M. 1 Zweites Blatt. Dienstag den 1. Januar
1895
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Neujahr 1895.
Gewöhnlich grüßt man sich an diesem Tage mit einem fröhlichen: „Glückseliges Neujahr!" Das ist dann ein Rufen i und Händeschütteln, ein Winken und Lächeln, ein Besuchen und Besuchtwerden schier ohne Ende.
Wir gedenken heute nicht nur unserer Angehörigen, sondern auch all' unserer deutschen Brüder von der Memel bis zum Rhein, von der Nordsee bis zu den Alpen und rufen ihnen Allen zu: „Gesegnetes Neujahr!" Ob es ein glückseliges Jahr geben wird, weiß Gott allein- aber daß es ein gesegnetes Jahr werde, das liegt auch mit an unserem Verhalten, Thun und Lassen. UW
Was versteht man doch unter einem gesegneten Jahre? Da wird so viel geantwortet, als es Wünsche gibt. Vor Allem Völkerfrteden. Wir danken Gott, daß wir 24 Jahre J lang die Arbeit des Friedens haben thun können. ES ist köstlicher, wenn der Regen und Thau des Himmelt die grünen \ Saaten netzt, als das rorhe Blut sterbender Streiter. Wir r danken es auch dem weisen und besonnenen Verhalten der deutschen Fürsten, insbesondere unserem Kaiser, daß sie den leicht heraufzubeschwörenden Krieg sorgfältig vermieden haben. Es war nicht immer eine geringe Aufgabe.
Ein Anderer wünscht sich Ruhe im Innern unseres großen deutschen Vaterhauses. Wie berechtigt tft dieser Wunsch angesichts der Gährung und des Murrens unter viel Tausend unzufriedener Leute.
Manche meinen, es läge ein böser Bann auf unserer ' Zeit, nicht nur in Deutschland, sondern auch in den anderen Eulturstaaten. Das mag sein.
Einer sagt: Die Maschinen sind an Allem Schuld. Sie ziehen die Leute vom Lande in die großen Städte, bringen schnellen Verdienst uud ebenso schnelle Brodlosigkeit. Andere behaupten, die Habsucht der Geldmacht verwandle die Maschine in die Unholdin der Menschheit.
Wieder Andere sind mit der Handelspolitik nicht einverstanden und schreiben ihr den Niedergang der Landwirth- schaft zu.
Alle guten Elemente im deutschen Volk — uud das ist die Mehrheit desselben — aber sehnen sich von Herzen nach innerer Eintracht, nach Ausgleich der mißtrauisch sich gegenüberstehenden Mächte des Geldes und der Arbeit, nach gemeinsamem, vertrauensvollem Zusammenwirken der Geringen und der Mächtigen zu dem großen Ziele, daß der Arbeiter seinen Lohn, dessen er Werth ist, erhalle.
Schließlich wünschen die vielen Millionen deutscher
Bauern und Landwirthe ein fruchtbares Jahr, (reiche Ernteerträge, volle Scheuern und Keller, damit die Wunden wieder verharschen, welche der trockene Sommer 1893 besonders den kleinen Vtehbesitzern geschlagen hat. Wir gönnen es dem Ackersmaun von ganzem Herzen, wenn er in diesem Jahre wieder in volle Ställe und auf fettglauzende Thiere blicken kann. Das wäre gewißlich Segen und würde manch jetzt noch gepreßtes Herz leichter machen.
Fügen wir noch hinzu, wie sehr wir Alle an der Behütung vor Seuchen und Pestilenzen, vor den Ausbrüchen der gewaltigen Naturkräfte, die in der Erde Gründen und in den Lüften leise schlummern, interessirt sind, so ergibt sich ein ganz stattlicher Strauß von Wünschen, die uns für das neue Jahr vorliegen.
Aber zwischen Wünschen und Haben liegt ein Graben, den Menschenkraft allein nicht überspringen kann.
