Ausgabe 
2.6.1895 Erstes Blatt
 
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189*

Nr. 128 Erstes Blatt. Sonntag den 2. Juni

Der

Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener AnmilienVlälter «erden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeiger

Kenerak-Anzeiger.

Vierteljähriger ASoauementsprelnr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringcrlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

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Arnts- nnd Anzeigeblntt fut* den Ttveis Gieren

Hratisöeitage: Gießener Aamitienökätter

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Norm. 10 Uhr.

Bekanntmachung.

Durch kriegsgerichtliches Erkenntniß vom 24. Mai 1895, bestätigt am 28. Mai 1895, wurde der Musketier Wilhelm Pfeiff des Infanterie-Regiments Graf Barfuß (4. West- phälischen) Nr. 17, geboren 29. Juli 1871 zu Belters­hain Kreis Gießen, in contumaciam für einen Deserteur erklärt, und in eine Geldstrafe von 300 Mark verurteilt.

Königliches Gericht der 33. Division, von Löwenstein.

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

bei der Aufnahme von Personalnotizen ist, kommt es wohl von der Meinung ihres zu erfüllenden höheren Zweckes her, zu dem ein von Frau Bimbernell gegebener Thee oder ein von der Familie Müller veranstalteter Ball in keinem Ver­hältnisse steht. Anders französische und amertkamsche Blätter. Ohne uncollegial zu werden, darf man doch behaupten, datz die meisten der genannten keinen höheren Zwecken dienen, sondern sich selbst zum Selbstzweck haben. Aus emer der­artigen, nicht unberechtigten Auffassung ergiebt sich ein andere--. Verhältniß der Redaction zu dem Publikum- für eine solche Redaction ist der Thee der Frau Bimbernell em ebenso gut redactionell zu beachtendes Ereigniß, wie der Sturz eines Ministeriums. Wir freilich können uns eines Lächelns nicht erwehren, wenn wir zum Beispiel imFigaro'^ mitten unter hochpolitischen Nachrichten lesen:

Madame Röchet de la Giraudiöre gab vorgestern m ihrem vornehmen Hause in der Rue du Rocher einen hin­reißenden Ball, auf dem u. A. anwesend waren: Gräfin de Saiut-Guilhen, Vicomteffe de Vaux Saint-Cyr, Gräfin e Baur, Gräfin de Cail de Saint-Aymour, Frau de Waru und Frau de Bardin, sämmtlich mit ihren Töchtern. Der Cotillon, reich an reizenden Überraschungen, wurde von Herrn de la Giraudiore mit Fräulein Röchet eröffnet.

Solcher Bälle finden Dutzende jeden Abend tu Paris start, und der Ball der Frau Röchet de la Giraudiore war wie alle anderen. Warum erwähnt man ihn imFigaro^ wie andere auch, bei denen man häufig auch noch die Tänzer und Tänzerinnen und ihre mit den verschiedenartigsten Namen belegten Sprünge anführt? Aus Selbstzweck! Bei uns m Deutschland hat man gewiß eine hohe Achtung vor einem Lieutenant, aber keinem großen Blatte würde es einsallen, die Nachricht von dessen Verlobung im polirischen -Ll)eu der Zeitung aufzunehmen, es sei denn, daß dieser Lieutenant ent­weder durch seine eigene Familie ober die seiner Braut, oder

Feuilleton.

Die Sucht,in die Zeitung zu kommen".

