Ausgabe 
8.12.1895 Drittes Blatt
 
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Nr. 289 Drittes Blatt. Sonntag dm 8, Deeember

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Frankfurt tu M , 5. December. Gestern Abend gegen 8i/a Uhr wurde der Briefträger Ernst auf feinem Rundgange beim Entleeren der Briefkästen in der Porzellan» Hofstraße von zwei Unbekannten überfallen und zu Boden geworfen. Die Angreifer versuchten, ihm den Briefbeutel abzunehmen. Dabei wurde ihm der Rock zer- risieu. Als andere Personen htnzukamen, ergriffen die Un­bekannten die Flucht.

0. Aas meinem Tagebuch vor 25 Fahren! Die denk­würdigsten Tage für uns 32er (Meiningen, 22. Division) waren die Decrmbertage 1870. Am 2. December mar» schirren wir ab Chateau Gaillard nach Orleans zu und er» hielten heftiges Feuer auS dem Dorfe Poupry, welches von den Franzosen besetzt war. Unsere Aufgabe war Pouprtz zu nehmen. Ueber Gräben, Hecken ging eS vorwärts. Poupry wurde von uns mit Hurrah genommen. Unsere Ver­luste waren bedeutend! Im Dorfe selbst wurde aus den Häusern nach unS geschoffen und begann ein wilder Straßen- und Häuserkampf. Fast jedeS HauS mußte vom Feinde ge­säubert werden. Von Artenay aus rückten die Franzosen in dichten Massen gegen unS vor. Feindliche Artillerie sandte uns ihre Granaten und Shrapnels. Wir kämpften gegen eine dreifache Uebermacht. Poupry wurde von uns gehalten, der Feind zurückgeschlagen. Unser Brigadecomman- deur Oberst v. Kontzki fiel an diesem Tage. Nach dem Gefecht btvouakirten wir auf dem Schlachtfeld mitten unter Tobten und Verwundeten. ES schneite Nachts ziemlich stark und war fürchterlich kalt. Seit zwei Tagen hatten wir thatsSchlich nicht- gegeffcn, auch jetzt gab eS nichts, weder Kartoffeln, Kaffee noch Erbfenwurstsuppe. Wir übten unS damals als HungerkÜnftler aus und lebten von der Auf­regung. Am anderen Morgen, 3. December, erhoben wir uuS matt, durchfroren und hungrig.An die Gewehre", lautete daS Commando und frisch gings wieder darauf los. Unsere Artillerie sprach ein entscheidendes Wort mit den Franzosen an diesem Tage. Wir bezogen, siegreich vor­gehend, Quartier in Chevllly, wo es Gottlob einige Kar­toffeln gab, aber ohne Schmierkäse. Arn 4. December Schlacht bei Orleans. Unsere 22. Division stand in Reserve. Wir bezogen in der Vor^adt Aux AhdeS bei Orleans Quartier. Hier gab eS Wein so viel wir wollten. Am 5. und 6. December waren Ruhetage. Wir besuchten die schöne Stadt Orleans an der Loire und betrachteten unS die Sehenswürdigkeiten. Fast jedes Hauß in Orleans war Lazareth, wo Verwundete lagen. Am 7. December Abmarsch von Aux Aydes über Cbarsonvtlle nach Ouvty St. Marchv. Während der Nacht wurde Brod gebacken. Am 8. December hartnäckiges Gefecht bei Ccavant, wo unser Bataillon mit einem fürchterlichen Granaten- und Shrapnelhagel über­schüttet wurde. Zu Hunderten crepirten die Granaten in unserer unmittelbaren Nähe. Am 9. December wurde früh

