Ausgabe 
28.2.1894 Erstes Blatt
 
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Halm, bekämpfen Sie. Sie bekunden den alten Geist, der sich gegen die Aufhebung der Leibeigenschaft auflehnte. Es wäre ja möglich, daß Sie mit oer Ablehnung des Vertrags den Rücktritt des Reichs- kanzlers erzwangen, aber die hohe Politik wird dann doch nicht Ihre Wege gehen. Wenn hier ein Werk gelungen ist, das selbst einem Napoleon nicht gelang, so solltm Sie sich zu solchem Erfolge Glück wünschen. Auch Fürst Bismarck hat wiederholt ausgesprochen, daß er Rußland von der Nothwendigkeit einer wirthschastlichen Verein­barung zu überzeugen wünsche. Lehnen Sie den Vertrag ab, so haben Sie den dauernden Zollkrieg, der uns keinen Pfennig Nutzen, aber schweren Nachthell bringt. Weit mehr als die Landwirthschaft leidet die Rhederei, aber sie klagt nicht und bettelt nicht um Staats­hilfe. Die landwirthschaflliche Agitation ist eben so gefährlich, wie die socialdemokratische. Man möge zu der Wirtschaftspolitik von vor 1879 zurückkehren, dann werde auch die Landwirthschast neu erblühen.

Weiterberathung morgen.

Neueste Nachrichten»

Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Hamburg, 26. Februar. DemHamb. Corresp." zu« folge wurden zwei Czechen verhaftet, die im Verdachte stehen, anarchistische Agitatoren zu sein und anar­chistische Flugblätter eifrigst verbreitet zu haben.j

Stuttgart, 26. Februar. Am Samstag wurden hier vier hiesige Anarchisten verhaftet: Buchbinder Machner, Claviermacher Meixner, Buchbinder Biel und Buchbinder Hoffmann. Es verlautet, die Verhaftung sei erfolgt wegen Aeußerungen, die sie in einer socialdemokratischen Versamm­lung über die Propaganda der That gethan hätten.

Paris, 26. Februar. Heute Vormittag wurden neun Anarchisten verhaftet und zahlreiche Broschüren und Papiere beschlagnahmt.

Pisa, 26. Februar. Gestern Abend wurde im Theatro Nuovo während der Vorstellung desOthello" eine Petarde durch das Fenster hinter der Bühne geworfen. Eine heftige Explosion erfolgte, die Fenster zersprangen. Der Orchester- dirigent ließ die Königshymne und die Garibaldthymne spielen. Das Publikum glaubte, es handle sichern einen zur bengalischen Beleuchtung gehörenden Effect. Es kam weiter kein Unglücks­fall vor, der muthmaßliche Thäter ist verhaftet.

Hammersest, 26. Februar. In letzter Woche wütheten hier orkanähnliche Stürme, wobei mehrere Menschen­leben verloren gingen und großer Schaden angerichtet wurde. Die Walfischfängerftation bei Troldfjord wurde ganz vom Sturme weggefegt.

Depeschen deS BureauHerold".

Berlin, 26. Februar. Der Kaiser wird sich wahrschein­lich Ostern zum Besuche der Kaiserin nach Abbazia begeben, daselbst jedoch nur wenige Tage verweilen. Der Kreuzer Prinzeß Wilhelm" soll den Kaiser begleiten.

Berlin, 26. Februar. Gewisse Vorbereitungen, welche an entsprechender Stelle getroffen werden, lasten darauf schließen, daß der russische Thronfolger Mitte März nach Berlin kommt.

Berlin, 26. Kbruar. Auf der heutigen außerordent­lichen Plenarsitzung des Bundesraths wurde die Vor­lage über Aufhebung des Identitätsnachweises berathen. ,

Berlin, 26. Februar. Anläßlich der heutigen Handel.s- Vertrags-Debatte war im Reichstage ein sehr zahl­reiches Publikum anwesend. Lange vor Beginn der Sitzung konnte man keine Tribünenkarten mehr erhalten, vor dem Reichstagsgebäude hielten Schutzmänner die Ordnung auf­recht. Im Sitzungssaale waren beinahe sämmtliche preußische Minister und der Reichskanzler anwesend. Alle Fractionen waren sehr zahlreich vertreten.

