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8.9.1895 Drittes Blatt
 
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Nr. 211 Drittes Blatt. Sonntag den 8. September

1895

Dcr Hleßcner Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener Aamikien k kälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

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Der Krieg von 1870|71,

geschildert durch Ausschnitte aus ZettungS-Nummern jener Zett.

(Nachdruck derboten.)

8. September.

Die Mitrailleusen-Kugei ist das unmenschlichste, niederträchtigste Mord-Instrument, daS man erdenken kann. Die Spttzkugel hat einen Kolben, dessen Durchmesser größer ist als der der Kugel: dieser Kolben hat nach außen Stifte Die Kugel wirbelt in die Wunde, da fie auS einem spiral- gezogenen Lauf kommt, zerreißt also noch, wenn sie bereits getroffen, im Innern deS Körpers. Die Mitrailleusen sollen nicht bloS kampfunfähig, sondern auch heilungsunfähig machen. Das ist der Fortschritt der bonaparttftischen Civilisation.

Die Franzosen haben sonst Augen, die klug in die Welt hineinseden. JuleS Favre aber, der neue Minister der Republik, hat ein Rundschreiben erlaffen, das er mit der Binde vor den Augen geschrieben hat. Er sieht die Lage nicht, wie fie ist. Er sagt: Wir werden keinen fußbreit Landes, keinen Stein unserer Festungen abtreten. Wir be­sitzen eine entschlossene Armee, wohlauSgerüstete Forts, vor allem aber 300,000 Kämpfer, die entschlossen sind, bis auf den letzten Mann auszuhaiten. Nach den Forts würde man die Wälle zu erstürmen haben, nach den Wällen die Barri­kaden Paris kann sich drei Monate lang halten und siegen. Wenn eS unterläge, so würde auf seinen Ruf ganz Frank­reich sich sofort erheben und die Hauptstadt rächen u. s. w. Rächer sollen die Franzosen sein? An wem? Wofür? Haben fie nicht ihrem Napoleon jubelnd geholfen, Deutsch­land frech auS dem Frieden zu reißen und in den furcht- barsten aller Kriege htneinzuzerren? Ist eS republikanisch, ist -S klug, den nationalen Haß gegen die Sieger zu ent­flammen, statt dem in seiner Verblendung mitschuldig ge­wordenen französischen Volke die Augen zu öffnen? Hat das schnöd beleidigte, nur seiner Haut sich wehrende deutsche Volk, nur weil eS gefiegt, dieRache" der Republikaner verdient? Nein, ihr Herren, lachende Erben des Napo­leonischen Kaiserthums seid ihr allerdings nicht, aber ihr müßt die Erbschaft antreten cum beneficio inventarii; denn ihr seid mitschuldig bis zum letzten Tage geworden. Ihr könnt den Krieg verlängern, daS Blutvergießen mehren, aber ändern könnt ihr nichts. Den 500,000 deutschen Kriegern, die eure, alten Schlachtensoldaten in sechs Schlachten nteder- geworfen, werden eure ungeübten Mobil- und Nationalgarden nichts anhaben- kämpfen die letzteren mit Ideen, so streiten die deutschen Krieger für Herd und Vaterland. für Unab­hängigkeit, das find auch Ideen und sehr reelle Güter. Ihr erklärt diePreußen" für außerhalb des Völkerrechts stehend,

Feuilleton.

Wochcndriesk aus der Residenz.

(Origtnalbericht desGießener Anzeigers").

Z. Darmstadt, 6. September.

Sedanfeier. Theater und Concerle. Allerlei.