Wenn je, so beschleicht uns heute beim Ausblick in das Dunkel der Zukunst das Gefühl unserer Hinfälligkeit, Ohnmacht und unserer unzureichenden Kraft. Wenn je, so schaut sich heute der schwache Mensch, der in ein unbekanntes Land hineinschreitet, nach einem Nothhelfer und Führer um, der ihm die Wege zeige, ihn warne, ermuntere, ihn in der Stunde der Hülflosigkeit beschütze und väterlich mit ihm handle.
Lieben, deutschen Brüder! Wir haben an unserem alten Gott, den wir in Christo Jesu als Vater lieben lernen, den mächtigen Beschützer. Er lenkt den Fürsten das Herz, zerbricht die feindlichen Spieße und verbrennt mit Feuer die KriegSwagen. Er gibt auch Wolken, Luft und Winden ihre Wege, Lauf und Bahn. Er schafft fruchtbare und gesegnete Zeiten. Er feuchtet die Berge von oben, daß sie lustig stehen uud die Anger voller Schafe sind. Er will auch, daß sich auf den Gassen unseres Vaterlandes Friede und Gerechtigkeit küssen.
Aber er will auch, das wir seine Gebote halten, sein Wort beachten, in täglicher Selbstprüfung uns vom Bösen scheiden und den Fußstapfen seines gekreuzigten Sohnes als gehorsame Jünger nachwandeln.
Er verlangt von jedem Einzelnen Selbstarbeit, Selbstüberwindung, Zucht und Gehorsam gegen das Gute und dafür , hilft er uns jeden Tag sichtbarlich, segnet unsere Arbeit und . hilft uns auch durch dürre Zeiten.
Wenn er auch um des verkehrten, halsstarrigen Volkes Willen sein Füllhorn nicht so ausschütten kann, wie er es I wohl möchte, so sollen alle redlichen, treuen, fleißigen Männer und Frauen auch in diesem Jahre Gottes Segen spüren in
Feuilleton.
Das höchste Bauwerk der Welt.
Londoner Originalcorrespondenz von F. Schönfeldt.
(Nachdruck verboten.)
Man mag über das noch heute größte Jndustrievolk der Erde, die Engländer, denken, wie es einem beliebt, aber leugnen läßt sich nicht, daß sie immer und immer wieder alle anderen Nationen durch die Großartigkeit ihrer Werke in Erstaunen setzen und diese zu übertrumpfen suchen.
Die Franzosen hatten sich erlaubt, den Eiffelthurm zu bauen, und nahmen damit das Recht in Anspruch, das höchste Monument der Welt errichtet zu haben, aber diese Ehre ließ John Bull nicht schlafen, weßhalb er beschloß, einen noch erstaunlicheren Stahlberg hinzustellen, und er that dies. Vom Jahre 1895 an wird der Eiffelthurm in dieser Beziehung nur noch die zweite Stelle spielen müssen, denn in unmittelbarer Nähe der englischen Metropole erhebt sich be- rette eine Metallstructur, Wembley tower genannt, welche, nachdem dieselbe fertiggestellt ist, 150 Fuß höher sein wird, als das erwähnte französische Bauwerk.
Wenn man die Eisenbahn auf der Londoner Baker Street-Station genommen hat, fährt man ungefähr eine Btertelftunde und hat dann den schönen Wembley Park erreicht, in dessen Mitte sich der stolze Thurm erhebt, der nach jenem seinen Namen führt. Dieser Park besitzt eine Größe von 130 Acres, die auf das Geschmackvollste mit herrlichen Garten-, Baum- und Strauchanlagen von dem in England berühmten Landschaftsingenieur Mr. H. E. Mtlner höchst kunstreich bepflanzt sind; Natur und Intelligenz haben sich eben dabei verbündet. Es ist beinahe selbstverständlich, daß ein mit pittoresken Inseln und Wasserfällen versehener See im Wembley-Park nicht fehlen darf, und man hat den Brenrfluß dazu benutzt, ein acht Acres großes Wasserbecken zu füllen.
