Ausgabe 
8.3.1895 Erstes Blatt
 
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Nr. 57 Erstes Blatt.Freitag den 8. März

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Der tfrtefctner Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme dcS Montags.

Die Gießener

A«mirtenvtätter werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigrlcgt.

Gießener Anzeiger

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chratisbeikage: Gießener Jamilienßlätter

Amtlicher Theil

lich gewesen und erklärt eS in Widerspruch stehend mit den oft kürzlich kundgegebenen Grundsätzen des Präsidenten.

Präsident v. Levetzow erwidert dem Abg. Richter, daß er sich von ihm eine Kritik seiner Geschäftsordnung nicht gefallen lasse.

Abg. Richter äußert sich, das moralische Recht hierzu zu Haven.

Der Antrag Haffe wird sodann, ebenso wie der Antrag Hammer­stein-Manteuffel, letzterer mit 167 gegen 51 Stimmen, nach einer Reihe von peisönltchen Bemerkungen und Schlußworten der Antrag­steller ahgelchnt. .

Nächste Sitzung morgen 1 Ubr. Militär-Etat.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den lolgendcn Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.

Bekanntmachung,

betteffend: Ausbruch der Maul- und Klauenseuche zu Alten-Buseck.

Nachdem in den Stallungen des Ludwig Eberhard Seuling und des Ludwig Wagenbach zu Alten-Buseck die Maul- und Klauenseuche conftatirt und das Rindvieh des I. Berlin zu Großen-Buseck der Ansteckung verdächtig be­funden wurde, ist für die genannten Gehöfte bis auf Weiteres Stallsperre angeordnet worden.

Gießen, am 6. März 1895.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Alle Annoncen-Burcaux bc3 In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger- entgegen.

Deutscher Reichstag.

58. Sitzung. Mittwoch, den 6. März 1895.

Anträge, betr. die Einwanderung ausländischer Inden.

Abg. Hasse (Hosp. b. d. Natl.) begründet seinen Antrag. Er erklärt, er sei kein Antisemit, hätte jedoch gern gesehen, daß die Judenfrage auS wirtbschastlichen Gründen schon früher behandelt worden wäre. Den Einwanderern würde die Naturalisation zu leicht gemacht, während tm Ausland wohnende Deutsche schon nach zehnjähriger Abwesenheit ihre Retchsangehörigkett verlieren. Redner empfiehlt seinen Antrag, wodurch der Verlust der ReichsangehSrigkett, sowie andererseits die Erwerbung derselben durch Naturalisation erschwert werde. ,

Abg. Rickert (frf. Vg.) fuhrt aus, in diesem Zusammenhänge mit den beiden anderen Anträgen lehne er auch den Antrag Hasse ab, umsomehr, alS der Vorredner die Noihwendigkeit einer solchen Gesetzesnovelle nicht nachgewiesen habe. Die beiden anderen Anträge bewiesen, daß jetzt selbst der Bund der Landwtrthe nichts sei als eine antisemitische Organisation. Diese Anträge wären der erste Schritt zu einer gänzlichen Aufhebung der Juden - Emancivation. Gin Bedürfniß liege für solche Anträge nicht vor. Ein Ausländer könne auch jetzt schon ausgewiefen werden, wenn er sich lästig mache, andererseits hänge die Naturalisation bekanntlich vom Minister ab. Den russischen Händlern würden schon jetzt bezüglich der Naturali­sation die größten Schwierigkeiten gemacht. Im Uebrtgen sei der Rückgang der Juden statistisch nachgewtesen. Dieser Antrag wider­spräche den Grundsätzen, welche große deutsche Fürsten stets bestätigt hätten, der Humanität und der Ctvtlisatton.

Staatssicretär v. Bötticher antwortet dem Vorredner aus I eine diesbezügliche Frage, daß jeder Staat dotz Recht habe. Aus- | länder auszuweisen; es sei dies auch in dem Gesetze über den Er­werb und Verlust der Staats- und Retchsangebörtpkcit ausgesprochen. Das Verbot der Einwanderung im Sinne der Bundes- und Staats­angehörigkeit würde zulässig sein. Die Ausländer düriten unter denselben Gesetzen wie die Inländer Handel und Gewerbe bei uns betreiben. Die Ausländer könnten wir hiervon nicht ausschlteßen. Es sei aber keinem Staate in Deutschland verwehrt, Ausländer aus polizeilichen Gründen auszuwetsen. Von der Bundes- oder Retchs- angehörigkeit könnten Ausländer ausgeschlossen werden.