Das deutsche Nationalfeft, die Sch lacht fei er für Sedan, wird In Darmstadt seit Jahren festlich begangen. Diesmal wurde der Festtag an äußerem Glanz zwar von der großen Jubiläumsfeier sür den Tag von Gravelotte über­strahlt, doch bildete er einen schönen und würdigen Abschluß der patriotischen Feiern, die in fast allzu reicher Fülle nun hinter uns liegen. Am Sonntag strömten trotz der enormen Hitze Taufende dem Festplatze zu, wiederum entfaltete fich ein bunt-bewegtes Treiben. Einen besonderen Anziehungspunkt bildete die Ballonauffahrt des kühnen Luftschifferpaares Eapitäu Ferell und Miß Polly. Der gewaltige Luft­ballon wurde um 2 Uhr gefüllt und war um 6 Uhr zur Auffahrt bereit. Die Luftschiffer standen auf einem frei- schwebenden Trapez, das die Stelle der Gondel versah und behielten ihre halsbrecherische Stellung bis in ganz bedeutende Höhe bei, indem sie dem Publikum fortwährend mtt den Mützer, grüßend zuwinkten. Nach 7 Uhr landete das Luft­schiff auf freiem Felde bei Weiterstadt und von da auS fuhren seine Lenker wieder nach Darmstadt zurück. Abends fand dann in der Halle eine große patriotische Feier statt, die vielleicht des etwas eintönigen Programmes wegen nicht so zahlreich besucht war, wie die vorangegangenen Der- anstaltungen. Als erster Redner erschien Herr Profeffor Friedrich, der der heldenmüthigen Kämpfer der Kriegs- fahre gedachte. Er wies auch auf die Gestalt Kaiser Wil- tzclmS I. hin und ebenso auf die unseres entschlasenen Landes- Herrn Ludwig IV., der als Prinz die hessischen Truppen

das ist schlimm, schlimmer aber sür euch istS, daß sie oora Paris stehen.

9. September.

Der Zug der deutschen Heere nach Paris er­leidet nun wohl keine Verzögerung mehr- binnen wenigen Tagen werden ihre Vorposten von den Thürmen der Haupt­stadt Frankreichs erspäht werden können. General Trochu hats den Parisern bereit- verkündet, doch mit dem tröst­lichen Zusatz:Die Vertheidigung der Hauptstadt sei gesichert."

Die deutschen Soldaten müffen von den schrecklich schönen Reden und Warnungen der Dichter und Prosaiker in Paris gar nichts gehört haben, denn sie rennen in ihr Unglück mitten hinein. Man höre die Worte des Dichters Victor Hugo bei seiner Ankunft auS England in Paris:

Bürger! Ich habe gesagt, an dem Tage, wo die Re­publik wiederkehrt, kehre auch ich wieder. Da bin ich! (Bravo!) Zwei große Dinge rufen mich: Die Republik und die Gefahr. Ich komme, meine Pflicht zu thun. WaS ist meine Pflicht? ES ist die eurige, die Pflicht unser aller. Paris vertheidigen, Paris hüten, Paris retten, heißt mehr, als Frankreich retten, heißt die Welt retten. Paris ist das eigentliche Centrum der Menschheit. Paris ist die heilige Stadt. Wer Paris angreift, greift das ganze mensch­liche Geschlecht en mässe an. Paris ist die Hauptstadt der Civilisation, welche nicht ein Königreich ober Kaiserreich, son­dern die gesammte Menschheit in ihrer Vergangenheit und Zukunft ist. Und wißt ihr, warum es die Stadt der Etvili- sation ist? Weil es die Stadt der Revolution ist. Eine solche Stadt, ein solcher Lichtherd, ein solches Centrum der Geister, Herzen und Seelen, ein solches Hirn des universellen Gedankens sollte verletzt, gebrochen, im Sturme genommen werden durch eine Invasion Wilder? Das kann nicht sein, das wird nicht sein. Nie, nie, nie! CitoyenS! Paris wird triumphiren, denn eS repräsentirt die menschliche Idee!"

Auch an daS deutsche Volk hat Victor Hugo ein Manifest erlassen:

Das Kaiserreich ist tobt, ber Krieg muß aufhören, bie französische Republik hat ben Wahlspruch: Freiheit, Gleich­heit, Brüderlichkeit, unb reicht Deutschland die Bruderhand. Paris, die Stadt der Nationen, anzugreifen, ist ein Ver­brechen, welches daS deutsche Volk der Denker den Barbaren gleichftellen würde. Seine Asche ist ein Zukunstüsamen."