Es ist noch gar nicht so lange her, daß der deutsche Privatmann eine heilige Scheu davor hatte,in die Jettung tu kommen", die er als eine Abart des Prangers anzusehen geneigt war. Wenn es auch in unseren Tagen noch viele solcher Zeitungsscheuen giebt, so hat sich die Sache doch wesentlich geändert. DaS Zeitungswesen ist auch in Deutsch­land ein so mächtiger Factor des öffentlichen Lebens ge­worden, daß Jeder, der nicht gerade Diogenes spielen will, sich als Mitglied der Oeffentlichkeit fühlt und es als sein gutes Recht in Anspruch nimmt, in die Zeitung zu kommen, sobald er nur ein wenig in die Oeffentlichkeit getreten ist. Bei uns kommt der schlichte Privatmann meist noch corporatw in die Zeitung, als Mitglied des Vereins von Süffelshausen oder des Vereins derUnentwegten" u. s. w. Als solcher will man aber auch gut in die Zeitung kommen, das herßt, mit Genuß von sich lesen, daß man doch eigentlich ein ver­kapptes Künstlergenie ist, das nur aus Bescheidenheit und echter Liebe für die Kunst die weltbedeutenden Bretter betritt. Sonst wird der deutsche Privatmann des Gen»-'H, seinen Namen und Stammbaum und Tugenden in der Zeitung zu lesen, nur durch besondere Kraftleistungen theilhaftig. Einer bekommt zum Beispiel den siebenten Buben, einer feiert seine silberne, goldene, diamantene Hochzeit, einer wird hundert und etliche Jahre alt, einer zähmt einen Hering, fallt sich bei einer Bergparthie zu Tod, begeht Selbstmord, stiehlt eine eiferne Kaffe mit gediegenem Inhalt, mordet oder wird ge= mordet, wird gehängt, geköpft oderelectrifirt'. Wer sich solche Kraftleistungen nicht genehmigen kann ober will, mutz schon Dichter werden, um im redactionellen Briefkasten seinen Namen zu lesen. Wenn die deutsche Presse nicht nachsichtiger

durch irgend einen anderen Umstand ein Piedestal erhält- DerFigaro" schreibt aber von einem Lieutenant, der für die Weltgeschichte Hecuba ist, groß und breit, nachdem er die Feder über einen wichtigen Congieß hat berichten lassen, un­mittelbar : . .

Herr Paul be Gouvion-Saint-Cyr, Lieutenant bei den 21. Dragonern, Sohn des Herrn Gouvion-Saint-Cyr und seiner Frau, geborenen Backiaffon be Momalivat, hat sich mit Fräulein Aeunchen be Dudezeele verlobt.

AberFigaro", Du bist noch ein Schüler, gehe hin nach Amerika und lerne, was für ben Selbstzweck einer Zeitung von Nöthen ist. Eine amerikanische Zeitung berichtet über Alles meterlang, capitelweise romanhaft. So bringt z. B. der (deutsche)Milwaukee Herald" jeden Sonntag zwei bis drei Spalten unter dem Titel:

Feierlichkeit beendigende Rede, die mit dem Wunsche schloß, der Canal möge dem Gesammtvaterlande zur Ehre und zum Segen gereichen. Der spätere Nachmittag war den Fahrten der zur Feier Geladenen durch die Stadt und Umgebung gewidmet. Abends um 6 Uhr beginnt das Festmahl im Rathhause. , , _ , .

München, 31. Mai. Zur internationalen Fahrplan- Conferenz haben die bayerischen Staatsbahnen die Herstellung einer neuen Schnellzugsverbindung von München über Gemünden, Bebra, Göttingen nach Hamburg und zurück angemeldet. ,

