Ausgabe 
4.1.1895 Erstes Blatt
 
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Nr. 3

Der gttftener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener Aamitienvtälter werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal brigelegt.

Erstes Blatt. Freitag den 4. Januar

1895

Meßener Anzeiger

Kenerat-Z^nzeiger.

Vierteljähriger ASounementspreirr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringcrlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.

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2lmtlid?er TheiL.

Bekanntmachung.

Herr Landwirthschaftslehrer Leitbiger von Alsfeld wird Sonntag den IL.Januar 1895,Nachmittags 2 Uhr, zu Queckborn in der Wirthschaft des Herrn Wtlh. Heßler über richtige Bewirthschaftung des Bauerngutes einen Vortrag halten.

Zu diesem Vortrage werden alle Mitglieder des land- wirthschaftlichen Vereins, sowie alle Freunde der Landwirth- schaft freundlichst eingeladen.

Die Herren Bürgermeister der oben genannten und be­nachbarten Gemeinden werden ergebenst ersucht, auf möglichst zahlreichen Besuch der Versammlung hiuzuwirken.

Gießen, den 3. Januar 1895.

Der Dtrecror des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen: Carl Jost.

Gießen, 3. Januar 1895.

Betr.: Die Aufnahme der taubstummen Kinder in die Taubstummen-Anstalten des Landes.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

au die Ortsschulvorftände des Kreises.

Unter Bezugnahme auf unser Ausschreiben vom 7. Sep­tember 1857 sehen wir Ihren Berichten darüber entgegen, ob in Ihren Gemeinden taubstumme Kinder vorhanden sind, welche daß zur Aufnahme in eine Taubstummen-Anstalt er­forderliche Alter erreicht haben. Die Kinder müsien das 8. Lebensjahr erreicht, dürfen aber das 12. Lebensjahr noch nicht zurückgelegt haben. Sollten sich aufnahmsfähige taub­stumme Kinder in Ihren Gemeinden vorfinden, dann wollen Sie sich über die Verhältnisse der Eltern der Kinder aus­führlich äußern und sich hierbei des nachfolgend abgedruckten Formulars, desien einzelne Rubriken sorgfältig auszufüllen sind, bedienen.

v. Gagern.

Namen

K der

q Taub-

stummen.

1. 2

E

3 4 5. 6

Namen der Eltern und ihre Beschäftigung.

7.

Bei der Geburt war alt

** 35

8.

Wieviel Geschwister

am Leben gestorben

I

Veranlassung der Taubheit

taub

« geworden

11. | 12.

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Umfang der

Taubheit

Unter­richtet

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14. 15. 16.

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17. 18.

Deutsches Reich.

Berlin, 2. Januar. Der Jahreswechsel hat auch diesmal an verschiedenen Brennpunkten der europäischen Politik die üblichen Neujahrsansprachen gezeitigt. Indessen ist in denselben, soweit sich die Meldungen hiervon übersehen lassen, weniger von der allgemeinen Lage die Rede gewesen, als vielmehr von den inneren Verhältnifien der betreffenden Länder, wie dies namentlich von den Kund­gebungen anläßlich der officiellen Neujahrsempfänge am italienischen Hofe und in Budapest gelten darf. Die

internationalen Beziehungen scheinen eben nur bei den Wechsel­reden zwischen dem Präsidenten der französischen Republik und dem päpstlichen Nuntius berührt worden zu sein. Letzterer betonte in seiner Ansprache, daß, wie oft auch die Interessen der Nationen auseinandergingen, es doch ein höheres Jntereffe gebe, welches die Völker im Gefühle der Brüderlichkeit vereine, das Jntereffe des Friedens und der Gerechtigkeit. Die Erwiderung des Herrn Casimir Perier war in ähnlichem Sinne gehalten und hob die Friedens­liebe und den Wunsch Frankreichs hervor, sich gleich den übrigen Nationen ganz den Werken der Freiheit, Gerechtig­

keit und socialen Brüderlichkeit zu widmen. Jedenfalls spricht gerade der Umstand, daß in den diesmaligen politischen Neu­jahrskundgebungen die internationale Lage weniger gestreift worden ist, als bei gleichen früheren Anlässen, dasür, wie sehr man allseitig in den maßgebenden Kreisen den euro­päischen Frieden sür gesichert hält.