Morgen- alarmirt, die Franzosen gingen zum Angriff gegen unS vor, wurden jedoch zurückgeschlagen. Wir stürmten mit den Bayern zusammen Cernay und nahmen Abends noch dem Feinde die Dörser Ovigny und Billejouan ab, welche lebhaft von denselben vertheidigt wurden. Am 10. December hatten zwei Compagnien 32er den Kampf gegen eine ganze französische Division zu bestehen, welche die Dörfer Origny und Billejouan mit Gewalt wieder nehmen wollten. ES war Morgen- noch ganz dunkel, als der Feind angriff. In Hellen Haufen näherte sich die französische Infanterie. Man hörte sie rufenEn avant, en avant und sich gegen­seitig anfeuern. Die blauen Bohnen Pfiffen zu Tausenden über unseren Köpfen. Wir ließen sie bis auf ca. 150 Schritt herankommen, dann erfolgte das CommandoFeuer". Wie sie stürzten die Söhne der grande nation! wie die Hasen auf einer Treibjagd! So in nächster Nähe haben wir den Feind vorher nie vor unS gehabt, der Angriff wurde zurück­geschlagen, doch frische, maffenhaft französische Infanterie drang von Neuem gegen unS vor, Schritt für Schritt nähern sie sich, auf ganz kurze Entfernung lautete bei uns das Commando:Legt an, Feuer!" Zum zweiten Mal zog sich der Feind zurück. So dicht haben wir Tobte noch nicht liegen sehen. Doch immer wieder kamen frische Bataillone, wir wurden schließlich umzingelt, ein wildes Handgemenge entstand, es kam zum hartnäckigsten Kampfe, Mann gegen Mann. Von unserem 32er Häuflein fielen sehr viele. Circa 150 Mann, darunter Major v. Holzendorff, kamen in französische Gefangenschaft. Die Uebermacht war zu gewaltig.

* Welche Bedeutung die Wasserkräfte von jetzt ab für die Technik, als zur billigen Erzeugung von electrischen Strömen und deren vielseitiger Benutzung haben werden, ist allgemein bekannt, und bildet die Ausnutzung der N°a- gara-Fälle mittelst Turbinen, wo gegen 50,000 Pferdestärken zur Erzeugung electrischer Energie nutzbar gemacht werden, ein großartiges Beispiel. Aber man braucht gar nickt über den Ocean zu gehen, denn auch in Europa befinden sich zur Zeit schon Beispiele von hydraulisch electrischen Anlagen, die den amerikantschen nicht nachstehen. So z. B. in der Schweiz, welches Gebirgeland allerdings riesige Wasser-y efäHe in Menge aufweist, die in ihrer Ausnutzung colossale Kraft' magazine darstellen. Nackstehend seien die größten derartigen Turbinen Anlagen aufgeführt. So die Werke von Chäore bet Genf, welche im Sommer 12,000, im Winter 18 000 Pferdestärken liefern können - zu Brugg ist eine 600 pferdige Hydro electrische Anlage, zu Wynau eine solche von 2500, zu Soleure von 800 Pferdestärken- zu Bremgarten (Reuß) wird ein Gefälle mit 1300 Pferden ausgenutzt, zu Baden ein solche- mit 400 Pferdestärken. Ferner befindet sich eine Anlage bei Ruppoldingen in der Vollendung, die 2500 Pferde­kräfte leisten wtrd, eben eine solche Anlage wird zu Aarau fertiggeftellt, bezw. auSgebaut, die 1050 Pferdestärken er« gitbt; und so find noch mehrere in Angriff genommen, die zusammen gegen 15,000 Pferde leisten werden, sodaß sich

der ganze erz elte Kraftgewinn alsdann auf 125,000 Pferdekräfte stellen wird. Diese Zahlen ergeben wiederum ein Beispiel, wie leicht e3 nunmehr ist, mittelst der Electricität, Kraft, Wärme und Licht auch da billig zu erzeugen, wo Steinkohlen oder andere Brennmaterialien gar nicht Vorkommen, wobei derartige An­lagen noch den Vorthetl bieten, die gewonnene -Kraft auf einfachste Weise an die Stätten des Bedarfes zu leiten. Wenn wir in Deutschland auch gerade nicht so überreich mit großen Wasserfällen bedacht sind, wie dies mit der Schweiz der Fall ist, so lausen in unseren Gebirgen doch auch noch Hunderte von Wafferläufen unbenutzt dahin, die ebenso leicht in gedachtem Sinne nützlich gemacht werden könnten. (Mitgetheilt vom Internationalen Patent-Bureau Karl Fr. Reickelt, Berlin N. W.).

