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3.9.1895 Erstes Blatt
 
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Rr. 206 Erstes Blatt. Dienstag den 3. September

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Depeschen deS Bureau .Herold'.

Berlin, 1. September. Heute Vormittag hat in feier­licher Weise die Einweihung d er Kaiser-Wtlhelm- G edächtnißkirch e im Beisein des KaiserpaareS, der Groß­herzogin von Baden, zahlreicher Fürstlichkeiten und einer glänzenden militärischen Suite stattgefunden. Der Kurfürsten­damm, woselbst die Kirche errichtet ist, war mit Guirlanden, Fahnen und Blumen prächtig geschmückt. Schon lange vor Beginn der Feier hatte die Ehrencompagnie mir ihren Fahnen, die Amerikaner und eine große Anzahl deutscher Veteranen, co. tausend Schulkinder, alle festlich geschmückt, sowie ein äußerst zahlreiches Publikum auf dem Festplatze Aufstellung genommen. Um 10 Uhr brach das Kaiserpaar auf, die Glocken der Kaiser Wilhelm-Gedächtnißkirche, sowie sämmtlicher evangelischen Kirchen Berlins, CharlottenburgS, Schönebergs und Wilmersdorfs begannen in diesem Augenblicke zu läuten. Gleich darauf erfolgte die Ankunft der Großherzogin von Baden. Nach dem Abreiten der Fahnencompagnie durch den Kaiser und unter dem Spiel der Milttärmusik begab sich das Katserpaar die Kirchstufen hinan, daselbst vom HauSminister v. Wedell unter Ueberretchung deS Schlüssels zur Kirche be­grüßt. In seiner Ansprache gedachte der Minister des Kaisers Wilhelm I. und der 25jährigen Wiederkehr der Schlacht bet Sedan, besonders betonte der Minister, daß Arm und Reich dazu beigetragen haben, die Kirche zu erbauen. Hierauf übergab der UnterstaatSsecretär Dr. Fischer zum Andenken an die Kirchenwethe der Kaiserin als Protectorin des Baues einen vergoldeten Schlüssel. Es erfolgte dann unter dem üblichen Ceremoniell die Erschließung und Oeffnung der Kirchenthüre und das Betreten der Vorhalle der Kirche durch das Katserpaar. Gleichzeitig begaben sich durch die anderen Portale die Ehrengäste und die Geistlichkeit in das Gotteshaus. Während des Einzuges spielte die Musik: Die Himmel rühmen deS Ewigen Ehre" und dasHalleluja" auS demMessias" von Händel. Es folgten zwei Gesänge deS kgl. DomchorS und der Gemeinde, dann hielt der Gene- ralsuperintendent Faber eine Ansprache und den Weiheact. Er hob die große Frömmigkeit Kaiser Wilhelms I. und dessen Fürsorge für den niedrigsten seiner Diener hervor. Hierauf wurden wieder Lieder gesungen und Oberpfarrer Müller be­stieg die Kanzel, um die Festrede zu halten. Dieselbe harte zum Thema den 26. Psalm:Der Herr hat Großes an unS gethan, deß sind wir fröhlich". Hofpredtger Faber sprach das Vaterunser, worauf die Feier unter Glockengeläute ihr Ende nahm. DaS Kaiserpaar und die sämmtlichen Fürst­lichkeiten verließen die Kirche, während die Gemeinde die Wacht am Rhein" sang.

Berlin, 1. September. Die Eröffnung desBerliner Theaters" unter der neuen Direction Prasch (früher Hof­theaterintendant in Mannheim) verlief gestern Abend in großartiger Weise. Zur Aufführung gelangte KleistsPen- thenlea". Nach den Actschlüssen erfolgten 18 Hervorrufe, nach Schluß des Stückes wurde Intendant Prasch 7 mal stürmisch gerufen.

Frankfurt a. M, 1. September. Die Stadt ist prächtig geschmückt, besonders die Straßen, durch die sich der Festzug bewegt. An dem Festzug beteiligten sich fast sämmtliche Vereine unserer Stadl mit sieben Musikkapellen, an der Spitze die Veteranen- und Kriegervereine. Mehrere prächtig aus- grftattete Prunkwagen erregten gerechte Bewunderung. Im zoologischen Garten vereinigten sich fast 18000 Personen zur Festfeier, welche einen glänzenden Verlauf nahm. Oberbürger­meister Adickes hielt eine Ansprache. Den Schluß bildeten Feuerwerk, Tanz u. s. w. Auch in anderen Etablissements finden patriotische Feiern statt.

München, 1. September. Anläßlich des Sedanfestes prangt unsere Stadt in vielem Flaggen- und Guirlandenschmuck.

