1893
Mittwoch den 4. Deccmber
Zweites Blatt
Nr. 285
Amts- und Anzeiseblatt für den Areis Gieren.
Gratisbeilage: Gießener Aamikienökatter.
Alle «nnoncen-Bureaux deS In« und Ausländer nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für den hkgenden Tag erscheinenden Nummer dir vorm. 10 Uhr.
Die Gießener Jamitieaöläller werd« dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Der -ießener -nzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags
Bringcrlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.
Nedaction, Expedition und Druckerei:
-chnlstraße Ar.7.
Fernsprecher 51.
Kretzener Anzeiger
Kenerat-Mzeiger.
Zur Erinnerung an die Kämpfe bei Orleans, k^gvor nun fünfundzwanzig Jahren sind in den Tagen vom 2. bis 5. December im deutsch-französischen Kriege außerordentlich wichtige Entscheidungskämpfe geschlagen worden, welche zwar nicht so glänzend hervortraten wie die RuhmeS- tage der deutschen Heere bei Wörth, Sptchern, Gravelotte und Sedan, aber dennoch die große Bedeutung hatten, die ganzen bisherigen so ruhmreichen Erfolge der deutschen Waffen in Frankreich zu sichern.
Der glänzende Patriotismus der Franzosen und der glühende Feuereifer deS Dictator- Lson Gambetta hatte, obwohl die kaiserlich französischen Heere total zerschmettert worden waren und die letzten französischen großen Vertheidi- gungSplätze Paris und Metz von den deutschen Truppen in eiserner Umschließung gehalten wurden, dennoch den tollkühnen Plan auSgeführt. im Südwesten Frankreichs bei TourS und Orleans eine neue große Armee zu bilden und mit derselben die bedrängte Hauptstadt Paris zu befreien und den Feind zum Rückzüge zu zwingen.
Angesichts der coloflalen Niederlagen, welche die Franzosen erlitten hatten und welche die Bildung eines neuen Heeres erschweren mußten, hielt man anfänglich im deutschen Hauptquartier die Lage im Südwesten Frankreichs nicht für besonders bedrohlich, schickte aber im Oclober, als man erfahren hatte, daß sich französische Truppen bei Orleans sammelten, doch daS erste bayerische Armeecorps und die 22. preußische Division unter dem Oberbefehle des tapferen bayerischen Generals von der Tann nach Orleans. Der General von der Tann löste zunächst seine Aufgabe glänzend. Er schlug am 10. October die Franzosen bei Artenah und erstürmte am 11. October Orleans, wobei er allein 3000 Franzosen gefangen nahm. • Einige Wochen war nun dort kein Feind sichtbar. Aber aus einmal wuchsen neue französische Bataillone in jenen Gegenden förmlich aus der Erde. Der unermüdliche und in seinem Patriotismus geradezu fanatische Dictator Gambetta hatte durch glühende Reden wie durch furchtbar strenge und rücksichtslose Aushebungen bei TourS in fabelhaft kurzer Zeit ein neues Heer in der Stärke von 150000 Mann gesammelt. Diese große Loire- Armee marschirte unter dem Oberbefehle des Generals Aurelle de PaladineS direct gegen Orleans, griff mit fünffacher Ueber- macht die durch Strapazen und Krankheiten Überdies sehr geschwächten Truppen des Generals von der Tann bei koalmierS an und nöthigte sie Milte November zum Rück zuge. Orleans wurde nun das Hauptquartier der großen französischen Loire-Armee, welche schon am 27. November, angeseuert von dem damals siegestrunkenen Gambetta, ihren Vormarsch aus Paris begann. Die Situation erschien damals für die deutsche Sache sehr bedrohlich. Aber inzwischen war die seit dem 27. October durch die Uebergabe der Festung Metz frei gewordene zweite deutsche Armee unter dem Prinzen Friedrich Karl mit der Ausgabe betraut worden, die Franzosen im Westen zu schlagen und nach Orleans abmarschirt. Die «uS dem 3., 9. (zu welchem auch unsere hessische Division gehörte) und 10. ArmeecorpS bestehende Armee deS Prinzen Friedrich Karl vereinigte sich m«t der zurückgedrängten Armee- abtheilung deS Generals v. d. Tann, über welche damals der Großherzog von Mccklenburg, der mit den Mecklenburgern dem General von der Tann bereits zu Hülfe gekommen war, den Oberbefehl hatte, und nun gelang eS zunächst am 28. November in dem Gefechte bei Beaune la Rolande, die Franzosen in ihrem Vormarsche auf Paris aufzuhalten. Am 2. December begannen bann die blutigen Entscheidungskämpfe bei Orleans, wo besonders der Tag von Loignh die bewährte Tapferkeit der vereinigten deutschen Truppen im glänzenden Lichte zeigte und die Mecklenburger sich mit den Preußen unvergängliche Lorbeeren errangen. In blutigen Kämpfen am 3 und 4. December wurden die Franzosen dann auf Orleans zurückgeworfen und am 5. December selbst durch die Truppen des Großherzogs von Mecklenburg Orleans erobert. Dadurch war die Loire-Armee der Franzosen vollständig geschlagen und eine große Gefahr von der deutschen KriegssUhrung abgewendet.
