Ausgabe 
2.6.1895 Drittes Blatt
 
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1898

Sonntag dm 2. Juni

Drittes Blatt

Rr. 128

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Deutsche» Reich.

Berlin, 31. Mat. Pfingsten ist wiedergekommen, eine liebliche, erquickende Ruhestätte inmitten des Hastens und Drängens des werktägigen Lebens. Auch auf daS poli­tische TageStreiben äußert das herrliche Fest der Maien immerhin seinen Einfluß, wo bislang die Parlamente noch versammelt waren, sind sie vertagt worden, und wenn die parlamentarische Maschine zu klappern aufhört, verlangsamt sich auch von selbst der Gang der inuerpolitischen Begeben­heiten. Diese politische und parlamentarische Pfingstruhe macht sich auch in den deutschen Angelegenheiten geltend-der Reichstag ist gänzlich geschlossen, das preußische Abgeordneten­haus und die sonst noch tagenden einzelstaatlichen Parlamente genießen ihre pfingstliche Erholungspause, von großen, aus' regenden Fragen auf dem Gebiete der inneren deutschen Politik ist im Uebrigen aber vorerst nichts mehr zu spüren. Wir können daher unser deutsches Pfingsten in voller Muße feiern, ohne uns den politischen Tagessorgen sonderlich hin­geben zu müssen- freilich erscheint die nächste Zukunft im Lichte der Ungewißheit, und mancherlei unerfreuliche Momente weist zur Zeit die innere Lage auf. Diese einigermaßen un­erquicklichen Ausblicke sollen uns aber die Freude am Pfingst- feste, das sich diesmal im vollsten, prächtigsten LenzeSschmucke naht, nicht schmälern, auf Nebel folgt auch wieder Sonnen­schein, und in dieser Zuversicht möge in unseren deutschen Landen allenthalben die beglückende Pfingstfeier begangen werden.

Berlin, 31. Mai. Der Bundesrath hat in seiner Wochenplenarsitzung vom 30. Mai u. A. auch das Depots- gesetz (Pflichten der Kaufleute bei Aufbewahrung ihnen an- vertrauter Werthpapiere), sowie das Börsenreform­gesetz mit einigen Abänderungen genehmigt. Don diesen neuen Vorlagen für die künftige Reichstagssession interessirt natürlich vor Allem der Entwurf eines Börsenreformgesetzes, welcher bestimmt ist, eine ganze Anzahl von Mißständen und Auswüchsen im bisherigen Börsenverkehr^zu beseitigen. Als Hauptpunkte der vorgeschlagenen reformatorischen Maßnahmen erscheinen folgende Bestimmungen: Bestellung eines Staats- CommissarS als Organes der Landesregierung bei jeder Börse, Bildung eines Börsenausschuffes als begutachtendes Sachverständigenorgan zur Unterstützung des Bundesrathes, Erlaß einer von der Landesregierung zu genehmigenden Börsenordnung an jeder Börse, Bildung eines Ehrengerichtes an jeder Börse, dessen Aufgabe es ist, Börsenbesucher, die

sich unlauterer Handlungen schuldig gemacht haben, zur Ver­antwortung zu ziehen. Ferner enthält der Entwurf ein­gehende Bestimmungen über die Feststellung des Börsen­preises und des MaklerpretseS. Der Entwurf des Depots- gesetzeS bezweckt eine größere Sicherung des Publikums im Depotverkehr mit den Bankhäusern und Privatbankiers und enthält eine Reihe einschlägiger Bestimmungen.

Reichstagspräsident Freiherr von Buol hat die Uebernahme des ihm angebotenen Postens eines Landgerichtsdirectors in Freiburg i. B. abgelehnt. Demnach kann auch keine Rede von einer Mandatsniederlegung Herrn von Buols mehr sein.