Paris, 31. Mai. Senat. Beaumanoir (Royalist) interpellirte die Regierung über ihre auswärtige Politik und hob dabei hervor, Europa würde sich erleichtert fühlen, wenn die Besorgnisse verschwänden, welche sich als Folgen auS dem Frankfurter Vertrage ergäben, aber die Verwirklichung dieses Traumes scheine nicht nahe bevorzustehen. Die französiiche Flotte gehöre nicht nach Kiel. Redner betonte, er zolle dem wahrhaft königlichen Verhalten des Kaisers Wilhelm volle Anerkennung und fei überzeugt, daß daS französische Ge- schwader mit aller Zuvorkommenheit empfangen werde, allein der Nord Ostsee-Canal sei durchaus ein kriegerisches Werk. Man opfere den republikanischen Stolz, von dem man so ott spreche. Elsaß werde wisien wollen, ob die RegterungS- politik, nach Kiel zu gehen, eine Politik des Verzichtes sei. (Lärm links.) Redner fuhr fort: Frankreich will den Krieg nicht, aber welche Rolle wird es in Kiel spielen? Was haben wir in Japan zu thun? Unterhält Frankreich seine gewaltigen Heere für ausländische Interessen? Werden wir die Politik ewiger Täuschungen fortsetzen? Die russische Flotte geht nach Kiel, aber die französischen Schiffe werden von den russischen getrennt sein. Die Feier wird am Jahres­tage der Schlacht bei Waterloo stattfinden. Anstatt deutsche, englische und selbst russische Politik zu treiben, würde es besser sein, französische Politik zu machen. Frankreichs Freund- schafr ist cm kostbarer Schatz, ben man nicht zum Gegenstand eines geheimen Vertrags machen darf. Andere Nationen verheimlichen ihre Bündnißverträge nicht, wir müssen das­selbe thun. _____________

Depeschen deS Bureau ,6erolb.

Berlin, 31. Mai. Im Lustgarten des königlichen Stadtschloffes zu Potsdam fand heute Vormittag die Früh- jahrsparade über die Potsdamer Garnison in Anwesen­heit des Kaiserpaares, des Grafen von Flandern, seines Sohnes und anderen Fürstlichkeiten statt. Der Kaiser führte der Kaiserin das Regiment der Gardes du Corps vor. Die drei ältesten kaiserlichen Prinzen waren in die Leib-Compagnie eingetreten, während die Kaiserin sich mit den übrigen Kindern vom Fenster de? Schlaffes aus die Parade ansah. Nach der

Amtlicher Theil.

Gießen, den 30. Mai 1895.

B etr.: Vornahme einer Berufs- und Gewerbezählung im Jahre 1895.

Das Grotzherzogliche Kreisamt Gietzev

an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.

Unter Bezugnahme auf unsere Ausschreiben vom 16. und 20. d. M. (Gießener Anzeiger Nro. 118 und 119) benach­richtigen wir Sie, daß die Drucksachen Nro. I bis III m Betreff der Berufs- und Gewerbezählung vom 14. Ium 1895 kurzer Hand Ihnen zugehen werden. Damit unbegründete Anforderungen von Gewerbebogen (Drucksache Nro. III.), wie sie bei der Berufs- und Gewerbezählung von 1882 zahl­reich vorgekommen sind, vermieden werden, machen wir Sie darauf aufmerksam, daß wie aus der die Aufstellung von Gewerbebogen betreffenden Vorschrift auf Seite 4 (am Ende) der Haushaltungsliste (Drucksache Nr. I) und der Anleitung zur Ausfüllung des Gewerbebogens (Drucksache Nro. I) auf Seite 1 desselben hervorgeht nicht an jeden Gewerbetreibenden Gewerbebogen ausgegeben werden dürfen, sondern nur an solche, sür welche Spalte 13 oder 14 der Haushaltungsliste mitJa" auszusullen ist. Es betrifft dies diejenigen Gewerbetriebe, m welchen mehr als eine Person thätig sind, oder elementare Kraft für Umtriebsmaschinen (Motoren) oder Dampfkeffel oder Dampf- sässer verwendet werden. Sie wollen dementsprechend die von Ihnen bestellten Zähler eingehend belehren.

Gleichzeitig werden diejenigen von Ihnen, die mit der Gerichtlichen Anzeige wegen der Bildung von Zähl-Commis- sionen, Zählbezirken u. s. w. (cfr. Ausschreiben vom 16. d. M. im Gießener Anzeiger Nr. 118) noch im Rückstände sind, an alsbaldige Erledigung erinnert.

v. (Sagern.

Gesunden. 1 Taschenuhr, 1 Loupe, 1 Portemon­naie mit Inhalt, 1 Notizbuch, 1 Strohhut, 2 Spazierstocke, 1 Handschuh, 1 Schleier, 1 Schürze und 1 Wagendecke.