Berlin, 26. Februar. DieVoss. Ztg." erfährt von vertrauenswürdiger Seite, Miqqel habe sich auf dem Fest­mahle des brandenburgischen Provinziallandtages in einer privaten Unterhaltung sehr deutlich gegen die Handelsvertrags­politik ausgesprochen. Er sei überzeugt, kein Agrarier werde für den deutsch-russischen Handelsvertrag stimmen. Miquel habe bei dieser Aeußerung so nahe beim Kaiser gestanden, daß der Kaiser sie hätte hören müsten.

Kiel, 26. Februar. Der König von Dänemark übersandte aus seiner Privatschatulle 500 Mark für die Hinterbliebenen der auf derBrandenburg" Verunglückten.

Frankfurt a. M., 26. Februar. Die D e u t sch e R e ch t s - Partei wird ihre diesjährige Jahresversammlung im Spät­sommer hier abhalten. Die Beamten des Frankfurter Oberpostdirectionsbezirks beabsichtigen, dem kürzlich ver­storbenen Oberpostdirector Geh. Oberpostrath H e l d b e r g ein Denkmal zu stiften.

Pforzheim, 26. Februar. Eine hier ausgebrochene Typhusepidemie verursacht massenhafte Erkrankungen. Es sollen schon an hundert Personen von der Krankheit er­griffen sein.

26- Februar. Die Omladinisten, die trotz ihrer Verurtheilung sich noch auf freiem Fuß befinden, ver­anstalteten in den letzten Tagen in einem Gasthause gesellige Zusammenkünfte, bet welchen ihr Benehmen derart anstößig war, daß die Polizei aufs Neue zu Erhebungen gezwungen wurde.

Paris, 26. Februar. Wie verlautet, hat sich der Ver- dacht, die Attentate in der Rue St. Jaques und im Faubourg St. Martin verübt zu haben, auf den bekannten Anarchisten Meunter gelenkt. Meunier ist unmittelbar nach Verübung der Attentate nach Lyon abgefahren und seitdem unauffindbar, rttrr 5e^UQT. Der Papst nahm gestern die ersten

Glückwünsche zum Jahrestage seiner Krönung entgegen.

Der Siegener Bankkrach vor Gericht.

(Ortginalbericht desGießener Anzeigers").

(Nachdruck verboten.) W. Siegen, 26, Februar.

I.

Nicht blos im Siegerlande, sondern weit über dasselbe hinaus hat der im September v. I. erfolgte Zusammenbruch

des als überaus sicher erachtetenSiegener Bankvereins" großes Aufsehen, Bestürzung und Schrecken hervorgerufen. Wennschon in den letzten Jahren ungetreue Bankiers, Direc­toren und Kassirer nicht eben zu den Seltenheiten gehörten, so fand doch das Treiben der Siegener HerrenBrüggemann und Genossen" besonderes Interesse, weil ihre Manipulationen von besonderem Raffinememt zeugten, weil sie allein es fertig brachten, ein großes, sehr gut fundirtes Bankinstitut auf Actien zu ruintren und weil durch den Krach die Geschäfts­und Jndustriewelt des Siegerlandes sehr stark in Mitleiden­schaft gezo^n und beunruhigt wurde.