Die Berliner' Staatsanwaltschaft hat jetzt das Strafverfahren gegen den Reichstagsabgeordneten Freiherrn von Stumm wegen Herausforderung zum Zweikampfe mit tödtlichen Waffen eingeleitet. Der Fort- gang des Verfahrens hängt jedoch von dem Gesundheits­zustand des Herrn von Stumm ab, der schon seit längerer Zeit wegen eines erheblichen Leidens in einem ausländischen Bade weilt, eine persönliche Vernehmung ist in Folge dessen sehr erschwert.

tuet KrsvLirKMes

F. Aus dem Kreise Friedberg, 30. Mai. In den Gras­gärten, welche nicht in den Wiesenverbänden liegen und daher jederzeit geerntet werden können, hat man mit dem Mähen des Heugrases begonnen. Die treffliche Witterung begünstigt das Trocknen des Futters außerordentlich- es legt sich dicht und verbreitet einen köstlichen Geruch, die Qualität wird eine sehr gute und auch die Menge ist sehr befriedigend. Da daS Futter noch etwas weich ist, dörrt es stark zusammen- man erntet die Gärten aber trotzdem, weil man sich dadurch etwas Luft für die Haupternte auf den Wiesen schaffen will.. Wir werden dieses Jahr voraussichtlich bedeutende Futtermassen und dadurch billige Preise erhalten, denn auch die verschiedenen Kleearten stehen ganz vortrefflich. Die Maikäfer haben an manchen Kirschbaumalleen recht empfindlichen Schaden an­gerichtet.

n. Aus der Wetterau, 30. Mai. Der Roggen, der dieses Jahr eine sehr schöne Aehre getrieben hat, steht eben in Blüthe. Bei dem prachtvollen Wetter darf man hoffen, daß er gut abblüht. Der Blüthenansatz ist ein sehr reicher. Bet der herrschenden Windrichtung ist nicht anzunehmen, daß Höhenrauch eintritt, der bekanntlich den Blüthen sehr schadet

und auch durch zweimaliges Erscheinen während der Blüthe der Aepfelbäume Schaden angerichtet hat. Auch das GraS steht in Blüthe, was viele Landwirthe veranlaßt hat, den Grasschnitt in den Gärten zu beginnen. Hier wird daS Heu nämlich, wenn daS Gras zu lange steht, sehr hart und vom Vieh nicht gerne genommen.

n. Stammheim, 30. Mat. Der Keuchhusten tritt eben sehr stark unter unsern Kindern auf. Von 58 Schülern der Unterklasse find 40 davon befallen.

P. A. Worms, 30. Mai. 14. Verbands schießen des badischen Landesschützenvereins, des pfälzischen und mittel- rheinischen Schützenbändes. Mit Riesenschritten nahen die Festtage, und dementsprechend herrscht in allen Ausschüffen eine rührige Thätigkeit. Vor allem sei der stets bereiten und oft gerühmten Opferfreudigkeit unserer Bürgerschaft ge­dacht, mit der dieselbe in kurzer Zeit einen Garantiefonds von über 120 000 Mk. zeichnete, gewiß ein schönes Vertrauens­votum, das unsere Mitbürger den Leitern des Festes ausge­stellt haben! Auf dem Barbarossaplatze regen sich fleißige Hände- die Schießhalle ist fast unter Dach, und auch die Festhalle schreitet entsprechend voran, wenn auch hier noch Vieles zu thun bleibt! Der reizende Festplatz hat noch eine Verschönerung und Erweiterung erfahren, indem ein schräg auf den Rhein laufender kleiner Damm, der den Plan etwas störend unterbrach, abgetragen wurde. Aufrufe und Schieß- ordnungen sind an die einzelnen Vereine längst versandt- soeben wird mit dem Versandt der Anmeldebogen zur Thetlnahme am Feste, sowie zum Concurrenzschteßen begonnen, welchen die Bitte um Stiftung von Ehrengaben betgefügt ist. Die Anmeldungen von Ehrengaben laufen übrigens aus dem Kreise der Bürger schon zahlreich ein- mit gutem Beispiel gingen die Väter der Stadt voran, indem sie in bekannter Einmüthiqkeit Mk. 1500 für Ehrengaben votirten!_________

Vermischtes.

