"22 Äpril nach Morges, einer schönen grabt mit 200 Häusern. Hier wurde ich auf ein sehr schönes Landgut, /< Stunde von der Stadt, einquartirt, wo ich es in Gesellschaft von noch 7 Jägern sehr gut hatte."
„23. Avril. Nach Nyon, wo ich bei einem Lohgerber, einem braven Hannoveraner, logirte. Nyon liegt an dem Genfer See; jenseits dieses Sees sieht man den Montblanc und die Alpen, diesseits das Juragebirg. Ehe man nach Nyon kommt, sieht man daS schöne Landgut des Herrn von Oyen, überhaupt ist eine Kette von schönen Landgütern und Landhäusern von Nyon 6,S Genf."
„24. April. Durch Versois, wo wir die französische Grenze betraten und dieses mit dem Knall der Büchse und durch den Gesang „Heil unserm Bunde" rc. anzeigten. Durch Ferney, Voltaires Wohnsitz nach Bourdignau dessas, l1/« Stunde von Genf. Wir wurden zu 26 in ein Logis gebracht. Rasttag."
April 26. „Durch das Fort d'Eclnse, welche Feste ganz mit Bergen umgeben ist, nach Chatillon, welches Dor ^urch den Krieg ganz ruinirt ist. Ehe man nach Chatillon kommt, sieht man la perte du Rhdne.“
April 28. „Durch Maillac, welches von den Oesterreichern wegen Widersetzlichkeit in Asche gelegt worden war, nach Cordon, miserables Dorf. Rasttag."
Mai 2 „durch Miribel, (langes Dorf, böses Pflaster) nach Lyon, wo uns der Prinz Emil mit dem Prinzen Philipp von Hessen-Homburg und vielen sonstigen Offizieren entgegenkam und wir nachher in Parade einrückten."
So waren unsere braven hessischen Jäger in 35 Tagen mit sieben Rasttagen von Darmstadt nach Lyon gekommen,' kriegerische Erlebnisse hatten sie unterwegs nicht, wohl aber Gelegenheit, die traurigen Folgen des Kriegs zu beobachten. Dieser war überhaupt zu Ende, denn schon am 1. April NGt,e der französische Senat die Absetzung Napoleons decre- tiert, und wenn es auch noch bis zum 11. April dauerte, n>o er seine Thronentsagung unterzeichnete, und bis zum 20. April, wo er nach Elba abreifte, so war doch nach menschlichem Ermessen keinerlei Gelegenheit mehr, kriegerische Lorbeeren zu pflücken.
So war denn auch der Aufenthalt unserer hessischen Jäger in Lyon vom 2. Mai bis zum 2. Juni, wo der Rückmarsch angetreten wurde, hauptsächlich dem Vergnügen gewidmet. Das Stadthaus mit seinen Broneefiguren, die schönen Straßen mit ihren prachtvollen Gebäuden, der schiff- reiche Strom, die schönen Spaziergänge am Rhünequai, und die großen Seidenfabriken machten auf unseren Gießener Jäger tiefen Eindruck. Wohl mochte er still und laut 93er« ßtcidje anstellen zwischen der großen französischen Stadt und seinem kleinen finsteren Heimathstädtchen. Dazwischen fällt zur Abwechselung eine Revue vor dem Prinzen Emil, ein Ausmarsch von wenigen Tagen in die Dauphinöe, wo die Quartiere sehr schlecht waren, dann wieder nach der Rückkehr die festliche Beleuchtung Lyons zu Ehren des zurückgekehrten Königs Ludwig XVIII. Zwischendurch werden auch verschiedene Theater und. Coneerte besucht, über deren Werth sich aber unser junger Jäger nicht äußert. Dafür finden wir in den Aufzeichnungen eines anderen Jägers, des Lieutenant und Professors Frdr. Gottlieb Welcker von Gießen ein Urtheil darüber: „Im großen giebt man Opern, Ballets und Schauspiele abwechselnd, immer eine gute Portion zusammen, von 6—10. Man singt leidlich, muficirt schlecht, spi'lt brav und tanzt für eine Provinzialstadt sehr vorzüglich. Opern und große Ballets sind mir am ergötzlichsten gewesen. In den Komödien erscheint der Franzos nur stärker ausgesprochen und lauter schreiend, als im gewöhnlichen Leben, und also ist anch das Mißbehagen fast um so größer, als die Kunst stark ist. Im kleinen Theater des Cölestins ist man mehr der Zuschauerinnen wegen, die mit dem fremden Militär schäkern und narren, als des Spiels wegen, was zwar nicht schlecht ist. Beide Theater spielen jeden Tag. In Ansehung der gesellschaftlichen Unterhaltung dürfen wir sehr zufrieden sein.--— Natürlich daß bei’ Franzos,
dessen Hauptzüge Kinderei und Eitelkeit sind, durch den Verlust und die Erniedrigung, die er jetzt erfährt, über die Hebet leicht ganz geblendet wird, und Abtretung unverjährter Be- sitznngen, als eine unerhörte Ungerechtigkeit betrachtet."