Graz, 1. September. Don der Platte werden heute zur Erinnerung an die Schlacht bei Sedan Freudenfeuer abgebrannt. Morgen finden hier und in ganz Steiermark Festlichkeiten statt.

Prag, 1. September. Ein Forsthaus im Belchower Walde wurde von Räubern überfallen und gänzlich auSgeraubt. Die allein anwesende Magd hatten die Räuber geknebelt und mißhandelt.

Luzern, 1. September. Nach einer aus Zermatt hier eiugelaufenen Meldung wurde eine Engländerin Namens Sampson auf dem Ziualer Horn durch ein abgerolltes Felsenstück getödtet. Eine andere Dame und die begleitenden Führer konnten sich rechtzeitig retten.

Pari-, 1. September. Wie aus Biarritz gemeldet wird, befand sich König Alexander von Serbien gestern früh in Lebensgefahr. Als der König mit einem

Schwimmlehrer im Meere badete, wurden die beiden von einer Welle mit fortgerissen. König Alexander konnte mit größter Anstrengung gerettet werden, während der Schwimm lehrer ertrank.

Gieße», den 2. September 1895.

** Feier de8 SedautageS. Die Erinnerung an die große Waffenthat der deutschen Heere bei Sedan im Jahre 1870 war bisher alljährlich in bescheidenem Maßstabe begangen worden/ die 25 jährige Wiederkehr dieses ruhmvollen Tages sollte aber allen patriotisch . gesinnten Einwohnern Gießens Gelegenheit geben, einmal in etwas feierlicherer Weise des Tages zu gedenken und des Kampfes, der einen der übermüthigften Feinde des deutschen Vater­landes mit Wucht zu Boden warf. AuS der Mitte der Bürgerschaft heraus wurde die Anregung zu einer würdigen Sedanfeter gegeben und mit der Ausführung der erforder­lichen Arbeiten diejenigen betraut, die am hervorragendsten an der Verwirklichung des Wunsches nach einem geeinten deutschen Vaterlande Theil genommen: unsere Krieger. Die Feier wurde eingeleitet am Samstag Abend durch einen von der Capelle Gröninger und Spielleuten des Regiments Kaiser Wilhelm ausgeführten Zapfenstreich. In langem Zuge, mit Fackeln und Lampions, zogen die Krieger vom Kanzleiberg über den Brandplatz, Wallthorstraße, Markt, SelterSweg, Wilhelmftraße nach derSchönen Aussicht". Hier auf der Höhe loderten ihnen bereits die Flammen eines mächtigen, weithin sichtbaren Freudenfeuers entgegen, und die Zustimmung zu diesem Flammenzeichen schien auch die Umgegend Gießens geben zu wollen, denn auf den die Lahn umgebenden Höhen trugen ebenfalls Freudenfeuer die Kunde hierher, daß dort auch Sedan gefeiert wurde. Nachdem der von einer unge­heuren Zuschauermenge begleitete Zug sich um das Feuer gruppirt, brachte der Präsident des KriegervereinS, Herr Mayer, indem er die Flammen des Freudenfeuers verglich mit den Flammen der Begeisterung vor 25 Jahren und den Wunsch aussprach, daß diese immer so hoch schlagen möchten, ein Hoch auf Se. Majestät den Kaiser aus, welches von den nach Hunderten zählenden Umstehenden mit den Gesängen deS Heil dir im Siegerkranz" undDie Wacht am Rhein" be­antwortet wurde. Nach dem von der Musik vorgetragenen Gebet" sand eine gesellige Bereinigung auf derSchönen Aussicht" statt, während noch lange das Freudenfeuer in die Nacht hineinleuchtete. Der gestrige Sonntag wurde durch eine Reveille eingeleitet / in den Kirchen der verschiedenen Confessionen wurden Feftgottesdienste gehalten, dem Danke gegen Gott für das, was er in den großen Kriegsjahren 1870/71 gethan, aber ganz besonders Ausdruck verliehen durch einen um 4 Uhr Nachmittags abgehaltenen Feldgottes- dienst. Nach einem Umzug des Veteranen-, Krieger- und Marine-Vereins, denen sich auch der Männerturnverein an­geschlossen, versammelten sich die Gemeinden auf dem Brand­platze, wo aa der Gendarmerie-Kaserne die Kanzel ausgestellt war, vor welcher die Krieger mit ihren Fahnen Aufstellung Nahmen.