* Schweidnitz, 26. Mat. In einigen hiesigen Geschäfts­localen wurde schon seit längerer Zeit wiederholt das Ab­handenkommen von Seidenstoffen, Spitzen, Hand­schuhen und verschiedenen anderen Putzartikeln festgestellt. In einzelnen Fällen wurden die Verluste nach der Anwesenheit von mehreren Damen, Geschwistern, die meist paarweise ihre kleinen Einkäufe zu besorgen pflegten, bemerkt. Die Ge- schäftsinhaber wagten es nicht, gegen diese Damen mit Anzeige \ vorzugehen, bis vor Kurzem eine Verkäuferin in einem Mode» waarengeschäft eine der drei Damen beobachtete, wie sie einen

Feuilleton.

Ein rreignißreicher Pfingstsonntag.

Bon Morte Treu ter (Brandenburg.)

(Nachdruck verboten.)

Es war am ersten Pfingstfetertage, als Herr Adalbert Wertheim ziemlich spät am Vormittag erwachte.

Was, schon elf Uhr?" rief er, sich im Bette aufrichtend. Teufel, da hab ich die Zett verschlafen! Doch was schadet es, der gute Karl hat aber vergebens auf mich gewartet. Im Uebrigen ist es egal, ob ich mich hier oder bei ihm lang­weile. ... Ach, Jka," seufzte er,gerade zu Pfingsten mußtest Du verreisen, und ich hatte mich so gefreut, daS sonnige Fest in Deiner Gesellschaft verleben zu dürfen."

Adalbert Wertheim hatte entschieden Pech. Ihm, der Kammervirtuose und Lehrer an einem Conservatorium war, hatte man einen achttägigen Urlaub zu einer Pfingstretse be­willigt und er hatte abgelehnt, weil er eS vorzog, in der Nähe seiner angebeteten Jka zu verbleiben.

Jka Bergmann war die Tochter eines GeheimerathS, in deffen Hause Adalbert als gern gesehener Gast verkehrte. Er wurde von den vielen Verehrern der schönen Jka ent­schieden bevorzugt, denn er fehlte bet keiner Familienfestlich- teit und die Freunde des GeheimerathS betrachteten die baldige Verlobung als selbstverständlich.

Adalbert war deßhalb nicht wenig erstaunt, als er bet einem gestern beabsichtigten Besuch daS Nest leer fand und nicht einmal erfahren konnte, wohin die Familie ihren Flug genommen.

Was, die Bergmanns sind verreist?" frug sein Freund Karl Weller, ein Jünger AeSculaps und Neffe des Geheime- raths, der ihn noch am Abend aufsuchte.Merkwürdig. Und Du weißt nichts davon? Wir glaubten alle, Ihr würdet Euch Pfingsten verloben. Du bist ein Hasenfuß, daß Du nicht endlich um daS Mädchen anhältst. Man wird sie Dir .noch vor der Nase fortschnappen."

Adalbert fuhr auf.

Teufel, das wäre aber darf ich's denn wagen?" Natürlich darfst Du! So'n Kerl, wie Du, schneidig, genial was weiß ich. Nun, es kann ja nachgeholt werden, hoffentlich wird sie keiner von dem PfingstauSflug direct an den Altar schleppen. Apropos wenn Du nicht weißt, wo Du die Friertage verleben sollst, komm mit zu unS. M ist zwar etwas langweilig auf unserem Ltndenhof, aber meine Alten sind gemüthliche Menschen und schließlich fliegen ja alle Städter zu Pfingsten hinaus ins Freie. Bring auch Deine Geige mit, wir bekommen zuweilen Besuch von den GutSnachbarn und mein Alter renommirt gern mit den be­rühmten Freunden seines Sprößlings. Ueberleg DirS. Morgen früh präciS halb acht Uhr triffst Du mich auf dem Bahnhof."