Gießen, den 1. Juni 1895.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

I. V.: Wolff, Regierungs - Affeffor._________

Neueste Nachrichten*

Wolffs telegraphische« Correspondenz-Bureau.

Berlin, 31. Mai. DerReichsanzeiger" meldet: Der Kaiser ernannte ben Philosophen Herbert Spencer- London, den Numismatiker Imhof-Blümer aus Winter­thur und den Physiker van T' H o f f-Amsterdam zu auS. ländischen Rittern des Ordens pour le mente für Wissen­schaften und Künste. mf.

Harburg, 31. Mai, 12 Uhr Nachts. Ein durch Blitz­schlag in ein Petroleumtank verursachtes Feuer wüthet ununterbrochen fort und dürfte auch morgen ^^rbrennen. Sämmtliche vier gefüllte Tanks, 3000 gefüllte, 70,000 leere Barrels sind total vernichtet. Die Ausdehnung der Feuer­fläche beträgt 300 Meter. Das ganze Pionierbataillon ist anwesend; die Feuerwehren schützen nur die benachbarten Bauernhäuser. Das Petroleumlager der amerikanischen Ge­sellschaft ist außer Gefahr, da der Wind die Flammen nach der Elbe hinüberschlägt.

Lübeck, 31. Mai. Heute Nachmittag 3 Uhr begann die Feier der Grundsteinlegung des Elbe-Trave- Canals, welcher als Ehrengäste des Senats StaatSm nifter Dr. v. Bötticher, v. Miquel und Thielen, der cemwandirende General des 9. Armeecorps, Graf Waldersee, der preußische Gesandte v. Kiderlen-Wächter, Geh. Oberregierungsrath Frei- Herr v. WilmowSky beiwohnten. Nachdem die Feier durch eine Mufikfanfare eingeleitet worden war, hielt der Vor­sitzende der Canalbaubehörde, Senator Klug, die Begrügungs- rede, in welcher er den Wunsch aussprach, daß der Canal den Norden des Reiches inniger mit diesem verbinden möge. Darauf that Bürgermeister Dr. Behn die ersten Hammer­schläge mit den Worten:An Gottes Segen ist alles ge­legen." Ihm folgte der Gesandte v. Kiderlen-Wächter als Vertreter de-; Königs von Preußen, welcher die Worte fprad): Ich wünsche den Fortbestand der uralten Freundschaft -wischen Preußen und Lübeck." Gras Waldersee begleitete die drei Hammerschläge mit dem Spruche: ^avigare necesse est, vivere non necesse est. Der Wortführer der Lübecker Bürgerschaft, Dr. Bremer, sagte :Auch bet diesem Unternehmen bewähre sich die Kraft des freien Bürger- thums". Nachdem die Reihe der Ehrengäste den Hammer- ! schlag vollzogen, hielt Bürgermeister Dr. Behn eine die

Der verflossenen Woche in hiesigen Familien und Gesellschafts-Kreisen.

Was die Woche an geselligen Vergnügungen in Privatkrciseli gebracht hat. Karten und Tanz-Gesellschaften. Verlobungen. Hochzeiten. Empfänge. Privainachrichteu. Aus den Vor­städten u. s. w. .. ...

Da wird nun über das Mögliche und Unmögliche be­richtet. Hier eine Handvoll solcherEreignisse

Am Dienstag feierte Fran H. Vetter, Nr. 335, 6. Straße wohnhaft, ihren Geburtstag, aus welchem Anlaß eine große Anzahl ihrer Freimdinnen sich zur Gratulation eingestellt hatte. An der hübschen Feier beteiligten sich u. A. die folgenden Domen: Fran I. F. Heim, Frau Fred. Dannensester, Frau I. Boerner, Frau P. Dft, Frau Moser, Frau Stumpf, Fran Luther, Frau Rheins, Frau Harrison, Frau H. Peters Frau Geo. Stoerz, Frau F. Boerner, sowie die Fräulern Anna