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Samstag den 4. Mai
Nr. 104
Erstes Blatt
1893
Hratisöeitage: Hießener Kamikienötätter.
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Aus den Verhandlungen der Zweiten Kammer der hesfischen Stände.
nn. Darmstadt, 2. Mai 1895.
Die Sitzung wird um 9 Uhr eröffnet. Als erster Punkt der Tagesordnung steht die Vorlage der Regierung, die Zuschüsse aus staatlichen Mitteln zu den Kosten der erweiterten Volksschulen betr. Dem von der Zweiten Kammer s. Z. gestellten Ersuchen und den Anträgen der Abgg. Erk und Graf Ortola ist die Regierung nunmehr durch eine Vorlage entgegengekommen, in der sie an die Zweite Kammer das Ansinnen stellt, die Zustimmung zu erthetlen, daß an den dermalen bestehenden 22 erweiterten Volksschulen und zwar mit Wirkung vom 1. April 1895 an 1) zum Zweck der Gleichstellung der an ihnen verwendeten akademisch gebildeten nach Abzug von zwei Lehrern für die Dieburger Anstalt, zur Zeit an Zahl 27 Lehrer, mit den gleichalterigen Lehrern derselben Kategorie an den staatlichen höheren Lehranstalten über die von den betreffenden Anstalts' bezw. Gemeindekaffen zu leistenden Minimal- beträge von 1700 Mk. bei provisorischer Verwendung und 2000 Mk. bei definitiver Anstellung hinaus die erforderlichen Zuschüsse auö staatlichen Mitteln gewährt werden, jedoch mit der Einschränkung, daß ein Höchstbetrag des Gehaltes von 3750 Mk. nicht überschritten werden darf, 2) daß der zur Durchführung dieser Gehaltsregulirung erforderliche Mehrbedarf, der etwa 10,000 Mk. beträgt, auch damit sich einverstanden zu erklären, daß 3) in denjenigen Orten, in welchen die Lehrer und Lehrerinnen an den Volksschulen der zu Lasten des Hauptvoranschlags verwilltgten Fonds Dienst- alterSzulagen erhalten, bezüglich der seminaristisch gebildeten Lehrer und Lehrerinnen an den auf Grund von Artikel 18 des DolkSschulgesetzeS vom 14. Juni 1874 errichteten weiteren Volksschulen daS nämliche Verfahren gehalten werde.
Der Ausschuß beantragt, dem Ansinnen der Regierung die Zustimmung zu ertheilen.
Abg. Bergsträßer als Berichterstatter erläutert den Standpunkt des AuSschuffeS in dieser Frage. Der Antrag Erk und Graf Oriola sowie der der Abgg. Breimer und Haas würde der Regierung zu große, mit jedem Jahre steigernde Opfer auferlegen, die vorerst noch nicht mit der Finanzlage des Landes in Einklang zu bringen seien. Der Ausschuß sei daher der Meinung, daß daS, was die Regierung Vorschläge, einstimmig angenommen werden und nicht darüber hinausgegangen werden solle.
Graf Ortola erklärt, daß er die Bedenken des Finanz- AuSschuffes nicht theile. Die erweiterten Volksschulen hätten doch die Aufgabe, für ausreichende Bildung der ländlichen
I Bewohner zu sorgen. Er sei überzeugt von der Nützlichkeit dieser Schulen und eS wäre daher bedauerlich, wenn hier I nicht geholfen würde. Man gibt dem Landwirth immer den Rath, mit mehr Kenntniffen zu arbeiten. Dann müffe man aber auch dem Landwirth entsprechend geleitete Schulen geben. Er beantragt: Die Regierung übernimmt die Gehalte der ersten akademischen Lehrer, welche über 1000 Mk. betragen, auf Staatskosten.
Geh. Oberschulrath Sold an erwiedert, der Antrag des Grafen Oriola gehe davon aus, die Gemeinden zu entlasten. Darauf könne die Regierung nicht eingehen. Die Regierungsvorlage sei in gleichem Sinne, insbesondere aber im Jntereffe der Schule und Gemeinden, festgestellt.
