189*
Nr 130
Gießener Anzeig er
Kenerat-Z<nzeiger
Rkdaction, $ypcbitio< und Druckerei:
Schukftratze Ar.7.
Fernsprecher 51.
Vierteljähriger Löonncmcutspreisr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezöge« 2 Mark 50 Pfg.
Die Gießener A«mitten5tälter werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigrlegt.
Der
-iejeser Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Donnerstag dm 6. Juni
■ "I - —
Amts- rmd Anzeigeblntt für den Ureis Gietzen.
T Gratisöeikage: Gießener Kamikienötätter.
> ' "■ ■■■
Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
2lmtlid?er Theil.
Nr. 17 des Reichs - Gesetzblatts, ausgegeben den 31. v. M., enthält:
(Nr. 2231.) Gesetz wegen Abänderung des Gesetzes vom 23. Mai 1873, betreffend die Gründung und Verwaltung des Reichs-Jnvalidensonds. Vom 22. Mai 1895.
(Nr. 2232.) Bekanntmachung, betreffend die Anzeigepflicht für die Schweinezucht, die Schweinepest und den Rothlauf der Schweine. Vom 29. Mai 1895.
Gießen, den 5. Juni 1895.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Gießen, den 1. Juni 1895. Betreffend: Ermittelung der landwirthschaftlichen Boden» benutzung und des Ernteertrags imJahrel895.
DaS Großherzogliche Kreisamt Gießen •* die «rotzh. Bürgermeistereien de- «reifes.
Wie in früheren Jahren, hat auch im laufenden Jahre wieder eine Ermittelung der landwirthschaftlichenBodenbenutzung und des Ernteertrags stattzufinden. -
Unter Bezugnahme auf unser Ausschreiben vom 23. Januar 1893 — Anzeiger Nr. 23 — fordern wir Sie auf, mit der Aufstellung der Uebersichten alsbald zu beginnen.
Zur Durchführung dieser dem Interesse der Landwirth- fchaft dienenden Erhebungen ist eine aus feld- und sachkundigen Personen bestehende Commission zu bilden und empfiehlt es sich, möglichst wieder dieselben Personen in die Commission zu nehmen, welche bereits früher bei Aufnahme des Ernteertrags thätig waren.
Das erforderliche Formular wird Ihnen in zwei Exemplaren für jede Gemarkung mit der nächsten Post zugehen. Das eine Exemplar dient als Concept und ist bei Ihren Acten zur späteren Benutzung aufzubewahren, das andere aber nach ordnungsmäßiger Ausfüllung bis spätestens 1. November d. Js. an uns einzusenden.
v. Gagern.
Bekanntmachung, betreffend Rothlaufseuche in den Gemeinden Neukirchen und Albshausen.
In den Gemeinden Neukirchen und Albshausen, Kreis Wetzlar, ist die Rothlaufseuche unter den Schweinen amtlich festgeftellt worden.
Gießen, den 4. Juni 1895.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Deutsches Reich.
