Ausgabe 
1.12.1895 Zweites Blatt
 
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Alr. 283

Der

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Die Gießener

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Zweites Blatt. Sonntag den 1. December

Gießener Anzeig er

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chratisöeitage: chießener JamitienökätLer.

Unnahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Bonn. 10 Uhr.

Die bevorstehende Volkszählung im Deutschen Reiche.

Am kommenden 2. December findet bekanntlich in Deutschland wiederum eine allgemeine Volkszählung statt, welcher wichtige statistische Act im Deutschen Reiche seit dem 1. December 1875 regelmäßig aller fünf Jahre vorgenommen wird.

Volkszählungen sind durchaus nicht eine Eigenthümlich- keir des neuzeitlichen Staaten« und Völkerlebens, im Gegen- theil, ihre Geschichte reicht weit in das graue Alterthum zurück. Schon die alten Culturvölker, wie die Chinesen, Egypter, Hebräer, Perser, Griechen, Römer usw., veranstalteten von Zett zu Zeit Volkszählungen, die dann später auch im Reiche Karls deS Großen, in England unter Wilhelm dem Eroberer, in Frankreich unter Karl IX. stattfanden und welche bereits damals mitunter sehr sorgfältig ausgesührt zu «erden pflegten.

Ader diese Volkszählungen früherer Zettepochen dienten doch nur höchst einseitigen Zwecken, solchen entweder zur Be­steuerung, oder zur Aushebung zum Kriegsdienst usw., während die modernen Volkszählungen dem wiffenschaftlichen Jnterefie gewidmet find und sich gleichmäßig auf daS Geschlecht und alle BeoölkerungSklaffen erstrecken. Sie wurden tu dieser Weise zuerst in den Vereinigten Staaten von Nordamerika kurz nach Durchführung deS Unabhängigkeitskrieges der jungen transatlantischen R-publtk gegen England zur Ausführung gebracht und dann im Laufe deS gegenwärtigen Jahrhunderts auch von allen anderen Lulturländern vorgenommen, hierbei stetige technische und sonstige Fortschritte erfahrend.

SS bedarf wohl kaum einer nochmaligen besonderen Darlegung, wie ungemein bedeutsam nach den verschiedensten Richtungen hin die Vornahme einer allgemeinen Volkszählung für jeden Eulturstaat ist. ES handelt fich hierbei nicht allein im die Ermittelung der Zahl der ortsanwesenden Bevölke­rung, sontern auch um die Feststellung einer ganzen Reihe anderer Verhältnifie, welche zur Beurtheiluog de« Volkslebens und der Voiksklaft eines geordneten StaatSwesenS wichtig nud nöthig find. H'erzu gehören genaue amtliche Auskünfte über das Alter und das Geschlecht, den Familienstand und den Beruf, das Religionsbekenntntß, die Staatsangehörigkeit nud noch sonstige persönliche Verhältnisse der Bevölkerung, denn erst h'erdurch werden in Verbindung mit der Feststellung der Bevölkerungsz ff r. wirklich werthvolle Unterlagen für die Ausnutzung der Volkszählung zu allgemeinen Zwecken deS Staates erlangt.

Außerdem soll aber, was speciell unser deutsches Vater­land anbelangt, auch die bevorstehende Volkszählung wiederum «och anderen bestimmten Aufgaben dienen, wie der Der- theilung der grgenfettigen Lüftungen zwischen dem Reiche

und den Bundesstaaten, der Abgrenzung der Wahlbezirke, der 'Bertheilung deS Ersatzbedarfes für Heer und Flotte, unö noch verschiedenen sonstigen bemerkenSwerthen Aufgaben.