Deutscher Reich.
Darmstadt, 2. December. Wie der „Darmst. Ztg." aus ZarSkoje Selo telegraphisch gemeldet wird, statteten Ihre Köntgl. Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin gestern Nachmittag bei Ihrer Majestät der Kaiserin- Mutter in Gatschina Besuch ab.
Berlin, 2. December. Der Kaiser zeichnete das am Samstag stattgefundene Diner des OsfiziercorpS deS Lehr- Jnfanterie-BataillonS in Potsdam durch feine Gegenwart
ouS. Der Monarch hielt hierbei in Erwiderung der Begrüßungsansprache des Lehr-BataillonS-CommandeurS Oberst- Lieutenants v. Uslar eine längere Ansprache, in der er namentlich der glänzenden Leistungen der Württemberger in der Schlacht bei V-llierS gedachte. Der erlauchte Redner schloß mit einem Hoch aus die „tapferen württembergischen Kameraden".
— Der erfolgte Wiederzusammentritt des Reichstages lenkt erneut das Interesse der Partei-Zusammensetzung deS Hauses zu. Die einzelnen Fractionen erscheinen zu Beginn der neuen Session in folgender Stärke im Reichstage, wobei die Ergebniffe bei seit Schluß der letzten ReichStagSsesfion brfinitiv vollzogenen Ersatzwahlen mit berücksichtigt sind: Conservative 60, Reichspartei 28, Reformpartei (Antisemiten) 14, Centrum 100, Polen 19, Nationalliberale 47, freisinnige Vereinigung 15, freisinnige Volkspartei 24, süddeutsche BolkSpartei 13, Soctaldemokraten 47 Mitglieder, außerdem gibt eS 26 fractionSlose Abgeordnete. Erledigt sind augenblicklich die Mandate für Halle-Hersord, für die Stadt Köln, für Metz und für Diedenhofen. Wie sich diese verschiedenen Fractionen und Fractiönchen bet der Präsidentenwahl verhalten werden, bleibt noch abzuwarten.