Berlin, 4. Juni. Die festtägtge Stille auf dem Gebiete der inneren Politik ist während der Pfingst- feiertage durch keinen Vorgang unterbrochen worden, der irgendwie Anspruch auf allgemeineres Jntereffe erheben könnte. Die üblichen Pfingstbetrachtungen der Tagespresse spiegelten vorwiegend das weitreichende Unbehagen über die ungewiffe innere Lage wider, wie sie sich infolge der parlamentarischen Vorgänge der jüngsten Zeit herangebildet hat. ES mag hierbei wohl ein gut Stück Pessimismus mit obgewaltet haben, aber zweifellos ist der Ausblick in die nächste Weiterentwickelung der Dinge doch ein ziemlich unerfreulicher und man kann nur hoffen und wünschen, daß während der herangekommenen allsommerlichen Ruhepause eine Klärung und Festigung der innerpolitischen Situation eintreten möge. Kurz hintereinander werden nächster Tage der Colontalrath und das preußische Abgeordnetenhaus zusammentreten. Für erst« genannte Körperschaft beginnt am 10. Juni eine neue Sitzungsperiode, während für die preußische Volksvertretung am 11. Juni der letzte Abschnitt der laufenden Session zur Eröffnung gelangt. Auf der Tagesordnung dieser ersten Sitzung deS Abgeordnetenhauses nach den Pfingstferien steht die zur Specialdebatte gestellte Stempelsteuer-Vorlage, welche hauptsächlich die Arbeitskraft beider Häuser deS Landtags in der nachpfingstlichen Sitzungsperiode in Anspruch nehmen wird. Von neuen Vorlagen findet das Abgeordnetenhaus ii. A. den Nachtragsetat anläßlich der Verstaatlichung der Saalebahn und der Weimar-Geraer Eisenbahn vor- ob inzwischen auch der Gesetzentwurf, betreffend die Organisation des PersonalcreditS für die mittleren Stände, völlig fertiggestellt worden ist, wird sich jetzt ja wohl zeigen. Was die Arbeiten des Colonialraths in dessen bevorstehender neuer Tagung anbelangt, so werden sie vor Allem den Fragen des
Erwerbes von Grundbesitz in den deutschen Colonien und der Vorbildung der Colonialbeamten gelten.
— Am Montag Vormittag fand bei dem Neuen Palais das herkömmliche Stiftungsfest des Lehr-Jnfanterie- Bataillons statt. Der Feier wohnte das Kaiserpaar mit den vier älteren kaiserlichen Prinzen, Prinz und Prinzessin Friedrich Leopold von Preußen, der Graf von Flandern mit seinem Sohne, sowie der Erbprinz und Prinz Karl von Hohenzollern nebst Gemahlinnen bei. An den kirchlichen Theil der Feier schloffen sich ein Parademarsch des Bataillons und die Speisung der Mannschaften an. Der Graf von Flandern und sein Sohn reisen am Montag Abend wieder von Potsdam ab.
— Der ehemalige preußische Justizminister, Staatsminister Dr. v. Friedberg, ist am Sonntag Abend in Berlin gestorben. Mit dem Verewigten ist ein ausgezeichneter Jurist dahingegangen, dem das preußische Justizwesen wesentliche Reformen verdankt und der sich auch um die Entwickelung der Reichsjustizverwaltung hochverdient gemacht hat. Heinrich Friedberg, unter der Regierung Kaiser Friedrichs in den Adelstand erhoben, war 1813 in der Provinz Westpreußen geboren und betrat die juristische Laufbahn als Hilfsarbeiter beim Kammergericht in Berlin. 1854 ward er als vortragender Rath ins Justizministerium berufen, 1857 erfolgte seine Ernennung zum Geheimen Oberjustizrath, 1870 seine Berufung als Präsident der Justiz- prüfungscommission. 1872 wurde der Verstorbene ins Herrenhaus berufen, 1873 zum Unterstaatssecretär im Justizministerium und 1875 zum Kronsyndicus ernannt. 1876 übernahm Dr. Friedberg die Leitung des Reichsjustizamtes, doch schon drei Jahre später legte er diese Stellung wieder nieder, um dann zum preußischen Justizmintster an Stelle Leonhardts ernannt zu werden. Nach zehnjähriger Wirksamkeit trat Dr. v. Friedberg im Januar 1889 auch vom letzteren Posten zurück, womit seine öffentliche Laufbahn zum Abschluß gelangte. Dr. v. Friedberg ist der eigentliche Schöpfer des Strafgesetzbuches für den Norddeutschen Bund, aus welchem sich dann das heutige Reichsstrafgesetzbuch entwickelte.,
Nerrefte Nachrichten.
WolffS telegraphisches Corresvondenz-Bureau.
Potsdam, 4. Juni. Der Graf von Flandern ist gestern Abend mit seinem -Sohne abgeretst. Prinz und Prinzessin Karl von Hohenzollern gaben den Gästen das Geleite zum Bahnhofe.
