu- Bereidtgung der Rekruten Berlins, CharlottenburgS, GvandauS und Groß-LtchterfeldeS, die um 11 Uhr im Lust« garten stattfand, hielt der Kaiser an die Truppen eine Ansprache, in welcher er diese auf die größere Ehre auf« merksam machte, daß sie im Garde-CorpS und unter den Augen des Kaisers stehen. Weiter sagte der Kaiser: „Ich
erwarte von Euch, daß Ihr Eua, voll und ganz dem Dienste hingebt. Losgelöst von allen Beziehungen, müßt Ihr, die Ihr mir soeben den Eid der Treue geschworen und somit meine Soldaten geworden, jederzeit meines Winkes gewärtig sein. Besonders ehrend für Euch ist, daß Ihr in diesem Jahre dient zur Erinnerung jenes großen Krieges, in welchem Eure Väter unter dem großen Kaiser Wilhelm, meinem Großvater, für die Ehre des Vaterlandes gekämpft haben. Auch Ihr müßt jederzeit bereit sein, für die Ehre deS Vater« landeS, die Ehre Eures Königs und Eurer eigenen einzu- stehen. Wenn der Versucher an Euch herantrttt, so weist ihn zurück, er ist Eurer unwürdig. Erweist Euch würdig, meine Gardisten zu sein." Daraus brachte der commandirende General des Garde-CorpS, v. Winterfeld, ein dreifaches Hoch auf den Kaiser aus.
Berlin, 7. November. Zu den umlaufenden Zeitungsnachrichten über den Stand der Berathungen bezüglich einer neuen Militär-Strafproceß-Ordn ung schreibt der „Retchsanzeiger" zu einer Nachricht des „Han. Cour.", daß die Angabe, der Kriegsmtnister habe, „wie bekannt", dem Reichstage eine Vorlage im Sinne des öffentlichen Militär' Strafprocesses in Aussicht gestellt, absolut falsch sei. Der Kriegsminister habe sich im Reichstage mit keiner Silbe über die Frage der Oeffentlichkeit geäußert. Von einer Aenderung deS Militär-StrasgesetzbucheS sei überhaupt nie die Rede gewesen. Die Verhandlungen über die Militär-Strafproceß- Ordnung hätten im StaatSministerium stets im Beisein des KrtegSministers stattgefunden und feien im Wesentlichen ab« geschlossen. WaS über den Verlauf derselben von „unter« richteter und zuverlässiger Seite" dem „Hann. Cour." erzählt werde, sei thatsächlich unrichtig, wie auch die Angaben über an allerhöchster Stelle bereits getroffene princtpielle Entscheidungen.
Berlin, 7. November. Der Ausschuß des Bimetal« listen-Bundes hielt heute eine Sitzung im Abgeordnetenhause. Es wurde die volle Ueberetnstimmung mit den französischen und englischen Bimetallisten constatirt. Der Ausschuß machte den Antrag des Grafen Mirbach zu dem seintgen. Es wurde fodann die Frage der Organisation zum Abschluß gebracht.
Berlin, 7. November. Aus Anlaß der Anwesenheit des Königs Karl von Bortugal in Berlin haben verschiedene portugiesische Offiziere und Beamten preußische Orden erhallen.
Berlin, 7. November. Der vorgestern zum Reichstagsabgeordneten gewählte Redacteur der socialdemokratischen „Dortmunder Arbeiter-Zeitung", Dr. Lütgenau, wurde heute wegen Majestätsbeleidigung, begangen durch den Abdruck eines Artikels „Wieder eine Katserrede" von der Strafkammer in Dortmund zu fünf Monaten Gefängniß verurthetlt.
Berlin, 7. November. DaS „Kleine Journ." veröffentlicht eine Depesche aus Wien, wonach in Hernals, Ottakring und FloriSdorf ernste Juden-Crawalle stattgefunden haben sollen. Nach letzterem Orte soll sogar Militär entsandt worden sein.
Berlin, 7. November. Nach einer Meldung der „Post" wurden die zwei seit Frühjahr d. I. erledigten japanischen Militärattachöstellen bei der Berliner Gesandtschaft wieder besetzt. Die beiden Herren treffen bereits in den nächsten Tagen hier ein. — Wie die „Post" weiter hört, kommen im nächsten Frühjahre mehrere japanische Offiziere nach Deutschland, um ihre militärischen Studien zu vollenden oder neu aufzunehmen.
Berlin, 7. November. Aus Thorn wird gemeldet, daß nach dem Corpsbefehl, welcher den Mannschaften von Westpreußen bet den Control-Versammlungen verlesen wurde, den Reservisten auch der Besuch von Localen verboten ist, in denen socialisttsche Versammlungen stattfinden oder der Wirth deS LocalS socialisttsche Gesinnungen bezeugt. Ferner ist ihnen nicht nur daS Halten, Lesen und Verbreiten socialistischer Schriften, sondern auch die Bethei- ligung an Geldsammlungen zu socialdemokratischen Zwecken und die Thetlnahme an socialistischen Aufzügen und Festlichkeiten verboten. Jeder Reservist ist verpflichtet, ihm bekannt werdende derartige Ueberschreitungeu der Militärbehörde anzuzeigen. Diese Uebertretungen sollen nach der Strenge der Militärgesetze bestraft werden.
Breslau, 7. November. Wegen Majestätsbeletdigung wurde heute der Redacteur der socialdemokratischen „Volks- wacht", Emil Neukirch', zu zwei Monaten Gesängniß verurthetlt.
