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6.10.1895 Drittes Blatt
 
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Nr. 235 Drittes Blatt. Sonntag den 6. Oktober

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Gießener Anzeiger

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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

Deutscher Reich.

Berlin, 3. Octobcr. Die Meldereiter-Detache- mcntS find vom 1. October ab etatsmäßig geworden. Ueber die Ausbildung der Meldereiter wird mitgetheilt, daß fie den Winter über bis zur Kandarenbestchtigung gemeinsam mit den anderen Mannschaften deS Cavallerieregiments, dem ihr Detachement angegliedert ist, ausgebildet werden sollen, daß dann aber ihre Specialausbildung im Einzelreiten im Gelände, im Kartenlesen, Abfafiung von Meldungen, Be­obachten mit dem Fernglas, Entfernungsschätzen u. s. w. be­ginnt , während alle Exercierbewegungen im geschloffenen Trupp, alle Reitübungen in aufmarschirten Zügen oder in geschloffener EScadron, ebenso wie die Ausbildung mit der Lanze, für fie in Fortfall kommen. Die Hauptaufgabe der Meldereiter soll sein, der Infanterie, mit deren Verhält­nissen sie genau vertraut sein müffen, die Handhabe zu bieten, sich jeder Zeit in Bezug auf Sicherung und Aufklärung zur Noth selber helfen zu können.

Der Krieg von 1870|71,

geschildert durch Ausschnitte autz ZeitungS-Nummern jener Zeit.

(Nachdruck verboten.)

6. Oktober.

Vor den preußischen Ulanen haben die Franzosen in den kleinen Städten und auf dem Lande einen Heidenrespect. Diesen benutzten vier deutsche Jndustrieritter, um in Ulanen­uniform auf eigene Faust Geschäfte zu machen. Sie ritten immer 6 bis 8 Stunden dem Heere des sächsischen Kron­prinzen voraus, um Requifitionen von Geld auszuschreiben und beizutreiben. Als sie endlich in dem Städtchen Laingre- oille erwischt wurden, hatten sie eine Baarkaffe von 170 000 FrcS. bei sich. Der Führer der falschen Ulanen war ein französischer Sprachlehrer aus Stolberg.

Die französische Armee, und man muß auch dem Feinde volle Gerechtigkeit widerfahren laffen, kämpft vor­trefflich und verdient auch als Gegner die vollste Achtung. Die französischen Soldaten fechten ebenso gewandt als muthig, laffen sich häufig lieber tödten, als daß fie weichen, und ihre Regimenter bilden ganz andere und ungleich gefährlichere Gegner, als dies bei den Oesterreichern einzelne Aus­nahmen natürlich abgerechnet 1866 der Fall war, dahec denn auch unsere Verluste jetzt stets regelmäßig das Doppelte, ja oft das Dreifache und selbst das Vierfache betragen, als solches damals vorgekommen. Aber unsere Führung, die stets die Truppen an der richtigen Stelle zu concentrircn I

Feuilleton.

Ftktls.

Skizze von V. Buchwald.

(Schluß.)

Was für baroke Gedanken, Stella," flüstert er leiden- ichaftlich.Denken Sie doch nicht an den Buben, sondern an uns unsere Zukunft . . ." ein heißer.Blick aus feinen Lugen legt fich trunken um ihre entzückende Gestalt.

So, meinen Sie"

Ihr Ton klingt seltsam hart, dabei legt es fich in ihre Lugen wie Stahl. Ihre Blicke schneiden förmlich. Sie fieht aber gar nicht den Mann vor ihr, sondern nur fich fich selbst auf einem schwindelhohen, gefahrvollen Wege und dort - dort unter feen duftigen, weißen BlÜthen das Kind len Frieden das Gebot!

Es ist ihr mit einem Male, als fei. es erst jetzt Tag um sie geworden, lachender, blüthenberauschter, duft- lruakener Maientag.

Zürnen Sie mir?" fragt er schmeichelnd.

Nein," entgegnet sie schnell,nein, durchaus nicht."

Aber Sie waren eben nicht bei mir mit Ihrem Fühlen?" fragte er schmollend, forschend.

Nein, weit fort," sagte fie aufathmend, wie aus einem Zraume erwachend,weit, sehr weit."

Er fühlt fich verletzt, gekränkt durch ihre seltsame Art und ihre Worte. Dabei befällt ihn die quälende Furcht, daß seine Gewalt über fie geschwunden sei und seine leidenschaft' liche Anbetung an Werth für fie verloren habe. Und er harte fich ihrer so sicher gefühlt wie noch nie eines WeibeS! «arr, der er gewesen I Auf ein Weib bauen, hieß fich selbst betrügen, quoll es bitter in ihm auf. Ein ironisches LLcheln schürzte seine Lippen, waS ist beständig in diesem arbenlebtn?

weiß, ist so vorzüglich und der Wille unserer Soldaten, aus diesem uns durch den Urbermuth der französischen Nation gewaltsam aufgedrungenen Kriege unter allen Umständen als Sieger hervorzugehen, ein so unbeugsamer, daß den Franzosen alle ihre vortrefflichen Stellungen, ihre Mitrailleusen, ihre vorzüglichen Chaffepotgewehre und der Muth ihrer Offiziere und Soldaten nichts helfen und fie immer und immer wieder als vollständig Besiegte die blutigen Schlacht­felder räumen müffen. Ihre Waffenehre hat die französische Armee fich stets im vollsten Umfange gewahrt, einen anderen Erfolg aber vermochte sie noch niemals fich zu erringen.

