1898
Sonntag den 8. December
Erstes Blatt
Nr. 289
Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gieren.
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Gießener Anzeiger
Kenerat-Anzeiger.
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Gießen, den 7. December 1895. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
I. E.
v. Bechtold, Regierungs-Assessor.
Die deutsche Industrie auf dem Weltmärkte.
ES ist noch nicht sehr lange her, daß auf dem Weltmärkte, zumal in England, Frankreich und Amerika, den Erzeugnissen der deutschen Industrie häßliche Eigenschaften, zumal die berüchtigten „billig und schlecht" nachgesagt wurden. Inzwischen hat sich Dank der Jntrlllgenz und Arbeit der deutschen Industriellen und Techniker die Industrie des deutschen Reiches auf vielen Gebieten zu einer Weltstellung ewporgearbeitet. Ganz zweifellos ist dies bet der chemischen Industrie und den verwandten Zweigen Deutschlands der Fall, der erst kürzlich ein angesehenes New ■ Yorker Blatt das größte Lob spendere. Ferner hat sich auch ein französischer Fabrikant über die Leistungen der deutschen Seiden- Jndustrte in hohem Maße lobend ausgesprochen und sie als der französischen Seiden - Industrie ebenbürtig bezeichnet. DaS lehrreichste und wichtigste Urtheil über Deutschlands industrielle Leistungen ist aber offenbar das englische, da England in Bezug auf die Industrie den ersten Rang in der ganzen Welt einnimmt. Das englische Weltblatt „Times" schrieb über die deutsche Industrie vorige Woche Folgendes: „Deutschland ist gegenwärtig bet Weitem unser (Englands) gefährlichster industrieller Concurrent in der ganzen Welt, ent) man kann es nur bedauern, daß der Einfluß des deutschen Wettbewerbs auf die englische Industrie noch nicht daS volle Maß officieller Aufmerksamkeit gefunden hat, daS die Bedeutung der auf dem Spiele stehenden Jntereffen verdient. Wir haben einen commerziellen Attache in Paris und einen in Petersburg. Letzteres hat ein weites Arbeitsfeld, daS sich durch ganz Asien erstreckt, der erstere eins, daS nur geographisch weniger ausgedehnt ist- er wird nämlich in der Liste des Auswärtigen Amtes als „Commerzieller Attache für Europa" bezeichnet. Beide greifen, so viel ich weiß, ab und zu auch tn den Bereich deutscher Industrie über. Aber eS liegt auf der Hand, daß daS nur ein sehr unzulänglicher Noihbehelf sein kann. Die Ernennung eines competenten technischen BeirathS als commerzieller Attache für die britische Gesandtschaft in Berlin ist eines jener dringenden Erforder- niffe, deren lange Vernachlässigung unverantwortlich ist angesichts solcher Aeußerungen, wie kürzlich Mr. Ritchie sie machte mit Bezug auf die Ergebniffe britischen Capitols und britischer Arbeit gegenüber Deutschlands wachsender Concurrenz.
AuS diesen Urtheilen über die deutsche Industrie geht hervor, daß dieselbe auf dem ganzen Weltmärkte im hohen Grade concurrenzfähig ist, und daß derselben massenhafte Aufträge zuströmen müffen, wenn die wirth'chaftltche Lage sich in Amerika, Rußland und den asiatischen Ländern weiter bessert. Natürlich ist auch in solchem Falle auf vermehrte Aufträge für die deutsche Industrie auS dem übrigen Europa zu rechnen.
Deutscher Reich.
Berlin, 5. December. Die Wiederwahl deS bisherigen, vom Centrum und den Freisinnigen gestellten Reichs- tagSpräfidiums hat den hierüber allseitig gehegten Erwartungen entsprochen, nachdem conservativerseitS die Uebernahme des ersten Dtcepräfidenrenposten abgelehnt worden war. Immerhin wird eS einigermaßen bemerkt, daß die Conser- vativen bei der Wahl des P äsidenten nicht, wie die National- liberalen und Freiconservativen, unbeschriebene Zettel abgaben, sondern gemeinsam mit den übrigen Parteigruppen deS Hauses für Herrn v. Buo l stimmten. ES liegt in diesem Vorgang immerhin eine gewisse Aufmerksamkeit der Conservativen gegenüber dem Centrum, welche von letzterem auch gebührend gewürdigt werden dürfte. Vielleicht erlangt das genannte vorkommniß im Verlaufe der Reichstagssession noch polt- tische Bedeutung, dahin, daß sich die Conservativen wieder mehr dem Centrum nähern, da das Verhältniß zwischen den Conservativen und den Nationalltberalen offenbar Manches zu wünschen übrig läßt.