Nach dem von der Gemeinde gesungenen Kirchenliede: Lobet den Herrn, den mächtigen König der Ehren" hielt Herr Pfarrer Dr. Naumann die Festpredigt. Derselben waren zu Grunde gelegt die Psalmenworte:Der Herr hat Großes an uns gethan, deß sind wir fröhlich." Mit weithin vernehmbarer Stimme beleuchtete Herr Pfarrer Dr. Nau­mann die Ereignisse vor 25 Jahren, nach denen um dieselbe Stunde, zwischen 4 bis 5 Uhr Nachmittags, das Schicksal des Franzosenkaisers und seines Heeres durch das die Festung Sedan umklammernde deutsche Heer entschieden worden war. Angesichts der Kaserne, von wo aus unsere tapferen Truppen vor 25 Jahren in den Kampf zogen, sollten wir Gott danken für das, was er uns Großes gethan. Unser Heer sei ein gottgesegnetes Heer gewesen, ein durch Tapferkeit, Todes­verachtung, Frömmigkeit und Gottvertrauen ausgezeichnetes Heer/ vor Allem sei aber derjenigen zu gedenken, die vor 25 Jahren im Kampfe für das Vaterland gefallen, aber auch mit Freuden diejenigen zu begrüßen, die von den Kämpfern noch unter uns weilen, hoch in Ehren zu halten unsere Vete­ranen. An Allem, toaS damals Großes geschehen, sollen wir uns die Freude nicht verderben lassen, weder durch un- patriotisches Handeln und Trachten nach Untergrabung des Errungenen und Bestehenden, noch durch Verhöhnung dessen, waS uns lieb und werth, noch durch Parteizwist, Hervor­drängen von Standes- und Sonderinteressen. Die Schlange der Zwietracht sei allenthalben hervorgekrochen und da sei es noth- wendig, dem Volke zuzurufen: Deutsches Volk, laß dir die Freude nicht verderben. Der Preis, um den das deutsche Volk

gekämpft, war der Opfer werth, wir haben ein einiges, deutsches Vaterland, an dem wir festhalten wollen. Herr Pfarrer Dr. Naumann schloß seine tiefen Eindruck hervorrufeuden Worte mit der wiederholten Aufforderung, dessen fröhlich zu sein, was der Herr Großes an uns gethan, Gott zu loben und zu preisen mit dem LiedeNun danket Alle Gott". Nachdem die mächtigen Strophen dieses LiedeS verklungen, wurde das Vaterunser gesprochen, hierauf zum Gedächtniß der Gefallenen die Fahnen gesenkt und von der Musik daS Gebet" vorgetragen. Mit dem Spruch deS Segens schloß der Feldgottesdienst. Die Vereine zogen nun nachSteinS Garten", woselbst gegen 8 Uhr daS Banket stattfand. Das­selbe war Überaus zahlreich aus allen Schichten der Ein­wohnerschaft besucht. Herr Mayer, Präsident deS Krieger­vereins, bewillkommnete die Erschienenen und ertheilte Herrn Professor Schwartz das Wort zu nachstehender Festrede:

Sie haben mir die ehrenvolle Aufgabe ertheilt, an der 25jährigen Jubelfeier des größten deutschen Steges vor Ihnen zu sp.echen. Ich verstehe diesen Auftrag dahin, daß Sie nicht eine wissenschaftliche historische Erörterung, nicht die Entwicklung einer originellen These erwartet haben, sondern nur wünschen, daß das, was heute in uns Allen lebt und webt, in einfachen deutschen Worten zum Ausdruck kommt. Es ist ja der Segen eines solchen Festes, daß der Einzelne aufgehen darf und aufgehen soll in der Gesammlheit seines Volkes. Man spricht wohl von Festesmüdigkeit und nicht immer ohne Grund: dieses Fest mußte sein, weil es Alle angeht, und hier darf Keiner müde sein.

Sie steht wieder vor uns, die gewaltige Zeit, wo von der Memel bis zum äußersten Vorposten tn Frankreich jeder Deutsche sich der einen großen Gottesfügung hingab. Wenn je ein Krieg ein gerechter und ein heiliger war, so war es dieser. Ihn bat nicht die Emser Depesche gemacht, gemacht haben ihn Ludwig XIV. und der erste Napoleon, gemacht die Franzosen des Kaiserreichs, die Tage, ja Wochen lang vor dem letzten Eonfltct uns gehöhnt und gedroht, und den Säbel vor die Nase gehalten hatten. Die Zetten waren damals noch anders, und die junge Generation vergißt das leicht; heutzutage wagt das Keiner mehr, was einst das jahrhundertelange traditionelle Recht der Fremden und des überrheinischen Nachbarn vor Allem, unS gegenüber war, uns ungestraft zu beleidigen. Das mußte einmal aushören; es war die einfachste Pflicht der Selbstachtung, der ManneS- ehrc, auf die letzte Beleidigung, nachdem wir so viele ertragen, eine scharfe Antwort zu geben. Was hatten wir danach zu fragen, ob sich Frankreich nun beleidigt fühlte, als wir das Hausrecht wahrten? Nie hat Bismarck die Nation besser verstanden, als indem er die be­rühmte Antwort auf Benedettis Zumuthungen in die Welt schickte. Er stieß nur den Zapfen aus, und der Zorn des Volkes brauste dahin wie glühendes Erz; möchte die Gluth dieses Zornes nie er­löschen undJeden verzehren, der es wagt, an den heiligsten Erinnerungen der Nation sich mit frivoler Lüge zu vergreifen.