(Jul. Wickede inKriegSfahrten.")

König Wilhelm hat gestern fein Hauptquartier nach Versailles verlegt; man hält dies für ein Anzeichen, daß die Beschießung von Paris nahe bevorsteht. Wir würden uns ganz außerordentlich wundern, wenn fich Paris noch länger als drei Wochen hielte. ES fällt mit Ende October, wenn nicht ein Wunder geschieht. Im Nordosten vor Paris wird tüchtig gearbeitet, man gräbt den Canal ab, welcher von der Marne Wasser nach dem Stadttheile La Billette führt.

7. Oktober.

Wer die furchtbar zerfchoffene Straßburger Citadelle sehen will, muß 1 Thaler zum Besten der Armen und Obdachlosen Straßburgs zahlen. Diese Thaler haben schon 40 000 FrcS. eingebracht.

Da die Franzosen mit Pulver, Blei und Eisen, den ge­wohnten Waffen civilisirter Völker, so entsetzlich schlecht ge­fahren sind, so werden sie, wie schon bekannt, mit Petro­leum versuchen. Statt die Finsterniß der Straßen in Paris, denen das Gaslicht bekanntlich entzogen ist, mit Hülfe dieses nützlichen Beleuchtungsmittels zu erhellen, fabriciren sie zwei-, vier- und sech^psündige Petroleumgeschoffe, denen fie den an­genehmen NamenSatanSraketen" gegeben haben, und dies schauerliche Instrument, deffen Name schon die Herzen der deutschen Krieger erzittern läßt, wird in einer Mädchenschule hergestellt.Ein Feuermeer wird auf die preußischen Mafien fallen, alles verbrennend, die Patronen und die Patron­taschen der Soldaten entzündend und die Munition der Ar­tillerie in Brand steckend; ihre Auflösung wird vollständig sein. (Nordd. Allg. Ztg.)

Unter dem 17. September hat Victor Hugo einen Brief an einen Herrn Tupper in Guernsey gerichtet und schreibt:

Wir durchschreiten eine schreckliche Stunde. Ich habe heute einen Ausruf an die Deutschen und einen Ausruf an

Sie sah sein Lächeln und eS demüthigte sie. Dann richtete sie sich höher auf, er sollte sie noch kennen lernen.

Um weniges später fitzt sie in ihrer Villa, vor ihr auf dem Tisch steht ein Bild, auf dem unverwandt ihre Augen haften, ihre, sehnsüchtigen, tiefen', warmen Blicke. DaS Bild stellt einen kleinen Buben dar blond, blauäugig, mit Grübchen in den Wangen, die kleine Faust versenkt in ein Bärenfell.

Wenn noch nicht zu spät wäre? Sie athmet hastig, unruhevoll. Wenn eine Verirrung nicht mehr aber es war ja nichts vorgefallen. Nichts, das ihre Ehre, die ihres Gemahls antastete, nicht einmal ein Wort außer dem heut Morgen. Aber das war im Grunde bedeutungslos. Schlimmer stand es um daS Verhältniß zu ihrem Gatten. Kalt, bleischwer waren die neun Jahre verflossen. Doch nein, nicht ganze neun Jahre. Einige Tage, Wochen, fehlten zu dem Zeitraum der Kälte Tage voll heißer, glühender Leidenschaft fie erinnerte fich jetzt deutlich Tage seligen Glücks da jener Knabe fie fühlte, wie ihr Gluth vom Herzen ins Antlitz stieg und Thräneck ihre Augen feuchteten.

Gewiß, Egon hatte fie von feinem geistigen Leben auS- geschloffen, aber trug nicht fie Mitschuld? Sie hatten fich, im Grunde genommen, wenig gekannt ihre gegenseitige Schönheit sie einander in die Arme geführt. Er hatte in ihr ein Kind vermuthet, das sie von Jahren auch fast noch war. Wn ihr war, ihm zu beweisen, daß sie ihm geistig ebenbürtig war, ihn mit sanfter Milde an fich heranzuziehen. Dagegen hatte fie fich eisig von ihm zurückgezogen, ihm den Weg versperrt.

Auch jetzt! Er hatte nachkommen, vielleicht in der Stille den Weg zu ihr zurückfindeu wollen, und sie . . .