Unter den commandirenden Generälen, welche sich an der Neujahrscour am Berliner Hofe betheiligt hatten, befanden sich auch die Prinzen Georg von Sachsen und Arnulf von Bayern. Während aber Prinz Georg bereits am Nachmittage des Neujahrsfestes wieder in Dresden eintraf, verweilte der bayerische Prinz noch bis Donnerstag als Gast am kaiserlichen Hofe, welcher lange Besuch des Prinzen Arnulf offenbar für das aus­gezeichnete Verhältntß zwischen den Höfen von Berlin und München spricht.

Die vielverbretteten Gerüchte über Verstim­mungen zwischen Kaiser Wilhelm und dem König Wilhelm von Württemberg gelegentlich des Manöver- Besuches des letzteren in Ostpreußen sind von Niemand Geringerem als dem württembergrschen Herrscher selbst dementirt worden. Kömg Wilhelm empfing kürzlich einen hohen Staatsbeamten und bezeichnete der Monarch hierbei, wie bestimmt verlautet, die betreffenden Gerüchte als voll­ständig erfunden, den Wunsch hinzufügend, es möge dieser Sachverhalt in den weitesten Kreisen bekannt werden.

Neueste Nnchvichten.

WolffS telegraphische« Lorrespondmz-Bureau.

Berlin, 2. Januar. DerReichsanzeiger" veröffent- licht einest Erlaß des Finanzministers über die Veranlagung der staatlichest Gewerbebetriebe zur communalen Gewerbesteuer.

Wien, 2. Januar. In Arco wurde das Testament des Exkönigs Franz II. von Neapel eröffnet. Die Ver­lesung dauerte drei Stunden. Erzherzog Rainer übernahm die Stelle des Testamentsexecutors, welche Erzherzog Albrecht mit Rücksicht auf sein hohes Alter abgelehnt hatte. Uni­versalerbe ist der Graf von Caserta (Stiefbruder des Ver­storbenen aus des Vaters zweiter Ehe mit einer österreichischen Erzherzogin). Das Gesammtvermögen beträgt mehrere Millionen. Die Wittwe hat die Nutznießung von einent großen Theile der Erbschaft. Die Legate betragen 880,000 Fr. zu wohlthätigen Zwecken in Neapel und Palermo- es find die dortigen Cardinäle mit der Verthetlung betraut. Außer­dem enthält das Testament bedeutende Vermächtnisse an Ver­wandte und Diener.

Feuilleton.

Frankfurter Theaterbries.

(Originalbericht für dmGießmer Anzeiger".) (Nachdruck verboten.)

Das Schlierfeer Bauerntheater. Das tapfere Schueiderleiu. Wie die Alten fnugeu."

Dr. M. Um die Weihnachtszeit herum war das Quartier der gastirenden Schlierseer Bauern die Gegend zwischen Rhein und Main. Von Darmstadt gings nach Frankfurt, von da nach Wiesbaden, und Gießen macht gegenwärtig die Bekannt­schaft dieser Wandertruppe, welche unter der vorzüglichen Leitung des Münchener Regisseurs Konrad Dreher kunst- bühnensähtg geworden ist und bet dem Herumziehen von Theater zu Theater doch keineswegs den Zusammenhang mit dem heimathlichen Boden eingebüßt hat. Das Talent der Schlierseer hat seine Wurzeln in der weiten und doch auch engen Gebirgswelt, in welcher sich die Fäden ihres Daseins abspinnen. Diese Welt ist uns schon lange zugänglich ge- macht durch den Dorfroman, die Dorfnovelle und die vielen gemütlichen Kalendergeschichten, die z. B. derLahrerHinkende" seinem Publikum mit besonderer Vorliebe zu bieten pflegt. Aber von Jeremias Gotthelf an, dem Vater der Dorfgeschichte, bis auf Anzengruber, den genialsten Erfaffer und Verarbeiter dieses Gebiets, ist es doch immer eine zweite und besonders geartete Individualität, die sich zwischen Stoff und Publikum einschiebt. Diese Mittelsperson fällt nun beim Schlierseer Bauerntheater fort. Die Gestalten des dörflichen Melodrams, gleichviel ob dieses nun aus der Feder Gang- hofer's, Schmid's oder anderer Kenner bäurischen Lebens geflossen ist, werden nicht durch Berufsmimen, sondern durch die Originale und Modelle selbst verkörpert, und darin ruht der Erfolg dieses Ensembles. Die Schlierseerschauspielern" nicht, sie geben sich selbst, und die Stücke, die sie auf ihrem

-Repertoire haben, wie derHerrgottsschnitzer von Oberammergau",der Protzenbauer",Jäger­blut",'s Lieserl' vom Schliersee"-,Almen­rausch und Edelweiß" rc., tragen Sorge, daß diese Eigenart zu voller Geltung kommt und nicht durch fremde Züge beeinträchtigt wird.Jodler",Zitherspiel" und Schuhplattler" schaffen in allen diesen Stücken das stim­mungsvolle Beiwerk.

