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2.10.1895 Erstes Blatt
 
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Nr. 231

Der chiehener Atqetfltt rrscheint täglich, mit TluSnahme deS Montags.

Die Gießener InmlkienvkStter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal deigelegt.

1898

Erstes Blatt. Mittwoch den 2. October

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Kehener A Rzeiger

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Deutsches Reich.

Berlin. 30. September. Die am 17. Oct ob er im Königreich Sachsen bevorstehenden Erneuerungs­wahlen zum Landtage stellen der Socialdemokratte eine wettere Verstärkung in der zweiten Kammer in Aussicht. Einerseits wird diese Perspective durch die überaus energische, planmäßige und in der Thatzielbewußte" Agitation der Socialdemokraten, der gegenüber die Wahlvorbereitungen der bürgerlichen Parteien fast lässige zu nennen find, eröffnet, andererseits durch die Uneinigkeit unter den letzteren. Diese Erscheinung zeigt fich jetzt namentlich durch den theil- wetsen Bruch zwischen der deutschsocialen Reformpartei und den Eonservativen, wie er durch den gegenseitigen Brief­wechsel zwischen den Herren Oswald Zimmermann und Dr. Schober zum Ausdruck gelangt ist. Namens der Lentralstelle der deutschen Reformpartei des Königreichs Sachsen hatte ersterer Herr bei Dr. Schober brieflich an- gefragt, ob die conservative Partei zu einer Verständigung mit den Deutschsocialen für die bevorstehenden Landtags­wahlen bereit sei, andernfalls müßte die Reformpartei in allen Wahlkreisen selbstständig vorgehen. Hierauf ist nun seitens des Dr. Schober im Namen der eonservativen Partei­leitung ein ablehnender Bescheid erfolgt, der mit dem Hin­weis auf die Anschuldigungen von antisemitischer Seite gegen die Eonservativen und auf die in mehreren Punkten von einander abweichenden Programmforderungen der beiden Parteien begründet wird.

DieNordd. Allg. Ztg." verrheidtgt noch nachträg­lich die HandelSvertragSpolitik des früheren Reichskanzlers Grafen Vaprivi, und zwar In An­knüpfung an die in derKreuzzeitung" veröffentlichten, gegen die Handelsverträge gerichteten, Artikel des oberbayerischen Dauernbundführers Ratzinger. DieN. A. Z." legt dar, daß beim Inkrafttreten des Handelsvertrages mit Oesterreich- Ungarn den Bereinigten Staaten von deutscher Seite keinerlei neues Zugeständniß in der Richtung der Meist­begünstigung gemacht worden sei und daß noch weniger die Union ein derartiges Zugeständniß unentgeltlich erhalten habe. Weiter führt dieN. A. Z." aus, daß die vor Be­gründung deS Norddeutschen Bundes und dann des deutschen Reiches von Preußen und den deutschen Seeuferstaaten ab- geschloffenen Handelsverträge mit der Union naturgemäß auch für das deutsche Reich hätten gelten müssen. Schließ­lich rechtfertigt das osficiöse Blatt die Haltung, welche Graf Laprivi bei den RetchsragSverhandlungen über den Handels­vertrag mit Oesterreich-Ungarn in Bezug auf den auch mit Rußland abzuschließenden Vertrag beobachtete, in welcher

Hinsicht der damalige Reichskanzler von seinen politischen Gegnern besonders scharf angegriffen worden war.

Die Zeitungsnachrichten über die angeblich geplante Abänderung des preußischen Vereins­gesetze S behufs Bekämpfung der focialdemokratischen Aus­schreitungen lauten widerspruchsvoll. Während z. B. die Nar.-Ztg." erst kürzlich mit anscheinender Bestimmtheit zu melden wußte, daß man sich in Regierungskreisen durchaus nicht mit dem Gedanken einer Revision der in Preußen bestehenden BereinSgesetzgebung ' trage, versichern andere Blätter, eS sei ernstlich eine Abänderung deS Vereins- gesetzeS zu oben genanntem Zwecke beabsichtigt, voraus­sichtlich werde noch im October ein Ministerrath zur Ent­scheidung in dieser Frage stattfinden.