Sie schlug die Hände vor ihr thränenüberströmtes

die Franzosen veröffentlicht. Ich rufe ganz Frankreich zum Kampfe auf. Ein unermeßliches Echo hat geantwortet. Ich hoffe, es wird furchtbar fein! Wenn Frankreich will, kann es Preußen auf die andere Seite des Rheines zurückspeien. Das preußische Lager ist jetzt vier Meilen von Paris ent- fernt. Wenn sie angreifen, wird der Stoß ein schrecklicher sein. Auch ich werde auf den Wällen unter den Kämpfenden sein. Paris bewaffnet mich (sic!) und rechnet auf mich und folglich werde ich meine Pflicht thun."

18. Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins.

Dienstag, den 1. October wurde in Fr an kfurt a. M. im Saale der Polytechnischen Gesellschaft die 18. General­versammlung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereius er­öffnet. Am VorftandStische saßen die Damen Auguste Schmidt, Henriette Goldschmidt, Josefine Friederici, Dr. Käthe Windscheid, Johanna Brandt st etter, sämmtlich auS Leipzig; Mathilde Weber, Tübingen, Helene Lange, Berlin; außerdem die beiden Vorsitzenden des Frankfurter FcauenbildungS- vereins Frau RosalieTeblce und Frau Präfident Diehl Herr Oberbürgermeister Ad ick es begrüßt die Versammlung, im Namen der Stadt Frankfurt und hebt hervor, daß der im Jahre 1876 in Frankfurt abgehaltene Frauentag reiche Früchte getragen habe, indem durch ihn die Gründung deS blühenden Frauenbildungsvereins veranlaßt worden sei. Nachdem noch Herr Senator von Oven der Versammlung den Gruß der Polytechnischen Gesellschaft entboten hat, er­stattet Frl. Auguste Schmidt den Geschäftsbericht, welchen sie einleitet mit einem Nachruf an die dahingegangene Gründerin und 1. Vorsitzende des Vereins, Frau Otto- PeterS. Die Wirksamkeit des Vereins in der nun abge­schlossenen zweijährigen Geschäftsperiode begann mit dem Frauentag in Nürnberg, der sich an die 17. General­versammlung anschloß. Der Erfolg dieses Frauentages führte zur Gründung des großen Nürnberger Verein- Frauenwohl" und einer Ortsgruppe desAllgememeinen deutschen Frauenvereins." Innerhalb der letzten zwei Jahre entstanden noch vier andere Ortsgruppen, durch welche die Agitation für die Frauenbewegung vertreten wird.

Zum erstenmal hat der Verein auch practische Neu- schöpfungen zu verzeichnen und zwar: Die Gründung der Gymnalstalcurse in Leipzig, Ostern 1894, und die Einrichtung des Rechtsschutzes für Frauen, 1895.

ES folgt hierauf die Berathung neuer Statuten für

Antlitz und ihre fiebernden Lippen murmelten:Wie konnte konnte konnte ich?"

Und Viflonen Peinigten sie. Aber aus dem Wirrwarr verzerrter Gestalten, die ihr zeigen, daß nutzlos ist, sich damit beruhigen zu wollen, daß kein Wort gefallen, kein bedeutungsvolles, daß Gedanken, Begehren schon zur Sünde genügen, aus diesem ChaoS steigt nach und nach ihr süßer Knabe mit großem fragenden Blick und feine Kinderlippe murmelt:Du sollst nicht ehebrechen."

So ringt sie die Hände, so starrt sie in daS frohe Ge­sichtchen ihres Kindes, so fragt ihre ruhelose Seele:Wie konnte konnte konnte ich?"

Aber mit einem Male zerreißt daS Dunkel in ihrem Innern wie ein Blitz zuckt vor ihr auf. Sie hat Plötzlich erfahren, was Liebe heißt, und weiß, daß diese Ge­danken vergibt. Sie haben beide einander viel zu verzeihen.

Und fie schwankt, zittert noch, aber auch das schwindet und süße Sicherheit umfängt fie es ist ihr, als höbe fich die Wölbung über ihr zur leuchtenden Himmelsferne alff weite sich der Wänderaum um sie her, fie wähnt, daß vor ihrem trunkenen Auge ein Land, ein Meer, ein duftender Sonnenweg sich strecke.

Eine Stunde später tritt fie aus dem kleinen Post- gebäude deS Badeortes und trifft mit Graf Leo zusammen, der erstaunt den Hut lüftet. Er bemerkt die Thränenspuren auf ihrem schönen Gesicht, ihren stillen, weltabgewandten Blick und von Neuem beschleicht ihn daS Gefühl quälender Unruhe.

Sie hier, meine Gnädigste? WaS führt Sie persönlich hierher?" fragt er.

Ich habe meinem Manne telegraphirt, er möge mit Rodi kommen/ sagt sie mit einem reizenden Lächeln,ich habe Sehnsucht nach beiden. . . . Wundert Sie daS?"