Feuilleton.
Verschiedene Ansrtierr.
KriegSbllder vou jetzt und damals.
Von Moritz von Berg, Verfasser der „Manenbrtefe".
(5. Fortsetzung.)
Wie war der wohlhäbige Bourgeois zu dieser reizenden Tochter gekommen?
Sie war nicht über Mittelgröße, ein rosa und weiß gestreiftes, nicht allzu langes Kleid ließ zwei reizende Füße in Stiefelchen mit hohen Absätzen erblicken und umschloß ihre schlanke Figur, deren feine Taille ein breites rosa Band enj umgab. Die cendre farbeoen Haare, welche aufgelöst in den Nacken herabhtngen, umrahmten ein liebliches Gesicht, von desien einzelnen Zügen man wenig sah, da man die Blicke nicht abwenden konnte von den großen blauen Augen, welche neckisch aus demselben herausschauten. Um den kleinen Mund spielte ein Lächeln, als sie sich liebkosend zu Mignon herabneigte, ihn jetzt aus den Arm nahm und in den BoSketS des Gartens verschwand.
Doch diese Augen verschwanden mir nicht, sie hatten eine Erinnerung in meinem Herzen erweckt. Waren eS nicht dieselben blauen Augen, die ich im theueren Antlitz geliebt hatte von Jugend an? Waren sie eS nicht, die aus dem lieblichen Gesicht deS französischen Mädchens mit demselben Ausdruck mir entgegenschauten?
Ein leises Scharren an der Thür weckte mich aus meinen Gedanken an eine unvergessene Zeit. Der alte Bapttste war eS, welcher auf mein „entrez* mit meinen gereinigten Kleidern auf dem Arme eintrat und überrascht war, mich auf zu fehen, da er mich noch soeben im tiefen Schlaf gefunden hatte.
Ein Blick aber auf die Uhr ließ mich erschrecken, eS war 8 Uhr vorüber, so lange hatte ich in den schönen Frühlings- morgen hineingeschlafen.
Baptiste fragte mich, ob ich daS Dejeuner auf dem Zimmer wünsche oder ob ich eS mit Monsieur en Familie einnehmen möchte. Der Zusatz en Familie bewog mich unbedingt zu dem letzteren, und da ich hörte, daß Monsieur bereits im petit salon sei, versprach ich, sofort zu kommen.
Die Toilette war bald gemacht. Die KriegSgarderobe hatte durch die eingetretene besiere Verbindung mit Berlin wieder der 616gance weichen müssen und die Räume der Packtaschen bargen alle-, was zur möglichsten Adontfirung dienen konnte.
Also schnell noch einen letzten Blick in den Spiegel und die Treppe hinab.
Auf dem mir wohlbekannten Treppenflur stand bereits, mich erwartend, der alte Baptiste, der mir, die Thür des FrühstückSsalonS öffnend, zuflüsterte, die Herrschaft wäre bereit- versammelt.
Und so war eS. Monsieur kam mir entgegen und nach den üblichen gegenseitigen Fragen, wie ich geruht, wie er geschlafen, die nach der Sitte deS Landes stets auf das allergenaueste gestellt und erwidert werden müssen, führte er mich um den gedeckten FrühstückStisch herum in ein an- stoßendes reizendes Boudoir, decorirt in Rosa und Weiß, wo Madame und Mademoiselle, leure fille, auf Sesseln in einer um ein Tischchen in der Fensternische arrangirten Gruppe sahen. Monsieur le baron de B. — Ma Femme et — Alice, so lautete die vorstellende Form, in der Monsieur le Serf uns bekannt machte. Der erste Eindruck entscheidet, ich nahm daher meine höchste Grazie zusammen, verbeugte mich vor den Damen und flüsterte in womöglich noch gefälligerer Form die Begrüßungsredensarten, welche ich am Abend vorher bereits an Monsieur gerichtet hatte. Auf die
Aufforderung zum Frühstück reichte ich Madame den Arm und erhielt am Tische zwischen den Ehegatten meinen Platz, mir vis-ä-vis saß Alice und nun in Wirklichkeit leuchteten die blauen Augen zu mir herüber.
Ich hatte nun Gelegenheit, mir die Damen etwas genauer anzusehen, zuerst die Madame selbst.
Sie war von zarter, mittelgroßer Figur, blond wie die Tochter, und wie solch blonde Frauen eS musterhaft verstehen, sehr gut conservirt, oder soll ich sagen restaurirt?