Darmstadt, 30. September. Der Großherzog und die Großherzogin, der Großsürsi und die Groß­fürstin SergiuS, sowie Großfürst Paul von Rußland trafen am SamStag Vormittag hier ein, nahmen im Groß­herzoglichen Schlöffe das Luncheon und kehrten Nachmittags nach Schloß Wolfsgarten zurück. Der Großfürst Sergius empfing am SamStag Nachmittag den Oberst v. Scholten, Commandeur des 1. Großh. Jnfanterie-(Leibgarde°)Regi- mentS Nr. 115, A la suite deffen der Großfürst bekannt­lich steht.

Stuttgart, 30. September. ReichstagSabgeordneter Pflüger hat demSchwäb. Merkur" zufolge fein Mandat niedergelegt.

Netteste Nachrichten.

Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Berlin. 30. SeptembrDieDeutsch-: Warte" berichtet über die Bildung einesBundes der Industriellen", an deffen Spitze etwa 300 angesehene Industrielle aller Betriebsarten stehen, die demnächst einen gemeinsamen Aufruf erlaffen werden. Der Bund richtet sich keineswegs gegen die Börse oder sonstige HandelSintereffen, sondern gegen die einseitige Vertretung der Industrie durch einige Groß­industrielle.

Berlin, 30. September. Der Eongreß für inter­nationale Erdmessungen trat heute zu seiner ersten Sitzung zusammen.

Karlsruhe, 30. September. DieKarlsruher Zeitung" veröffentlicht einen Depescheuwechsel zwischen dem Kaiser und dem Großherzog von Baden. Das Telegramm des Kaisers lautet: Jagdhaus Romtnten, 28. September.Ew. Königliche Hoheit wollen deffen auf­richtig versichert sein, daß ich bei der sünfundzwanzigsten Wiederkehr des TageS von Straßburgs Fall in tief­

empfundener Dankbarkeit der Lorbeeren gedenke, welche fich die badischen Krieger unter den Augen des geliebten Landes- Herrn bet der Einnahme dieser Festung erkämpften. Wilhelm." DaS Antwort-Telegramm des Großherzogs lautet: Wollen Ew. Kaiserliche Majestät meinen aufrichtig gefühlten Dank entgegeonehmen für die überaus wohlthuende Em­pfindung, womit Allerhöchstdieselben bet der sünfundzwanztgsteu Wiederkehr des Tages von Straßburgs Fall in so ehrender Weise des AntheilS der badischen Krieger an diesem Eretgntß gedenken. ES wird diese Allerhöchste Anerkennung der Be­deutung dieses JahreStageS von allen noch lebenden Kämpfern unter meinen lieben Landsleuten dankbar empfunden werden und wird der jüngeren Generation ein erneuter Antrieb werden, die Bahn der Ehre der Väter stets würdig und wohl vorbereitet zu betreten. Freiburg, 29. Sept. 1895. Friedrich, Großherzog von Baden."

Depeschen deS BureauHerold*.

Berlin, 30. September. Gegenüber anders lautenden Meldungen theilt dieNordd. Allgem. Ztg." mit, daß der Kaiser erst gegen Ende dieser Woche auf dem Jagdschloß HubertuSstock eintreffen wird.

Berlin, 30. September. DerLocalanzeiger" meldet aus Kopenhagen: Die Czarin-Wtttw e hat beschloffen, möglichst bald nach dem Kaukasus zu reisen, da die Nach­richten über das Befinden des Thronfolgers sehr beunruhigend lauten.

Flensburg, 30. September. Die Kaiserin ist heute um 121/z Uhr hier eingetroffen und nach kurzem Aufenthalt nach Potsdam wcitergereist.

