Ausgabe 
8.9.1895 Drittes Blatt
 
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hierfür in Aussicht genommenen Platzes (hinter dem Wetter« Häuschen an der Südanlage) entstehen.

Zur Einführung der Gasbeleuchtung in ein Zimmer der Stadtmädchenfchule ertheilt die Versammlung die Genehmigung.

Dem Vorstand der israelitischen ReligionS« gesell schäft war bisher zur Abhaltung von Religions­unterricht ein Zimmer im Schulhause in der Schulftraße überlasten worden. Die infolge Abbruchs genannten Schul- Hauses nöthig gewordene Räumung hat den Vorstand der Religionsgesellschaft zu einem Gesuch um Ueberlastung eines anderweitigen Zimmers veranlaßt. ES wird auf Antrag des Schulvorstandes beschlossen, hierfür ein Zimmer im Stadt- knabenschulgebäude an der Nordanlage zu bestimmen.

Das Gesuch der Firma I. B. Noll um Anlage eines Rohrcanals an Stelle des FlurhgrabenS längs ihres Pack- raumeS auf dem Burggraben wird genehmigt und beschlossen, dort auch einen Schlammfang anzulegen.

Zum Gesuch der Frau C. Dräbtng Wittwe um Erlaubntß zum WirthschaftSbetrieb im Hause Steinstraße 74 beschloß die Versammlung Bejahung der Bedürfnißfrage.

CocaUs und provinzielle-,

B. Lang-Gons, 5. September. Der hiesige Krieger- Verein zählt 105 Mitglieder. Er war, wie dem Bericht über die Sedanfeter noch angefügt sei, der hauptführende Theil unseres SedaufesteS am 1. September.

N.O. Aus dem oberen Niddathale, 6. September. Der Heuhandel aus dem Vogelsberge nach Frankfurt, welcher durch den großen Ueberfluß Ende Juni ziemlich gedrückt war, hat sich in der letzten Augustwoche und in den dürren, heißen Septembertagen erholt und es ist wieder Nachfrage bei anziehenden Preisen. Die Bauern halten mit dem Ver­kaufen zurück, weil die Knollenfutterstoffe bei der Dürre das nicht liefern werden, was sie erwarten ließen, eS muß also mit den Halmfutterstoffen haushälterisch umgegangen werden. Wie unsere wackeren Vogelsberger mit dem Heuhandel einige Mark verdienen, dürfte manchen freundlichen Leser tnter- esstren- eS möge daher in wenigen Worten kurz Folgendes mitgetheilt werden: Die Leute pachten einen oder mehrere Morgen fiScaltsche Wiesen, machen daS Futter dürr und fahren damit nach Frankfurt. Die Fahrt dauert hin und zurück mindestens 48 Stunden^ sie ist dadurch erleichtert und abgekürzt worden, daß eine KretSstraße aus dem oberen Niddathale in das Horloffthal gebaut worden ist, wodurch das Ellenbogenftück EichelsdorfNiddaEchzell in eine ziemlich gerade Linie verwandelt wurde. Es ist ein saueres Stück Brot, das die Leute verdienen und sie kommen manchmal tnS Gedränge bei weichenden Preisen. Ueber- mäßige Theuerung wie in 1893 oder sehr niedrige Preise sind dem Handel nicht günstig. Ein guter Mittelpreis ist für Käufer und Verkäufer die angenehmste Geschäftslage. DaS kleine Dörflein Bisses bei Echzell in der Wetterau ist ebenfalls eifrig am Heuhandel betheiligt. Die Leute bemühen sich, stets streng rechtlich und reell zu handeln, wodurch seit Jahrzehnten gute Beziehungen zwischen den Käufern und Verkäufern unterhalten werden.

* Wie viel Schüsse find im Kriege 1870/71 gefeuert worden? Bei Gelegenheit der Jubelfeier deS glorreichen Krieges von 1870/71 dürfte eS interessant fein, zu erfahren, wie viel Schüsse auf deutscher Seite während dieses Krieges gefallen sind. Aus dem Munitionsverbrauch ergiebt sich, daß von der Feld-Artillerie 338 310 und von der Festungs-Artillerie 520500 Kanonenschüsse abgefeuert wurden. Der Munitions« verbrauch der Infanterie stellt sich auf 20 Millionen Infanterie- Patronen.

