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Sonntag den 3. November
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Erstes Blatt
Nr 259
Zl«,ts- und Zlnzeigrblatt für den Ureis Gieszcn
chratisbeikage: Gießener Kamitienökatter.
Idpungen.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» vorm. 10 Uhr.
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Depefchm btl Bunin ^Herold".
Berlin, 1. November. Der „Reichsanzeiger" veröffent- licht heute eine kaiserliche Verordnung, nach welcher der Reichstag auf den 3. December etnberufen wird.
Berlin, 1. November. Heute fand aus Anlaß der ersten Wiederkehr des Sterbetages deS Zaren Alexander III. eia TrauergotteSdtenft für den Verstorbenen in der Capelle der rufstfchen Botschaft hterselbft statt. Demselben wohnten das Kaiserpaar, die anwesenden Prinzen und Prinzessinnen,
vierteljähriger ASo»»e«e»tsPreis r 2 Mark 20 Psg. mit vringerloha. Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Psg.
Nedaction, ExpeditioR und Druckerei:
Zch«lstr«tze Hkr.I. Fernsprecher 51.
Neueste Nuchelchteir.
WolffS telegraphisches Lorrespondmz-Bureau.
Berlin, 1. November. Die „Post" hört: Bei den Be- rathungen der Commission der Vertrauensmänner am 4. ds. handelt es sich um den Gesetzentwurf betr. die Revision der JnvaliditätS. und Altersversicherung, der unter Mitwirkung des ReichsversicherungsamtS ausgearbeitet ist, bisher aber die Allerhöchste Genehmigung noch nicht erhalten hat. Daneben wird die Commission sich auch mit der Frage der Zusammensetzung der drei Arten der Arbeiter- Versicherung befasien.
Wildpark-Station, 1. November. Der König bott | Portugal ist heute Ao end 6V< Uhr mittelst SonderzugeS bei herrlichem Wetter hier eingetroffen und am Bahnhofe von dem Kaiser empfangen worden. Die Begrüßung zwischen den beiden Monarchen war eine äußerst herzliche. Außer dem Kaiser waren auf dem Bohnhofe anwesend: Prinz Friedrich Leopold, die in Potsdam weilenden Prinzen deS königl. Hauses, sowie die Herren des kaiserl, Hauptquartiers und der Staatssecretär Frh. von Marschall. Auf d m Bahnsteige hatte eine Compagnie deS Gardejäger-Bataillons mit der Fahne und den Hornisten des Bataillons als Ehrenwache Aufstellung genommen. Die directeu Vorgesetzten des Bataillons waren zugegn. Der Kaiser fuhr mit dem König im offenen Vierspänner mit Vorrettern, eScortirt von einer Escacron des Regiments Garde du Corps nach dem Neuen PalaiS. Auf dem Wege vom Bahnhof Wildpark bis zum PalaiS bildeten Mannschaften deS Lehr - Infanterie > Bataillons mit Magnefiumfackeln Spalier. Die Einfahrt der Monarchen am Neuen PalaiS erfolgte an der Gartenseite des Muschelsaales. An der Gartenterraffe im Mitteleingang stand die Letbcompagnie des 1. Garderegiments z. F. als Ehrenwache. Im Muschelsaale hatte der erste Zug der Schloßgardecom- pagnie und der zweite Zug der Leibgendarmerie Aufstellung genommen. An der Thür zum Muschelsaale empfingen die ! Herren deS großen Vortritts die Monarchen. Alsdann be- I grüßte auch die Kaiserin den Gast. Abends 8 Uhr findet I im Apollosaal des Neu-n PalaiS Familientafel statt.
Braunschweig, 1. November. Die Stadtverordneten beschlossen, zur Ehrung der Veteranen von 1870/71 eine IS jährige Rente für hilfsbedürftige Veteranen auszusetzen. ES sollen im ersten J.hre inSgesammt 15000 Mk. und in den folgenden 14 Jahren je 1000 Mk. ausgesetzt werden.