Wien, 7. November. Sämmtliche Blätter besprechen die Nichtbestätigung Dr. Luegers zum ersten Bürgermeister. Die osfictösen Blätter sagen, die Regierung habe, nachdem Lueger doch ein Agitator ersten
Grades gewesen, nicht anders handeln können. Die antisemitischen Blätter kündigen den Kamps bis ausS Messer an und schieben die Schuld an der Nichtbestätigung auf den seit gestern hier weilenden Ministerpräsidenten Banffy sowie aus die deutsch liberale Partei. Alle Folgen, die ander Nichtbestätigung entstehen, hätte sich die liberale Partei selbst zuzuschreiben. Die neue Bürgermeifterwahl dürfte jedenfalls nächste Woche staitfinden.
Wien, 7. November. Gestern Abend hielten der deutsch- nationale und der antisemitische Verein Versamm« lungen ab. In beiden Versammlungen wurde beschlossen, an der Wiederwahl Luegers festzuhalten. Die Wiederwahl LuegerS gilt daher als wahrscheinlich.
Wien, 7. November. Wie in Abgeordnetenkreisen ver« lautet, hat die Regierung die feste Absicht, für den Fall der Wiederwahl Dr. LuegerS den Gemeinderath aufznlösen.
Pari«, 7. November. Die Kammer wird für die nächsten Tage ihre Tagesordnung feststellen und zugleich über die vorliegenden Interpellationen Beschluß fassen. Der von dem Abgeordneten Bazilli eingebrachte Antrag, betr. Abschaffung deS Anarchistengesetzes, wird nach einer Unterredung mit dem Ministerpräsidenten Bourgeois zurückgezogen werden. Dcr socialistische Abgeordnete Prudent-Derviller wird über die Wiedereröffnung der Arbetterbörse interpelltren.
Rom, 7. November. Während deS letzten MonatS find allein von Genua aus 20,000 Italiener auSgewandert. Jnsgesammt haben während der letzten drei Monate 70,000 Personen das Land verlassen._______
Der Krieg von 1870|71,
»-schildert durch Ausschnitte aus Zeitung«-Nummern jener Zett.
(Nachdruck verboten.)
9. November.
Das eigenthümliche, aber etwas unverständliche Spiel, welches die französische Flotte nun schon seit Monaten in der Nordsee treibt, entspricht vollkommen der unwürdigen Kriegführung, tote solche von der sogenannten großen Nation seit der Eröffnung der Feindseligkeiten gegen unS auSgeübt worden ist. Die Flotte verschwindet auf einige Tage oder eine ganze Woche und sofort machen sich fremde und deutsche Kauffahrer auf den Weg rach unseren Küsten, während gleichzeitig die in unseren Häsen liegenden Schiffe in die See gehen und die Hasenbehörden die zur Schifffahrt nöthigen Seezeichen auSlegen und die Leuchtfeuer anzünden lassen. Kaum ist die- geschehen, da erscheinen die Franzosen wieder mit einigen Dutzend Schiffen ersten Ranges, um ein paar deutsche Kauffahrer abzufangen und die Küstenvertheidigur g zu zwingen, die Seezeichen wegzunehmen und statt deren todtbringende Torpedos auSzulegen. Dadurch wird nicht bloß für unsere eigenen, sondern auch für die fremden Handelsschiffe der Zugang zu unseren Häfen gesperrt, über- Haupt ein Zustand herbeigeführt, der einer Blokade gleichkommt. Es ist dies zwar ein feiges, aber leider durch die noch bestehenden Seegesetze sanctionirtes Verfahren und wir können unS den angerichteten Schaden beim Friedensschlüsse nur mit Geld bezahlen lassen.
CseeU«
Meß«, den 8. November 1^96.
** Ehrung. Herr Photograph Ludwig Orth dahier erhielt von Sr. König!. Hoheit dem Großherzog von Hessen für die Ueversendung eines künstlerisch ausgeführten Tableaus, auf welchem in geschicktem Arrangement photographisch e A u fn a h m en der landwirthschaftlichen Ausstellung zusammengestellt waren, in besonderer Anerkennung und als ein Zeichen der Erkenntlichkeit Sr. Königs. Hoheit eine kostbare Busennadel nebst mit Edelsteinen besetztem allerhöchstem Monogramm mit der Krone, begleitet von einem Schreiben der Großherzogl. Cabinetsdirection. Wir find gewiß, daß unsere verehrl. Leser an dieser unserem Mitbürger zu The,l gewordenen Auszeichnung freudigen Anthetl nehmen.
♦♦ Hessischer Städtetag. (Schluß.) Der sechste Gegenstand der Tagesordnung: Organisation der Schulbehörden in den Städten, wurde zunächst behandelt von Herrn Oberbürgermeister M o r n e w e g - Darmstadt. Derselbe führte u. A. aus: Im Großherzogthum Hessen fei bezüglich der größeren Städte den hierüber geführten berechtigten Klagen nicht in erforderlicher Weise Rechnung getragen- die sühlbaren Mängel der Organisation des VolkS« schulweseuS beständen in der Zusammensetzung und dem Wir« kungskretS der Schulvorstände, besonders aber in dem Mangel eines technischen Mitgliedes im Schulvorstande, bezw. eine- technischen Reserenten bei der Bürgermeisterei- es sei dem