* Was kosten wohl die Schieferstifte, welche unsere Kleinen in der Schule zu ihren ersten Schreibversuchen gebrauchen, um auf der Tafel ihre Krickelkrackel zu malen? Man weiß, daß diese Stiste billig verkauft, auch sogar als Zugabe bei anderen Einkäufen gegeben werden, also können sie an der

Productionsftelle im südöstlichen Thüringen auch nicht thener zu stehen kommen. Man wirb wohl auch für da» Tausend so einen Preis von 35 Mk. raihen. Aber das ist nicht zutreffend,- lausend Schieferfttfte kosten eigentlich klingts kaum glaublich zur Zeit deS billigsten Standes etwa ganze 18 Pfennige.

Chinesische Zustande. Eines der größten Hindernisse der Gefitiung in China ist die ungeheure Selbstgenügsamkeit des Volkes. Welcher Chinese weiß denn etwas über den letzten Krieg mit Japan? Die chinesischen Beamten haben alles hinweggedeutet. Die chinesischen Zeitungen haben keinen Einfluß auf das Volk. In Peking haben Europäer eine chinesische Zeitung gegründet. Aber außer in den Vor­städten Pekings hat sie keine Verbreitung gefunden. Eine Ausnahme bildet nur diePeking Gazette". Aber an dem RegierungSblatte befinden sich so viele Beschränkungen, daß man schließlich daS Gerücht nicht Lügen strafen kann, daß während des 900 jährigen Bestehens der chinesischen AmtS- zeitung 1'800, sage achtzehnhnndert Redacteuren der Kopf abgehauen worden ist. (DiePekinger Zeitung" wird nach diesen Erfahrungen gewiß vorsichtig zu Werke gehen.)

Citerotur und Kunft.

Wie wir erfahren, bat die Verlagsbuchhandlung von Rich. Bong, Berlin W., mit allerhöchster Genehmigung daS ausschließliche Recht erhalten, die Original-Zeichnung Sr. Majestät deS Kaisers Wilhelm IT.Kampf der Panzerschiffe^ zu veröffentlichen. Als großer doppelseitiger Holzschnitt wird Die Zeichnung in dem in Kürze zur Ausgabe kommenden ersten Hefte des neuen (10.) Jahr­gangs der Modernen Kunst, Jllustrirte Zeitschrift mit Kunstbeilagen, erscheinen.

Zur Gute» Stunde". Vor uns liegt das erste Heft des neuen, neunten Jahrgangs der beliebten Zeitschrift. DaS Aeutzere ist völlig, zugleich aber auch sehr glücklich verändert, und wenn man das Heft durchblättert, fallt die fast überschwängliche Reichhaltigkeit des literarischen und künstlerischen Inhalts überraschend auf, die es aber zugleich erklärlich macht, daßZur Guten Stunde" in immer weitere Kreise Eingang gewann und heute daS geschätzteste Familien­blatt ist.

Eine fürstliche Hochzeit ht Gegenwart deS Kaisers findet in dem soeben erschienenen Heft 25 derModernen Kunst* * (Verlag von Rich. Bong, Berlin, a Heft 60 Pfg.) eine glänzende malerische Verherrlichung durch K. Siernenroth, der im Auftrage des jetzigen Botschafters in St. Petersburg, des Fürsten Radoltn, dessen Trauung mit Comtesse Johanna von Oppersdorf in der Kirche zu Ober» Glogau malte. Diesem überaus prächtigen Farbendruck stellt sich eine grandiose Marine von Hans Bohrdl würdig an die Seite Der Maler schildert den deutschen ViermasterPeter Rickmers" in dem Augenblick, wo er unter vollen Segeln durch die tosenden Fluthen dahtnjagt. Ein pietätvoller Nachruf an den jüngst verstorbenen Historienmaler R. Warhmüller wird durch ein Soldatenbild von feiner Hand aus friderictantscher Zeit illustrirt. Der Inhalt des glänzend ausgestatteten Heftes ist überaus mannigfaltig und liefert den erneuten Beweis, daß die beispiellosen Erfolge derModernen Kunst" als wohlverdiente zu bezeichnen sind.

Technische Fortschritte.