Abg. Erk erklärt, man habe es im ganzen Lande nicht verstehen können, daß die Regierung bet dieser Vorlage einen Standpunkt eingenommen habe, der sich weit unter dem bewege, was die Kammer im vorigen Jahre gewünscht habe. Es sei doch nur ein Act der Parität, daß die auf dem Lande wirkenden akademisch gebildeten Lehrer mit denen der Städte gleichgestellt würden.
Oberschulrath Sold an: Falls dieser Wunsch durchgeführt, werde dies eine Belastung der Staatskaffe von 78,000 Mk. bedeuten. Eine solche Belastung der Staatskasse könne die Regierung nicht gutheißen und würde auch den Schulen nicht helfen. Durch den Antrag würden zwei Kategorien von Lehrern gebildet, akademisch und seminaristisch gebildete. Dadurch würde ein Riß ins Lehrercollegium hinein■ gebracht, der für die Schule verderblich sei. Die Vorlage der Regierung bezwecke, daS ganze Lehrerpersonal an die Anstalt zu fesseln und nur dadurch werde Harmonie in daS Lehrercollegium gebracht. Er bittet die Kammer, die Regierungsvorlage anzunehmen.
Die Abgg. Breimer und Pfannstiel find für den Antrag des Grafen Oriola.
Abg. Haas glaubt, daß man mit der Abschlagszahlung der Regierung einverstanden sein könne. Sympathisch scheine ihm auch der Antrag deS Grafen Oriola, der den Gemeinden kräftig unter die Arme greife. Er stellt den Antrag, die Kosten aller akademisch gebildeten Lehrer auf die Staatskasse zu übernehmen unb begründet denselben.
Abg. Schröder dankt der Regierung für die Vorlage, welche berechtigten und lange gehegten Wünschen entspreche. Sie sei zu einer Sicherstellung der Schulen und zur Entlastung der Gemeinden herbeigeführt worden. Um rasch den betreffenden Schulen zu helfen, dürfe man nicht weiter gehen, um das Zustandekommen der Vorlage zu sichern. Im entgegengesetzten Fall sei es dann nicht unwahrscheinlich, daß
die Regierung und die Erste Kammer nicht daraus eingehe. Dann habe man gar nichts.
Abg. Friedrich erklärt, eS sei ja anzuerkennen, daß die Regierung auf den Antrag deS Abg. Haas angegangen sei. Für seine Person hätte er aber gewünscht, daß dieser Gegenstand nach der Richtung hin entschieden würde, wie eS auch erst Absicht des Antrags Haas war: die Ucbernahme sämmtlicher Gehalte der akademisch gebildeten Lehrer auf die Staatskasse. Die Geldfrage dürfe hier nicht hcretu- gezogen werden. Wenn man solche Verwilligungen, wie in der allerletzten Zeit, macht, so dürfe man wegen 70,000 Mk. nicht geizen. Das würde man im Lande nicht verstehen.
Abg. Heidenreich ist ebenfalls für den Antrag Oriola.
Staatsminister Finger erklärt feine Zustimmung zu diesem Antrag ohne die Berathung im Staatsministerium nicht geben zu können. Mtt dem von dem Abg. Haas soeben gestellten Antrag könne er sich jedoch einverstanden erklären.
Abg. Graf Oriola bedauert den Standpunkt der Regierung, da es sich hier nur um eine Ausgabe von 21000 Mk. handele. Bei der Abstimmung wird.der Antrag des AuS- fchuffes, der die RegierungS-Vorlage empfiehlt, angenommen, der Antrag deS Grafen Oriola gegen 3 Stimmen abgelehnt. Ein weiterer Antrag des Abg. HaaS, die Regierung zu ersuchen, die Kosten sämmtlicher ersten akademisch gebildeten Lehrer an den erweiterten Schulen auf den Staat zu übernehmen, wird ebenfalls angenommen.