(Fortsetzung folgt.)
Worih Garriere.*)
Ein Nachruf.
Bon Carola Blader (London).
Der Edelsten einer unter Denkern und Menschen ist gestorben. Moritz (Saniere’» Leben endete sanft durch einen Herzschlag in der Nacht vom 17. auf den 18. Januar.
*) Der Nachruf an Carriere, der unfl zur Veröffentlichung über lassen wird, gewinnt eine um so größere Bedeutung, alv er der Feder
Carrrere war ein achter deutscher Gelehrter nach Fichte » rdealem Bild. Die Pflicht und die Menschenllebe waren ihm Führer durch's Leben, er hat das Evangelium des höchsten Menschernhums und des reinsten Gottesglaubens verkündet I In seiner Philosophie gelangte er durch Hegel zu Fichte, auS denen Welt« und Gottidee die scinige hervorgegangen ist. Doch ging er ergänzend über Fichte hinaus; dessen noch einseitiger Idealismus und fein noch zu unbestimmter Gott wurden ihm zur klaren Einheit im Reai-Jdcalismus und zum persönlichen Gott. Früh schon hatten sich feine philosophischen Anschauungen krystallifirt und sanden ihren Ausdruck in einem Werke, das seinen Ruf begründete: „Die Philosophie der ReformatwnSzeit." Sein „Glaubensbekennttsiß" legte er nieder in „Die sittliche Weltordnung". In einer Schrift CRebe vor bet Akademie der Wissenschaften im Mai 1892) bringt er der Wissenschaft eine neue, überaus fruchtbare 3bee in dem „Wachsthum der Energie in der geistigen und organischen Welt". Carriere war em nie ruhender Kämpfer gegen den Materialismus und gegen die verderbliche Theorie des „Jenseits von Gut und Bös." Dabei schätzte er aber in seinem vollen Werthe, was der Naturalismus Gutes in der Kunst bewirkt hat, er erklärte die Naturwissenschaften als unzertrennbar von der Philosophie und erkannte freudig das sich neuerdings fühlbar machende ideale Streben und eine höhere sittliche Weltanschauung.
(Saniere reicht noch in die Zeit der Romantik zurück, von deren Schwung und Begeisterungssäbigkeit er etwas bemalten hatte, das feinem Wesen bis ins Alter einen poeti- fcjjen Reiz verlieh. Als- „feuriger, junger Stürmer und -Lränger" schenkte ihm Bettina von Armin ihre Freundschaft und mit ihren Töchtern blieb er in herzlichen Beziehungen bi« wenig Tage vor seinem Tod, durch den der Gräfin Otiola wieder „ein Stern hinter seinen Horizont sank". — In Gießen, wo er studirt hatte, verlebte er die „lustige Privatdozentenzeit" und sand dann die liebliche Gefährtin seines kurzen Eheglücks, Agnes von Liebig, mit welcher er Hd) nach feiner Berufung nach München im Jahr 1853 vermählte. Ehe sie ihm ihr Herz geschenkt hatte, hatten ferne „Religiösen Reden an das deutsche Volk" ihm „die hingebende Theilnahme ihres Geistes gewonnen". Carriere war ein deutscher Mann mit der ganzen Kraft seines großen Herzens. Dafür zeugte im Jahre 1870 nicht nur ein jedes feiner Worte, sondern auch feine Bethätigung durch Hinausziehen in den Krieg zur Hülfe der Verwundeten, es zeugte davon bis heute noch der lebendig warme deutsche Geist, der durch all fein Lehren und Wirken ging.