v. Soll nun dieser umfassende Zweck einer Volkszählung soweit wie nur möglich erreicht werden, so ist die Vor­bedingung hierzu die entsprechende correcte und übersichtliche Formulirung der ZählungSlisten einerseits, deren genaue Ausfüllung durch die Haushaltungsvorstände anderseits, wozu dann noch die gewiiienhafte Controlle seitens der Zähler gehört. Die Listen für die bevorstehende Volkszählung im deutschen Reiche find nun behördlicherseits wiederum in der entsprechenden und gründlichen Wiese vorbereitet worden, von der Umsicht der Zähler und namentlich auch von der Haltung der einzelnen Haushaltungsvorstände, resp. der eigene Wirthschaft führenden etnzellebenden Personen wird dann der Erfolg deS ganzen statistischen Actes abhängen. In Hinblick auf die Thatsache, daß bei den Volkszählungen im deutschen Reiche durchaus nicht erwa z. B. steuerpolitische oder criminelle Bestrebungen verfolgt werden, sondern daß hierbei lediglich Erwägungen zum Nutzen und Wohl der Gescrmmtheit die bestimmende Rolle spielen, darf man wohl hoffen, daß unsere Bevölkerung bei der Zählung vom 2. December den Behörden und den freiwilligen Vertrauens männern derselben, den Zählern, aus allen Kräften entgegen­kommt.

* Sichere Znkuvftsversorgnng sucht allen fich anschließen­den Kaufleuten, Ingenieuren, Chemikern, Bureaubeamten usw., kurz allen gebildeten Privatangeftellteu aber auch selbst­ständigen Geschäftsleuten der Deutsche P rivat- beamten-Berein zu verschaffen, der auf breitester Grund­lage aufgebaut ist und sich von Jahr zu Jahr zu immer größerer Bedeutung im Deutschen Reiche entwickelt. Wesent­liche Unterstützung findet er durch den Beitritt großer, deutscher Firmen als sogenanntestistende Mitglieder". Der südwest­deutsche ZweigoereinS -Be.band (Vorsitzender Herr Carl Gackenbach, Kaufmann, Frankfurt a. M.) hat soeben etnen neuen ausführlichen Prospect fertiggestellt, der auch schon alle die Erweiterung'n und Verbesserungen der Ber sorgungSkaffen enthält, welche auf der letzten Wander General­versammlung zu Frankfurt a. M. beschlossen worden find. Allen Interessenten kann angefichts der ganzen socialen Lage der Pnvaibeamten nur dringend empfohlen werden, fich diesen Prospect kommen zu lassen, sofern sie an eine Pension sür den Jnvaliditätsfall oder für daS Alter, an e ne Wittwen- und Waisenversorgung, Stellenvermittlung usw., überhaupt an eine zweckmäßige Vorbeugung gegenüber den Wechsel­fällen des Lebens vorsorgend denken.

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgeg«.

* Der Norddeutsche Lloyd in Bremen hat in den letzten drei Jahren bekanntlich einen Flottenerneuerungsplan zur Durchführung gebracht, wie derselbe in solchem Umsange wohl niemals von einer Rhederei ausgesührt wurde. Die Summen, welche dadurch dem deutschen Schiffsbau und den damit verwandten Gewerben zugeflossen sind sämmtliche Bauten sind auf deutschen Werften hergrstellt sind überaus bedeutend. Neu erbaut wurden seit 1893 sür den Nord­deutschen Lloyd: Für die Rolandlinie nach New-Aork die Dampfer Wittekind und Willehad, für die brafilianische Linie d«e Dampfer Bonn, Halle, Aachen und Creseld. Die vor­genannten Schiffe dienen dem Zwischendecksverkehr, für welchen dieselben ganz besonders eingerichtet find und außerdem dem Frachtverkehr. Für die argentinische Linie wurden neu erbaut die Salondampfer Pfalz und Mark. Für die deutschen ReichSpostlinien nach Ostasien und Australien wurden die Dampfer Preußen, Bayern, Sachsen, der erste um siebenzig, die beiden anderen um je 50 Fuß verlängert. Neu erbaut wurden für die RrichSpostltnien die Dampfer Prinzregent Luit­pold und Prinz Heinrich. Für den Verkehr mit den Nordsee­bädern wurden neu eingestellt der Dampfer Najade, sowie sür den Flußverkehr einige neue große Schnelldampfer. Jnsgesommt beträgt der Zuwachs an Tonnengehalt nicht weniger als ungefähr 55 000 bis 60 000 Tonnen. Der deutsche Schiffsbau hat in den drei Jahren vom Norddeutschen Lloyd ungefähr 25 Millionen Mark erhalten. Gegenwärtig befinden sich ebenfalls lediglich auf deutschen Werften für den Norddeutschen Lloyd im Bau vier Dampfer von Abmeffungen, wie dieselben überhaupt in der deutschen Handelsmarine noch nicht vorhanden find, endlich die beiden größten Schnelldampfer der Welt.