* Erfolge der deutschen Industrie im Auslände. Bet einer vor Kurzem abgehaltenen Verdingung der schweizerischen Telegraphen-Verwaltung wurde die von derselben aus­geschriebene bedeutende Menge Broncedraht an deutsche Fabrikanten vergeben. Es ist dies ein um so erfreulicheres Zeugniß für die deutsche Industrie, als die Verwendung von Broncedrähten für oberirdische Leitungen noch sehr neu ist.

Was kostet ein Verbrecher?" Diese Frage beant­wortet in hochinteressanter Weise ein Aufsatz von A. Berthold imBuch für Alle" (Heft 5) und zwar führt er unS als Beispiel einen öfters bestraften Einbrecher vor. Die Summen, die dieser als Gefangener dem Staate kostet, die­jenigen, welche die verschiedenen Untersuchungen, Verhand­lungen, Transporte u. s. w. verursachen, zusammengerechnet mit dem Schaden, den seine Einbrüche und Diebstähle den Betroffenen zufügen, sind so coloffale, daß wir sie, da wir eine nähere Begründung hier nicht zu geben vermögen, lieber nicht nennen wollen, sondern auf den Artikel selbst verweisen.

Citeratur utefc Aunst

Im Verlage von Emil Roth in Gi>ßen erscheint in dm nächsten Segen ein hocdanwreckendes literari'dnd Werk: Hessens Hürstenfearren von »Elisabeth die Heilige" bis zur jetzige» Gioßoeizogin ,®idotia von Alf. Börckel, Bibliotvekar in Main». Dasselbe, Ihrer Königlichen Hoheit der Großherzogin Victoria Meltta gewidmet, wird in einer Volksausgabe mit Text und 16 Bildnissen geb. L Mk. 4., br. L Mk 3. und in einer sogen. Fürstenausgabe als Prachtwerk mit 16 Originalphotographien in vornehmem Einband L Mk. 20. erscheinen. Wir machen unsere Leser einstweilen aus beide Ausgaben des Buchis, wtlche sich a(8 reizende Weibnachtsgaben präsentiren, aufmerksam und werden demnächst ausführlicher darauf zurückkommen.

Akademischer Taschenkalender für 1896. 14. Jahrg. Dresden und Leipzig. E. A Kochs Verlag. P ers 75 Pfg. ES ist ein reiches Material in wohlerwogener fystemaiischer Zus-mmen- fttUung, welches das Büchlein bietet, und auch dieses Mal wird dasselbe zweifellos einen umfangreichen Benutzerkreis finden. Der Taschenkalender enthält neben vollständigem Kalendarium ein alpha­betisches Verzeichnt der Universitäten, technischen und thierärztlichen Hochschulen Deutschlands mit Angabe der dort bestehenden Corpo-

Feuilleton.

Wochendriesr aus der Residenz.

(Originalbericht desGießener Anzeigers").

Z. Darmstadt, 6. December.

WeihuachtSsaisou. Chambordfeier. Zu den Stadtverordneten. Wahle». Vom Großh. Hoftheater.

Bereits ist der erste Advent vorbei, in den Concertsälen ist eine gewiffe Stille eingetreten und auch größere VereinS- »nd Hausfeftlichkeiten unterbleiben, dafür beginnt umsomehr die Sammlung und Veranstaltung von Collecten der ver­schiedensten Dinge für alle möglichen Vereine und der Wohl- thätigkeit dienende Institutionen Weihnachten naht heran.

DaS Fest mit seinem Glanze ist der einzige lichte Punkt i» dieser im Uebrigen so öden Zeit, denn vom Weihnackts- wetter, den freundlichen, Hellen, kalten Tagen mit ihrem Eis und Schnee ist noch nichts zu merken, fahles Grau liegt über der Stadt und läßt eS kaum Tag werden, durch Straßen und Gaffen pfeift ein feuchter Wind und alle Augenblicke prasselt der Regen hernieder. Unsere Geschäftsleute machen nach der schon recht flauen Herbstsaison bei diesem Wetter nicht die fröhlichsten Gesichter. Namentlich die Tuch-, Kleider- und Pelzhändler spüren das Ausbleiben des W nterS arg in ihren Kaffen und Hoffnung, daß daS Manco noch einkomme, besteht bei ihnen nur ins zum Christfeste, nach demselben wird einer alten kaufmännischen Erfahrung gemäß nicht mehr viel abgesetzt. Glänzend find die Schaufenster der Läden auS- gestattet, besonders die Uhren-, Bijouterie- und Spielwaaren-

geschäste erstrahlen allabendlich im hellsten electrischen Lichte. Hoffentlich lohnen fich die enormen Anstrengungen der Geschäfts­welt noch in den kommenden Tagen vor dem Feste!

