Ausgabe 
5.12.1895 Zweites Blatt
 
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Nr. 286

Der

Heuer Auzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS

Montags.

Die Gießener P«»rrte»srälier werden dem Anzeiger «vcheutlich dreimal dei-elegt.

Zweites Blatt. Donnerstag den '> Decembcr

189»

Meßmer Anzeiger

Kenerak-Mnzeiger.

vierteljähriger ASounementspretsr 2 Mark 20 Pfg. mit vringcrlohn.

Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Psg.

Äcbaction, Expeditior. und Druckerei:

Zch»lftrahe^r.7, Fernsprecher 51.

Aintr- «nd Anzeigeblatt für den Aeeis GNtzen.

___________________ __ - M

chralisöeitage: chießener Jamitienötätter.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für de« fefgmben Tag erscheinend« Nummer bi» Sonn. 10 Uhr.

StL roullen daher mit Äufuellung dieser Auszüge, wozu Formular Ihnen k. H. zugehen wird, sofort beginnen und auf Grund derselben die nötbtgen Ermittelungen nach den Militärpflichtig n, soweit dies nöth'g ist, eintreten laffen, damit die Stammrollen so vollständig wie mijgl'ch demnächst vorgelegt werden können.

Bei Anfertigung der GeburtSauSzüge wollen Sie mit größter Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit verfahren, damit Mtl'tärpflichttge nicht übersehen werden. Brsio^bene, deren Ableben zweifellos feststeht, sind nicht aufzunehmeu.

Dr. Melior.

----B ^L. <

halle. 1. December. Mild erung beß Erlasses bett, das öffentliche Erscheinen mit frischen Schmissen. Dte durch den Erlaß des Rectors und Uni« verfitäisrtchters der hiesigen Hochschule, betreffend das Duell« wesen, hervorgerufene Erregung unter den hiesigen Stubiren- den hat sich gelegt, nachdem der Erlaß auf Ansuchen einer studentischen Abordnung bedeutend gemildert worden ist. Es ist hiernach nur verboten, daß sich dieAbgeführten" mit frischen Verletzungen öffentlich zeigen. Uebertretungen dieses Verbots ahnden be Verbindungen selbst- doch find auch dte Pedelle befugt, einzuschreiten.

* einen Checjnm Ankauf ihrer Ausstattung" wird Königin Vic-oria der Prinzessin Maud zu deren 26. Ge­burtstage schenken. Der Cyec wird auf 100000 Pfd. St., daß ist auf 2 Millionen Mark, lau en. Dre Hochzeit der Prinzessin wird Ende Mai oder Anfang Juni in London unter großem Pomp gefeiert werden, da, wie das Hofblatt Queen" mitrheilt, der Kaiser von Deutschland, der Zar und die Zarin und andere Fürstlichkeiten der Hochzeit bei­wohnen werden. Uebrigenß werde auch die Ankunft Königs Humberts erwartet.

Wegzuges nach Fulda gewaltet zu haben. Die Möbel, Haushaltungß'Vorräthe u. s. w. ließ sich Levi durch Fuhr­leute nach Fulda bringen, und zwar auf dem nächsten Weg Über Reichloß, Hauswurz, Neuhof u. s. w. Einer der Fuhr- leute hatte etwaß schwer geladen, unterhalb Hauswurz an einem Berg gingen die Pferde zurück, der Wagen fiel über daß Straßeubanquet und sämmtltche Sachen auf das Feld. Erst nach gründltcher Reparatur des Wagens konnten die Möbel andern Tagß aufgeladen und die Weiterreise nach Fulda wieder angetreten werden. Ein ähnliches Mißgeschick widerfuhr der Familie Levi selbst. Dieselbe ließ sich am nämlichen Tage mittels Wagen von hier nach Lauterbach fahren, um dann von da aus die Bahn biß Fulda zu benutzen. Während der Einfahrt in Lauterbach ging das eine Vorderrad aus dem Wagen, die Achse wurde gebogen und zwei Federn zerbrachen. Die Pferde versuchten durchzugehen, wurden aber festgehalten, sodaß die Jusaffen des Wagens acht an der Zahl mit dem Schrecken davon kamen.

n. ® üb in gen, 3 December. Der Vorschuß« und Creditverein dahier hat mit Wirkung vom 1. Januar 1896 an den ZnSsuß der Pasfivcapltalien folgendermaßen fest« gesetzt: 4% erhalten Mitglieder für Einlagen bis zur Höhe von 3000 Mk., N chtm'talieder bis zu 1000 Mk. Höhere Beträge werden mit 3* */2®/e verzinst.

Allr Annoncen-Bureaur des In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

totales rrnd provinzielles.

n. Friedberg, 3. December. Heute bat die Actien- zuckerfabrikWetterau" die diesjährige Campagne beendet, während sie im vorigen Jahr biß in den Februar zu tvun hatte. Den Arbeitern, welche sich dadurch früher alß sonst nach anderer Arbeit umsehen müsfin, soll eine Ent schädigung dadurch gewährt werden, daß ihnen für jede Sch'cht, glechviel ob Tag« oder Nachtschicht, eine besondere B<r- gütung von je 10 Pfg vachbezahlt wird. Die Fabrik ge­denkt diese» Verfahren auch in Zukunft zu beobachten, und wird den tüchtigen Arbeitern für die Schicht-n in der ersten Woche je 30, für die der zweiten Woche je 20 und für die übrigen je 10 Pfg. nachzahlen, vorausgeietzt natü-lich, daß die Arbeiter die ganze Campagne hindurch an der Fabrik beschäftigt find.