— Die polizeiliche Schließung der meisten Organisationen, welche die in Berlin ihren Sitz habende socialdemokratische Parteileitung bilden, scheint nur daS Vorspiel zu einer größeren Action in Preußen gegen die Socialdemokratie zu sein. Denn es ist bereits im Zusammenhänge mit der erwähnten Maßnahme ein gerichtliches Verfahren gegen eine Anzahl der hervorragendstin Berliner „Genoffen" angekündtgt worden, bei den meisten der be- treffenden Persönlichkeiten fanden bereits Haussuchungen unter Beschlagnahme von Papieren, Correspondenzen u. s. w. statt. Die erfolgte Schließung resp. Auflösung der osficiellen social- demokratischen Parteiorganisationen ist auf Grund von § 8 des preußischen Vereinsgesetzes vorgenommen worden und zwar hauptsächlich der Bestimmung unter b, welche die Verbindung von politischen Vereinigungen mit anderen Vereinen gleicher Art namentlich durch Ausschüffe, Centralorgaue, gegenseitige Correspondenzen usw. verbietet. Zunächst handelt eS sich bei dem Vorgehen der Berliner Polizei nur um eine vorläufige Maßregel, das Weitere hängt von der richterlichen Entscheidung ab. Sollte dieselbe aber im Sinne des polizeilichen Vorstoßes auSfallen, so wäre hiermit daS Signal zu einem hartnäckigen Kampfe zwischen Regierung und Socialdemokratie gegeben, der in seinem Weitergange unmöglich auf Preußen beschränkt bleiben könnte. Seitens des social- demokratischen Parteivorstandes liegt bereits eine Erklärung vor, wonach in Folge der von der Polizei veranlaßten einstweiligen Einstellung seiner Thätigkeit die Parteileitung provisorisch auf die socialdemokratische ReichstagSfraction, als die erwählte Parteivertretung, Übergeht.
Der Krieg von 1870|71, zeschildert durch Ausschnitte «u6 ZeitungS-Nummern jener Zeit- (Nachdruck verboten.)
4. December.
Die deutsche Einheit schreitet vorwärts. Badrn und Darmstadt find in den Deutschen Bund eingetreten, Württembergs Minister werden in den nächsten Tagen den Vertrag in Berlin unterzeichnen, und auch Bayern tritt in den Bund. Die militärischen Verhältniffe zwischen Bayern und dem norddeutschen Bund sind durch ein Separat Abkommen dahin geregelt, daß die Artikel 63 und 64 der norddeutschen Bersaffung auf Bayern keine Anwendung finden, so daß Bayerns Heer völlig selbstständig bleibt.
Nach zweitägiger Schlacht der 2. und der mecklenburgischen Armee hat heute das Corps Manstein die Vorstadt St. Jean und den Bahnhof der Stadt Orleans genommen. Der Feind verlor 30 Geschütze und übte 1000 Gefangene- diesseitiger Verlust mäßig, die Brigade Wrangel verlor am meisten.
Cocafcs und proVinzielle-.
-e. Neu - Ulrichstein , 1. December. Monatsbericht der Arbeiter-Colonie pro November 1895. Ende November 1895 sind in der Colonie stellen-, resp. arbeitslos 102 Mann. Dieselben Vertheilen sich auf das Groß- herzogthum Hessen 30- Königreich Preußen: Regierungsbezirk Kassel 10, Regierungsbezirk Wiesbaden 9, Provinz Rheinlande 14, Provinz Westfalen 4, Provinz Hannover 3, Provinz Sachsen 2, Provinz Brandenburg 2, Provinz Schlesien 5, Provinz Posen 3, Provinz Ostpreußen 2, Provinz Pommern 1;
Königreich Bayern 3, Königreich Sachsen 3, ^Königreich Württemberg 1 - Großherzogthum Baden 1 - Thüringische Staaten 3- Freie Städte: Hamburg 1, Bremen 2- Ausland: Nieder Oesterreich 1, Böhmen 2. Hiervon waren: Arbeiter 57, Bäcker 6, Bildhauer (Holz) 1, Buchbinder 2, Former 1, Gärtner 3, Kaufmann 1, Kellner 1, Kürschner 1, Kupferschmiede 1, Küfer 1, Landwirthe 1, Maurer 5, Maler 2, Messerschmiede 1, Schuhmacher 3, Schneider 2, Steindrucker 1 , Steinhauer 1 , Stellmacher 1 , Tapezierer 2, Tischler 4, Töpfer 1, Tuchscheerer 1, We-ßbinder 1, Zimmermann 1. Gearbeitet wurde an 2180 Tagen. Verpflegt hat die Colonie an 2449 Tagen. Im Monat November 1895 wurden entlassen 9 Mann, und zwar in Stellung durch die Colonie 1, auf eigenen Wunsch 4, in die Familie zurück 3, eigenmächtiges Verlassen der Arbeitsstelle 1. Seit Bestehen der Colonie sind ausgenommen worden im Ganzen 2960, dagegen abgegangen im Ganzen 2862 Mann, bleibt Bestand am 30. November 1895: 102 Mann.