Abg. Lieber (Centr.) spricht sich gegen die Anträge aus und sp ciell aus den Hammerstein'schen eingehend erklärt er, bie Unter« sagung der Einwanderung lei offenbar vertragswidrig. Im Uebrtgen verweist Redner aus das bayerische Reservairecht; die Conseroa iven müßten also Bayern ousnehmen. Das Centrum sei gegen fibeS Ausnahmegesetz, folglich auch gegen die vorliegenden Anträge.

Abg. Hermes (frf. 93p.): Die vorliegenden Anträge seien ge­radezu beschämend, es sei bedauerlich, daß dieselben überhaupt zur Beratbung gelangten.

Abg. v. Langen (cons.) krittstrt unter andauernder Heiterkeit die Ausführungen der Gegner, kommt auf die Eigenschaften der Juden zu sprechen, die als Hosen verkaufende Jünglinge nach Deutschland kämen und alS Bankiers endeten.

Abg. Schmidt-Elberfeld u. Gen. (Soc.) stellen einen Antrag auf Uebergang zur Tagesordnung.

Derselbe wird befürwortet vom Abg. Richter (frf. 93p.), indem dieser erklärt, daß die Debatte langweilig werde und daß man schnell > zu Ende kommen müsse, um eine zweite Lesung zu vermeiden. Auch , berühre der Ton schr unangenehm, in welchem debatttrt würde.

Abg. Förster (Antts) tritt diesem Anträge entgegen. Redner bezeichnet die Ausführungen des Abg. Hermes in fo unparlamen­tarischer Weise, daß er hierfür vom Präsidmten zur Oidnung ge­rufen wird. Sodann erfolgt die Annahme des Antrages Schmidt, ein zweiter Antrag, welcher den Schluß der Debatte über die beiden anderen Anträge wünscht, wird jedoch abgelehnt.

Abg. Ahlwardt (Antis) erklärt, die Juden seien in der That Raubthtere. An dieser Thatsache sei nicht zu rütteln, er erwarte mit Sicherheit, daß man mit der Zett zu dieser Ansicht kommen werde. Seit 800 Jahren seien die Jud<n in Deutschland; gleichwohl hätten sie sich niemals auf den Culturboden der Arbeit gestellt. Wenn der Abg. Rickert sage, wir brauchten uns nicht vor den paar Juden zu fürchten, so antworte ich ihm, daß er einem einzigen Cholerabacillus sicher auS dem Wege geben würde. Wie viele tausende fleißiger Deutschen mögen sich erhängt, erschossen, ersäuft haben, ehe die Hunderte von Millionen zusammengebracht waren, welche sich jetzt in den Händen jüdischer Bankiers befinden. r _

Abg. Richter (frf. 23p ) rügt den Ton, den der Abg. Ahlwardt in Verfolg feiner Ausführungen benutzte, bedauert, daß die- mög-

Detttsche» Reich.

Berlin, 5. März. DerPost" zufolge normtrt der Spiritusgesetzentwurf eine 5jährigeCnntingen- tirungSperiode statt der dreijährigen. Eine Einschränkung der Ueberproduction soll durch Beschränkung ganz großer Eiuzelcontingente in besonderen Fällen, namentlich bet Steuer­veranlagung, und durch Erhebung einer nicht erstattbaren, nach oben progressiv steigenden Betriebssteuer, sowie dadurch erreicht werden, daß die Maischbottichsteuer nur noch in land« wirthschastlichen Brennereien und nicht mehr in denen er« hoben werden soll, die Melaffe, Rüben und Rübensaft ver­arbeiten. Hauptzweck des Gesetzes sei die Stärkung der mittleren und kleineren Kartoffelbrennereien als landwtrth« schaftliche Nebengewerbe, namentlich auch gegenüber der russischen und österreichischen Concurrenz. Diesem sollen auch erhöhte Ausfuhrvergütungen mittels eines aus den Betricbs- steuern gebildeten Fonds dienen. Die Gesammtheit der Steuerzahler werde somit nicht besonders belastet. Die Differenz zwischen dem 50- und 70-Mk.«Spiritus bleibe unberührt. ____________________

Neueste Nachrichten.

Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Berlin, 6. März. Auf daS Huldigungs-Tele­gramm des BiSmarck-CommerseS der Hochschule an den Kaiser ging eine Antwort deS CivilcabinetS ein, worin es heißt, der Kaiser habe sich über den schönen, würdigen Ver­lauf der Feier, die von der begeisterten Dankbarkeit und der warmen Pietät der akademischen Jugend gegen den großen Kanzler ein glänzendes Zeugniß ablegte, herzlich gefreut.

Feuilleton.

c. b. Etwas vom Winter in Japan und einer Schlittenreise.

(Fortsetzung.)

Ich dachte, wir könnten in dem von Nodzokt 14 Kilo­meter entfernten Kana Yama, wo ich von früheren Reisen ein sehr gutes TheehauS kannte, nächtigen, allein daS Wetter wurde immer toller, der Weg immer mühsamer, die Leute immer erschöpfter. Endlich gegen halb 6 Uhr erklärten die Leute, es ginge nicht mehr, Kana-Yama sei nicht mehr zu erreichen, wir müßten hier, in Nakata, bleiben.Hier, in Nakata? Ich sehe nichts, wie Schnee, kein HauS oder sonstiges Obdach!"Doch, das Haus liegt hier, gerade wo wir stehen!"" Ich sah mich verwundert um und hatte meinen sonst so nüchternen Koch im Verdacht, daß er über den Punsch gerathen sei und wollte ihm gerade antworten, er träume wohl, als mein Auge durch einen matten Licht­schein vor meinen Füßen angezogen wurde und ich nun auch ein Loch tm Schnee entdeckte. Nach und nach gewöhnte sich mein Auge an die Dämmerung und ich gewahrte Stufen, die in dem Loche nach abwärts führten, und hatte damit die Lösung des RäthselS. Das Haus war völlig verschneit, die sanfte Erhöhung im Schnee, welche das darunter liegende Dach andeutete, konnte ich bet der mangelhaften Beleuchtung nicht sehen und die^tusen hoben sich nicht deutlich von ihrer Umgebung ab. Also nun da hinunter! Nakata wird nur in den dringendsten ^othfällen als Nachtquartier gewählt, viel ließ sich da nicht -erwarten.

Der Empfangs war kein freundlicher, denn auf daS Ein­fällen von 29 Menschen waren die Leute nicht gefaßt, ja, sie schienen mir slberhaupt nicht auf Beherbergen von Gästen eingerichtet zu senn. Während sonst der Wirth seine Gäste begrüßt, indem Ir sich auf die Kniee fallen läßt, wenn er nicht etwa vorher) schon kniete, die Hände flach auf den Boden legt, in eigentümlicher Art die Luft einzieht und mit der Stirn den Bochen berührt, blieb der, deffen Gastfreundschaft wir in Anspru/ch nehmen wollten, aufrecht stehen, zog seine Hände ganz IrA die weiten Aermel seines Kleides zurück und fragte nach »Imserem Begehr. Der Koch und der Dollmetscher unterhandelten mit ihm und schienen ihn bald zu beruhigen, denn er lud * unS mit »0 hairi naaai*, d. h. bitte einzu-

treten, ein, brachte unS Thee und den Hibachi zum Anzünden unserer Psetfen, oder Cigarren, wie dies bei dem Eintritt in ein japanisches Haus, sei es Theehaus, Kaufladen oder PrivathauS, Sitte ist- wir gaben unser 0 cha dai, d. h. daS Trinkgeld, welches man in Japan bet dem Betreten, nicht wie in Europa bet dem Verlaffen des Hauses gibt, und damit wurde die gegenseitige Zufriedenheit mit der Lage an­erkannt.

