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9.7.1895 Erstes Blatt
 
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chietzener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

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Nr. 26 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben am 3. d. M. rnthält:

(Nr. 2250.) Verordnung, betreffend die Abänderung >er Verordnung vom 25. Mai 1894 wegen Erhebung eines Zollzuschlags für aus Spanien und den spanischen Kolonien kommende Waaren. Vom 30. Juni 1895.

(Nr. 2251.) Bekanntmachung, betreffend die Verlegung der Kaiserlichen Ober-Postdirection in Arnsberg nach Dort­mund. Vom 26. Juni 1895.

(Nr. 2252.) Bekanntmachung, betreffend Ergänzung und Abänderung der Anlage B. zur Verkehrsordnung für die Eisenbahnen Deutschlands. Vom 1. Juli 1895.

Gießen, am 6. Juli 1895.

Großherzogliches Kreisamt Gießen. _____________________v. Gaaern._____________________

Gießen, den 6. Juli 1895.

Betr.: Vornahme einer Berufs- und Gewerbezählung im Jahre 1895.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

au die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.

Wir machen Sie darauf aufmerksam, daß das gesammte Zählmaterial nebst den Reinschriften der Kontrollisten und den Gemeindebogen, nach Zählbezirken und Nummern der Haushaltungslisten geordnet, bis zum 10. Juli an uns ein* zusenden ist.

Wir empfehlen Ihnen wiederholt unter Hinweis auf unser Ausschreiben vom 16. Mai d. I. (Anzeiger Nr. 118) bei der Prüfung der Einträge in die Zählpapiere auf Voll­ständigkeit und Richtigkeit durch die Zähler Ihr Augenmerk besonders auf folgende Punkte zu richten:

1. Alle Zählpapiere Haushaltungsliste, Gewerbebogen, Landwirthfchaftskarte muffen von dem Haushaltungsvor­steher oder dessen Stellvertreter unterschrieben sein.

2. Alle Gewerbebogen und Landwirthschaftskarten müssen mit der Nummer der Haushaltungslifte, zu der fte gehören, versehen sein.

3. Auf der Landwirthfchaftskarte muß die unter A. 1 angegebene Größe der gesammten Grundstücke sowohl gleich der Summe der unter 1 af als auch der unter 2 af be­zeichnet sein.

4. Falls die Spalte 8 der Haushaltungsliste ausgefüllt ist, muß auch die Spalte 9 ausgefüllt werden.

5. Für diejenigen Personen, welche in Spalte 8 und 9 mit einem Hauptberuf und in diesem als Arbeitsnehmer

Feuilleton.

Sein Verhängnis

Humoreske von Marte Kreut er.

(Nachdruck De-boten.)

®r liebte sie nicht nämlich die Musik.

Gestern hatte er während seines halbjährigen Aufenthaltes -in X. bereits das zwölfte chambre garni bezogen.

Es gab kein Instrument mehr, welches ihm nicht in dieser ' kurzen Spanne Zeit schon das Leben verbittert hätte.

Das Haus, in welchem sich seine erste Wohnung befand, beherbergte allein sechs Claoiere, vom Blüthner'schen Concert- stügel herunter bis zum vorsintfluthlichen Marterkasten.

Hier hatte er nur vierundzwanzig Stunden gewohnt.

Bei der zweiten sollte ihm dies Malheur nicht passieren.

Allerdings ein Clavier war nicht im Hause, dafür - aber drei Geigen, zwei Cellos und eine Clarinette. Auch fort war seines Bleibens nicht lange.

War es sein Berhängniß? Ueberall, wo er auch sein Domicil aufschlagen mochte, wurde er hinausgegeigt, getrommelt, gepaukt und sollte auch ein neckischer Kobold den musikalischen Letter, die Base, die Nichte ober den Enkel aus dem entferntesten Winkel der Erde extra ihm zur Qual heraufbeschwören.

Bon allen Furien der edlen Musika gepeitscht, entfloh er bis in den äußersten Winkel der kleinen Provinzialstadt. Es toar eine etwas anrüchige Gegend.

Hier wohnte das Proletariat der kleine Handwerker, ter Fabrikarbeiter, die Waschfrau kurzum Leute, von welchen er annehmen durfte, daß ihr Stand es ihnen nicht erlaubte, zum Vergnügen Musik zu treiben.

Es erregte nicht wenig Aufsehen, als eines Tages an tcm Hause des Schneiders Böckel ein elegantes Messingschild Hefestigt wurde, auf welchem in auffälliger Schrift zu lesen war: Doctor Eustachius Quängler, Privatgelehrter".

bezeichnet sind, müssen auch die Spalten 15 bezw. 16 und 17 ausgefüllt werden (s. Bemerkung zu Spalte 15).

v. Gag ern.