Leipzig, 30 September. Gestern fand im Cryftallpalaft Hierselbst eine Versammlung deS CentralverbandeS von Ortskrankenkassen im Deutschen Reiche statt, in welcher die Delegirten der Ortskrankenkaffen-Verbände Wiesbaden, Elsaß-Lothringen, Schleswig-Holstein, Rheinland und die OrtSkrankenkaffen Chemnitz, Dresden und Leipzig sich etngefunden hatten. Die Versammlung wurde geleitet von dem Verlagsbuchhändler und Buchdruckereibefitzer Karl Schnegelberger-WteSbaden. Der Herr Vorfitzende er­stattete Bericht über die Ausführung der in der conftituirenden Versammlung zu Frankfurt a. M. im vorigen Jahre gefaßten Beschlüffe, aus welchem insbesondere die beiden Petitionen: Uebertragung der Kosten bet Unfällen vom ersten Tage der Erwerbsunfähigkeit ab aus die Berufsgenoffenschafteu, sowie die Zuführung von i/a0 statt i/10 der vereinnahmten Jahres­beiträge zum Reservefond betreffend noch hervorzuheben sind. Der seiner Zeit gegebene ministerielle Erlaß bezüglich deS Verbots der Verweisung von Kaffengeldern für Zwecke deS Central-VerbandeS, dem eS auch zuzuschreiben sei, daß andere

Feuilleton.

Aus großer Zeit.

Eine Episode aus der Belagerung von Metz.

Hestern, am 30. September, waren eS 25 Jahre, daß sie auf den Höhen von Jufly und Vaux auf Feldwache und Vorposten befindlichen Compagnieen des Heff. 2. Jäger- bataillonS durch die Geschütze deS gegenüber liegenden Forts St. Quentin mit Granaten schwersten Calibers so beschossen wurden, daß man in ArS an der Mosel, im Hauptquartier deS Generals von Manstein und deS Prinzen Ludwig von Heffeu, annahm, daß die Compagnieen, wenn nicht völlig vernichtet, so doch große Verluste erlitten hätten. Und das trug fich auf folgende Weife zu: Vom 23. bis 29. September lag das Jägerbataillon auf Vorposten au der Mosel, der <ogen. Eremitage und in Allarmhäuseru in den Eisenwerken von ArS für Moselle, alS dem Bataillon der Befehl zuging, die schon feit geraumer Zeit auf den Höhen von Juffy und Vaux befindlichen Feldwachen und Vorposten der 18. Division rbzulösen. Gegen 8 Uhr Abends trat denn auch das Jäger- dataillon seinen Marsch in aller Stille dorthin an. Lautlos inb in geradezu gespensterhafter Ruhe, selbst das Tabak- raucheu war verboten, kletterten wir zu dem Höhenzug hinan, em gegen 10 Uhr unseren Vorposten Ort Juffy zu erreichen. DaS preußische Vorposten-Bataillon wurde abgelöst und wir )äger logirten uns in die noch stehenden und nicht ganz so gastlich ruSsehenden Schutzhütten deS soeben abgerücklen Bataillons ein. Die Nächte waren schon bitter kalt und auf der Höhe M der Wind ganz unangenehm um die Ohren. Deshalb hatte man im Hauptquartier den Befehl gegeben, den auf Vorposten befindlichen Truppen wollene Decken zu liefern. Dieser Befehl war in guter Abficht gegeben, aber schwer auszuführen, denn wie sollten diese Teppiche auf die Höhen