Die Augen waren unzweifelhaft dieselben wie die Alicens, nur fehlte der bezaubernde, kindliche und dabei halb träumerische Ausdruck darin, den deren Augen besaßen. Der Teint zeigte wohl noch etwas blanche de Pompadour, denn er war blendend weiß, Hände und Füße paßten zu der zierlichen Figur, enfin daS Ganze bot das Bild einer maman bien conservee et un peu nerveuse - sie schien gewöhnt an viele Aufmerksamkeiten der Herren, wurden ihr diese zu Theil, konnte sie sehr liebenswürdig sein und stets von angenehmer Form. Gekleidet war sie in ein Morgen- costüm von weißem Cachernir, daS ihr vorzüglich stand.
Alice bot mir mit lieblichem Lächeln die Chocolade- taffe, die sie am Nebentifche gefüllt, dann reichte sie eine solche der Mama und dem Vater. Wie sie eS aber machte, mit welcher Anmuth sie dieser kleinen Pflicht uachkam, daran berauschten sich meine entzückten Augen. Sie glich, als sie mit erhobenen Händen mit dem kleinen Präsentirbrett daher- kam, in ihrer Anmuth dem bekannten Bilde in der Dresdener Galerie, der petite chocolatidre. Genug, sie war die Lieblichkeit selbst und ihre Züge strahlten in jJugendlust und Fröhlichkeit.
Dann nahmen wir Platz und ich erzählte ihr, wie ich sie schon im Parke belauscht und wie ich mich ihres Ge- sangeS erfreut hatte. Lachend erwiderte sie, ihr Gesang hätte nur ein Attentat auf meine germanische Langschläferei sein sollen, sie begreife nicht, wie eS möglich wäre, in einen solchen Morgen hinein zu schlafen.
Nicht ohne Weiteres ließ ich ihr diesen Vorwurf hin- gehen, und so entspann sich zwischen unS ein launiges Ge- plänkel von Bonmots und komischen Repliquen, welches die Basis des Verhältnisses zwischen uns wurde und auf dem sich unsere Freundschaft in den beiden Tagen aufbaute.
(Fortsetzung folgt.)
Frankfurter Shraterbrirf.
(Originalbericht für den „Gießener Anzeiger".)
(Nachdruck verboten.)
Madame Segond-Weber. - Excelfior. - Der Fall Clemenceau.
vr. M. Der leicht geschürzten Muse, die mit kokettem Lächeln über die Abgründe deS Lebens hinwegtänzelte und eine gar liebliche Vertreterin an Madame Judic gefunden, ist hart auf dem Fuße die ernste, hochtragische Kunst gefolgt, interpretirt durch Madame Segond-Weber, eine Künstlerin, der wir Deutsche allenfalls unsere Clara Ziegler zur Seite stellen könnten. ES ist ungefähr daß gleiche Genre. Beide Schauspielerinnen athmen am freiesten in der Atmosphäre der Kothurnsprache, beide fühlen sich am heimischsten in der Verkörperung von Gestalten, welche über daS menschliche Durch- chnittSmaß hinauSragen. Der PathoSstil, wie ihn Rollen wie „Phädra" und „Chimene" bedingen, erfordert die breite, wuchtige Declamation. - Man kann sich kaum einen größeren Gegensatz in der Bühnensprechweise denken als er zwischen dem nervösen, vibrirenden Stil der Düse und jener Vortragsart, die sich an der Sprache der Tragiker aus der Epoche des „Sonnenkönigs" Ludwig XIV. geschult hat, tatsächlich besteht.
Denn wir unsere Reminiscenzen an die französische Literaturstunde auffrischen, fällt unß vielleicht ein, daß brr »Cid* CorneilleS den gelehrten Herren der Akademie gar nicht zusagte und daß Racine mit seiner „Phädra" beide» Zeitgenossen so wenig Glück hatte, daß er sich auf Jahre hinaus ganz von der Bühnenschriftstellerei zurückzog. Dann erfolgte aber ein Umschwung in der Meinung, daS geflügelte Wort „Beau comme le Cid!* kam auf und bald galten die beiden Schöpfungen, in welchen Madame Segond-Weber sich den Frankfurtern präsentirte, als die unantastbaren klassischen Werke der Franzosen, gegen deren Technik dann später Lessing seine kritischen Schlachten eröffnete. Bei uns ist die „Hamburger Dramaturgie" ein grundlegendes ästhetisches Buch, in gewissen Punkten noch heute ausschlaggebend in theatralischen Dingen, die Geschmacksrichtung der Franzose» hat sie so gut wie gar nicht beeinflußt, und wenn wir unS etwa einbilden, Corneille und Racine hätten sich auf de» Pariser Bühnen auSgelebt, so find wir im gründlichen Irr- thum befangen! Weshalb sollten sie auch?? ES ist ja ist Reich deS hohen Stils jenseits der Vogesen nichts, rein gar nichts erschienen, was die Hofpoeten Ludwigs deS vierzehnten mit Erfolg hätte ablösen können.