Der weitere Punkt der Tagesordnung betrifft die Vorlage der Regierung, den Gesetz-Entwurf die Bildung von Schulvorständen betr.
Die Regierung will die Zahl der Oberlehrer, welche Mitglieder deS Schulvorstandes sein sollen, auf höchstens vier normirt haben, so daß in Gemeinden von mehr als 10000 Seelen diese 2/s der von der Gemeindevertretung gewählte» ausmachen werden. Die Majorität deS Ausschusses war der Meinung, die Bestimmungen deS Volksschulgesetzes unberührt zu Icflea, im Uebrigen die Zuziehung auch der nicht stimmberechtigten Oberlehrer zu empfehlen. Nach lebhafter Debatte, an der sich die Abgg. Schmitt, Bergsträßer, Dr. Schroeder u. A. betheiligen, wird der Antrag des AusschuffeS gegen 2 Stimmen angenommen.
Bezüglich der Vorlage der Regierung, die Anstellung von Schulamtsaspiranten, bezw. Volksschullehrern an den Gefangenenanstalten betr., beschließt die Kammer dem Ausschuß-Antrag gemäß.
Eine Eingabe von 30 VolkSfchullehrern in Pension um Erhöhung ihres Ruhegehaltes gibt zu längerer Debatte Ber- anlaflung. Der Ausschuß hat beantragt, dem Gesuch keine Folge zu geben.
Feuilleton.
Zllm Gkdächtniß Glliisv Freytszs.
(Nachdruck verboten.)
Dr. M. Mit dem Tode Gustav FreytagS ist ein Capitel tn der deutschen Literaturgeschichte zu seinem defini« ttven Abschluß gelangt. Dieses Capitel umfaßt die letzten Nachklänge jener stürmischen Mahn- und Protestpoefie, der daS „junge Deutschland" seine Kräfte weihte, und betritt zugleich daS Land, das sich jenseits dieser brandenden See erhebt, auf welcher die Saat der Zukunft gedeihen sollte. Ein treuer, sorgfältiger Säemann, steht Gustav Freytag in der deutschen Schriftwelt da, als ein Manu, welcher den Boden, den er bebaute, ganz genau kannte und ihm keine andere Frucht abgewinnen wollte als die, für welche seine Natur sich eignete.
Wenn er in feinen Jugenddramen „Die Valentine" und „Graf Waldemar", zwei Stücke übrigens, die in ihrem geschickten Aufbau den späteren Autor der „Technik des DramaS" keineswegs desavouieren, der Richtung der vierziger Jahre den schuldigen Tribut gezollt, so sehen wir ihn in den ^Journalisten", mit welchen er die an guten Lustspielen so atme deutsche Bühnenlitteratur um eins der gelungensten und humorvollsten bereicherte, den Ton anschlagen, der zu seinem Wesen am besten paßte: den Ton deutscher Ge° müthlichkeit. Gustav Freytag ist nicht nur ein gemüth- voller, er ist auch ein gemüthlicher Schriftsteller, der sich auf das versteht, was Jean Paul einmal das „Vollglück in der Beschränkung" genannt hat.