* Mannheim, 27. November. Ein von hier aus in Schwetzingen in Kost gegebener 13 Jahre alter Schüler hat sich wegen schlechter Behandlung, die er von seinem Pflegevater erfuhr, im dortigen Schloßgarten erhängt.

* Dieser Tage verlor in einer ungarischen Garnison ein Soldat eine Geldbörse. Em anderer sand d,e Börse und brachte sie getreulich dem Obersten. Der Oberst be­lohnte den braven Jungen damit, daß er ihm 24 Stunde» Urlaub gab. Ja den nächsten Tagen verloren gleich sech- Soldaie« auf einmal ihre Börsen, die von ebenso vielen Kameraden wiedergefunden und ehrlich abgelieiert wurden. Darauf verordnete der Oberst, daß auch künftighin jeder Soldat, der eine Börse findet, zur Belohnung 24 Stunden Urlaub erhalten solle, daß aber jene Soldaten, welche ihre Börse verliere«, 48 Stunden Stubenarrest zud,ctirt erhalten. Seit dieser neuen Verordnung wurde keine einzige Börse mehr gefunden.

Wintcrkurkn und Wintertourk«.

Run der Winter seinen Einzug hält, ist eS wohl au der Zeit, die Bewegung in ihrem Ursprung und ihren Con- srquenzen noch einmal zu untersuchen, welche seit Ende der achtziger Jahre im Anschluß an die Einführung des nor­wegischen Schneeschuhlaufens in den mitteleuropäischen Ländern, mit besonderem Nachdruck aber in Deutschland und O ster- reich eingesetzt hat. Es handelt sich dabei um mehr als ein sportliches Ereigniß. Die Verkehr«- und damit in Verbin­dung die volkswirthschaftlichen Interessen, welche mit der winteriportlichkn Bewegung verknüpft find, haben in dem verflossenen Winter wiederholt eine gerechte und wohl- verdiente Beleuchtung erfahren. Es handelt fich dabet aber noch um ein weiteres: Der Winter ist erst in Folge der Entwickelung des Schneeschuhlaufens und des etwas später hinzugetretenen RennwolffahrenS sür weite Kreise in die Reihe der erträglichen Jahreszeiten getreten. Die Scheu vor Schnee und Eis, die dumpfe Resignation, mit der man t« manchen Gebirgsgegenden dem Winter entgegensah, ist gewichen- eine männlichere, lebensfreudigere Auffassung ist an deren Stelle getreten, die in Verbindung mit der hygie­nischen Wirkung deS Wintersports zur Gesundheit unserer Ration, zur Kräftigung unserer Jugend, zur Regenerirung unserer deutschen Frauenwelt unendlich viel beitragen wird. Der kräftige Menschenschlag, dem man in Norwegen be­gegnet, ist nach dem Ausspruch nordischer Aerzte darauf zurückzuführen, daß die Frauen dort so eifrig dem Schnee­schuhlaufen huldigen. Die ursprüngliche sportliche und Volks- wirthschaftliche Bewegung hat denn auch die medicinische Welt ergriffen, man besann sich darauf, daß die staubfreie Luft, welche von den schneebedeckten Bergen herweht, das Stahl­

bild eines sonnigen Wintertages dem Organismus überaus zuträglich ist, und man schritt endlich, wenn auch spät, dazu vor, nach dem Muster der Schweizer und Tnoler Winter­kurorte auch in Deutschlands Bergen winterliche Kuren aa- zuempfehlen.