M. Heuchelheim i. b. W., 3. Deeember. Die hiesige Gemarkung bildet mit der daneben liegenden von Gettenau einen Jagdbezirk, der stets mit Hafen gut besetzt ist. Das abgchaltene Treibjagen lieferte 139 Stück Hafen, ist abo verhältnißmäßig noch bester ausgefallen, als dasjenige in Echzell, wo zwei Tage vorher g jagt wurde. Da in der Umgegend die meisten Jagden im nächsten Februar leihfälltg werden, schießen die jetzigen Pächter alles zusammen, was da kreucht und fleucht. Ein merkwürdiges Pachtresultat hat die Gemeinde Nieder-Flörsheim mir ihrer Jagd erzielt, welche seither 1200 Mk. jährlich ertrug; sie erhält jetzt 2700 Mk. pro Jahr Pacht. Dieser Pacht m-ß sofort für die zwölf Jahre vorauSg»zahlt werden- die Gemeinde legt dieses PachtcapUal verzinslich an, und erzielt dadurch an Zinsen nahezu soviel, als fiäjer der ganze Pacht betrug, wodurch daß beträchtliche Capital fast ganz gewonnen wird. Eine Frankfurter Jagdgesellschaft hat sich diese Jagd zugelegt und die Herren können sich das leisten.

§§ Grebenhain, 2. December. Ein Unglücks st ern scheint über der Familie Herz Levi hier, während ihres

2lmtiid?er Theil.

«r. 41 beß Reichß-GesetzblaiteS, ausgegeben den 29. v. M., enthält:

(Nr. 2275). Verordnung, betreffend den Verkehr mit Arzneimitteln. Vom 25. November 1895.

(Nr. 2276). Bekanntmachung, betreffend die Anzeige­pflicht für die Schweineseuche und den Rathlaus der Schweine. Bom 26. November 1895.

(Nr. 2277). Bekanntmachung, betreffend die Anzeige- pflicht für die Schweineseuche, die Schweinepest und den Rothlauf der Schweine. Bom 27. November 1895.

Gießen, den 3. December 1895.

Großherzogliches KreiSamt Gießen, v. Gagern.

Gießen, den 26. November 1895. Betr.: D>c Veranstaltung von Verloosungen innerhalb des GroßherzogtbumS.

Das Großherzogliche Kreisaml Gießen

sm Mt Wrotzh. BürgermtMerebe« bei Kreise-.

Durch Entschließung Großh. Ministeriums dcs Innern Mnb der Justiz vom 26. November l. I. ist dem OrtSvorstand zu BtebeSheim gcftattet worden, nut dem am 3. März k. I. zu B'eb-sheim statiftndenben Zuchtviehmarkt eine Ver- loosung von Zuchtvieh zu verbinden unter der Bedingung, baß nicht mehr als 10,000 Loo e zu 1 Mk. baß Stück auS' gegeben werben dürfen und mindestens 70 pCt. des Brutto- ErlöfeS aus dem Verkauf der Loose zum Ankauf von Gewinn- Gegenständen zu verwenden sind.

v. Ga gern.

Gießen, den 30. November 1895.

Betr.. Das Elfatzgeschäst pro 1896- hier: Ausstellung der Stammrollen.

Der Civiliwrsitzende der Großh. Ersatz-Commission Gießen

an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.

Nach dem Geiktz vom 3. November 1875 (Reg.-Blatt Nr. 52 von 1875) über die Beurkundung des Personenstandes, welches am 1. Januar 1876 in Kraft getreten ist, sind die Stamm'ollen künftig und zum ersten Mal im Jahre 1896 auf Grund der Auszüge ans den Geburtsregistern, welches Sie in Ihrer Eigenschaft als Standesbeamte zu führen haben, auszusteü^n.

Feuilleton.

Verschiedene Quartiert.

Kriegsbilder von jetzt nnb damals.

Bon Moritz von Berg, Verfasser derManenbriefe".

(6. Fortsetzung.)