Menschen, die einen engen DaseinskreiS ausfüllen unb von den Pflichten und Jntereffen desselben ganz durchdrungen find, gelingen Gustav Freytag sowohl im Drama wie tm
Roman am besten. Dieser gesunde, starke Sinn für in sich | begrenztes Bürgerthum und Bürgerglück ist eß, was die | Freytag'sche Poesie in wohlthuenden Gegensatz zu jener Litteratur bringt, die vor ihr marktschreierische Losungsworte auSgetheilt und über dem großen Programm nur zu oft die Möglichkeit der LebenSwahrheit preisgegeben hatte. Lange genug hatte sich der deutsche Geist in der Fremde umher- getrieben und war von einem Idol zum andern geirrt. Nun galt es die Heimkehr aus dem Reich der Illusionen und Utopien, und diese Heimkehr, diese Einkehr in die deutsche Wirklichkeit hat Gustav Freytag mit seinen Schriften um ein Wesentliches gefördert. An Stelle eines zerfahrenen Kosmopolitismus tritt bei dem Dichter der „Ahnen" wieder mit aller Macht der nationale Gedanke, und dieser war es auch, den die Generation von fünfzig brauchte. In der Vorrede zu dem Roman „Soll und Haben" sagt Freytag, er wolle durch ihn das deutsche Volk aus seiner Muthlofigkeit aufrichten. Trösten und aufrichten kann man aber bekanntlich nicht mit schönen Redensarten und teeren Phrasen, sondern nur so, daß man den Blick auf Thatsachen, auf ein Festes, Wirkt ches lenkt. „Laß mich sehen, damit ich glaube". Und das eben that Freytag, indem er in seinen beiden großen Romanen, „Soll und Haben" und „Die verlorene Handschrift" dem Leser ein Bild der inneren Tüchtigkeit jener Kreise vorführte, welche der Roman bisher wenig beachtet hatte. Figuren und Verhällnisse, die sonst nur zum Füllen unb Beleben des Hintergrundes verwendet worden waren, rückten auf einmal in den Mittelpunkt des epischen Gemäldes. Der Roman, welcher das Volk bei der Arbeit suchte und fand, verdrängte jenen Roman, welcher die Menschen nur des Salons schilderte. Werden wir in „Soll und Haben" mit der Arbeit des Kaufmanns in Comptoir und
I Waarenlager bekannt gemacht, so erschließt „Die verlorene Handschrift" uns das Getriebe, die inneren unb äußeren 1
Bedingungen des deutschen Gelehrtenstandes, die Verhältniffe einer Universitätsstadt.
Wer wie Gustav Freytag einen so offenen, freien Blick für die Entwickelungsgeschichte der Bolksorganismen besaß, dem konnte eS auch sehr gleichgiltig sein, daß von den Kreisen, von denen er Anfangs selbst seinen AuSgang genommen, um sich bann innerlich von ihnen zu befreien, sein Verlaffea der jungdeutschen Ideale als Fahnenflucht verschrieen wurde. Man kann Ideale haben, ohne daß man sie in grauer Vergangenheit ober hämmernder Zukunft sucht. DaS eine thun die Romantiker, daS andere die revolutionären Schwärmer. Weder zu den einen, noch zu den anderen zählte Gustav Freytag. Er war der Mann der Gegenwart, er verstand sich auf die Zeitphysiognomie, und seine Werke haben dem Realismus in der Litteratur die Bahn frei gelegt. Wie sehr er in ständiger unmittelbarer Fühlung blieb mit den geistigen Bestrebungen der Gegenwart, wie er sich fort unb fort um» rauschen ließ von dem Strom moderner Lltteraturerscheinungen, daS beweist das Urtheil, welches er — nicht etwa nur so beiläufig, sondern m lauter Oeffentlichkeit — zu Gunsten seines jungen schlesischen Landsmanns Gerhart Hauptmann und seiner Werke abgegeben hat.
Gustav Freytag hat sein Leben über die vom Psalmisten gesetzte Grenze hlnauSgedracht, aber eigentlich alt ist er nicht geworden, denn sein Herz bewahrte sich jene Jugend, die aus dem Mitfühlen und Mitverstehen der Jungen erblüht, und sein Geist war zu groß, um sich beengt ober verbrängt zu glauben, wenn auch Anbere kamen, um mit ihren Mitteln das Land neu zu bestellen, welches er zuerst entdeckt hat.
Mit Gustav Freytag geht wieder Einer von den Wenigen schlafen, die nicht nur durch eigenes Schaffen groß find, sondern auch dadurch, daß sie am Ruhm unb Wettbewerb einer späteren Generation sich neiblos freuen können.


