Nr. 31 Erstes Blatt. Mittwoch den 6. Februar
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1895
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Deutscher Reich.
Berlin. 4. Februar. Der Kaiser empfing am Sonntag den Grafen Herbert Bismarck in Audienz. Graf Bismarck soll hierbei dem Kaiser lediglich eine persönliche Meldung abgestaltet haben, möglicher Weise hat sich dieselbe auf daS gegenwärttge Befinden seines Baters bezogen. Jedenfalls könnte eS aber nicht überraschen, wenn der Borgang den umlaufenden Gerüchten über den angeblich bevorstehenden Wiedereintritt des Grafen Herbert Bismarck in den Retchs- dienft neue Nahrung geben würde.
— Der Ausschluß des Abgeordneten Ahl- wardt auS der deutsch-socialen Reformpartei hat den Abgeordneten Böckel, Vertreter für Marburg, veranlaßt, seinerseits freiwillig auS der genannten Partei auszu- scheiden. Herr Dr. Böckel erklärt dies in einem an den Antisemitenführer Liebermann von Sonnenberg gerichteten Schreiben, in welchem er außer dem Ausschluß AhlwardtS auch die „freiheiisfetndltche Haltung" der Reformpartei in Sachen der „Umsturzvorlage" als Ursache seines erwähnten Schrittes angibt. Die Gründe der erfolgten Maßregelung Ahlwardts sollen nächstens von der Leitung der socialen Reformpartei bekannt gegeben werden. Nun können die Herren Böckel und Ahlwardt ja eine besondere Fraction bilden, etwa eine „Fraction Ahlwardt sans phrase"!
— DaS Ergebniß der am 1. Februar vollzogenen Neuwahlen zum württemb ergi schen Landtage stellt sich nach neueren Meldungen wie folgt: Gewählt 7 Nationalliberale (deutsche Partei), 17 Demokraten, 16 Centrumsabgeordnete, 4 „Wilde", 1 Mitglied der Landes- Partei (Regierungspartei). Stichwahlen sind 25 zu vollziehen, woran betheiligt sind 12 Mitglieder der deutschen Partei, 19 der Volkspartei, 6 des CentrumS, 5 der socta« listischen Partei, 4 der Landespartei, 1 Agrarier, 1 Conser- vativer und 4 Parteilose. Das hervorstechendste Charakte- risticum ist die zerschmetternde Niederlage der Landespartei, die von ihren Sitzen in der Hauptwahl nur einen behauptet, aber kein Mandat neu erobert hat. Da der eine gewählte Landesparteiler sich den Nationalliberalen anschließen will, der Steg deS einen oder des anderen Candidaten der Landes- partei bei den Stichwahlen aber zweifelhaft erscheint, so wird diese Partei im neuen Landtage wohl überhaupt nicht mehr vertreten sein. Nächst der Landespartei muß die nationalliberale Partei die empfindlichsten Verluste verzeichnen, sie verlor 7 Mandate und gewann nur einen einzigen neuen Sitz. Als der eigentliche Sieger im Wahlkampfe steht offenbar die neugegründete Centrumspartei da, sie eroberte nicht weniger als 13 Mandate. An einer Mehrheit im neuen Landtage, die aus Centrum und Volkspartei besteht, ist nicht mehr zu zweifeln, lediglich vom Ausfälle der Stich
wahlen dürfte es abhängen, wie stark sie sein wird. Die Stichwahlen werden zweifellos auch die Wahl von 2 oder 3 Socialdemokraten ergeben und diese ihren Einzug auch in die neue Volksvertretung Württembergs halten. Auf die Entwickelung der Dinge in der neuen Abgeordnetenkammer kann mau bet deren eigenartiger Zusammensetzung schon jetzt gespannt sein, besonders angenehm werden sich aber die Ver- hältniffe in dem neugewählten Landtage schwerlich gestalten, so daß ein etwaiger Rücktritt deS Ministeriums Miltnacht unter den obwaltenden Umständen nicht überraschen könnte.
Arr-land.
^Petersburg. 3. Februar. Der Müller-Congrrß beschloß, für den Export von russischem Mehl nur die Märkte in England, Egypten und die asiatischen Häfen am Schwarzen und Mittelmeere in Ausficht zu nehmen.
Petersburg. 3. Februar. Hcute Nachmittag wurden der Kaiserin Ale'xandra Feodorowna im Concertsaale des Winterpalais die kaiserlichen und großfürstlichen Hofdamen, sowie die Gemahlinnen und großjährigen Töchter der Militär- und Ctvil-Würdenträger vorgestellt.
Nosreste Nachkichtett.
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Lübeck, 4. Februar. ES herrscht drohende Hochwassergefahr und stürmischer Nordost. Die Züge treffen in Folge Schneeverwehungen theilweise mit mehrstündigen Verjpätungen ein.