Wembley-Park ist schon im Jahre 1894 ein ungemein beliebter Vergnügungsort für die Londoner geworden, und es wurden SamStags dort Feuerwerke abgebrannt, welche au Großartigkeit ihres Gleichen suchen. U. a. befindet sich dort auch die größte Bahn für Läufer und Radler in Eng- \ land — zwei Runden auf die englische Meile mit einer geraden Zielscheibe von dreihundert Iards Länge — und für alle Arten volksthümlicher Unterhaltungen ist natürlich auf das Beste gesorgt.
Das Coloflalmonument erreicht die Höhe von 1150 Fuß englisch, ist daher weit höher als das gleichartige Bauwerk Babylons und schaut auf alle Kathedralthürme der Erde, sowie die altegyptische Pyramide des Cheops stolz herab.
Als daS Project gemacht wurde, dieses Wunderwerk menschlicher Intelligenz aufzurichten, wurde ein Preisausschreiben erlassen, einen Plan zu einem solchen herzustellen, und wider alles Erwarten wurden weit über tausend Arbeiten dazu eingesendet, von denen einige ganz merkwürdig, andere von wunderbarer Erfindungsgabe, wieder andere fürchterliche Machwerke waren. Schließlich einigten sich die Preisrichter und zeichneten drei der besten Pläne aus, denen die hohen Prämien ausbezahlt wurden, aber der Wembley Thurm ist nach keinem derselben genau fertiggestellt worden, sondern man hat die drei Vorschläge mehr oder weniger miteinander verschmolzen, neue Ideen benützt und Verbesserungen in der Hauptsache angebracht, während die Einzelheiten eine ganz andere Gestalt angenommen haben.
Von der Spitze dieses Stahlgitterwerkes riesenhafter Dimensionen wird das entzückte Auge ein großartiges Panorama überschauen, denn man wird z. B. den mit Seeschiffen aller Art bedeckten Lauf der Themse bis zum Meere verfolgen können, ein Anblick, welcher in seiner Eigenart in solcher Großartigkeit nicht wieder auf der Erde vorkommt, dann wird sich die ganze britische Seelüfte den erstaunten Blicken darbieten und an klaren Tagen kann man über den Canal la Manche hinweg das französische Seeufer erschauen. Wenn
Staat und Gemeinde, in Arbeit und Ruhe, am Werktag un Sonntag, an Kind und Gesind.
Also: Ein gesegnetes Neujahr! Wenn Jeder mit Gott seine Sache anfängt, so wird eS gewißlich auch im Ganzen beffer. An Gottes Segen ist auch in Zukunft Alles gelegen.
Deutsches Reich.
Berlin, 29. December. Der Neujahrs empfang am kaiserlichen Hofe in Berlin wird sich auch diesmal im Allgemeinen in den hierbei hergebrachten Formen vollziehen. Unter Anderen werden, wie üblich, die commandtrenden Generale des Reichsheeres dem allerhöchsten Kriegsherrn zum Jahreswechsel wiederum ihre Aufwartung machen. Auch sieht man am Kaiserhofe zum Neujahrsfeste abermals dem Besuche verschiedener Bundesfürsten entgegen.
