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6.10.1895 Erstes Blatt
 
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Nr. 235 Erstes Blatt. Sonntag den 6. October

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Die Gießener

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Siebener Anzeiger

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Gießen, den 5. October 1895.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

I. V.: v. Bechtold, Regierungs-Assessor.

Neueste Nuchrrchten.

Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Berlin, 4. October. DieNationalztg." schreibt: Der Geschäftsbericht der Deutschen Colontalgesellschaft für Südwestafrika ist beendet. Das Rechnungsjahr stellt eine Wendung zum Besseren fest durch Herstellung fried­licher Berhältniffe. Eine angemeffene Entschädigung für die durch die Zerstörung KububS eingetretenen Verluste ist Seitens der Regierung in Aussicht gestellt. Der Verkehr in der Lüderitz-Bucht hat sich nicht unbedeutend vermehrt. Don dem Grund und Boden in der Nähe der Swakob-Mündung ist Mehreres verkauft und verpachtet worden- der Verkauf von Cacaofeldern ist zum Vollzug gebracht worden. Das Rechnungsjahr 1894/95 schließt mit einem Gewinn von 10886 Mk. ab, wodurch der Fehlbetrag auf 272759 Mk. verringert wird.

Hannover, 4. October. Gelegentlich der Tagung des Vorstandes des Central-Ausschusses für Jugend- und Volksspiele in Deutschland wurde gestern Abend eine Versammlung abgehalten. Abgeordneter v. Schencken- dorff, der Vorsitzende des Central-AuSschuffes, legte die Ziele der Arbeiten des AuSschuffes dar. Dr. Schmidt-Bonn sprach im Namen der deutschen Turnerschaft für die Spiel-Bewegung. Oberpräfident v. Bennigsen gab in längerer Rede seine An­sicht über die hohe Bedeutung der Spiel-Bewegung für die nationale Erziehung kund. Turninspcctor Hermann-Braun­schweig machte Mittheilungen über die bisherige Entwickelung der Spiele für das weibliche Geschlecht, Profeffor Koch- Braunschweig über Wettspiele.

Braunschweig, 4. October. Der aus Veranlassung der Handelskammer Braunschweig Hierselbst zusammengetretene Fortbildungsschul-Songreß ist aus allen Thetlen Deutschlands zahlreich beschickt. Vorsitzende sind die HandelS- kammerprastdenten Juedel und Schoch und der Vorsteher der Magdeburger Kaufmannschaft, Pilet. Zwanzig Handels­kammern und alle bedeutenderen kaufmännischen Fortbildungs­schulen find vertreten. Der Wirkt. Geheime Rath Hartwieg auS dem Braunschweigischen Ministerium begrüßte den Con- greß. Auch die sächsische Regierung hat einen Vertreter entsandt.

München, 4. October. Landtag. Bei der heute fort­gesetzten DiScusfion über die Interpellation Dr. SchaedlerS betreffend die Vorgänge in Fuchsmühl sprachen nach- einander der Vorsitzende deS Mtntsterraths Frhr. v. Crailsheim and die Minister Frhr. v. Feilitzsch, Dr. Frhr. v. Riedel, Frhr. v. Asch und Frhr. v. Leonrod. Der Minister Frhr. v. Crailsheim erklärte, man könne daS Ministerium schwerlich für Handlungen untergebener Organe, von denen es nicht rechtzeitig benachrichtigt worden sei, verantwortlich machen. Wir leben in einem Rechtsstaate, in dem die Selbsthilfe verboten und der Schutz deS PrivateigenthumS die erste Pflicht der Behörden Ift." Der BezirkSamtmann habe pflicht- gemäß gehandelt. Wenn ein Abgeordneter aus der Der- Mittelung deS Regierungs-Präsidenten im Falle Stern eine Parteilichkeit der Regierung folgere, so beweise gerade der ruf daS Gutachten des Ministerrathes erfolgte abschlägige Bescheid deS Gnadengesuches die Unparteilichkeit der Regierung. Die Frage der Revision der bestehenden Gesetze, damit auch deS ForstgesetzeS, bedürfe einer ernstlichen, ruhigen Prüfung, welche in Gemeinschaft mit der Kammer vorzunehmen, die Regierung getn bereit sei. Minister v. Feilitzsch wies darauf hin, daß der Bezirksamtmann bis zum letzten Augenblick sein Möglichstes zur Erhaltung des Friedens gethan habe. Die Hauptschuld an den unglücklichen Ereignissen bleibe der Seitens der Fuchsmühler geleistete Widerstand. Finanzminister Frhr. v. Riedel bezeichnet eine Abänderung der Lehensgesetze unter der Regentschaft nach der Verfaffung als unmöglich. Dagegen «erde eine Reform der Bestimmungen über die Ablösung von Naturalleistungen ernstlich erwogen.

Depeschen deS Bureau .Herold".