Darmstadt, 3. December. Zur Erinnerung an den 9. December 1870, dem Jahrestage der für unsre hessischen Truppen ewig denkwürdigen Erstürmung des Schlosses Cham- bord, findet neben der von dem 4. Großh. Hess. Inf. Regiment Nr. 118 in Mainz geplanten Chambo rd fe ier eine speciell von den ehemaligen Angehörigen der 8. Compagnie dieses Regiments zu Ehren ihres verstorbenen früheren Hauptmanns Kattrein veranstaltete Feier in Darmstadt am Sonntag den 8. December statt. Dieselbe besteht, wie bereits früher mitgetheilt, in einer auf 11 Uhr Vormittags festgesetzten Schmückung der Gräber des Hauptmanns Kattrein und des Lieutenants Neßling, sowie einer tarauf folgenden kameradschaftlichen Vereinigung der Festtheilnehmer in dem weißen Saale der „Stadt Pfungstadt". — Zu dieser Feier ist auch bte Herausgabe einer mit dem Porträt des Hauptmanns Kaitretn und zwei Ansichten von Schloß Chambord geschmückten, sowie mit einem genauen SituationSplan versehenen Denkschrift geplant, welche auf Grund authentischen Materials und nach den Berichten von Augenzeugen verfaßt ist, und eine möglichst umfassende und genaue Darstellung jenes Vorganges enthält. Da der Reinertrag aus dem Verkauf dieses SchriftchenS, dessen Preis 30 Pfennig beträgt, zur Unterstützung bedürftiger, Theilnehmer an der Erstürmung von Chambord bestimmt ist, so machen wir jetzt schon unsre Leser auf daS In den nächsten Tagen erscheinende Schriftchen aufmerksam. Bestellungen auf dasselbe nimmt die Buchdruckerei von H. C. Kunze in Darmstadt entgegen.
A Mainz, 4. December. Eine gestern stattgehabte Versammlung der Brauergehilfen beschloß auch hier in die Lohnbewegung einzutreten. Es wird von den Gehülfen ein wöchentlicher Minimallohn von Mk. 24, zehnstündige Arbeitszeit und Logiren außerhalb der Brauerei verlangt. — Die von der Regierung erlassene Verordnung, welche für Viehhöfeim Großherzogthum Hessen eine sieben- tägige Quarantäne verhängt, hat heute auf dem hiesigen Vlehhos zum ersten Mal ihre Wirkung gezeigt, und zwar in einer sehr drastischen Weise. Es war nämlich nicht ein einziges Stück zugetrieben, und auch keinerlei Käufer vorhanden. Die Metzger, wie die Viehhändler hatten sich sämmtlich nach Wiesbaden begeben, wo ein sehr belebter Viehmarkt stattfand. Die hiesigen Behörden haben zur Aushebung der Verordnung, die von den Jutereffenten als vollständlg undurchführbar bezeichnet wird, bet dem Ministerium schleunigste Schritte gethan und soll dieselbe auch zurückgenommen werden. Die Zurücknahme soll indeß, wie verlautet, nur vorübergehend sein, indem bei der preußischen Regierung Schritte geschehen, eine gleiche Verordnung such für bte benachbarten preußischen Viehhöfe zu erlaffen, wodurch die Viehhändler genötigt würden, den hiesigen Viehmarkt wieder aufzusuchen.
Verrutschte»
* eine Preisfrage! Die Passanten der Landstraße von Schwegenheim nach Speyer erfreut fett Jahren ein höchst origineller Wegweiser. An der Kreuzung der Landstraße mit der Verbindungsstraße Dudenhofen Berghausen wird man nämlich durch eine dort angebrachte und nachstehend wiedergegebene Tafel „orientirt":
Nach Dudenhofen
"BUE
Nach Berghausen
Wo gehtS also jetzt nach Dudenhofen und nach Berghausen?