Kiel, 4. Juni. Der Kaiser trifft am Samstag den 8. d. M. hier ein und wird am 9. wieder nach Berlin zurückkehren, wo am folgenden Tage Cavallerie-Befichtigung stattfindet.
Depeschen deS Bureau „Herold".
Darmstadt, 4. Juni. Der Großherzog und die Großherzogin empfingen den Vorstand des allgemeinen deutschen Lehrerinnen-Vereins in Audienz. Morgen reist das Großherzogliche Paar mit dem Prinzen und der Prinzessin von Rumänien nach England.
Berlin, 4. Juni. Der „Post" zufolge ist die Meldung des Pariser „Figaro" aus Kiel, der Kaiser werde anläßlich der Eröffnungsfeier deS Nord-Ostsee-CanalS an Bord des französischen Flaggschiffes „Hoche" einen Besuch machen, allerdings nicht als ausgeschlossen anzusehen. Ein derartiger Besuch würde sich jedoch, wie die „Poft" hört, nicht auf das französische Schiff „Hoche" beschränken, sondern sich auf sämmtliche zur Eröffnungsfeier in Kiel anwesende Kriegsschiffe erstrecken.
Berlin, 4. Juni. AuS zuverlässiger Quelle wird gemeldet, die durch den verstorbenen General v. Pape innegehabte Domherrnstelle zu Merseburg sei dem bisherigen commandirenden Admiral Freiherrn v. d. Goltz verliehen worden.
Berlin, 4. Juni. Die in der Nacht vom Freitag zum Samstag erfolgte V er h a ftu ng zweier bulgarischer Studenten Namens Ilia Jvanoff und Ranan Reinhardt ist auf politische Motive zurückzusühren. Beide wurden in ihrer gemeinschaftlichen Wohnung Nachts aus dem Bette geholt. Wie verlautet, ist eine Denunciation seitens der Wirthsleute, bei denen die Studenten wohnten und mit welchen sie wegen der Kündigungsfrist in Conflict gerathen waren, die Ursache der Verhaftung. Jvanoff soll in Bulgarien wegen politischer Umtriebe relegirt worden sein.
Pasewalk, 4. Juni. DaS Kaiserpaar traf heute Mittag 1 Uhr hier ein und begab sich in der Uniform deS Kürassier-Regiments „Königin" zu Pferde nach dem Markt, wo zunächst die Cabtnetsordre Friedrichs des Großen ver- ’ lesen wurde Alsdann wurde nach dinrr Ansprache deS
Regiments-CommandeurS das Denkmal Kaiser Friedrichs enthüllt, worauf sich die Kaiserin an die Spitze des Regiments setzte und dem Kaiser vorführte.
Rom, 4. Juni. Gelegentlich des Jahrestages des Todes Garibaldis haben sich verschiedene politische Arbeiter- und eine große Anzahl Militär-Vereine gestern nach dem Capitol begeben, wo der frühere Oberst Gattome eine Ansprache hielt. Die Vertreter der Municipalität und die Vereine legten an der Büste Garibaldis Kränze nieder.
Neapel, 4. Juni. Die Mitglieder des 10. Wahlkreises haben an die Kammer einen Protest gegen die Wahl Crispis gerichtet. In demselben wird behauptet, das Wahlresultat sei gefälscht, eine ganze Anzahl Wahlzettel zerstört und unterschlagen worden.
Paris, 4. Juni. Auf dem gestern hier eröffneten internationalen Grubenarbeiter - Congreß sind besonders zahlreich die englischen Bergarbeiter durch Delegirte vertreten. Dieselben werden die Forderung stellen, daß nur solche Delegirte zu den Verhandlungen des Cougresses zu- gelaffen werden, welche selbst Arbeiter sind. Der Abgeordnete Calv'gnac, welcher zum Vorsitzenden gewählt worden ist, wird im Verlaufe der Verhandlungen gegen jeden Verfolgungsantrag der Regierung energisch protestiren.