Nach zehn glücklichen Jahren kam der große Schmerz seines Lebens. Agnes (Saniere starb, am letzten Tage des Jahres 1862 wurde sie begraben. Er konnte ihr noch den ersten Band seines Kunstbuches aufs Krankenbett legen, den er auf der Höhe des Liebes« und Lebensglücks geschrieben hatte; ihr hatte er „die schönheitfreudige Stimmung darin" zu verdanken. Sie war ihm „treu zur Seite gestanden im Glauben an das Ideal". — „Du wirst wohl wieder heiter werden, aber selig nie", — sagte (Seibel verständnißinnig rum schmerzerfüllten Freund. Ein Jahr darauf starb ihm auch fein holdes, elfjähriges Töchterchen; es schien des Leides ast zu viel. Aber die Pflicht der Erziehung seines Sohnes, )ie Arbeit und das Festhalten am Glauben an das Ideal halfen feiner großen Seele auch am Leben festzuhalten, fo ange Gott wollte. Sein schönes Gedichtbuch „Agnes", zu »essen Veröffentlichung er sich nach einer Augenoperation ent« chloß, da er „Tage und Nächte ruhig im Dunkeln lag und ein Leben überdachte", zeugt von seinem Leid und feiner Kraft, zu überwinden.
Es war eine reiche Zeit für Kunst und Literatur in München, als Carriere an der Akademie und als Universitäts- »rofeffor dort thätig war und an die Tafelrunde des Königs Max gezogen wurde. Trotz der heftigen Angriffe, welche die „Nordlichter" zu erdulden hatten, bildeten sie mit mehreren Süddeutschen eine seltene Vereinigung von Genialität in den Bereichen der Wissenschaft und Kunst. Außer feiner „Sittichen Weltordnung" schrieb (Saniere in jener Zeit die ünf Bände des Kunstbuches, die Aesthetik, die Poesie, deutsche Geisteshelden im Elsaß, Lebensbilder u. s. w., mehrerer Schriften und zahlreicher Aufsätze nicht zu gedenken. Er besaß eine herrliche Schaffenskraft. In all feinen Werken wie in seinem Beruf als Lehrer und in all seinem Thun setzte er den ganzen Menschen ein; „ich habe mit den Kräften einer Schriftstellerin entstammt, die lange Jahre hindurch dem Heimgegangenen (belehrten in treuster Freundschaft verbunden mar. Es war eines jener Bündnisse, wie sie immer seltener in unseren Tagen werden, eine Harmonie der Seelen, die dem Gleichtlang verwandter Naturen entsprang. Wie wir erfahren, ist Frau Carola Blacker gegenwärtig damit beschäftigt, ihre Erinnerungen an Carriere niederzuschreiben. Man darf dieser Publikation mit Spannung entgegensetzen, denn sie wird einen höchst wichtigen Beitrag zur Biographie und Characteristik des berühmten «esthetik.rS liefern. Die Red.
des Gemüihs und Geistes zugleich gearbeitet und neben fennung und Enttäuschung auch die Freude gehabt, zu yir nehmen, daß in meinen wissenschaftlichen Büchern nicht tobte Lettern, sondern ein lebendiger Mensch den Lesern entgegen trete", sagt er selbst. — Und wer chn gelesen hat, wird sagen: das ifl wahr. Es ist auch dies Menschliche Lebens- wonne, welches diesen großen Mann der Wissenschaft doch über die Büchergelehrten erhob und ihn dabei sich freuen ließ am Verständniß des Geringsten. Gern erzählte er vom Setzer, der sich erbat, daß das Manuskript der Acfthetik ihm allem zugetheilt werde, damit er das ganze Werk lesen könne. Es war rührend, wie ihn die häufig ein treffen ben Briefe junger Leute freuten, die ihm für Erleuchtung durch eines feiner Bücher dankten oder gar um die Gabe eines derselben baten. Es war dies nicht nur die Bescheidenheit, wie sie den wahrhaft Großen zu eigen ist, sondern auch die Menschenliebe ; in ihm, die sich freute, „nicht blos für den Bücherschrank geschrieben zu haben, sondern auch für lebende Menschen.
I Herzen."