von Juffy gebracht werden. Doch sie trafen um 3 Uhr Nachts mit vierspännigem Fuhrwerk auf unserer Feldwache ein und sollten gleich zur Vertheilung gelangen. Der bei der Compagnie befindliche Fourier G. schickte fich eben mit seiner Mannschaft an, die Teppiche sich von dem Zahlmeister- Aspirant Streb vom Wagen weg vorzählen zu laffen, als in die Nacht hinein vom Fort St. Quentin ein Schuß hallte. Alles horchte auf, doch dazu war nicht lange Zeit, denn schon hörte man über unseren Köpfen das uns noch vom 18. August und 1. September her bekannte Zischeln der fliegenden Granate und instinctiv bückten wir uns, um derselben auSzu- weichen. Und richtig, kaum 200 Meter von uns entfernt, schlägt die Granate mit einem betäubenden Schlag ein. Da, wieder ein Schuß, noch einer, drei, vier, und jedesmal das bekannte Geräusch über uns. Aber die Granaten gehen weiter und schlagen in den ungefähr 1J/2 Kilometer entfernt am Fuße des Berges liegenden Häusern von Vaux ein, um dort Schrecken und Entsetzen unter den Bewohnern und den im Allarmquartier befindlichen Jägern zu verbreiten.

Beinahe hatten wir vergeffen, die Teppiche zu zählen- wir begannen mit 37 weiter zu zählen. Da, wieder ein Schuß drei, vier vom Fort aus Blitz und Schlag die Granaten schlagen kaum 10 Schritt neben unS links und rechts ein. Die Pferde stiegen in die Höhe, Alles reißt die Teppiche vom Wagen in den neben befindlichen Graben, wohin auch jetzt Jeder feine Person in Sicherheit bringt. Doch während der Bauer sich mit seinem Fuhrwerk zur Abfahrt wendet, schlägt eine Granate dicht neben dem Fuhr- werk ein und zertrümmert den hinteren Theil desselben. Doch sofort gehts den Berg hinab wie vom Teufel gejagt, um diesem gefährlichen Platz zu entrinnen. Der Haupt­tanz sollte aber erst gegen Morgen los gehen. Nachdem die Herren Franzosen eine kleine Pause in der Beschießung unserer Stellung hatten eintreten laffen, wagten fich einige

Jäger auS ihren Deckungen heraus, um die Latrinen auf­zusuchen. Aber kaum sind diese an dem Ort ihrer Wünsche angrlangt, so beginnt wieder das Feuer in noch heftigerer Weise aus der Festung und die Granaten schlagen ringS um unsere Sicherungen und in dieselben ein. Auch in die Latrine fliegt einer dieser Zuckerhüte ein, hier zwar nicht Tod und Verderben bringend, aber die dort Weilenden in einen nicht mehr menschenwürdigen Zustand versetzend. Diese Situation war für uns in der Deckung befindliche Jäger so komisch, daß trotz des Ernstes der Lage Alles in ein schallendes Gelächter ausbrach, als die so übel Zugerichteten mit heiler Haut wieder bei uns eintrafen. An ein Kaffee­kochen konnte heute nicht gedacht werden, denn aus dem Fort wurde fortwährend auf unsere Stellung gefeuert. Mit Bewunderung sahen wir auf unseren allverehrten Hauptmann Hofmann, der in größter GemüthSruhe mit dem Unteroffizier Best (ein Darmstädter) außerhalb der Deckung promenirte und wir beide, das Notizbuch zur Hand, die Zahl der Ge­schosse und ihre Flugrichtung aufnahmen. ES waren inS- gesammt 75 Schuß auf uns abgegeben worden in der Ab- sicht, die dem Fort St. Quentin und Plappeville gegenüber befindliche Feldwache der Deutschen zu vernichten. Diese Absicht wurde jedoch nicht erreicht, denn Keiner von unS wurde verwundet. Schon in aller Früh Morgens trafen General von Manstein, Armeecorpscommandeur, sowie Prinz Ludwig von Hessen und Generalmajor von Winkler bet unS ein, um fich nach dem Schicksal der Truppen zu erkundigen. Als fie alles noch wohl fanden und die Verwüstungen be­sichtigt hatten, welche die Liebesgaben der Franzosen an- gerichtet hatten, sprachen die Herren unserem Compagniechef Hofmann ihre Freude aus, daß ihre Meinung nicht zu­getroffen war. DaS warendie Granaten von Juffy", an die jeder Betheiligre an dieser Episode stets zurück- denken wird.