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Nr. 234
Der chirhener Anzeiger aldjtint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener MamiktenVtLtter werden Kem Anzeiger «Schentlich dreimal brigelrgt.
Samstag den 5. October i8Ml
Meßener Anzeiger
Kenerat-Wnzeiger.
vierteljähriger ASonnementsprets» 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Pfg.
Aedaction, Expedition und Druckerei:
Kchulstrahe Wr.7.
Fernsprecher 51.
Amts» und Anzeigeblatt für den 'Kreis Gieren.
chi-ß-„-r Iamm.»UAt-r.
Aintlichr* Theil.
Gießen, 2. October 1895 Betr.: Die Einziehung der Beiträge für die Jnvaliditäts- und Altersversicherung.
Dar Srvßherzogliche Kreisamt Gietzev
an die mit Erhebung der Beiträge betrauten
Stellen der Landgemeinden des Kreises.
Wir erinnern die Rückständigen von Ihnen an Erledigung unseres Ausschreibens vom 13. August l. Js. — Gießener Anzeiger Nr. 190 — mit Frist von 8 Tagen.
v. Gagern.
Gießen, 3. October 1895.
Betr.: Wahl eines Vertrauensmanns der Müllerei-Berufs« Genossenschaft Section XL
Sei Grotzherzogliche Kreisamt Gießen
M Vie Nrotzh. Bürgermeister eie« des «reifes.
Wir benachrichtigen Sie hiermit, daß sür den Bezirk reS Kreises Gießen Herr Mühlenbesitzer Heiur. Cour. Zimmer in Grün berg als Vertrauensmann der rubr. Berufs- Genossenschaft und Herr Mühlenbesitzer Daniel Christ in Lollar als dessen Ersatzmann für die Zeit vom 1. October dS. IS. bis dahin 1897 gewählt worden sind und daß der Geschäftsführer der rubr. BerufSgenoflenschast Herr Bal. Feld- »ann in Frankfurt a. M., Taunusstraße 25, als Beauftragter gemäß deS § 82 des Unfall VerficherunqS-GesetzeS vom 6. Juli 1884 für den Bezirk der Section XI. bestellt worden ist.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
betr. die Einreichung der Einkommen- und Capital- rent ensteuer-Erklärung en für 1896/97.
Den mit Abgabe der vorerwähnten Erklärungen noch rückständigen Steuerpflichtigen der Stadt Gießen wird die Frist bis zum 30. l. Mts. verlängert.
Gießen, den 4. October 1895.
Großh. Steuercommissariat Gießen. Bähr.
Ueuefte Hadert
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berlin. 3. October. Der Kaiser hat den Admiral Knorr zum Mitglied der LandeSvertheidiguugS.Commission berufen.
Berliu. 3. October. Der „Post" zufolge ist als Termin für die Verhandlung gegen den Assessor Wehlau vorder Disciplinarkammer in Potsdam der 26. November angesetzt.
Berliu, 3. October. In der heutigen Stadtverordneten- fitzung wurde dem Profesior Menzel einstimmig daS Ehrenbürgerrecht von Berlin verliehen.
Kiel, 3. October. Die Viehdurchfuhr durch den Kaiser-Wilhelm-Canal ist unter folgenden Bedingungen gestattet: Thierische Abfallstoffe dürfen während der Fahrt nicht entfernt, insbesondere nicht in das Canalwasser geworfen werden. Die mit der Wartung oder Verpflegung der Thiere beschäftigten Personen dürfen während der Fahrt das Land nicht betreten. Ein Angestellter muß jedes Schiff während der Fahrt durch den Canal auf Kosten des Schiffers begleiten.
Dresden, 3. October. Der Minister des Königlichen Hauses, Staatsminister a. D. v. Nostiz- Wallw itz, wurde auf Ansuchen von der Leitung deS Ministeriums deS Königlichen Hauses entbunden. An seine Stelle tritt der Staatsminister sür Cultus und öffentlichen Unterricht, v. Seydewitz.
Leipzig, 3. October. Der verantwortliche Redacteur der „Leipziger Volkszeitung", Richard Jllge, wurde heute, wie das „Leipziger Tageblatt" meldet, vom hiesigen Landgericht wegen Beleidigung Sr. Majestät des deutschen Kaisers, begangen durch eine Kritik der kaiserlichen Rede vom 2. September, zu fünf Monaten Gefänguiß verurtheilt.
Leipzig. 3. October. Die Deutsche morgenländische Gesellschaft empfing heute zu ihrer JubiläumS- versammlung ein Glückwunschtelegramm des preußischen CulruS- Ministers. Als Ort der nächstjährigen Generalversammlung wurde dem „Leipz. Tagebl." zufolge Jena gewählt.