Gießen, den 4. Juli 1895.

Betr.: Erlaß einer Polizei - Verordnung für den Kreis Gießen, betr. den Verkehr der Radfahrer auf öffent­lichen Wegen, Straßen und Plätzen.

Das Gkotzherzogliche Kreisamt Gießen an die Grotzh. Bürgermeistereien der Land­gemeinden des Kreises.

Unter Bezugnahme auf den Schlußsatz unseres Aus­schreibens vom 29. December 1893 (Gießener Anzeiger Nr. 2 von 1894) sehen wir binnen fünf Tagen der Vorlage eines Verzeichnisses der in der Zeit vom 1. Januar bis 30. Juni d. I. stattgehabten und in Ihren Registern gewahrten Ab- und Zugänge von Fahrradbesitzern mit den zugehörigen Nummern entgegen.

v. Gagern.

Deutsches Reich.

Berlin, 6. Juli. Der Präsident des Kaiserlichen Patent­amtes, Wirklicher Geheimer Regierungsrath von Koeven, ist heute Nacht gestorben.

DerReichsanzeiger" veröffentlicht eine Bekannt­machung des Finanzministers Dr. Miquel, nach welcher zur Aufbringung des Fehlbetrages von 1 533216 Mark die Ergänzungssteuer für das Jahr 1895/96 um 5,2 Pfennig pro Mark erhöht wird.

Berlin, 6. Juli. Zu dem Anschläge auf den Polizeioberst Krause wird neuerdings gemeldet, daß die von dem Gerichtschemiker Dr. Jeierich vorgenommene Untersuchung der Spreng- und Brennstoffe, die durch die Höllenmaschine zur Entzündung gebracht werden sollten, ergeben hat, daß der Inhalt der Flaschen nicht Benzin, sondern Ligroin war, eine Flüssigkeit, die viel leichter als Benzin entzündlich ist.

Berlin, 6. Juli. Der Reichskanzler Fürst zu Hohen­lohe, der sich zur Zeit in Baden-Baden befindet, wird fich, wie dieNordd. Allg. Ztg." hört, morgen zu kurzem Aufenthalt nach Kronberg im Taunus begeben. Von dort wird der Reichskanzler über München nach Alt-Aufse gehen.

Berlin, 6. Juli. DerNat.-Ztg." wird aus Münster in Westfalen berichtet, daß eine dieser Tage in der bei Amelsbüren gelegenen großen Alexianer-Jrrenanstalt | oorgenommene gründliche Revision ein anscheinend wenig

Es wird den Leser befremden, daß ein unabhängiger, wohlhabender Mann, wie Doctor Quängler, sich nicht auf einem schönen, abgelegenen Plätzchen der Erde eine Villa ganz für sich allein erbauen ließ, sondern in der höchst philister­haften Fabrikstadt fein Leben vertrauerte. Indessen Doctor Quängler war Alterthumsforscher und die nächste Umgegend von X. hatte eine stattliche Anzahl hochinteressanter Hünen­gräber aufzuweisen, welche dem Gelehrten für seine prähistorischen Studien das ausgiebigste Material liefern sollten.

Dies Logis war, wie gesagt, das zwölfte, welches Doctor Quängler in X. bezog.

Den ersten Tag fühlte er sich, trotz der primitiven Ein­richtung, des harten Bettes und der mangelhaften Bedienung, wie im Himmel. Diesem Tage folgten noch etwa zwanzig gleicher Qualität.

Da es war an einem Sonntage fuhr Doctor Quängler plötzlich mit einem durchdringenden Schrei aus seinem Nachmittagsschlafe auf.

Er hatte einen entsetzlichen Traum gehabt.

Ihm träumte, er befände sich auf dem Neuendorfer Felde, der großen Sandwüste in der Nähe von X., und grübe eigen­händig eines der Hünengräber auf. Plötzlich stieß er auf einen großen, länglichen Kasten. Die Truhe bekam Beine. Das Ding hatte in seiner Form etwas unheimlich Bekanntes. Ja jetzt sah er es deutlich, es ähnelte dem alten Klimper­kasten der Sängerin Aurora Quikebusch, seiner ersten Zirnrner- vermietheriu in X.

Seltsam, sollten die alten Heiden, welche hundert Jahre nach Christi Geburt diese Gegend bewohnten, das Instrument aus den Ueberresten der Sintfluth hier aufgefischt haben? Er wollte gleich einmal in den Annalen der Urgeschichte nach- schlagen.