London, 4. Juni. Die Nachricht, daß die Japaner auf Formosa die Rebellen vollständig besiegt haben, wird be- stätigt. Einem offiziellen Bericht zufolge hat am letzten DienStag die japanische Flotte ein starkes Expeditionscorps nach Formosa gebracht. Am Mittwoch wurde Befehl zum Landen gegeben. Die Rebellen suchten die Landung zu hindern; trotzdem gelang das Vorhaben der Japaner und die viel zahlreicheren Rebellen wurden nach kurzem, aber blutigem Kampfe zurückgeschlagen. Mehrere hundert Aufständische wurden getödtet. Die Japaner drangen sofort nach dem Innern der Insel vor, ohne die Landung der übrigen Truppen abzuwarten.
Kiew, 4. Juni. Der Commandeur der Orenburgischen Kosaken Namens Mansuraw ist vom Mtlitärbezirksgertcht wegen Unterschlagung von Krongeldern zum Verlust aller Rechte, acht Monaten Gefängniß und darauf folgender Verbannung nach Sibirien verurtheilt.__________________________
CocoUs rrnd Provinzielles,
Gießen, den 5. Juni 1895.
*• Auszeichnung. Seine Königliche Hoheit der Groß- Herzog haben Allergnädigst geruht, dem Maurer Anton Schulmeier zu Ilbenstadt das allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift „Für Verdienste" zu verleihen.
♦* Die vierte Landesversammlung der internationalen criminalistischeu Vereinigung, Landesgruppe Deutsches Reich, wurde heute Vormittag 9 Uhr in Anwesenheit zahlreicher Vertreter aus allen Gauen des deutschen Reiches eröffnet. Die Sitzungen finden in der Aula der Universität statt. Herr Landgerichtspräsident v. Ricou begrüßte die Erschienenen Namens des Ausschusses- er gab hierbei der Hoffnung Ausdruck, daß die Verhandlungen geeignet sein werden, die Lösung der wichtigen Tagesfragen zu finden und wünscht, daß auch die sonstigen Veranstaltungen den Theilnehmern zur Freude gereichen möchten- für Ueberlaffung der Räume zur Abhaltung der Versammlung dankt Herr v. Ricou der Behörde besonders. Es wurde hierauf zur Zusammensetzung des Bureaus geschritten und der Vorsitz Herrn Landgerichtspräsidenten v. Ricou übertragen. — Herr Oberstaatsanwalt Schlippen hieß Namens der Gr. Regierung die Vereinigung willkommen, die in Behandlung wichtiger Fragen besonders berücksichtigt habe die Erforschung der neuen Ergebnisse auf sociologischem Gebiete- die Regierung werde von den berufenen Vertretern dieser Richtung gern Anregungen entgegennehmen- eß seien practische Fragen, die zur Erörterung stünden, deshalb werde die Tagung von unmittelbar practischem Werthe sein- er werde sich glücklich schätzen, Großh. Regierung die Resultate derselben zu übermitteln. Auf die neue Zellenstrafanstalt Butzbach hinweisend, deren Besichtigung mit auf der Tagesordnung steht, betonte Herr Schlippen, daß ihre Einrichtungen mit getroffen seien auf Grund der von
der Vereinigung bisher angestellten Forschungen auf
dem Gebiete des Gefängnißwesens- er hoffe, daß Wissenschaft und Praxis in gleichem Maße durch die Berathungen gewinnen. — Der Vorsitzende drückte hierauf der Großherzoglichen Regierung den Dank der Vereinigung auS für das Interesse an ihren Bestrebungen, das sie durch die Absendung eines Vertreters bewiesen habe. — Hierauf richtete Herr Ober bürgermeister Gnauth an die Versammlung Worte de Willkommens Namens der Stadt Gießen - die Stadtvertretun sei hocherfreut gewesen, als die bescheidene Stadt zur Ab