Eine Feier, die auch in dieser stillen Zeit wohl ihre Berechtigung hat, ist sür nächsten Sonntag in unseren Mauern geplant. Am Vorabend des 25jährigen Gedenktages der ruhmreichen Einnahme von Schloß Chambord versammeln sich nämlich die ehemaligen Angehörigen der 8. Compagnie des 4. Großh. Hess. Inf.-Regiments Nr. 115 in unserer Stadt, die unter der Leitung ihres kühnen Führers einst die ewig denkwürdige Erstürmung vollbracht haben, um das von Freundeshand schon durch ein hübsches Denkmal gezierte Grab des später so unglücklichen Offiziers und das deS Lieutenants Neßling mit Blumen zu schmücken. An die Er innerungsfeier auf dem Friedhöfe wird fich eine kamerad­schaftliche Vereinigung und Festessen der Thetlnehmer indem RestaurantZur Stadt Pfungstadt" anschließen. Auch für die Herausgabe einer Festschrift für den Tag ist gesorgt - dieselbe ist dahier im Verlage der H. C. Kunze'schen Druckerei erschienen und zeigt neben dem Porträt des Hauptmanns Kattrein zwei Ansichten von Schloß Chambord, außerdem enthält dieselbe einen genauen Situationsplan der Umgegend des Gebäudes und die Darstellung des weltgeschrchtlicken ActeS, auf Grund authentischen Materials und nach den Be­richten von Augenzeugen geschildert.

Die heißumstrittenen Stadtverordneten-Wahlen haben im Allgemeinen keine Ufbenaschungen gebracht. An­genommen ward der Zettel der vereinigten nationalliberaleu und deutschfreisinnigen Candidaten, außerdem ward der Führer der hiesigen Anttsemiten und der keiner Partei angehörende

Vorsitzende des Mathildenhöh-VeremS gewä^, den Social- demokraten gelang es nicht, einen ihrer Genossen durch­zubringen. Die Betheiligung an dem Wahlacte war feine übermäßig große- von rund 8900 Berechtigten haben 4507, also etwas Über 50 Procent von ihrem Wahlrechte Gebrauch gemacht. Wte man hört, soll von socialdemokratifcher Seite das Resultat angefochten sein, indessen wird wohl kaum den erhobenen Forderungen ftattgegeben werden.

Im Großherzoglichen Hoftheater erlebte O. Blumenthals neues dreiactiges LustspielGräfin Fritzi" hier seine Premiere. Das Stückchen behandelt daS Leben einer früheren Opernsängerin, welche von einem ungarischen Grasen gehetrathet, aber von dessen Familie nicht besonders herzlich ausgenommen ward. Der Graf fällt in einem Duell, das er seiner Gemahlin wegen angenommen hatte. Diese will sich darauf wiederum der Bühne zuwenden, finkt aber nach der vom Autor umgeänderten Faffung noch im letzten Augenblicke in die Arme eines in heftiger Liebe zu .ihr erglühenden Rechtsanwalts. Im Allgemeine» zeigte die Novität sowohl in der Erfindung, wie schon die kurze Inhaltsangabe zeigt, wie auch im Aufbau große Schwachen. Eine Anzahl Witze, mit denen Blumenthal das Ganze garnirt hat, und einige nicht übele komische Situationen verhalfen dem Werkchen zu einem Heiterkeitserfolg.

DaS für diese Woche angesaote Gastspiel des Dresdener Kammersängers AntheS ist noch in letzter Stunde wegen angeblicher Erkrankung deS Künstlers abgesagt worden, so steht unS vor Weihnachten nur noch der Besuch Konrad DreherS in der nächsten Woche in Aussicht.