Adalbert Wertheim hatte so quasi zugesagt.

Nun hatte er aber die Zeit verschlasen, doch ließ sich daS Versäumte nachholen. Um zwei Uhr ging noch ein Zug, der bet der kleinen Station, in deren Nähe Karls väterliches Besitzthum lag, anhielt. Die kleine Wegstunde bis dorthin konnte er dann leicht zu Fuß zurücklegen. Er kleidete sich schnell an, steckte einige nöthige Toilettengegen- stände in eine Touristentasche, packte seine Geige sorgfältig in ein Reisefutteral von Juchten und begab sich dann auf den Weg. Mit der Pferdebahn erreichte er bald den Bahn­hof. Hier nahm er noch ein opulentes Gabelfrühstück ein und dampfte dann mit einer ungeheuren Zahl Vergnügungs- zügler in die sonnige Ebene hinaus.

Nach ungefähr einer Stunde hatte er die betreffende Station erreicht. Adalbert war in der Hitze in dem Coups durstig geworden und ließ sich, ehe er feine Wanderung an- treten wollte, von einem Bahnbediensteten den Weg nach dem Wirthshause zeigen.

Vor dem etwas primitiven Etablissement war eine fest­lich geputzte Gesellschaft versammelt. Dralle Mädchen in steifen Cattunkleidern mit ungeheuren künstlichen Blumen­kränzen auf den straffen Zöpfen und junge Burschen mit Maienblumen im Knopfloch umstanden einen heftig gestiku-

lirenden Mann, in welchem Adalbert den Wirth des Gast­hauses vermuthete.

Doa iS jo schon einer von die Spüllüt," rief einer der Burschen und zeigte auf Adalbert, der sich an einem Tisch vor dem Hause niedergelassen hatte.

Die ganze Gesellschaft fuhr wie electrifirt herum. Der Wirth schoß wie ein Habicht auf Adalberts Platz los, prallte aber enttäuscht zurück, alS er den eleganten Gast erblickte.

Hei ntch von di Sort," rief er der erwartungsvoll blickenden Versammlung trübselig zu, dann fragte er mit einem höflichen Kratzfuß nach Adalberts Begehr.

Ein Glas Bier, aber schnell," befahl dieser,und nachher können Sie mir erzählen, warum Sie und jene Leute dort zu Pfingsten solche Leichenbittergefichter machen."

Nach einigen Minuten kehrte der Wirth zurück.

Ach, lieber Herr," begann er mit einer weinerlichen Stimme, indem er den schäumenden Gerstensaft vor Adalbert auf den Tisch stellte,ich bin blamirt und ruinirt, wenn die verflixten Kerls von Spielleuten nicht bald kommen. Bier Wochen vor Pfingsten habe ich die Bande schon bestellt und nun lasten Sie mich doch im Stich. Die Gäste wollen, Wenns nicht bald losgeht, hinüber ins andere Dorf, und wenn sie die Geschichte drüben erzählen, dann geht nicht nur mein Verdienst, sondern auch mein bischen Renomms zum Teufel."

Jetzt winkten die Burschen den Wirth herüber.

Nu, will hei späten?" fragten sie erwartungsvoll. Sie hatten augenscheinlich angenommen, der Wirth verhandele wegen der Tanzmusik mit seinem Gast.

De vürnehme Mensch? Wo denkt Ji Heu, bet iS joo een Kinstler."

Wat heeßt een Kinstler? Er spält ook vor Jeld, riefen die Burschen wegwerfend.Frag em rasch, ob hei findeln will, fünft gähn wir wo anners hen."

Adalbert hatte belustigt dem Disput gelauscht. Ein toller Gedanke durchblitzte sein Hirn. Hier konnte er mit einem Schlage eine große Anzahl beglücken, dem armen Wirth sein Ansehen erhalten und, was das Beste an der Sache war,