Ich habe bei keiner Reise im Reiche der ausgehenden Sonne in einem ärmlicheren Hause gewohnt, wie dies Thee­haus war,- es war eigentlich nur ein Dach auf vier Wänden, eine Decke hatte keine der durch Papierwände hergestellten Abtheilungen, die man euphemistisch Zimmer nennen konnte, das Dach bildete den gemeinsamen Plafond, um deutsch zu reden. Ich schlief in dem einzigen zimmerähnlichen Raum, der Koch und der Dollmetscher hinter einem Windschirm (bio-fu), wie man deren in eleganterer Ausführung oft genug in Deutschland sieht, und die Ninsoku waren z. Th. tm Thee- HauS, z. Th. in anderen Hausern untergebracht. Der Wirth hatte noch nicht einmal Holzkohlen für den Feuerkasten und mußten wir, um unS zu erwärmen, an einem offenen Holz­feuer fitzen, welches in eigens dazu hergestellten, ausge­stampften Vertiefungen brannte, aber, weil daS Holz feucht war, einen unausstehlichen Rauch entwickelte. Sonst fand ich doch in jedem DorfwirthShaus irgend etwas vor, was ich essen konnte, Fisch, ein Huhn, Eier u. s. w., hier aber gab eS nichts und ich war mit Koch und Dollmetscher ledig­lich auf den mitgenommenen Vorrath angewiesen. Die Leute aßen Reis, daS einzige Nahrungsmittel, was zu haben war. Niemand hatte Lust, in diesem traurigen Theehaus länger zu bleiben, als irgend nöthig, und so fuhren wir mit Tages- anbruch weiter und erreichten trotz erheblicher Schwierigkeiten, die unS im spur- und wegelosen Schnee entgegenstanden, Kana-Yama um halb 10 Uhr. Ich glaube, die Eile der Ninsoku war auf Hunger zurückzuführen, denn sie waren wohl in Nakata auf halbe Rationen gesetzt. Ich glaube dies umsomehr, als die Leute nicht vor 12 Uhr aus dem Hause zu bringen waren und während deS Aufenthalts btständig kauend angetroffen wurden, wenn man nach ihnen sah. Um 6 Uhr waren wir endlich in Shtnjo, einer alten Damio- residenz von ca. 5000 Einwohnern, und am anderen Tag, den 28. Januar, in Obanasawa. Dieser Ort ist in ganz Japan wegen seiner Windwehen und Schneetreiben berüchtigt und ich kann in der That bestätigen, daß ich dort eine un­

geheure Maffe Schnee fand. Ich konnte aus dem zweitcn Stock des Hauses, wenn ich im Zimmer stand, bet dem Geradeaussehen die Füße der Vorübergehenden sehen. Einen Maßstab für die Verlangsamung der Reise hat man in der Thatsache, daß im Sommer bei gutem Wetter und Weg Obanasawa das erste Nachtquartier für mich war- dieses Mal erreichte ich es erst am vierten Tage nach meiner Abreise.

(Fortsetzung folgt.)

Marie Hillebrand.

Der Verlag der I. Ricker'schen Buchhandlung kündigt soeben daS Erscheinen eines Buches an, daS trotz der Be­schränkung seines Stoffes baß Interesse weiterer Kreise er­regen wird: Marie Hillebrand (18211894), ihr Leden und erziehliches Wirken. Von Jean Roland. Nebst Ortginalbriesen von Marie Hillebrand als Anhang. Gießen 1895. X -j- 85 Seiten 8 o. Preis gebunden Mk. 2,60.

Der Verfaffer, ein Franzose, beschreibt hier daS Leben und Wirken einer hochbegabten Frau, der er 30 Jahre als College und Freund zur Seite gestanden hat. Wer war diese Frau und verlohnt es sich, ihr Leben zum Gegenstand eines Buches zu machen? Das Buch selbst soll unS Ant­wort auf diese Fragen geben. Marte Hillebrand wurde am 2. Februar 1821 alS Tochter deS damaligen Profeffors der Philosophie Dr. Joseph Hillebrand zu Heidelberg geboren. Ihr um 8 Jahre jüngerer Bruder Karl ist der zu großer Berühmtheit gelangte geniale Schriftsteller, den Bamberger den ersten deutschen Effayisten nennt. Ihm stand Marie unter allen Geschwistern an geistiger Bedeutung am nächsten.

Vom Vater hatte sietrnfteß geistiges Streben und Tiefe des Denkens", von der Mutter den Reizeines liebe­vollen, selbstlosen, anmuthSvollen Wesens". Auf die Ent­faltung so herrlicher Gaben mußte naturgemäß die hohe getstige Atmosphäre des Kreises, zu dem das HauS ihres Vaters gehörte, die günstigste Wirkung ausüben. Joseph Hillebrand war 1822 nach Gießen gegangen, zu einer Zeit, die unserer Hochschule Blüthezeit war. Männer wie Credner, Marezoll, Dernburg, Balser, Liebig. Heyer, VullerS, der jüngst verstorbene Carriöre, Carl Vogt u. a. lebten und wirkten In den Jahren 1825 50 tm kleinen Gieße« und die Schaar geistig regsamer junger Leute, die durch