Carriere's Leben ist ein achtes Philosophenleben genannt morden. Seine Lehre war fein Leben, von ihrem Geiste war es durchdrungen; und wie er nicht bloßen Idealismus, sondern Real. Idealismus lehrte, so war fein Tlmn und Handeln, auf die höchsten Prinzipien gebaut, ebenso sehr von praktischer Vernunft bestimmt. Wer sich je auf ihn gestützt
.bcS. ^al davon die segensreiche Stärke empfunden. Seine Lelbnlofigkeit war so groß wie seine Güte gegen alle Menschen; von den armen Weibern, die sich während der Ferien sehnlichst erkundigten, , wann der Herr Professor wieder komme", bis zu den jungen Künstlern und Gelehrten, denen er hülfreich die Lebensbahn eröffnete ober ebnete, bn feinen Studenten, für die er eine Art schwungvoller Liebe empfand, bis zu den Menschen aller Art, die in Sorgen und Anliegen aller Art sich niemals vergebens an ihn wandten.
Mit der klaren Schärfe des Denkens verband er ungewöhnliche Tiefe des Fühlens, mit Kraft des Charakters und Bestimmtheit des Willens eine Feinheit des Empfindens und des Hcrzcnstaktes, wie ich sie fo nie bei einem Manne getroffen; mit einem feurigen Temperament die edle Ruhe bei Weifen: fein tiefer Ernst war erhellt durch jenen Humor, ber nur dem wärmsten Gemüthe entspringt; seine sittliche Höhe war umleuchtet von jener männlichen Reinheit, wie sie nur den idealsten Männern eigen ist. Alle» in ihm vereinigte sich zur abgeklärten Harmonie.
Wer etwas von Carriere's Philosophie kennt, ber kennt ouch feine Religiosität. Der Sprößling einer alten sranwst- fd>en Hugenotten«Familie, die einen Märtyrer unter ihre Sinnen zählt, hing er mit Treue am Protestantismus; eil Christenthum ohne „einengenbefi Dogma" mar jedoch fern glaube und fein Ideal. In dem kleinen Buche „Jesus Christus und die Wissenschaft der Gegenwart" hat er feine Ucberzeugungen niedergelegt. Kräftig bekämpfend, was ihm als eng unbjlein erschien, besaß er doch in hohem Grade, was man Toleranz zu nennen pflegt, d. h. eine Ehrsurck! vor jeder ächten Ueberzeugung. Die Katholiken und die Israeliten, die zu feinen Freunden gehörten, können davon Zeugniß ablegen. Versöhnung war ein Element seiner Natur.
Im Sommer 1883 traf (Saniere em fürchterlicher edjlag durch den Tod seines Sohnes, Professor der Zoologie an der Universität Straßburg. Mit hoher Kraft und Er- gebung trug der 75jährige Mann fein Schicksal, es roar eine große Seele, die fo zu leiden und zu tragen wußte. Auch letzt war es feine hehre Religiosität, die Pflichten für die Seinen und die Arbeit im Dienste des Ideales, die ihn aufrecht hielten. Seme vor Kurzem erschienene Schrift über ^Fichtes Geistesentwicklung" zeigt ihn in unverminderter Frische und Lebensmärme; für die Sitzung der Akademie der Wissenschaften im Mai hatte er einen Vortrag zugefagt über bas Gefühl, ein Werk über Fichtes Philosophie ist im Ma» nuskript vorangeschritten und findet hoffentlich durch eine geistesverwandte Feder ihre Vollendung. Sein letztes Wort aber an die Deutschen und ihre politischen Führer sprach er in dem eben gedruckten „Offenen Bries" an den Herausgeber ber Deutschen Revue, — es heißt Gedankenfreiheit.'
So Hot der Tod Moritz (Saniere in voller Arbeit gefunden, die Fahne hoch, den alten Hebräern gleich, von denen es heißt: mit der einen Hand bauten sie an ber Mauer Jerusalems, mit ber anberen wehrten sie bem Feinbe. Mit friedlich erhabener Ruhe ist ber Tod zu ihm gekommen, har. manisch groß wie sein Leben war er dessen verklarende Er- fullung.
„Ein Emporgang ist bas Erdenlcben, ein Schmerzensweg, doch der zum Ziele führt"; sagt er in feinem AgniSduch. Sein Emporgang ist ihm um Heile geworden: er ist am
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