Von dem verwöhnten Frankfurter Theaterpublikum sind die Schlierseer aufs herzlichste bewillkommnet und richtig ver­standen worden, ebenso hat die dortige Presse an ihr Wollen und Können den richtigen Maßstab gelegt und die Abwesen­heit theatralischer Mäzchen bei dieser Truppe nicht beklagen zu müssen geglaubt, wie das anderswo bei naiven Reporter- gemüthern der Fall gewesen ist.

Aloys Prasch, der Intendant des Mannheimer Hof­theaters, nimmt sich mit Erfolg der Weihnachtscomödie für unsere Kleinen an. Es kann ja darüber verschiedene Mei­nung walten, ob der schlichte Ton deutscher Hausmärchen zur sinnberauschenden Pracht orientalischer Feerie zu steigern sei aber es kann kein Zweifel darüber sein, daß Herr Prasch sich auf diese Ummodelung des Grundstoffs zum Zauber- und Ausstattungsstück vortrefflich versteht. Sowohl seinDornröschen", welches im vergangenen Winter den Darmstädtern als Weihnachtscomödie geboten ward, als auch die Dramatisirung desTapferen Schneid er lein", die am 24. Dccember am Opernhause erstmalig in Scene ging, mit G. v. Rößler's Musik, sind hierfür Beweis. Prasch hat den schlichten Märchenstoff an einigen Stellen der thea­tralischen Wirkung zu Liebe erweitert und bereichert. Die Regte thut alles, um den Intentionen des Autors gerecht zu werden.

Karl Niemann's dreiactiges LustspielWie die Alten sungen" hat nun auch in Frankfurt seinen Einzug gehalten. Das Stück fällt, nicht in die Rubrik der Werke, über welche man Dtscussion eröffnet. Das Urtheil lautet

überall so ziemlich gleich. Eine angenehme, wohlthuende, allerdings keine sehr starke Wirkung geht von dieser Comödie aus, die sich von den Brosamen nährt, die von der Herren Tische fallen. Einmal gibt sich Niemann'sWie die Alten sungen..." ganz klar und deutlich als eine Fortsetzung der Hersch'lchenAnna Ltse" in Frankfurt wird dieser Zusammenhang auch schon äußerlich dadurch ge­kennzeichnet, daß man beide Stücke an einem Tage aufführen läßt zum anderen Mal zeigt er uns, daß er Gutzkow'sZopf und Schwert" mit Vortheil gelesen. Die Figur desalten Dessauer", der in Frankfurt von Herrn Diegelmann als echter Charakterkopf herausgearbeitet wird, steht in seinem rauhen, soldatischen Wesen und seinem sonstigen Gebühren der Despotennatur Friedrich Wilhelms L, mit welcher er ja auch die gleiche Zeit theilt, außerordent­lich nahe.

Leopold von Deffau und seine Anna Lise sollten von rechtS- wegen im Hintergründe der Vorgänge placirt sein, aber unmerklich rücken sie in den Vordergrund und verdrängen die Theilnahme an dem jungen, ohnehin etwas schemenhaft behandelten Liebespaar. Das Geschick des jungen Erbprinzen und seiner Erkorenen versetzt uns in keine große Erregung, denn über den guten Ausgang sind wir, da kein ernstliches Hinderniß ihrem Glück sich entgegenftemmt, im Voraus be­ruhigt. Stärkeres Jntereffe nöthigen uns die Episoden mit ihrem anecdotarischen Beiwerk ab, so besonders der Auftritt des 1. Acts, wo dem alten Fürsten von der Obftverkäuferin und ehemaligen Marketendertn (die resolute Alte wird von Frau Freund dargestellt) die Leviten gelesen werden.

DaS Lustspiel wird sich um seines gesunden Kerns und der kräftigen Zeichnung einiger Figuren willen noch einige Zeit auf dem Spielplan halten können. Allerdings hätte der Autor gut gethan, den bescheidenen Stoff auf engerem Raume zusammenzudrängen anstatt ihn in die Breite zu ziehen. _____________