Mannheim, 4. Februar. Der Bürgerausschuß genehmigte die Ernennung des Fürsten Bismarck zum Ehrjeubürger mit 66 gegen 38 Stimmen. Von der Oppofition war ein Freisinniger dafür.
Budapest, 4. Februar. Die Behörde bezweifelt, daß die Directoren der Abanj-Szantoer Dampfmühle, die bekanntlich nach großen Defraudationen und Wechselfälschungen im Betrage von 300,000 Gulden, wodurch zahlreiche Geldinstitute in Mitleidenschaft gezogen worden, flüchtig geworden sind, der Katastrophe des Dampfers „Elbe" zu« Opfer gefallen sind.
Loudou, 4. Februar. Es verlautet, die morgige Thronrede werde die freundschaftlichen, friedlichen und befriedigenden Beziehungen zu den anderen Mächten und die Regelung der Grenze der Sierra Leone erwähnen. Betreffs des chinesisch-japanischen Krieges erkläre die Thronrede, daß zwischen den dabet interesfirten Mächten das beste Einvernehmen bestehe. Eine Stelle der Rede bespreche die Untersuchung in der armenischen Angelegenheit. Die hauptsächlichsten in der Thronrede angekündigten Vorlagen beträfen
ein Amendement zu dem Gesetze über den Grund und Boden in Irland, Trennung des Staates und der Kirche in Wales. Von den Absichten der Regierung in der Oberhausfrage erwähne die Thronrede nichts.
Lowestoft, 4. Februar. Heute wurde die Leiche deS Heizers Friedrich Ernst aus Magdeburg, sowie einige von den Postsäcken der „Elbe" durch ein Fischerboot auS Land gebracht.
Lowestoft, 4. Februar. Der Capitän der heute hier eingetroffenen Fischerschmacke „Tarn" berichtet: Am vergangenen Mittwoch etwa um 5 Uhr früh sah ich Rakete», die ein großer Dampfer steigen ließ. Wir näherten uuS bis auf etwa 700 Meter, dann verschwand der Dampfer. Wir sahen darauf einen anderen Dampfer, welcher blaue Lichter zeigte. Nach Verlauf einiger Minuten setzte der zweite Dampfer seine Fahrt in östlicher Richtung fort. Die „Tarn" kreuzte einige Zeit in dieser Gegend, wir sahen aber weder Leichen noch Boote oder Trümmer. Wir bemerkten auch einen dritten Dampfer, der jedoch zu irgend einer Hilfeleistung nicht anhtelt. — Der Capitän der Schmacke „Industrie" meldet: Wir haben etwa 35 Meilen von Lowestoft den Leichnam eines fremden Matrosen, der einen RettungSgürtel trug, angetroffen. Andere Schmacken berichten, daß sie Trümmer eines untergegangenen Schiffes und eine zweite Leiche gesehen haben. — In einer heute veröffentlichten Bekanntmachung werden Belohnungen für die Auffindung von Leichen der mit der „Elbe" Verunglückte« ausgesetzt.
Depeschen des Bureau „Herold".
Berlin, 4. Februar. Heute Nachmittag fand unter dem Vorsitze des Reichskanzlers eine Sitzung des StaatS- mtnifteriums statt.
Berlin, 4. Februar. Dem Reichstage ist heute der Gesetzentwurf betr. die Abänderung deS Gesetzes über die Kosten und Gebühren bei den Consulaten zugegangen.
Berlin, 4. Februar. Im preußischen Landtage wurde heute der landwirthschaftliche Etat berathen.
Berlin, 4. Februar. Wie die „Berl. Neuesten Nachr." hören, ist der Landwirthschastsminister mit der Ausarbeitung einer Denkschrift beschäftigt, welche der Berathung des Staats- rathes über die landwirthschaftliche Nothlage zu Grunde gelegt werden soll.
Berlin, 4. Februar. An den zuständigen amtlichen Stellen nehmen, den „Berl. Neuesten Nachr." zufolge, die Gesuche von Corporationen, Vereinen und Abordnungen aller Art um Gewährung von Fahrpreisermäßigung nach Friedrichsruh am 1. April einen ganz außerordentliche« Umfang an.
Feuilleton.
Csrncvsl.
Srzählung von Hugo von Rittberg.
(Schluß.)
„Allez vous en," schnarrte er den Kaufmann an.
„Können Sie nur französisch, so habe ich keine Antwort darauf," lautet die Erwiderung.
„Allah il Allah! Allah kerim, masch Allah,* brüllt der Türke und daS Publikum jauchzt ihm Beifall zu.
„Ich spreche weder arabisch, noch eine andere Sprache als die deutsche," entgegnete Röbel, und bemerkt, daß er unter dem Talar, über den er seinen mächtigen Säbel geschnallt hat, auf ellenhohen Stelzen daherwandelt.