Die Conversation ist ja in Frankreich vollständig eine Studie geworden, und in der Causerie und Flirtation, in der oft viel Esprit entwickelt wird, sind die Menschen dort unS entschieden über. Man kann sich daher denken, daß ich all meinen Humor zusammennehmen mußte, um diesem reizenden Mädchen gegenüber schlagfertig zu bleiben und nicht etwa durch Verfehlen einer geeigneten Erwiderung gar von ihr abgeführt zu werden. Wer das einer Französin gegenüber Nicht kann, der wird ridicnl und die Egenschost verachten sie mehr, als die betise, die doch auch nicht ge­rade hübsch ist. Genug, es war ein Wonkrieg, der mir unendlich viel Reiz bot. ÄlS mir gerade gelungen war, meinem süßt» vis-ä-vis eine Antwort zu geben, auf die sie nichts mehr zu erwidern wußte, sondern die lieblichen Angen niederschlug, da sagte schmunzelnd der Papa: a monsieur est Connaisseur, Alice aber bot mir die Hand und flüsterte:Heia monsieur, nous sommes quel- quefois des adversaires, mais jamais plus des ennemis. Man versetze sich in meine Lage, dann wird man die Gluth verstehen, mit welcher ich diese lieben gegnerischen Hände ergriff, sie wiederholt an meine Lippen führte, dabei leise flüsternd:jamais.

Der Frühstückßtisch wurde nun aufgehoben, wir ver­ließen daß Boudoir durch eine Thür za der Veranda, die nach dem Garten hinaus lag. Madame ergriff hier, im kleinen Gartenseffel zurückgelehnt, ihre Filetarbeit, Monsieur

ging mit der Entschuldigung hinaus, ses affaires zu er­ledigen, Alice aber schlug mir eine Promenade durch den Park vor, um mir ihren Lieblingsplatz am Ufer der Marne, daß Belvedere und ihre Blumen zu zeigen.

Wie froh ich hierauf eicging, läßt sich denken. Und so wanderten wir denn in den Garten hinaus, gefolgt von Mignon, der seitwärts schielend, mich mit eifersüchtigen Augen betrachtete.

O Welt, wie bist du so wunderschön," so jauchzte mein Herz. Ein blauer, klarer FrüvlingShirnmel über uns, der Duft von tausend erwachten Biüihenknospen um uns, Jugend und Fröhlichkeit in unß und sie an meiner Seite, kann Poesie und Träumerei etwas Schöneres zu er­denken vermögen?

Ein großer Strohhut schützte daß liebliche Gesicht vor den Strahlen Der Sonne, die blauen Augen blickten leuchtend unter ihm hervor, und wenn sie die meinen trafen, bann stieg ein Ecröthen in ihren Wangen auf, daß sie bezaubernd machte. Ihre kleine Hand streifte bet dem Gehen leise dte meine. Genug, es war ein Tag, an dem man fühlen konnte, daß wir hier auf E>den bisweilen Himmelsseligkeit empfinden können. Wer sich nicht in meine Lage versetzen kann, der ist niemals jung gewesen und hat niemals Jugend und Liebesglück gefühlt.

Und so gingen wir Seite an Seite auf den schmalen Parkwegen dahin. Der Weg hatte sich allmählich gelenkt, schattige Alleen, duftende Blumenbeete, ein Wafferbcckcn mit dem silbernen Strahl der Fontaine hatten wir hinter unß gelassen, der Park war plötzlich in einen dunklen Laub wald übergegangen. Wir stiegen einen Hügel hinauf, dessen Gipfel hohe Buchen krönten, durchschritten ihr grünes Dunkel und hotten bet dem Heraußtreten etn wunderlteblicheß Land- schaftßbild vor unseren fast geblendeten Augen.

Auf der Höhe beß Flußuserß, das ftetl unter unß biß

zum Wasser htn abfiel, stand ein Pavillon auf zierlichen Säulen erbaut, daß Belvedere, von dem Alice mir gesagt. Auf einer kleinen in demselben ausgestellten Gartenbank, die kaum Raum für zwei Personen bot, nahmen wir Platz und schauten zusammen in Gottes schöne Welt hinaus.

Nest ce pas, cest bien beau? jauchzte Alice, und wohl war daß Bild, welches sich unseren Augen bot, entzückend.

Hoch auf dem steilen Marneufer lag der kleine Lug' tnß Land, die Weinberge traten rechts und links auf beiden Ufern bis dicht an den silbernen Strom heran, in denen Arbeiter unter lustigem Gesang dte Weinranken an den Stöcken besesttgten. Auf dem entgegengesetzten Ufer lag in einiger Entfernung Epernah, dessen weiße Häuser, am Ufer aufsteigend, sich klar von dem dahinter gelegenen dunkle» Buchenwalde abhoben. Es war ein mir unvergeßliches Bild. Der Frühling hatte seine farbigen Tinten auf baß Grün der Wälder gestreut, der Duft von tausend Frühlings­blumen durchzog dte milde Luft und die Rosen blühten. Unter uns aber zog langsam ein Schiff stromauf, seine weihen Segel glänzten im Sonnenlicht wie die Flügel eines Schwanes, und die Schiffer darin fangen, während sie langsam die Ruder in die silbernen Wellen tauchten, ein bretagnescheS Bild.

Was waren die Wunder dieser schönen Natur aber alle im Verein gegen baß Glück, baß in meinem Herzen erblühte, » waren sie gegen baß Licht, das aus den Augen meiner lieblichen Nachbarin mir entgegenftrahlte?

So saßen wir eng aneinandergeschmiegt w:e zwei Vögel im kleinen Nest, auf dieser steilen Uferhöhe, und sahen weit in baß Land hinaus.

(Fortsetzung folgt.)