London, 1. November. Nach einer Meldung des „Standard" aus Konstantinopel vom 30. October drohen in Arabien Unruhen auszubrechen. Die Minister machten alle Anstrengungen, in größter Eile Truppen-Verstärkungen nach dem Rothen Meere zu entsenden. Das Leben der türkischen Einwohner außerhalb der Garntsonstädte sei nicht sicher und die Araber zeigten große Feindseligkeit.
Glasgow, 1. November. Die heutige Vollversammlung der Marine Maschinenbauer aus Belfast und C-Hde beschloß, angesichts der Weigerung der Arbeiter, die angebotenen Bedingungen anzunehmen, sollen die Maschinenbauer in Clyde am 5. d. M. mit der Aussperrung der Arbeiter Vorgehen.
Alle Annoncen»Bureaux deS In- und Ausländer nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Zum Reformationsfest.
(Die rechte Reformation.)
Seit dem letzten Sommer hat auch die Reichshauptstadt Berlin ihr Lutherdenkmal. In schönem Guß steht da auf hohem Postament die heldenhafte Gestalt deS Reformators. Und im Centrum Berlins steht sie am rechten Platze. Unser Reformator gehört inS Herz des deutschen Volkes, ja recht mitten hinein 1 — Oder willst du sagen, er habe dem heutigen | Geschlecht nichts mehr zu sagen? Freilich daS Evangelium haben wir nun, Dank seiner mühevollen Arbeit, und man predigt eS lauter. Aber die Botschaft, mit der er seine Deutschen grüßte, hat nicht bloß den fröhlichen, befreienden Ton, den damals die vernahmen, die sich nach Freiheit von falscher Lehre und nach Heilsgewißheit sehnten. Sie hat auch einen scharfen, ernsten Ton. Und der klingt seitdem durch alle protestantischen Länder und Herzen fort und läßt uuS nicht ruhen. Und der heutige Tag weckt wieder den Ton, daß er laut in unserm Herzen wiederhallt. Was ist daS für ein Ton? Es ist daS Wort, mit dem jeder echte Reformator bisher begann, das erste Wort aus Luthers 95 Thesen, die er am Abend deS 31. October 1517 an die Thür der Wittenberger Schloßkirche heftete.
Da heißt eS also: „Da unser Herr und Meister JesuS Christus sprach: Thut Buße, will er, daß daS ganze Leben der Gläubigen eine beständige Buße sei". Beständige Buße, tägliche Erneuerung! Das ist der Ruf, der aus dem Munde deS Wittenberger Mönches in die Welt hinausklingt. Ist daS nicht wirklich ein LebenSwort für die ganze Welt?
Wohl dem Menschen, der dieses Wort zu seiner Losung macht! Der kann nie müßig ruhen und rasten, selbstzufrieden in Genügsamkeit. Der muß vorwärts, muß arbeiten an seiner Befferung. Der kann sich nicht begnügen, die Der- hältuiffe anzuklagen und sich zu entschuldigen. Der hält sich selbst in Zucht, verlangt viel von sich und kann nicht ruhen, biS er in Christo den Quell deS Lebens selbst gefunden hat, der ihn täglich mit heiliger Kraft durchdringt, daß er ein Mann wird, zu allem guten Werk geschickt.
.Beständige Buße!" ist das nicht auch daS LosungS- wort für die evangelische Kirche seit jener Zeit? Rom hat seine Entwicklung abgeschloffen. DaS unfehlbare Papstthum bedarf ja keiner Erneuerung mehr. So bleibt es zuletzt hinter der Geschichte zurück. Aber der Protestantismus muß sorwäris. Er arbeitet an sich selbst. Er begnügt sich nicht «it einem dienstbeflissenen Priesterstand: er predigt daS allgemeine Priesterrhum aller Gläubigen und will, daß jeder Hausvater auch seines Hauses Priester fei. Er begnügt sich nicht mit schönen Kirchenbauten: er will auch lebendige Ge meinten. Er begnügt sich nicht mit dem Almosen, daS die Barmherzigkeit dem Bettler giebt: er schafft neue Formen und Aemter für die Pflege der Armen und achtet auch im Geringsten die Persönlichkeit, die sich nach Liebe und freier Bethätigung sehnt. Ihm genügen nicht neue Kirchenordnungen: er verlangt, daß die Ordnung lebendig und die Gemeinde ein Leib werde, dessen Glieder sich in gegenseitigem Dienste üben.