Da geschah etwas Furchtbares. Doctor Quängler sträub­ten sich die Haare und ein kalter Schauer rieselte ihm den Rücken herunter.

erfreuliches Ergebniß geliefert hat, da dem Vernehmen nach eine vollständige Reform der Anstalt unter Uebernahme durch die Landes-Verwaltung für nothwendig erachtet wird. Letztere läßt auf ihre Kosten und Verantwortung in der Anstalt schon seit Jahren ca. 160 Kranke verpflegen.

Posen, ;6. Juli. Bet der ReichStagSersatzwahl im Wahlkreise Meseritz-Bomst erhielt nach den bisherigen Feststellungen v. DztembowSki (Reichspartei) 1096 Stimmen, Herfarth (Antisemit) 657 Stimmen, v. Szymanski (Pole) 647 Stimmen.

Hamburg, 6. Juli. Die Zahl der Auswanderer von hier ist in den beiden letzten Monaten wieder bedeutend gestiegen. Sie beziffert sich auf 4401 Passagiere gegen 3562 in derselben Zeit des Vorjahres.

Arrstarrd.

Prag, 6. Juli. Nach einer Mittheilung derNarodni Ltsty" hatte eine Deputation der in Paris lebenden tschechischen Sokolisten in St. Mante, wo dieselben anläßlich eines Turn­festes im Jahre 1870 weilten, auf dem Denkmal für die im Jahre 1870 gefallenen Krieger einen Kranz mit Schleife in tschechischen Farben niedergelegt. Der französische Minister Dutemps sprach der Deputation seinen Dank aus und über­reichte derselben ein Bouquet mit der französischen Trikolore. Der Minister bat die Deputation, den Tschechen in Böhmen seine freundschaftlichen Gefühle und seinen Gruß zu über* Mitteln.

Genf, 6. Juli, 8 Uhr Abends. Das Grand Hotel Metropole" steht in vollen Flammen.

Paris, 6. Juli. Die von Kiel kommenden spanischen und russischen Geschwader treffen zum Nationalfest am 14. d. M. in Cherbourg ein.

Stockholm, 6. Juli. Große Volksmassen versammelten fich heute, um der Ankunft Seiner Majestät des Deutschen Kaisers beizuwohnen. Die-Straßen, durch die Seine Majestät fuhr, waren von einer dichtgedrängten Menschen­menge eingefaßt. An den Häusern war überall prächtiger Blumen- und Pflanzenschmuck angebracht. Auch die Schiffe im Hafen sind mit Flaggen reich geziert.

Stockholm, 6. Juli. Um 12 Uhr Mittags ankerte die KaiseryachtHoh en zolle rn" auf Strömmen. Sofort statteten der König, der Kronprinz und die Prinzen Carl und Eugen einen Besuch an Bord ab, worauf dieselben nach Logardstrappan zurückkehrten. Hier landete um 12®/4 Uhr Seine Majestät der Kaiser, auf der untersten Stufe vom König auf das Herzlichste begrüßt, während die Capelle der Götischen Leibgarde die deutsche Nationalhymne spielte.

Dem Hünengrabe entstieg ein Sueve, halbnackt, von gigantischem Körperbau, das rothblonde Haar nach dem Scheitel hoch aufgerichtet und geknotet.

Einen vernichtenden Blick warf er auf den wie Espenlaub zitternden Gelehrten, dann öffnete er das Clavier und unter seinen riesigen Händen erklang in erschütternden Tönen das Gebet einer Jungfrau".

Eustachius Quängler stieß einen durch­dringenden Schrei aus und erwachte.

Gott sei Dank, es war nur ein Traum gewesen der Sueve und der Marterkasten waren verschwunden, er lag auf seinem harten Kanapee aber die Töne, die entsetzlichen, er­schütternden Töne sie waren da.

Himmel und Hölle, träumte er denn noch immer oder äffte ihn ein neckischer Spuck?

Er kniff sich in die Nase nein, er wachte.

Vernichtet sank das gemarterte Haupt des Gelehrten auf die Tischplatte. Er weinte.

So lag er eine lange Zeit. Das Gebet einer Jungfrau war längst beendet auch die Klosterglocken hatten in scheuß­licher Disharmonie ausgeklungen und die Quadrille ä la Cour war bereits bis zum Finale vorgeschritten.

Nein, länger konnte er die Marter nicht ertragen.

Fort, nur fort! Er ergriff Hut und Stock.

Aber wohin? Wieder ein anderes Logis suchen?

Jetzt käme das dreizehnte an die Reihe. Brrr! wie konnte das erst werden?

Bums! Jetzt hatte man gewiß die Höllenrnaschiene zu­geklappt.

Eustachius Quängler wartete einige Minuten. Alles blieb still. Aufathrnend legte er den Hut und Stock an feinen Platz. Dann zog er energisch an dem perlengestickten Klingelzug.

(Fortsetzung folgt).