Berlin, 4. October. Reichskanzler FürstHohenlohe, welcher bekanntlich heute in Stuttgart weilt, hat, wie ver­

lautet, feine Reisedispositionen geändert, so daß derselbe früher nach der Reichshauptstadt zurückkehren wird, als ursprünglich beabsichtigt war. Ferner wird sich der Fürst auf seinem Stammschloß Schillingsfürst bei Rottenburg an der Tauber voraussichtlich nur ein bis zwei.Tage aufhalten, um Anfang nächster Woche nach Berlin zurückzukehren. Die Jagden, welche Fürst Hohenlohe auf Schillingsfürster Terrain abzuhalten gedachte, find aufgegeben worden.

Berlin, 4. October. Die internationalen Verhandlungen über eine gleichmäßige Herabsetzung und spätere Abschaffung der Zucker-Ausfuhr-Prämien dauern dem Vernehmen derRat. Ztg." nach zwischen den Ländern, welche solche Prämien zahlen, fort und die Hoffnung, zu einem befriedigenden Resultate zu gelangen, wird um so weniger aufgegeben, als die beteiligten Staaten, insbesondere auch Frankreich, in ihrer Finanzlage ein Interesse daran haben, auf die Beseitigung dieser Prämien hinzuarbeiten. ES wurde zunächst zwischen Deutschland und Oesterreich- Ungarn eine Verständigung angebahnt. Alsdann hat daS Wiener Cabinet die Fortsührung der Verhandlungen mit der französischen Regierung übernommen, die nicht aussichtslos erscheinen.

München, 4. October. Oberstkämmerer Frhr. v. Malsen ist gestern gestorben.

München, 4. October. Anläßlich deS Sieges der Wiener Antisemiten veranstaltete gestern die hiesige antisemitische Volkspartei im großen Keller'schen Garten eine Familien-Unterhaltung, bei welcher Reichstagsabgeordneter Ahlwardt die Festrede hielt. Er ermahnte in derselben zur Einheit und verglich den Sieg der Wiener Antisemiten mit jenem auf dem Schlachtfelde von Sedan. Gleichzeitig gab er auch der Befürchtung Ausdruck, daß infolge dieses anti­semitischen Sieges in Wien zahlreiche Juden Oesterreich ver­lassen und sich nach Bayern, speciell nach München, wenden würden. Mit Musik« und Gesangsvorträgen schloß die Feier.

Wien, 4. October. Sämmtliche Blätter legen den blutigen Ereignissen in Konstantinop el ernste Bedeutung bei und bezeichnen eS als die Pflicht aller Mächte, bei der Pforte auf rasche Durchführung der Reformen zu dringen, da sonst die religiösen Gegensätze im Orient zu schweren Complicationen und einem furchtbaren Ausbruch des muhamedanischen Fanatismus führen müßten.

Lemberg, 4. October. Der bekannte Agitator und Herausgeber des VolkSblatteSWience Paloki", Pater StojajowSki, richtete an den Papst die Bitte, ihm den päpstlichen Segen zu dem Kampfe gegen die große lieber» macht, die sich der katholischen Kirche entgegenstelle, zu ver­leihen. Hierauf sandte Cardinal Rampolla ein Telegramm an StojajowSki, in welchem demselben mitgetheilt wird, daß der Papst über die Bitte deS Paters tief gerührt sei und ihm gern seinen Segen ertheile. In parlamentarischen Kreisen macht die Antwort des Papstes großes Aussehen, weil Pater StojajowSki vom ungarischen EpiScopat mehr­mals in Acht und Bann gethan worden war. Ferner hatte man die Bevölkerung oftmals vor dem Lesen seines Blattes gewarnt, weil daS EpiScopat der Ansicht war, daß dasselbe religionsfeindliche Tendenzen verfolge.

Graz, 4. October. In den Alpen ift rapider Wetter­sturz eingetreten. BiS in die Thäler herab find die Berge mit Schnee bedeckt.

Paris, 4. October. AuS Carmaux wird gemeldet, daß man einen Angriff der Ausständigen auf die­jenigen Glashütten befürchtet, wo die Arbeit wieder aus­genommen wurde. Vom 15. October ab soll die Fabrikation wieder vollständig ausgenommen werden.

Paris, 4. October. Während deS gestrigen Tages haben sich mehr als 10,000 Personen nach dem Institut Pasteur begeben. Die Polizei hielt die Ordnung mit großer Mühe aufrecht.

Konstantinopel, 4. October. Die Aufregung bleibt fort­gesetzt eine sehr große. Neuerdings kam es wiederum zu blutigen Zusammenstößen. Strenge Censur wird geübt, weßhalb der Nachrichtendienst sehr erschwert ist.

WB. Amsterdam, 5. October. Gestern Abend durch­zogen mehrere tausend Personen, darunter ausständige Cigarren- und Diamantardeiter, die Stadt. Es fand ein Zusammenstoß mit der Polizei statt. Die Menge warf mit Steinen, die Polizei griff mehrmals mit blanker Waffe ein, einige Manifestanten und ein Polizeibeamter wurden verwundet, drei Verhaftungen vorgenommen. Um Mitternacht war die Ruhe wieder hergestellt.

Schwurgericht.