— Gegenüber den Ausführungen des Präsidenten Cleveland in der Botschaft betreffs der deutschen Schutzmaßregeln gegen die Einschleppung deS Texas
fiebers und der in Preußen von StaatSausstchtswegen gegen einige nordamertkanische Versicherungs-Gesellschaften unter uommenen Schritte bemerkt die „Poft", daß die Viehetnfuhr aus den Vereinigten Staaten mit keinem anderen Maße gemessen werde, als die aus anderen Ländern, und daß ebenso wenig an die amerikanischen Versicherungsgesellschaften weiter- gehende Anforderungen gestellt werden, als an andere. Deutschlands Interessen an der ungehemmten Ausfuhr nach den Vereinigten Staaten seien sehr erheblich; noch sehr viel erheblicher, als daS Interesse an der Ausfuhr nach Rußland. Aber die Vereinigten Staaten hätten mindestens das gleiche Interesse daran, daß ihnen der deutsche Markt offen bleibt. Bei einem Handelskriege sei Deutschland der stärkere Theil. Man müffe sich hüten, eine Retorfionspolivk einzuleiten, die zu einem Handelskriege führen könne. Die Warnung gelte sowohl für die Vereinigten Staaten, wie für Deutschland.
— Der Antrag Kanitz, betreffend die Befestigung der Getreidepreise auf mittlerer Höhe, ging dem Re'chStage mit 101 Unterschriften versehen zu. Antragsteller sind die Abgg. Graf Kanitz Podangen, Graf von Schwerin-Löwitz, von Plötz, von Kardorff, Lebermann von Sonnenberg, Schwerdtfeger. Unterstützt ist der Antrag von den Conservativen, Reichsparteilern, Deutsch - Sozialen, Bayerischen Bauernbündlern, einzelnen Nationalliberalen und einzelnen „Wilden", so u. a. auch von Dr. Sigl. Der vormalige RetchsiagSpräfident Dr. von Leoetzow hat diesmal gleichfalls den Antrag unterzeichnet.
Neueste Nachrichten.
WolffS telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berlin, 6. December. Der „ReichSanzeigrr" meldet: Auf die Dividende der Reichsb ankantheile für 1895 wird vom 16. December d. I. ab eine zweite halbjährliche Abschlagszahlung von 1*/, Procent oder Mk. 52,50 für den Dividendenschein Nr. 14 gezahlt.
Berlin, 6. December. Den Morgenblättern zufolge geben die deutsch-ostafrikanische Gesellschaft und die Eisenbahngesellschaft in Deutsch. Ostafrika bekannt, daß der Geologe Stapff im October, 60 Kilometer Luftlinie westlich von Tanga, an mehreren Punkten daS Vorkommen goldhaltigen Quarzes constatirte und dieUeberzeugung gewonnen hat, einen 5Kilometer langen Goldquarz- Gang gefunden zu haben. Der nach StapffS Erkrankung nach Oftafrika zur Untersuchung entsandte englische Bergingenieur Martin tklegraphirte, daß die Strecke dem Anscheine nach anbauwürdig sei.
Berlin, 6. December. Der „Post" zufolge lassen sich in der am 11. und 12. dS. Mts. in Dresden tagenden europäischen Fahrplanconferenz 100 Eisenbahn und Dampfschifffahrts. Gesellschaften durch 160 Delegiere vertreten. Auch Vertreter Preußens, Sachsens, Oesterreichs und andere Regierungen nehmen Theil. Es liegen zahlreiche Anträge vor, darunter die geplante Verbesserung der Schnellzugsverbindungen Berlin-Leipzig, Dresden « Wien, Vermehrung der Schnellzugsverbindungen Berlin * Dresden, sowie verbesserte Zugverbindungen zwischen Dresden-Berlin- London über Holland.
Hannover, 6. December. Der Hai ser verblieb während des Vormittags im Schlosse und nahm Meldungen und Vorträge entgegen. Um 12 Uhr wurde eine Deputation der reformirten Gemeinde vom Kaiser empfangen, die den Dank für einen Beitrag zu dem Bau einer Kirche abftattete. Hierauf fand Frühstückstafel statt, während welcher der Hannoversche Männergesangverein Lieder vortrug. Die Schulen find heute geschlossen.
Hamburg, 6. December. Ein seit gestern wüthender West-Süd West-Sturm verursachte in der Hafengegend und den niedriger gelegenen Häusern der inneren Stadt vielfach Ueberschwemmungen und bedeutenden Materialschaden. Die Feuerwehr ist an vielen Stellen beschäftigt, die Keller leer zu pumpen. Viele Transportfahrzeuge find voll Wasser geschlagen und gesunken. Auch auß Harburg, Cuxhaven, Lübeck, Kiel und vielen anderen Orten laufen Berichte Über Sturm- und Hochwasserschäden ein. Die Telephonverbindungen sind vielfach unterbrochen.
Schwerin, 6. December. Die Commisfion zur Berathung der Vorlage über Gehaltsaufbesserung für die Vo Iks s ch ullehrer hat dem Landtage neue Vorschläge gemacht. Nach diesen sollen die Mehrkosten nicht durch die Landesfteuer gedeckt, sondern von der Ritterschaft, den Städten und Dominialgebieten, von jedem Theil für sich, übernommen werden.
Coustantiuopel, 6. December. Die Berichte, wonach die 6 Großmächte thatsächlich ein Ultimatum über die
Frage der zweiten StatiouSschiffe vorgclegt hätten, find ungenau. Aber wahr ist eS, daß die Botschafter Vorstellungen über die Sachlage machten, welche zu einem neuen Austausch der Ansichten darüber führten.