Metallgegenstände mit Zeichen zu versehen. Auf Eisen- und Stahlwaaren bringt man bisher bte Fabrikmarke meist durch Einätzen an, indem man die Gegenstände mit einer Masse, die von Säuren nicht angegriffen wird, überzieht, in dieser dann die Zeichnung auShebt, oder man bedruckt einfach wie beim GlaSätzm. Beim nachherigen Behandeln mit verdünnten Säuren wird nur das freiliegende Metall angegriffen. Beim Entfernen der Schutzschicht erscheint die eingeätzte Zeichnung. Dieses Verfahren hat den Nachtheil, namentlich wenn tief geätzt werden soll, daß es viel Zeit beansprucht und daß die Umrisse der Zeichnung meist nicht scharf genug sind. Diese Umstände sucht Legate lautMitth d. V. d. Kupferschm." durch Anwendung des electrischen Stromes zu beseitigen. Nach seinem Verfahren werden die zu zeichnenden Gegenstände zuerst mit einem säurefesten Ueberzug versehen, der aus 10 Liter Naphtha, Vs Kgr. Schwefelkohlenstoff, 2 Kgr. puh). Harz und 1,5 Kgr. Kupfer­chlorid besteht. Die Zeichnung wird mittelst eines, mit einer Potasche- lösung befeuchteten Stempels aufgetragen. Die Lösung löst die be­treffenden Stellen des Ueberzuges aus und legt die Oberfläche des Metalles frei. Ist die Zeichnung klar, so wird auf den Gegenstand eine Salmiak- oder Kochsalzlösung aufgetropft und nunmehr in die Lösung eintauchend eine kleine Kupferplatte über die ausgehobene Zeichnung gebracht. Ferner wird der Metallgegenstand mit dem positiven Pol einer Elrctricitätsquelle, die, Kupferplatte jedoch mit dem negativen Pol bettelt)en verbunden. Beim Schließen deS Strom­kreises geht der electrische Strom vom Metallgegenstand durch die Salmiaklösung zur Kupserplatte, hierbei eine Zersetzung dieser Flüssig­

keit bewirkend. Das an dem ersteren frei werdende EHIor löst dar Metall, wo es freiliegt, sehr schnell auf und bewirkt so in wenigen Augenblicken, der Zeichnung gemäß, eine lehr tiefgehende Aetzung der Metallgegenftandes. Stach dem Aetzen wird die Schutzschicht durch Benzin ober in sonst geeigneter Wette entfernt. Außer Dem Vorzug der Schnelligkeit soll datz neue Verfahren auch schärfere Umrisse al« die alten Aetzverfahren liefern.

Schreibfedern lauge brauchbar zu er hatte«. Um Schreibfebern lange zu erhalten empsiehU Guyot inPH. <5 mtrV dieselben nach betn Gebrauche in ein Gefäß zu stecken, auf beste, Boden sich ein mit Potaschelösung befeuchteter Schwamm befindet. Die eingetrocknete Tinte wird gelöst und das Fortschreiten der etwa eingetretenen Oxydation auf die Dauer bet Pause unterbrochen. Etwas umftänblich ist es, baß man vor neuem Gebrauch bet Feder, d. b. ehe man sie wieder in die Tinte taucht, die anhängende Potascherösung abwischen muß, weil diese die Tinte zersetzen würde.

«usleimen von Marmorplalten. Um Marmorplattm auf Holz zu oefeftigen, empfiehlt dieAllg. Tischler-Z'g. folgende» Kitt: Man bereitet sich einerseits Leimauflösung, anderseits stellt man auS Modellirgyps einen Brei her. Beides wird zusammengemengt und dient nun zum Aufleimen der Marmorplatte, die man zweck­mäßig vorher angewärmt hat. In größerem Votrath kann dieser Kitt nicht gehalten werden, wegen deS zugesetzten GypseS, doch bindet der letztere in dieser Cornp fitton bedeutend langsamer ab al« mit Wasser allein, sodaß die Arbeit deS Aufleimens keiner ängstliche» Beschleunigung bedarf. Die auf geschilderte Weise bewirkte Ver­bindung von Marmor und Holz erweist sich haltbarer, alS wen» Leim allein verwendet wird.

Die Haltbarkeit der hölzerne« »egenftLnde kann man durch richtige, gleichmäßige Lage o«S HolzeS bei dem Einbauen erhöhen. An einem nicht angestrichenen Hoizeimer kann man, wie derHolz-Verk.-Anz." bemerkt, (eben, daß einige Dauben völlig vom Wasser durchtränkt sind, während der Rest ganz troefen erscheint. Die trockenen Dauben find bann in bem Eimer so eingehkt, wie ber Baum, au« bem bte Hölzer geschnitten wurden, gewachsen ist, nämlich mit den nach dec Wurzel gewachsenen Enden des Baumes auch nach unten. Die stets nassen Dauben stehen daher verkehrt, b. h baS Wurzelenbe ist anstatt nach unten nach oben gekehrt. Eine Thorweg- oder Gartensäule wird bedeutend länger ballen, wenn bas Wurzelende in die Erde kommt und nicht nach ober, ebenso alle die Hölzer, die zu irgend einem Zwecke Verwendung finden. Das wird häufig übersehen und bringt einen vorzeitigen Verfall ber Hölzer mit sich. Die Feuchtigkeit ber Atmosphäre steigt vom Wurzelenbe rascher durch die Poren abwärts als umgekehrt; sie hält sich auch länger darin auf L Ztg.