„Ich werde Dich zerreißen," brüllte der Türke dumpf, „Du Hanswurst von einem Deutschen."
„Du Hanswurst von einem Muselmann," versetzte Röbel, angeregt durch den in der Kälte genoffenen Grog.
Der Türke greift nach seinem Säbel. Da versetzt ihm Röbel einen Schlag gegen den unteren Theil des Kaftans, der ein lautes Krachen hören läßt. Gleich darauf wälzt sich der Türke auf der Erde umher, indem er seinen Stelzfuß in den Lüften telegraphisch erhebt.
Ein rasendes Gelächter erhebt fich auf seine Kosten, wahrend der Kaufmann rasch der Colombine folgte.
Durch die Thür, durch welche sie verschwunden, führen mehrere Stufen zu einer Loge, welche auf den Tanzsaal herabsieht. In dieser Loge befinden fich die Colombine und eine Dame, welche fest verschleiert fich zeigt.
„Herr Röbel!" beginnt nun die Dame, die ihn hergeführt hat, „wir haben Ihren Kampf mit dem unausstehlichen
Saracenen mit angesehen und meine Herrin wünscht Ihnen für Ihren Muth alles Glück. Sie reicht Ihnen ihre Hand als ersten Beweis ihrer Huld."
„Lassen Sie den ersten Beweis auch den letzten sein. Ich bin verheirathet," erwiderte Röbel.
„Oh! darum," brummte mehr die Dame, als sie spricht.
„Solch schöner und tapferer Cavalier darf sich nicht in die Feffeln einer Ehe fügen," setzt Colombinchen hinzu.
„Entschuldigen Sie, das ist nicht der Fall," meinte Röbel, „Sie sind beide gewiß sehr reizende Wesen, aber meine Ehehälfte ist dieses im doppelten Grade. Hören Sie, weßhalb Sie mich hier erblicken. Meine Frau seufzte dem Carneval nach. Sie nannte mich unfähig, einen solchen mitzumachen, weil ich kein verflixter Kerl sei. DaS trieb mich an, mir den Carneval näher anzusehen- aber ich bin vollständig enttäuscht. Noch heute Abend besteige ich den Zug, der mich in meine Heimath führt."
Er wandte sich und verließ die Loge.
Da tönte es hinter ihm: „Alexis, mein Alexis!"
Er wandte sich wieder um und erblickte jetzt sein Weib.
„Zum Wetter! Wie kommst Du denn hierher?"
„Ja," sagte sie lächelnd, „daS ist eigentlich mein Ge- heimniß."
„Hat nicht der Priester gesagt, als er uns verband, daß Niemand ein Geheimniß vor dem andern haben solle?"
„Nun denn! Ich war neugierig, wohin Du Deine eilige Reise richten würdest. Ich inquirirte und hörte, daß sie nach Düffeldorf gerichtet sei. Ich folgte Dir und meine Schwägerin hat den ganzen Plan entworfen. Mein Bruder weiß nichts von unserer Vermummung. Er ist ein eifriger Carnevalift."
In diesem Augenblick erscholl Lärm unten im Saale. Der Türke hatte sich hier erhoben, die Stelzen seines unfreien Beines mit wildem Schlage vernichtet und wollte nun wiffen, wohin Röbel fich gewandt.
„Genügt es Euch nicht, schon einmal von ihm uieder- geworfen zu sein," äußerte lachend der Wirth, „und sehnt Ihr Euch, zum zweiten Male den Fußboden zu küssen?"
„Bet Gott! ich will ihn frtcassiren," rief der Türke mit natürlicher Stimme.
„Geht nur hinauf, er wird Euch Rede stehen."
„Ich werde ihn fordern, ich werde ihn zur Leiche machen," bramarbafirte der Orientale.
„Herr Gott! daS ist mein Mann," rief die Colombine, „wartet, Kinder, ich werde ihm seine Lust am Carneval legen."
Rasch verließ sie die Loge und begegnete ohne MaSke ihrem Manne auf der Treppe.
Als er sie sah, stutzte er, zog ein finsteres Gesicht und rief der scheinbar Erschreckten zu:
„Wie kommst Du hierher, Livia.?"
„Ich folgte Dir," stotterte Livia.
„Das ist nicht wahr. Du bist mit einem Harlekin zusammen."
„Wer hat Dir das gesagt?"
„Ich Habs gesehen."
Und sie fortdrängend, trat er in die Loge.
„Willkommen, Otto!" tönte es aus dem Munde der Frau Röbel.
„Willkommen, Schwager!" tönte eS auS Röbel- Munde.
„Ach, Ihr seid eS! Da bin ich unendlich blamirt!" —