Zwickau, 3. October. In der zweiten Hauptversammlung des evangelischen Bundes hielt Profeffor Dr. AcheliS - Marburg den Hauptvortrag über: Der Pro- testantismus und die Kirche. Nach Annahme einer Resolution, die sich „cdt unsere evangelischen Volksgenossen" richtet, zur socialen Frage Stellung nimmt und sich gegen die Ansprüche
deS Papstes über die Weltherrschaft und gegen daS Rundschreiben LeoS XIII. über das Rosenkranzgebet wendet, schloß die8. Generalversammlung. Die nächste soll in Darmstadt abgehalten werden.
Straßburg, 3. October. Dte „Straßb. Post" meldet: Nach dem nunmehr feststehenden Programm trifft daS Kaiserpaar am Nachmittag deS 15. October auf Schloß Urville bei Courcelles ein, wird dort bis zum Morgen des 18. October verweilen und sodann mittelst SonderzugS dtrect bis W ö r t h fahren, wo dte Ankunft um 11 Uhr 40 Min. erfolgt. Nachmittags 4 Uhr fährt das Kaiserpaar nach Straßburg weiter, woselbst es gegen 5 Uhr erwartet wird. ES verläßt Straßburg wieder am 19. October Nachmittags kurz nach 5 Uhr. Kaiser und Kaiserin nehmen im kaiser- lichen Palast Absteigquartier; daselbst wird auch Prinz Heinrich wohnen. Dte Kaiserin Friedrich wird im Statthalter- palais wohnen. Seitens der Etsenbahnverwaltung sind zur Bewältigung des Verkehrs nach Wörth Sonderzüge geplant. Die zur Denkmalsenthüllung commandirten Truppen werden schon am Tage vor der Feier in der Umgebung von Wörth Quartier nehmen.
Rom, 3. October. Dte „Rtforma" bezeichnet dte Blättermeldung, esset die Entsendung neuer Truppen nach Afrika beabsichtigt, für unbegründet und erklärt, General Baratieri sei jeder Eventualität gewachsen.
Brüssel, 3. October. Der VölkerrechtScong reß nahm einstimmig einen Antrag an, der eine internationale Uebereinkunft als die einzig zweckmäßige Lösung der Streitfälle in Sachen der Schiffszusammenstöße bezeichnet. Sodann nahm der Congreß mit 18 gegen 2 Stimmen einen Antrag an, der sich dafür ausspricht, daß dte Gesetzgebung eine Bestimmung enthalte, durch die dem Richter gestattet werde, im Falle eines Verschuldens dte Bezahlung des von den collidirten Schiffen erlittenen GesammtschadenS im Ver- hältniß zur Schwere des begangenen Verschuldens dem Schuldigen aufzuerlegen.
Paris, 3. October. Der vom KrtegSminister verlangte neue Credit von 11/2 Millionen FrcS. wurde größten- theils zur Verbefferung des Lebelgewehrs bestimmt. Dte Verbesserung besteht in einem kleinen Apparat, wodurch die Schnelligkeit, Sicherheit und Durchschlagskraft deS Schusses erhöht wird. In der Budgetcommisfion wurde
Feuilleton.
Strlls.
Skitie von V. Buchwald.
(Fortsetzung.)
Am Rande der sammetgrünen, üppigen Wiesen stand eine Schneeballenhecke. Dte Blüthen nickten und grüßten dem besonnten Hügelland zu und ließen ihre Seelen in Wohlgerüchen auSftrömen.
ES war ein herrlicher, dustschwüler Maientag. Dte Last war mit Blüthenodem angefüllt und etwas Ueberschwäng- ücheS, Sinnverwirrendes auf allem Lebenden, daS sich in dieser Zauberpracht entfaltete, dehnte und vertausendfältigte.
Stella sah dieses Leben, Blühen und Lieben nicht. Sie dachte nach, ernsthaft, grübelnd mitten unter der lachenden, eleganten Schaar ihrer Bewunderer.
Sie war überhaupt seit einigen Tagen stiller als sonst und Graf Leo verstand sie jetzt nicht recht. Er ging neben ihr die lachenden Wiesen entlang, gerade auf die Schneeballen- Hecke zu.
„Woran denken Sie, adorata?“ fragt er und neigt sich zu ihr nieder. Ihr rother Sonnenschirm beschattet sie beide. „An mich?"
Er fragt es in dem Tone eines Mannes, der weiß, daß ihm viel gestattet ist. Zum ersten Male befremdet sie dieser Ton, mißfällt er ihr und sie sieht zu ihm auf, groß, fragend. Sein schönes, keckes Gesicht lacht ihr entgegen — sie kann ihm nicht zürnen.
Sie gehen weiter, manchmal ein heiteres Wort der folgenden Gesellschaft zuwerfend, im Uebrigen sehr mit sich selbst beschäftigt.
Jetzt stehen sie vor der Schneeballenhecke. Dte weißen Blüthendolden fallen zum Theil auf daS graue Haupt eines dien Mannes. Sein faltiges Gesicht nimmt sich wie ein Anachronismus in dem allgemeinen Weltblühen aus, aber in feinen Augen liegt dte Sonne. Das waren kleine, Helle, blaue Augen, dte nach drei Menschenaltern noch nicht verlernt hatten, sich am Blühen und Treiben des Weltfrühlings zu freuen — richtige Großvateraugen.