Es gibt Zeiten, in denen der Tritt des Völkerschicksals ein eherner wird, in unheimlicher Regelmäßigkeit sich steigernd bis zu einem großen Tag, in dem Vergangenes wird, was eben noch hoch stand und ein Neues übermächtig die Zukunft an sich reist So auch diesmal. Anderthalb Monate erst waren vergangen seit der Kriegs­erklärung, schon längst wußten wir, daß der Krieg «nden würde mit einem unerhörten Sieg des Rechts über den Frevel; aber so furchtbar dachte sich Keiner die Vergeltung. Die Trümmer einrs glänzenden Heeres in wilder Flucht in die kleine Festung getrieben, daS Feuer deS Feindes rastlos, unerbittlich wie eine Nemesis, alle ©eenen der Verzweiflung und der Schande, wie sie die Niederlage mit sich bringt, auf einen Raum zusammengedrängt um den unglückseligen Mann, der dem Wahnsinn seines Volkes nicht hatte Halt gebieten können, er selbst endlich, wehrlos oder gebrochen vor dem Sieger: ja so mußte es kommen, endlich einmal kommen, wenn die lange Reihe schmachvoller Tage von der Mordbrennerei in der Pfalz und dem Raube Straßburgs dis zum Rheinbund und der Schlacht bet Jena ausgetilgt werden sollte. Das was uns als Schuljungen noch vor 1870 die Zornrölhe ins Gesicht, die Hoffnung auf die Vergeltung in die Herzen trieb, jetzt ist es, oft nur zu sehr, vergessen. Aber damals war das noch lebendig, da sagte man und soll es sich auch heute sagen: es ist doch eine Wahrheit in der Weltgeschichte, fie ist kein Spiel des Zufalls und nicht umsonst haben wir gehofft und ge­wartet bis der alte Kaiser Barbarossa aufstand von dem langen Schlaf und uns erlöste von dem Hohn, und was noch schlimmer für einen Mann und für ein Volk von Geist, von dem Mitleid der Fremden; man lernte es wieder, uns zu fürchten, und das ist gut und soll so bleiben.

25 Jahre sind nun verflossen seitdem uns die Thore einer sonnenhellen Zukunst aufflogen. Der gute alte Kaiser ist eingegangen zur ewigen Ruhe, mit einem besseren Gut beladen als den reichen Ruhm- und Siegrsklänzen, mit der unauslöschlichen Sehnsucht seines Volkes, d°S er geeinigt hat; eingegangen zur Ruhe istUnser Fritz", der bei Weißenburg und Wörth die Mainlinie zei störte, eingegangen find fast alle die Genossen des Kaisers, Moltke, Roon, Goeben, Prinz Friedrich Karl usw.; nur der eine lebt noch, der Größeste von Allen, nach dem einst das Jahrhundert heißen wird, an dem wir hängen und dessen Worten wir lauschen wie der leibhaften Verkörperung unserer stolzesten Tage. Ein echter Festtag soll das was gut und hoch im Menschen ist, hinaustrelben aus dem dumpfen Einerlei des Tages und es leibhaft vor ihn stellen, deß er daran glaubt; so wollen wir auch heute das Große jener Zeit wieder vor uns stellen, damit wir den Glauben sesthalten an unser Volk und an unsere Zukunft.

Wir sind eins geworden durch die Siege, nachdem es lange so geschienen hatte, als sollte der Kaiser Tiberius recht behalten, als er sagte, man solle die Deutschen nur sich selbst überlassen, sie würden sich untereinander zerfleischen Ich will nicht reden von der Welt- stellung deS Deutschen Reichs, von den Jahren, in denen das Schick­sal Europas in der WUHelrnstraße in Berlin gemacht wurde. Ein solches Rühmen liebt der Deutsche nicht und es steht ihm schlecht. Aber reden will ich und muß ich von dem sittlichen Werth eines großen Vaterlandes für jeden Einzelnen, auch für den Geringsten.