Und so dringt denn auch der Ruf deS Reformators auS ter Kirche hinaus in die Oeffentlichkeit und durchdringt fie mit neugestalteuder Kraft. Hat nicht in der That der Protestantismus die Welt erneuert? Er hat uns die Schule gegeben. Ec hat die Arbeit geheiligt. Er hat die Menschen frei und selbständig gemacht. Und so mahnt LatherS Wort
die Botschafter, sowie die Minister, an deren Spitze der Reichskanzler, bei.
Berlin. 1. November. Bei Beginn der heutigen Sitzung des ColonialrathS brachte der Staatssecretär a. D. Herzog einen Antrag auf Unterstützung des „Institut International Colonial" zur Sprache. Der Vorsitzende sagte Be- fürwortung deS Antrages zu und nahm sodann Veranlassung, auf einen Bericht hinzuweisen, der über eine am 26. v. M. stattgehabte Sitzung der Gesellschaft für vergleichende Recht»- Wissenschaft in verschiedenen Blättern veröffentlicht sei. In diesem Bericht sei erwähnt, daß er die Einführung von 20-Mark Actien für coloniale Unternehmungen empfohlen habe. Er lege Werth darauf, festzustellen, daß diese Annahme auf einem Mißverständniß seiner Aeußerungen beruhe. Der Colonialrath setzte alsdann seine Berathungen über Regelung der Landfrage in Ostafrika fort. Am Schluß der VormittagSfitzung machte der Vorsitzende die Miitheilung, daß dem Colonialrath nach den Bestimmungen deS Reichskanzlers der Gesetzentwurf über das Auswanderungswesen zur Begut- achtung werde vorgelegt werden.
Berlin, 1. November. Gestern wurde in Rixdorf eine socialdemokratische Versammlung wegen zu i großen Tumults polizeilich aufgelöst, in welcher der Reichs tagSabgeordnete Zubeil über die Hetze gegen die Socia - demokratie sprach. Gleich nach ihm meldete sich ein Anti- semit Böckel'scher Richtung zum Wort, dessen Ausführungen so viel Unruhe hervorriefen, daß der überwachende Polizei- beamte die Auflösung der Versammlung auSsprach.
Berlin, 1. November. Gegenüber den in der deutschen Presse zum Ausdruck gekommenen Befürchtungen der deutschen Interessenten, daß von Amerika auS Maßregeln zur umfangreichen Ausfuhr von Pferdefleisch nach Deutschland geplant würden, wird von zuständiger Seite versichert, daß diese Befürchtungen durchaus unzutreffend und grundlos find. Der Staatssecretär deS amerikanischen Departements für Agricultur hat bereits am 22. Mai 1895 ent'chieden, daß er zur Begutachtung von geschlachtetem Pferdefleisch keine Jnspectoren ernennen könne, da nach den allgemein gültigen Begriffen der Amerikaner Pferdefleisch nicht zu den genieß- baren Fleischen gerechnet wird. Dieser Bescheid findet sich gedruckt im Bulletin Nr. 2 deS Agriculrure Departement vom Jahre 1895, Seite 33.
Köln, 1. November. Heute Vormittag 8 Uhr traf, von Paris kommend, auf dem hiefigen Central Bahnhofe der König von Portugal ein, woselbst großer militärischer Empfang stattfand. Nach dem Empfange erschien der Gou- verneur von Köln, die gesummte Kölner Generalität mit den Stäben u. s. w. Mit dem Könige entstieg dem Zuge der portugiesische Gesandte am Berliner Hofe, der seinem LanteS- herrn bis zur Grenze entgegengereist war. Auf dem Perron war eine Ehren-Compagnie des Iß. Infanterie-Regiments ausgestellt. Nach der üblichen Vorstellung deS Gefolges und der Generalität schritt der König die Ehren-Compagnie ab und begab sich alsdann in daS Fürstenzimmer. Um 8'/, Uhr setzte der König die Reise in dem ihm vom Kaiser zur Ver- fügung gestellten Sonderzuge fort. Bei der Abfahrt spielte die Militärcapelle die portugiesische Nationalhymne.