DaS Pariser Vertheidigungscomitc hat dem König von Preußen die Weisung zugehen laffen,binnen 48 Stunden daS Gebiet der Republik zu räumen." Wer lacht da? __

von Sieg zu Sieg geführt. Dem Vaterlande, für das in den Ruhmesjahrcn alle Kreise und Stände willig Gut und Blut ließen, widmete Herr Beigeordneter Köhler begeisterte Worte. Sein Toast fand jubelnde Ausnahme. Herr Reichs tagsabgeordneter Osann, ber nie fehlt, wo eine patriotische Feier veranstaltet wird, sprach auf bas deutsche Heer, ins­besondere die Thaten unserer hessischen Division dabei her­vorhebend. Noch lebe in der deutschen Armee ber alte Solbatengeift unb er biete bie sichersten Garantien für bie Zukunft. Der freiwilligen Krankenpflege im Kriege unb ihren Vertretern zollte Herr Felbpusch Worte ber Be rounberung unb beS Dankes und schließlich sprach noch Herr Redacteur Simon auf die deutschen Frauen und Jung­frauen, die sich in ben Jahren 1870/71 so opferungsfreubig gezeigt hätten. Zwischen ben einzelnen Trinksprüchen con- certirte bie Capelle der 115er unter Meister HilgeS Leitung und Vorträge ber vereinigten Darmstäbter Manner­gesangvereine boten erwünschte Abwechslung. Der Feier in ber Halle folgte bas große Feuerwerk braußen auf bem von Tausenben belebten Platze. Der eigentliche Sebantag würbe am Montag in allen Schulen burch entsprechenbe Feiern gegangen. Mittags war großes Concert auf bem Festplatze, wo roieberum zahllose Menschen versammelt waren. Die Festtage finb nun vorüber unb Darmstabt bekommt roieber seinen gewohnten Charakter.

Abseits von bem Festlärm öffneten fich bie Pforten unseres Musentempels am Sonntag. WebersEuiyanthe" würbe in neuer Jnscenirung als Eröffnungsvorstellung ge­geben. Wohl war baS erschienene Publikum nicht sehr zahl­reich, bie enorme Hitze unb baS Fest hielten viele vom Theaterbesuche ab, jedoch um so herzlicher erhob fich nach jedem Acte ber Beifall, ber bie in jeber Hinsicht ausgezeich­neten Leistungen unseres Orchesters unb ber Sänger lohnte. Die neugewonnene Fräulein Pewny fanb einen großen Erfolg unb begleichen ber neue Regisseur Herr Balbek,

Sitznng -er Stadtverordneten

am 6. September 1895.

Anwesenb: Herr Oberbürgermeister Gnautb, bie Herren Beigeorbneten Wolff unb Grüneberg, von Seiten ber Stabt- verorbneten bie Herren Abamt, Brück, EmmeliuS, Faber, Flett, Heß, Helfrich, Hornberger, Jugharbt, Löber, Orbig, Petri, Dr. Pioch, Dr. Schäfer, Schiele, Schmoll, Dr. Thaer, Vogt unb Wallenfels.

Nach Eröffnung ber Sitzung würbe bie Auslassung zurückzuzahlenber Obligationen ber Litra L. M. N. 0. P. des 1893er unb 1894er AnlehenS vorgenommen.

Betreffs beS Baues einer birecten Vollbahn von Siegen über Weidenau nach Haiger hat die Handels­kammer zu Siegen der Großh. Bürgermeisterei Gießen eine an den preußischen Eisenbahnminister zu richtende Petition zum Mitunterzeichnen unterbreitet. Durch die in der Petition erbetene Erbauung obenbezeichneter Strecke würde eine die Bahnstrecke Siegen Betzdorf Haiger bildende Ecke ab» geschnitten unb bie Länge betreiben um etwa 30 Kilometer ver­kürzt, woburch erhebliche Frachtersparniß erzielt würde, für Gießen unb Umgebung hauptsächlich für ben Bezug von Kohlen - setztere würde sich auf 7 Mk. per Waggon be­rechnen, wahrend für andere Güter 19 Mk. per Normal­waggon erspart würden. Herr Oberbürgermeister Gnauth erklärt, baß er unter ben gegebenen Verhältnissen keine Be­denken getragen, die Petition zu unterzeichnen, unb bie Ver­sammlung sprach ebenfalls ihre Zustimmung cmS.