Die antikisirende Einfachheit von Corneille und Racine ist unß am Ende doch noch lieber alß der romantische Schwulst Victor Hugoß, der die neue Aera für die franzöfische Tragödie auch nicht heraufgeführt hat. Man greift also zu den Alten, weil nichtß Bessereß nachgekommen ist und man auch in Pariß zeitweise daß starke Bedürfniß empfindet, fich von den ewigen Sittenschilderungen und actuellen Problemen bei einer Kunst zu erholen, die über daß Alltagsleben hinaußweist. Und so lange sich Künstlerinnen wie Madame Segond- Weber für sie begeistern, ist wohl nicht zu befürchten, daß sie sobald auf den Aussterbeetat geräth!
Daß Manzotti'sche Ballet „Excelfior" war funkelnagelneu zur Zeit der großen electrischen Ausstellung, eß thut aber bei Nachmittagsvorstellungen zu ermäßigten Preisen noch immer seine Dienste und zieht solche heute inß Theater, bie sonst vielleicht gewohnt sind, in ihren Feierstunden minder- werthige Vergnügungßlocale aufzusuchen. Zudem ist „Gx- celsior" nicht nur Schaustück, eß gehört, wie schon der Name andeutet, zu der kleinen Zahl von Ballets mit br lehrenden Tendenzen. Die zwölf Bilder und die fie er- läuternde Textdichtnng von Adolf Stoltze führen uns die Fortschritte deß Menschengeschlecktß, den Sieg deß Lichts über die Dämonen der Finstemiß, in populärer Anschaulichkeit vor.
Bei dem Tode von Alexander Du maß fils hat eß sich wieder gezeigt, wie sehr die deutsche Schristwelt im Stande ist, sich in anders geartete Individualitäten hinein- zudenken und fremde Verdienste objectiv zu schätzen. Als Deutscher wäre Dumas lange nicht zu dem Ruhm gelangt, dessen er sich bei den Franzosen erfreuen durfte, denn daß Volk Schillerß und Götheß kann eine Dramatik, die nur bom Tage und für den Tag lebt, unmöglich so hoch stellen. Dumaß war ein geistreicher Kops, ein ungemein scharfer Logiker und auch ein Mensch von hohem Gerechtigkeitssinn. Diese Vorzüge lassen sich' auch im „Fall ClLmenceau" erkennen, mit dessen Aufführung die Franksurter Intendanz das Gedächtniß des dahingegangenen Schriftstellers ehrte. Nichtsdestoweniger ist das Sujet diese» auch alß Roman vorhandenen Dramaß peinlich und widerwärtig im höchsten Grade, und jener Witzbold hatte nicht so Unrecht, der, alß Oßcar Blumenthal sein Lessingtheater mit diesem Stück eröffnete, meinte: „Der Fall Giemenceau" gehöre zu den Dramen, welche Lessing für fein Theater nicht genommen haben würde, auch wenn man sie thm umionst harte geben wollen!
Mittwoch dkn 11. Derember,
Nachmittags 3 Uhr,
sollen auf dem hiesigen OrtSgericht die der ftarl Leib «hefrarr, Marie, geb. Löber in Gießen gehörigen Grundstücke: Flur 38 Nr 69 — 3644 qm M sc im
Wallpforter Feld, rechts der Chaussee aus die herrschaftlichen Wiesen,
Flur 39 Nr. 187'/,o — 6818 qm Acker links deS Wiesecker WegS und rechts der Chaussee,
Flur 89 Nr. 188°/,° — 18 qm Lacksted- höuScken daselbst,
öffenllich meistbietend versteigert werden. Gießen, den 19 November 1896.
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