W. Gießen, den 4. Oktober 1895.

In der Sache gegen Conrad Heidelbach von Angenrod lautete der Wahrspruch der Geschworenen auf schuldig, doch wurden dem Angeklagten auf Antrag der Ver- theidigung mildernde Umstände bewilligt. DaS Unheil deS Gerichtshofes lautete auf 4 Jahre Gesängniß und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von 5 Jahren.

W. Gießen, den 5. October 1895.

Heute wird in die Verhandlung gegen den im Jahre 1877 geborenen Kaufmannslehrling Nathan Borngeffer und den im Jahre 1869 geborenen Knecht Heinrich Malkmuß, beide zuletzt in Gießen wohnhaft, eingetreten. Die Anklage­behörde wird heute vom Staatsanwalt Koch vertreten. Die Vertheidigung führt für Borngeffer Rechtsanwalt Ro send er g, die für Malkmuß Rechtsanwalt Katz. ES dreht sich um den Zusammenstoß eines Omnibus mit einem beladenen Fuhrwerk der Firma Gebr. Rosenberg, welcher am 22. Februar d. I. auf der Bahnhofstraße in der Nähe der Wieseckbrücke erfolgte. Der Führer deS Rosen- baum'schen Geführtes, der Kutscher Martin, erhielt hierauf ein Strafmandat in Höhe von 3 Mk., wogegen derselbe Einspruch erhob. Vor dem Schöffengericht Gießen, bei dem die Sache darauf zur Verhandlung kam, wurden drei Zeugen vernommen, worauf die Verwerfung des Einspruchs erfolgte und die Berurtheilung des Kutscher Martin zu vierzehn Tagen Haft erfolgte.

Nun kam diese Sache in zweiter Instanz an die Straf­kammer und hier haben die beiden heutigen Angeklagten be­schworen, daß der Führer des Rosenbaum'schen Wagens ge­nügend ausgewichen sei. Diese Bekundung stand im Gegen­satz zu drei anderen Zeugen, worauf die Verhaftung der beiden Angeklagten damals vor der Strafkammer erfolgte, weil sie sich dringend verdächtig gemacht haben sollten, einen Meineid geleistet zu haben. Der Angeklagte Borngeffer bleibt auch heute dabei, seine vor der Straskammer abgegebene Erklärung sei richtig. DaS Rofenbaum'sche Fuhrwerk, welche- er begleitet hat und auf dem 70 Ctr. Weizen sich befanden, sei genügend nach links auSgewichen, während der Omnibus nicht ausgewichen sei. Der Vorderwagen deS Omnibus collidirte mit dem Rosenbaum'schen Hinterwagen.

Der Angeklagte erklärt, er habe mit dem Fuhrwerk der Gebr. Rosenbaum nichts zu thun gehabt, er sei im Hause dort nur Handlungslehrling. Der Angeklagte Malkmuß gibt dieselbe Erklärung ab und versichert auf das Bestimmteste, der Omnibus sei, ohne auszuweichen, scharf in Mitte der Fahrbahn auf das Rosenbaum'fche Fuhrwerk zugefahren. Auch Malkmuß erklärte vor der Strafkammer, die Wahrheit beschworen zu haben. Es folgte die Verlesung des Augen- scheinprotocolls und deS Sitzungsproiocolls der Verhandlung vor der Strafkammer vom 16. Juli, ebenso das Unheil, welches die 14 Tage Hast gegen den Kutscher Martin be­stätigte. Voraussichtlich wird die Verhandlung sich bis spät Abends hinziehen.

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Gießen, den 5. October 1895.

** Schenkungen. Ihre Durchlaucht weiland die Prin­zessin Julie von Battenberg hat lautD. Ztg." nachstehende Anstalten rc. mit letztwilligen Schenkungen bedacht: Elisabethenstist 1000 Mk., Alice-Hospital 1000 Mk., Barmherzige Schwesternhaus 1000 Mk., Mathilden-Land* krankenhaus 1000 Mk., Verein hessischer Lehrerinnen zur Errichtung eines HeimS 1000 Mk., Frauen-Verein deS Gustav-Adolf-Vereins 600 Mk., Heidenreich v. Siebold- Stiftung 600 Mk., Armen der Stadt Darmstadt 800 Mk., Armen- und Kleinkinderfchule zu Jugenheim 600 Mk., Rettungshaus zu Hühnlein 400 Mk.

* Uebettragen wurde am 25. September dem Lehrer an der Volksschule in Schneppenhausen Georg Keller die Stelle eines Anstaltslehrers an dem Landeszuchthaus Marien- schloß unter Belassung in feiner Eigenschaft als Volksschullehrer.

* Revision bet Schulbücher. Die Schulbehörden lassen, wie Darmstädter Blätter melden, gegenwärtig genauere Er­hebungen über die Verbreitung der in den Volksschulen zum Gebrauche zugelassenen Bücher vollziehen. Die geforderte Ueberficht erstreckt fich auf alle amtlich eingeführten Lehr-, Lern- und UebungSbücher. Atlanten, Liederhefte und Fibeln. Die Ermittelungen beziehen sich ferner auch auf die durch­schnittlichen Kosten, welche für die Bücher eines Schülers aufgewendet werden müssen. Diese Statistik bietet auch wirthschaftliches Interesse, weshalb die Behörden bei den