= A. Gretscher, Glessen Neustadt 55. Giessen empfiehlt Loose aller genehmigten Lotterien. Prompte Zusendung der Gewinnliste.

Sine berühmte Mineralquelle, jedermann kennt wohl die Fläschchen nut der Etiquette .Taunusbrunnen" und trinkt gerne dieses köstliche Mineralwasser, daS beim Oeffnen der Fläschchen wie Champagner schäumt und einen, durch bte Menge freier Kohlensäure bedingten angenehmen, prickelnden Geschmack be­sitzt. DerTaunus-Mineral-Brunnen" liegt an ber süblichen Grenze ber fruchtbaren Wettetau, bicht neben ber Bahnstation Groß-Karben. Die Gegenb ist hübsch; zahlreiche Dörfer, wohlbestellte Felder schmücken bas Thal und im Wetten begrenzt bat Taunusgebirge dieses schöne Bild. Die mächtige Quelle, welche durch Herrn Müller- Marchand, BahnhosStestaurateur in Groß-Karben, entdeckt und im Jahre 1873 gefaßt wurde, gehört jetzt einer englischen Gesellschaft. DaS ausgedehnte Etablissement besteht au« mehreren Gebäuden. In bem Hauptgebäude befindet sich unter ber Erde in einem riesen­haften Raume ber tiefe Quellenschacht, aus bem täglich ca. 75 000 Liter Wasser unb ebenso viel freie Kohlensäure entströmen. Die Letztere wirb burch Pumpwerke abgehoben, finbet in großen Behältern Auf­nahme unb wirb bann später bem Wasser zugesetzt, (ein großer Theil wirb auch burch Compressoren verflüssigt unb alS flüssige Kohlen­säure in ben Hanbel gebracht), so daß biese« als Doppelt - Kohlen- faureS Mineralwasser zum Versanbt gelangt. Ohne irgend welchen künstlichen Zu atz empfängt man mithin vomlaunuflbrunnen" ein wirklich reines, natürliches Mineralwasser, so wie bte Quelle liefert, aber boppeltstark mit freier Kohlensäure bes eigenen Brunnens imprügnirt. Dieses unb bte von ärztlichen Autoritäten anerkannten, werthoollen mineralischen Bestandtheile Haden Taumtswasser" zu einem ebenso vorzüglichen Genußmittel, wie zu einem mebicintschen G-nänke ersten Range« gemacht. Der Versandt desTaunus" Mineralwassers hat in den letzten z-hn Jahren einen ganz bedeutenden Aufschwung genommen, geben doch jährlich Millionen Flaschen unb Krüge baoon in bie Welt. Hier in Gießen ist biese« allgemein beliebteTaunuswasser" ebenfalls eingeführt unb verweisen wir auf bie betr. Annonce im heutigen Jnseratentheile. 7105

Feuilleton.

Frankfurter Lheatrrdrirs.

(Origtnalbericht für denGießener Anzeiger".)

(Nachdruck verboten). Abschiedsvorstellungen für scheidende Künstler. Eriuaerungßfeter für Marschner. Der Meunonit.

Dr. M. Die Herren Nadal unb Schönfeld find qu» dem Verbände deS Frankfurter Theaterpersonals aus» getreten und haben sich zu Beginn der neuen Saison zum letzten Male einem Publikum vorgestellt, zu dessen erklärten Lieblingen sie sich rechnen durften. ES waren alte, fast aus­gediente Rollen, welche die beiden Herren für ihr letztes Auftreten gewählt hatten, die aber dazu angethan waren, die künstlerischen Qualitäten der Genannten noch einmal im hellsten Glanze erstrahlen zu lassen.