Winterkuren find in der eigentlichen Bedeutung des Wortes noch nicht lange gewürdigt. Gewöhnlich verstand und versteht man darunter den Aufenthalt in der Riviera, in Malta, Corfica, Egypten, d. h. die Winterkur besteht darin, daß man d-m Winter sorgfältig auS dem Wege geht. DaS ist dann durch die berühmten Plätze St. Moritz und DavoS anders geworden. Dort entfaltet sich jetzt ein echtes, nordisches Winterleben unter Aufgebot aller der mannig­fachsten winterlichen Sportarten. In Tirol eifert neuer­dings Innsbruck diesen allbewährten Kurorten nach. Den unablä'figen Hinweisen, welche die R daciton deSTourist" gegeben hat, daß in den deutschen Mittelgebirgen dieselben Vorbedingungen gegeben sind wie in den Alpen und den Tiroler Bergen, ist eS zu danken, daß jetzt auch in Deutsch­land Winterkurorte entstehen, denen hoffentlich alSbald die Entwicklung solcher Stätten folgen wird, die als Centren eines frisch-frei-fröhlichen Wintersports im ganzen Reiche etnen Ruf fich erwerben.

Demjenigen, der die wintersportliche Bewegung von Anfang a« verfolgt hat, muß eS lebhafte Genugthuung be­reiten, daß die Mediciner fast mit denselben Worten, in denen derTourist" die Entwicklung in Fluß gebracht hat, die heilkräftige Wirkung des WinterS schildern. Der leitende Arzt der Heilanstalt zu Schömberg im württem- bergischen Schwarzwald, Dr. Baudach, erinnert in seinem Ber'cht über die Winterkuren Lungenkranker an den Aus­spruch deS Dr. Driver-Reiboldsgrün, der fich in seinem

Rathgeber sür Lungenkranke" äußert:Em richtiger Ge- birgSw nter mit seiner erfrischenden, aber nie übermäßige« Kälte, mit seiner fortwährenden Schneedecke, welche Staub nicht aufkommen läßt, mit seiner vom blauen Himmel st'ahlenden und intensiv erwärmenden Sonne, w lche nicht allein das Fahren und Gehen, sondern auch das Sitzen und besonder« da« Liegen im Freien selbst den Schwerkranke« täglich für mindest' nS 5 bis 6 Stunden erlaubt, ein solcher Winter, wie er auf Deutschlands bewaldeten Gebirgshöhe« fast ausnahmslos alljährlich herrscht, ist etwas so Herrliches und für die Genesung Lungenkranker so Dortheilhastes, daß daS gegen denselben bestehende Voruriheil nur lebhaft zu bedauern ist." Andere medicinische Autoritäten haben die anregende, Appetit- und Stoffwechsel fördernde Wirkung der Kälte hervorgehoben, zu denen die gleichmäßige Trockenheit und die gerade im Winter häufige Windst lle, die völlige Staubfrecheit hinzutreten. Bekannt ist die außerordentlich gesteigerte Eßluft, welche die Wintergäste in den Nordsee- bäöern auszeichnet. Dr. Baudach erinnert auch an das Bei­spiel der Amelikaner, welche im Winter in das Adjrondack- Gebirge gehen und dort in Zelten und Baracken lebend das winterliche Höhenklima mit bestem Ersolg ertragen.

Doch soll hier nicht von den Kranken allein die Rede sein- mancher, der fich gesunder Glieder und einer völlig intactcn Lunge erfreute, sah dem Winter unlustig entgegen, sei, daß seine persönlichen Neigungen sportlicher Art durch den ersten Schneefall ein jähes Ende fanden, sei es, daß der Eintritt der rauhen Jahreszeit den Beginn einer öden, ver­dienstlosen Zett bedeutet. Wenn darin ein Wandel ein­getreten ist, so ist da- ausschließlich der Emsührung deS Schneeschuhlaufens «nd RennwolffahrenS zu danken, die weit über die Kreise der specifisch sogenannten SportSmänner