Herr Beigeorbneter Grüne berg hat um Enthebung von ber Stelle als Vorsitzenber-Stellvertreter beim Gewerbegericht nachgesucht, worauf Herrn Beigeorb­neten Wolff bicses Amt übertragen wirb.

Die aus Anlaß bes Turnfestes nöthig geworbenen Holzabgaben aus der Hand, 119 Festmeter Bauholz unb 63 Festmeter Wellen, zum Preise von 745 Mk. 20 Pfg., werben genehmigt.

Das Bau- unb Platzcomitöe für bie Lanbwirth- schaftliche Ausstellung hat um Uebexlaffung bes Vieh­marktplatzes zur Ausstellung von Ca-ouffelS unb Schießbuben nachgesucht. DaS Gesuch wirb genehmigt.

Zur Ausführung ber Schreinerarbeiten aus Anlaß ber Neueinrichtung bes stäbtischen Archivs wurden 1100 Mk. bewilligt.

Die Beschlußfaffung über die Errichtung eines Be­dürf nißhöuSchenS bei ber JohanneSkirche wird ausgesetzt. Es soll noch geprüft werben, ob bie von ber Baubeputation vorgeschlagene zweistänbige Anlage entsprechend erweitert werden kann, ohne daß neue Bedenken wegen des

der für eine prachtvolle Jnscenirung gesorgt hatte. Auch die Dienstags > Vorstellung, KleistsPrinz von Homburg" brachte der Hofbühne große Ehren. Auch hier bewährten sich bie Regiekunst bes Herrn Valbek unb bie Darstellung ber Herren Viedeg unb Streibemann neben ben unserer früheren Kräfte auf bas beste. Der Mittwoch brachte ein Monstreconcert ber vereinigten Militärcapellen zum Besten beSJnvalidenbank" im Saalbau unb ben ersten Vereins- abend beS Richarb WagnervereinS, bas biesmal nur Werke eines einheimischen Compontsten, bes Musikbirectors Arnolb Menbelssohn, enthielt, bie mit Recht allgemeinen Beifall ernteten. Das Sommertheater hat sich mit einer gelungenen Vorstellung beSObersteiger" am Samstag oerabschiebet, um im nächsten Jahre wiederzukehren. Freilich daS richtige Wetter für Concerte unb Theater ist noch nicht gekommen, hatten wir doch in dieser Woche eine Temperatur von 32 Grab Celsius zu verzeichnen! In den Gärten unb auf ben Felbern sieht cs traurig aus, alle Pflanzen leiden unter ber enormen Hitze. Möge Jupiter Pluvius doch recht balb ein Einsehen haben.

Ein neues Unternehmen ist in ben letzten Tagen hier entstauben, eine Privatpost, die in großem Maßstabe an­gelegt ist. Schmucke Briefkästen finb in jeder Straße mehr­fach angebracht unb es soll auch, nachbem sich bie Brief- Beförberung bestens bewährt hat, eine Packet Beförberung aufgenommen werben. Der Localbriefbestellung durch bie Post ist in bem neuen Unternehmen eine ganz bebeutenbe Concurrenz entstanden. Die Ausstellung bes Kunstvereins in ber Kunfthalle am Rheinthor ist nun auch roieber bem allgemeinen Besuche zugänglich, sie enthält viel Schönes, neben manchem, daS nur DurchschnittSroerth beanspruchen kann. Auch bort beeinträchtigt bie Hitze ben Besuch, hoffentlich braucht unser nächster Brief bieseS MißstanbeS nicht zu gedenken.