Herr Naval verabschiedete sich alsLhonel" in der Martha" und konnte dabet den weichen, bestrickenden Schmelz seine» lyrischen Tenor» auSgiebig entwickeln, und Herr Schöns elb spielte zum Schluß die Treffer der Konrad Bolz-Partie (Journalisten") mit der ihm eigenen welt­männischen Liebenswürdigkeit au». E» waren zwei unvergeß' liche Abende! Beide Künstler gefielen sich ja in den leichteren Proben ihrer Kunst, denn während der Jahre ihre» Frankfurter Aufenthalt» haben sie reiche Gelegenheit gehabt, zu zeigen, daß ihre Kraft an die complicirtesten Aus­gaben heranreicht. Um den Umfang ihre» Können» einiger­maßen richtig zu schätzen, muß man Naval in den Partien der Massenet'schen Opern, Schönfeld in modernen Sitten- stücken gesehen haben.

DaS Gedächtniß Heinrich MarschnerS, der am 16. August vor 100 Jahren zu Zittau das Licht der Welt erblickt hat, ehrte man durch die Aufführung seines reifsten und geschlossensten Werks, desHans Heiling". Herr NavtaSky sang und spjelte die Titelrolle mit der erforder­lichen dämonischen Leidenschaftlichkeit. ES ist bemerkenswerth, daß diese durch und durch deutsche Gestalt auch romanische Sänger gelockt hat, denn sowohl Fumagalli wie d'Andrade hat sie auf seinem Repertoire, und eS war unS immer interessant, diesen Sängern in einer Partie zu begegnen, die durch ihre ganze Beschaffenheit in den Kreis des deutschen MusikdramaS gehört. HanS Heiling steht den italienischen Opernfiguren so fern wie der Holländer und Wotan, er gehört ganz und gar unserem Gefühlsleben an und seine Ausarbeitung erfordert die denkbar größte Inner­lichkeit.

Da» Probegastspiel eines Herrn Hartmann au»,Cassel hat die Wiederbelebung de»Mennoniten" veranlaßt, der noch zu den Wtldenbruch'schen Erstlingen gehört er entstand im Jahre 1880 und auch noch mit einer Reihe grober Couliffeneffecte arbeitet. Aber Ein» tritt bereits leuchtend und siegreich au» diesem Drama hervor, daS zur Zeit von Deutschlands tiefster Erniedrigung, zur Zeit der Napoleon'schen Gewaltherrschaft spielt: der vaterländische Gedanke, der Gedanke der nationalen Er­hebung und Selbstständigkeit. Ihm verdankt Ernst v. Wildenbruch seine größten und dauerndsten Erfolge. E» tst kein billiger Hurrah-PatriotiSmuS, der hier seine äußer­lichen Effecte entfaltet, e» ist jene geläuterte Vaterlandsliebe, welche auf sicherem Erfassen idealer Standpunkte ruht. Der Conflict, an welchem der Mennonit Reinhold zu Grunde geht,

ist in erschütternder Weise geschildert. AlS erSchill» Aufru an die deutsche Nation" liest, bricht er in die Worte au»

Nein, du ber Mennonitin kalter Gott, LoS sag' ich mich, du bist mein Gott nicht mehr! Du nimm mich auf an deinen Feuerbusen, Gewalt'ger Geist, ber bu bem schlichten Mann Das Herz erfülltest mit bem Geist bt« Helben! (DaS Morgenroth schimmert burch bie Bäume.) Wie meine Seele btr entgegenathrnet, Du Blut-Panier ber neuen großen Zeit, Das bu emportteigst aus bem wolk'gen Morgen O so verströmt ber Tropfen eignen Weh'S Im großen Meer beS allgemeinen Leidens."

Es ist übrigens interessant, daß die heutigen Mennoniteu, als daS Wildenbruch'sche Drama herauSkam, lebhaft gegen die ihnen in demselben untergeschobene Auffassung de» Vater- landSgesühlS protestirt haben, e» fei durchaus nicht wahr, daß der Mennonit keine patriotischen Gesinnungen hätte!

Nan, Wildenbruch hat jedenfalls nach zuverläffigea Quellen gearbeitet, aber es ist ja auch ganz gut möglich, daß sich innerhalb einer Religionsgenossenschaft im Lauf Irr Zeit tiefgehende Wandlungen vollziehen.

Die Frankfurter Theaterleitung hat Recht gehabt, in diesen Tagen, wo die Gedanken so gerne und lebhaft zu de» großen Ereignissen vor 25 Jahren zurückschweifen, de« Publikum Stücke vorzusühren, welche auf dem Boden steben, auf welchem sich die verschiedensten Geschmack»- und Jntereffeir- richtungen vereinigen könnten. Auch die Einstudirnug de» Grabbe'fchenNapoleon oder die hundert Tage", auf welche wir im nächsten Brief zu sprechen kommen, erwie» sich al» ein glücklicher Griff.