Berlin, 29. December. Die Morgenröthe des Jahres 1895 steigt herauf, erfreulicher Weise kündet sie den Völkern Europas die Fortdauer der zwischen den maßgebenden Staaten bestehenden friedlichen und freundschaftlichen Beziehungen. Wohl exiftiren hie und da noch gewiffe Gegensätze als Niederschlag früherer unruhiger Epochen in der europäischen Politik, aber diese Gegensätze haben immer mehr ihre für die Vöikerharmouie unseres Welttheiles bedrohliche Schärfe eingebüßt. Nirgends läßt sich in den mannichsach verschlungenen Problemen der europäischen Tagespolitik eine Stelle entdecken, welche zu ernsteren Besorgnissen Anlaß geben könnte, und so dürfen denn die Völker unseres Welttheiles mit der zuversichtlichen Hoffnung auf die fernere Erhaltung des Friedens in den neuen Zeitabschnitt eintreteu. Selbst der an den fernen Gestaden Oftasiens noch immer wüthende Krieg zwischen Japan und China kann diese Zuversicht nicht trüben- ist es schon bisher den Bemühungen der europäischen Diplomatie gelungen, den Kampf zwischen den beiden asiatischen Mächten zu localisiren, so wird dies gewiß auch fernerhin gelingen. Nicht so beruhigend und klar, wie die allgemeine Lage, nimmt sich freilich die innere Situation gar mancher europäischer Staaten am diesjährigen Jahreswechsel aus, was leider auch für Deutschland gelten muß. Ungewiß ist für uns die nächste poltttsche Zukunft, schwierige Fragen und Probleme harren in derselben ihrer Lösung, und ganz neue Verhältnisse machen sich bemerklich. Hoffen wir indeffen das Beste von der staatsmännischen Weisheit und Einsicht der maßgebenden politischen Persönlichkeiten, wie von der Vaterlandsliebe und Mäßigung der politischen Parteien des Reichsparlamentes selber und halten wir darum an der Zuversicht fest, daß die Schwierigkeiten
der Deutsche Kaiser in Cowes an der Segelregatta theil. nimmt, wird man den Lauf seiner berühmten Jacht „Meteor" vom Wembley-Thurm aus genau verfolgen können und in London das Ereigniß ohne eine diesbezügliche telegraphische Depesche wiffen. Hochinteressant dürfte auch der Anblick der über der Hauptstadt beinahe stets schwebenden Dunst- und Nebelwolke lein, über welche hinweg man auf sonnige, mit Städten, Dörfern, Weilern und Landhäusern besäte Gefilde blickt, durch welche sich glitzernde Stlberadern hindurchwinden, während 17,000,000 Menschen dieses über 70 Meilen im Umkreise sich erstreckende Gebiet bewohnen. — Man denke an ein Metallgerüst, von Menschenhand erbaut, das durch die Wolken hindurch reichen wird und von dessen Gipfel man vielleicht das Schauspiel eines Gewitters unter seinen Füßen betrachten kann.
Nachstehend geben wir einige authentische Ziffern und Thatsachen in Bezug auf den Riesenthurm an. 7500 Tonnen (ä 20 Centner) Stahl werden zur Verwendung gelangen, eine Menge, welche groß genug ist, um ganz England, Schottland und Wales mit einem kleinen Gitter zu umgeben, während die Grundfläche 275 Quadratfuß beträgt. Das Bauwerk ruht auf vier immensen, hundert Fuß tiefen Fundamenten aus Quadersteinen, welche mit Cement verdichtet sind und die man schon über zwei Jahre vorher errichtet hatte, um sich zu vergewissern, ob auch der Untergrund nicht nachgibt. Diese Fundamente tragen die colossalen Stahlplatten, auf welche die gigantischen Füße des Thurmes vernietet find.
Dieses Stahlgerüft, wird drei Perrons oder Terrassen besitzen, von denen die erste in der Höhe von 150 Fuß über dem Erdboden liegt, und auf dieser Plattform befindet sich ein großer Platz zum Spaziergehen, ein Theater, eine sehr geräumige Tanzhalle, ein Caf« unter freiem Himmel, bedeutende Reftaurationslocalitäten, das Poft- und Telegraphenbureau und ein mit Fontänen geschmückter Garten.
Die zweite Etage in einer Höhe von fünfhundert Fuß hat eine Grundfläche von hundert Fuß im Quadrat, und daS