Und vor dem Alten stand solch ein Ableger süßesten
WeltfrühlingS, ein Senker grünen Holzes — in zerlumpten Höschen, bloßen Füßchen, einem Gesichtchen so rund und rosig wie ein Apfel und den reizendsten Schelmengrübchen in den Wangen.
Die beiden bemerkten die elegante Gesellschaft nicht, die sich ihnen näherte, zu sehr mit ihren Studien beschäftigt. Der Alte hatte die Sichel, mit welcher er schon einen Haufen duftenden Grases niedergemäht, neben sich liegen und den kleinen Wicht am Händchen haltend, sagte er in dem Dialect jener Gegend:
//Jetzt sagst mir die Gebote, Jacoble, denn wenn de se nicht kannst, schilt morgen der Lehrer."
Eine Vorbereitungsschule im besten Sinne des Wortes.
Aber das Jacoble schien keine rechte Lust zum Lernen zu haben.
„Welches habt Ihr gestern durchgenommen?" fragte der Großvater von Neuem.
„DaS sechste," war die Antwort.
„Wie heißt daS?"
„Du sollst nicht ehebrechen."
„WaS ist daS?"
Aber Stella wartete die Erklärung der Kinderlippen nicht ab — sie eilte, weiterzukommen.
Die Sonne strahlt wie eine Königin und immer blühender, duftiger scheint dte Welt. Unsicher, fragend steht die schöne Frau zum Himmel empor, als wolle ste einen Blick hinein- thun — in die ewige Klarheit. Aber ste entdeckt weiter nichts, als die dünne, farblose Sichel des zunehmenden Mondes. Ste erscheint ihr erbärmlich in ihrer faden Glanzlosigkeit. Aber andererseits — wie viel unzählige Nächte verklärte ihr matter, durchgeistigter Schein und schuf sie zum lieben Freunde des Menschen! Wie viel mächtiger war sie daher trotz ihres sanften Schimmers als die königliche Sonne, die die Nacht ihres Herzens nicht zu erhellen vermochte.
ES war so finster um sie her, so finster! Ihre Brauen zogen sich zusammen und ihre Brust hob und senkte sich stürmisch. Vor ihren Augen stand das friedliche Bild des lehrenden Alten und dte süße Gestalt des kleinen Schülers. Weiße, unschuldige Blüthenbüschel neigen sich über die beiden mit Duft und Schatten — dte Mücken tanzen über ihnen — die Schwalben fliegen über sie hin und sie fitzen am Wege
im berauschenden Frühlingszauber, eine Welt voll Frieden um sich her aufrichtend, — voll Arbeit — Frieden und Pflicht!
Stella erglüht. Ein heißes, fremdes Gefühl steigt in dem schönen, unbefriedigten Weibe empor, ein Gefühl der Sehnsucht nach . . .
Sie seufzt, sie schrickt empor! Was sie ersehnte, besitzt sie — es schreitet neben ihr, lachend, elegant, schwärmerisch.
„Woran denkst Du, Stella?"
Sie erschrickt von Neuem und erglüht noch mehr — das hat er noch nie gewagt, der Kecke! — „Wieder an mich?"
Sie verneinte fast streng. Er kommt ihr mit einem Male banal vor und ste runzelt dte Brauen, ohne aufzusehen.
„An wen denn?"
„Au den alten Mann und das Kind."
„Wie absurd! An den gewöhnlichen, häßlichen Alten und den schmutzigen, kleinen Wicht? Unbegreiflich!" Er zuckte die Schultern und ist ein wenig beleidigt, enttäuscht. „Wie kann man?" fährt er weiter fort, — „Ihre Gedanken verirren fich, mia cara. Denken Sie an mich, an unser gestriges Gespräch, an . . ."
„Bemerkten Sie keine Sehnlichkeit?" unterbricht ste ihn plötzlich lebhaft und interessirt, seiner Rede nicht achtend.
„Wo und mit wem?"
„Dem kleinen blonden Wicht und — Rodi?"
Sie wird wieder roth. So dumm! Ste bezwingt fich und sieht ihn fragend an.
Er beißt sich auf dte Lippen und fragt dann sarkastisch:
„Doch nicht was die Reinlichkeit anlangt?"
Sie zuckte nur verächtlich mit den Schultern, dann spricht sie laut, heiter:
„Nein, die Grübchen, daS blonde Haar, die Zähnchen, — dte Augen wie Sterne und die Faulheit, diese süße, entzückende Faulheit!"
Sie lacht, daß man ihre tadellosen Zähne bewundern kann und aus ihren großen, grauen Augen bricht es warm — innig — tief. Aber ihr Blick gleitet neben Leo vorüber in die Ferne. Sie tst verändert, wie verklärt, und dem bewundernden Manne scheint sie schöner, begehrenSwerther denn je. (Schluß folgt.)