Depelchm brt Bure«« »Herold".
Berlin, 6. December. Die Meldung von der Cou- stituirung deS Reichstages ist dem Kaiser zugegangen. Der Empfang deS Präsidiums wird Anfang nächster Woche statifinden, sobald der Kaiser auß Hannover zurückgekehrt sein wird.
Berlin, 6. December. Dem Reichstage find in Form von Gesetzentwürfen folgende Anträge zugegangeu: Von den Abgeordneten Ancker und Gen , betreffend daS Vereins- und Versammlungsrecht,- von den Abgeordneten Dr. Lieber, Dr. Hitze, Neckermann, Spahn und Dr. Schädler, sowie von den Abgeordneten Dr. Schneider und Genossen, betreffend die eingetragenen Berufsvereine; von den Abgeordneten Dr. Rmtelen, Spahn, Dr. Bachem, Dr. Hitze und Lerno, betr. die Abänderung der ConcurSordnung vom 10. Febr. 1877, sowie von den Abgeordneten Dr. Förster und Metzner, betreffend die Aufhebung des Gesetzes über die Impfung mit Schutzpocken vom 8. April 1874, und von den Abgeordneten Colbus und Genossen auf Abänderung deS § 31 deS Gesetzes Über die Presse vom 7. Mai 1874, sowie be'reffend die Neuregelung der Wahlen zum Landesausschuffe von Elsaß-Lorhringen.
Berlin, 6. December. Von den Abgeordneten Baffer- mann und Genossen ging dem Reichstage folgender Antrag zu: Der Reichstag wolle beschließen, die verbündeten Regierungen zu ersuchen, einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch welchen die Bauhandwerker und Bauarbeiter für ihre auß Arbeiten und Lieferungen an Neu- und Umbauten erwachsenen Forderungen gesichert werden und dabei insbesondere die Einräumung eine- gesetzlichen FaustrechtS an den Liegenschaften in Erwägung zu ziehen, welche durch die erwähnten Leistungen einen Mehrwerth erfahren haben. Dieser Mehrwerth, welcher durch gerichtliche Schätzung festzustellen ist, soll allen hypothekarischen Forderungen Vorgehen, soweit diese den gerichtlich festzusetzenden Werth der Liegenschaft zur Zeit des Baubeginns überschreiten.
Berlin, 6. December. Der Antrag auf Aufhebung des JesuttengesetzeS befindet sich diesmal nicht unter den vom Zentrum vorbereiteten Anträgen.
Berlin, 3. December. Die „Staatsbürger-Zeitung" schreibt heute zu der Ministerkrisis: Herr von Köller sei in der Angelegenheit der socialtstischen Wahlveretne überhaupt nicht, also auch nicht eigenmächtig, vorgegangen. Die Initiative hierzu habe einzig und allein daß Polizeipräsidium ergriffen, welches dabei im Einvernehmen mit der zuständigen Staatsanwaltschaft beim Landgericht I handelte. Die Prüfung des Materials habe zur vorläufigen Schließung der Vereine geführt. Der Minister des Innern habe von dem Vorgehen vorher keine Kenntniß erhalten, wäre eS aber geschehen, so hätte er den gesetzlichen Verlauf der Dinge auch gar nicht aufhalten können.
Berlin, 6. December. Dem Vernehmen nach dürfte Minister v. Köller bet seiner Verabschiedung den Character als Wirklicher Geheimerath mit dem Prädicat Excellenz belassen werden, ohne daß ihm vorläufig ein anderer Posten im Staatsdienst übertragen werden dürfte.
Berlin, 6. December. In unterrichteten Kreisen wird jetzt als Nachfolger des Ministers v. Köller der Oberpräsident von Westfalen, Studt, genannt.
Berlin, 6. December. Die „Neuesten Nachr." stellen gegenüber einer anderen Meldung fest, daß thatsächlich eine Audienz des Ministers v. Köller beim Kaiser ftattgefunden hat, und zwar am Montag Morgen vor 8 Uhr in Potsdam auf Grund eineß Allerhöchsten Befehls. Weiter stellt dasselbe Blatt fest, daß Fürst Hohenlohe in dem Telegramm, welches er am Mittag des 26. October v. I. vom Kaiser erhielt, ersucht wurde, Herrn v. Köller mitzubringen. Die beiden Herren reisten zusammen und einer Aufklärung dieser Berufung durch die „Frankfurter Zeitungß- Colportage bedurfte es für keinen von Beiden. Von kundiger Seite wird den „Neuesten Nachrichten" entschieden verneint, daß die Angelegenheit Delbrück irgend welche Rolle in dieser neuesten Wendung gespielt hat. Herr v. Köller hatte die Unvorsichtigkeit begangen, Herrn Delbrück eine Bedeutung beizumessen, die dieser weder hat, noch beansprucht. Deshalb war das eingeleitete Verfahren ein politischer Fehler. Die „Neuesten Nachrichten" haben allen Grund, zu vermuthen, daß die entscheidenden Momente einzig und allein auf dem Gebiete der Milttärftrafproceß- Reform, und zwar weniger