Gelsenkirchen, 1. November. Der Gelsenkirchener Berg- werkS Verein hat auf dem „Hansa-Schachte" die ArbeitS- zeit für die Kohlenarbeiter auf 6 Stunden pro Schicht einschließlich Ein- und Ausfahrt herabgesetzt.
Leipzig, 1. November. Ueber die Revision deS am 24. April im Fuchsmühler Proceß zu Weiden wegen Landfriedensbruch verurtheilten GastwirthS Lindner und Gemssen wird am 4. November vor dem Reichsgericht ver- handelt.
Wien, 1. November. Der für heute in der Angelegenheit der Bürgermeisterwahl angesetzte Ministerrath hat nicht stattgefuuden. Der antisemitische Bürgerclub beschloß, wenn Dr. Lueger nicht bestätigt werde, diesen wiederzuwählen und demonstrativ einen Kampf gegen die Regierung zu be- ginnen.
Ro«. 1. November. Heute früh fand hier ein heftige» Erdbeben statt. Um 4 Uhr 40 Min. wurde ein etwa 20 Secunden anhaltendes starkes Rütteln in derMichtung von Oft nach West verspürt. Zehn Minuten später folgte noch ein leichter Stoß. Viele Leute eilten auf die Straßen, die bald trotz der frühen Morgenstunde sehr belebt waren.
Rom, 1. November. Ueber das heute früh stattgefundene Erdbeben in Rom melden die Abendblätter: Abgesehen von einigen eingestürzten Mauern und Gewölben richtete daS Erdbeben keinen Schaden an. Im Kloster von Santa Maria Maggiore wurde ein Mönch von einem herabfallenden Balken verwundet. Ferner kamen einige leichte Unglücksfälle in 1 Trastevere und anderen Vorstädten vor. DaS Erdbeben
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Der tUtener Jhqelfler erscheint täglich, mit Ausnahme btl Montag».
Die Gießener Mamikie« S lätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
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Uam CTUaU I auch unser Geschlecht zur beständigen Buße. Ist heut Nicht
Besserung noth ? Verwüstet nicht noch immer viel ungefesselte -- Selbstsucht die gesunde Kraft unsere Volkes in seiner Arbeit? Gießen, den 31. October 1895. Verheert nicht die Unmäßigkeit im Genuß, Trunksucht und
Betr.: Volkszählung im Jahre 1895. Unzucht unsers Volkes Seele und Leib? Wächst nicht un-
fÜM^SÄA**** gepflegt eine zuchtlose Jugend heran? Vergiftet nicht viel
Da- Grotzherzoglrche Krnsamt Gtetzeu | unsittlich Geschwätz in Zeitung und Romanen unsere Volkes au die Grotzh. Bürgermeistereien der Land- Gemülh und Phantasie? Hört man nicht aus dem Murren gemeinden des Kreises. I und Grollen von Tausenden den Ruf: Helft und bessert
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<rtnnCtt u ®QQ,tn. feiern! Suchen wir in der Stille unsere Sünde, jeder die
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Gefunden: 1 Reisetasche mit Inhalt, 1 Portemon- ist rechte Reformation!
Maie, 1 Zwicker, 1 Wasserwaage, 1 Metermaaß, 1 Pumpen- rohr, 1 woll. Tuch, 1 Pelzkragen, 1 Taschentuch, 1 Kinderschuh, 1 Kinderkragen, 1 Bindkette und 1 Fechtverband- Abzeichen.
Gießen, den 2. November 1895.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
v. Bechtold, Regierungs-Assessor.