Bereits Anfangs August v. I. tauchten Gerüchte in Siegen und Umgegend auf, welche die Lage des Siegener Bankvereins als kritisch bezeichneten und auch bereits die Verwaltung angriffen. Es erschienen daraufhinEingesandts" und dergleichen, welche kurzweg Alles ableugneten undvolles Vertrauen" zur Verwaltung verlangten. Jndeß nützte gegen­über den horrenden Summen, um die es sich handelte und gegenüber der unerhörten Wirtschaft, die in der Leitung des Bankvereins herrschte, sehr bald alles Vertuschen nichts mehr; nachdem der Kassirer Kölsch bereits vorher entlasten war, wurde auch Ende August Bankdirector Brüggemann seines Amtes enthoben und der Krach in seinem ganzen großen Umfang wurde offenbar. Die Stimmung, die Erbitterung, welche im Publikum Platz griff, als man die Lage übersah, giebt ein in der Siegener Localpreste erschienener Artikel sehr charakteristisch wieder:Ein Fall gleich großer Gewiffen- losigkeit, man darf sagen Schändlichkeit, ein frivoleres Spiel mit dem Eigenthum, den heiligsten Interessen Hunderter von Personen, wie solches hier zu Tage tritt, ist Wohl ganz ohne Beispiel. Ein Taumel scheint diese Menschen, die kaltblütig Millionen fremden Geldes opferten, ergriffen zu haben, das Gefühl himmelschreienden Unrechtes ihnen ganz abhanden ge­kommen zu sein. Sie, die noch bis zum letzten Augenblick dreist und frei sich bewegten, das Wirthshaus besuchten, die gewohnte Heiterkeit zur Schau trugen, sie erscheinen heute durch den Aufenthalt hinter Gefängnißmauern mehr geschützt als bestraft:die allgemeine Empörung würde vielleicht vor der Lynchjustiz nicht zurückschrecken, ließen die Verderber so vieler Existenzen sich öffentlich blicken." Und dabei kannte man damals noch nicht einmal die ganze Schändlichkeit des Verfahrens, durch welches u. A. eine Firma mit so und so vielen Gesellschaftern systematisch ins Verderben gelockt worden. Das Interessanteste an der Sache ist, daß der Hauptangeklagte, der Director Brüggemann, an der Spitze jener Leute stano, die mit sittlicher Entrüstung in öffentlicher Versammlung dieVergeudung" von Geldern aus dem Stadt­säckel brandmarken wollten; diesem Mann ist zu jener Zeit, da er bereits ein für das Zuchthaus reifer Verbrecher ge­worden, zugejubelt und zugejauchzt worden.

In anerkennenswerther Weise ist man bemüht gewesen, den falltten Bankverein noch zu halten, weil man von dem gänzlichen Zusammenbruch die schwersten Schädigungen für den Credit des Siegerlandes befürchten durfte. Man kam jedoch zu der Ueberzeugung, daß es richtiger sei, etn neues, dem Bedürfniß sofort entsprechendes Institut zu schaffen und so wurde nach verhältnißmäßig kurzer Zeit, unter selbstloser Betheiligung hochangesehener Männer, dieSiegener Bank für Handel und Gewerbe" ins Leben gerufen, die ihren ersten und vornehmsten Zweck, die durch den Zusammenbruch ge­schaffenen Schäden zu heilen, vollkommen erfüllt.

Heute beginnt nun Hierselbst vor der Strafkammer der Proceß gegen die vier Angeklagten, denen die Schuld an dem großen Bankkrach beigemessen wird, gegen den Director Brüggemann, Kassirer Kölsch, Bankrevisor Schröder, Mühlenbesitzer Franz, sämmtlich zu Stegen. Um summarisch darzuthun, was den Angeklagten vorgeworfen wird, Folgendes: Die ActiemGesellschaftSiegener Bankverein" (früher einge­tragene GenossenschaftCredit-Derein") ist mit einem Actien- Capital von 1 200 000 Mark gegründet- die Reservefonds betragen 315 000 Mark. Diese gesammten Summen im Betrage von rund lTj2 Millionen M ark sollen durch den Krach verloren- sein. Der Unv schlag des Instituts betrug 1892 ca. 90 Millionen Mark, die Depositen waren ca. 1 Million Mark. Brüggemann und Kölsch sollen absichtlich zum Nachtheil der Gesellschaft gehandelt, wissentlich falsche Darstellungen über die Vermögens­lage des Bankvereins gemacht, durch Differenzhandel mit Börsenpapieren übermäßige Summen verbraucht haben- Brüggemann ist ferner noch der Erpressung beschuldigt. Schröder ist angeklagt, als Mitglied des Aufsichtsrathes absichtlich zum Nachtheil der Actien-Gesellschaft gehandelt zu haben- endlich soll Franz die drei anderen Angeklagten zu ihren Verbrechen angestiftet, ihnen Hilfe geleistet und als Schuldner durch Dtfferenzhandel übermäßige Summen ver­braucht haben.

DerSiegener Bankverein" zählte zu seinen Kunden die Firma Kaufmann und Mühlenbesitzer Franz u. Co. in Weidenau bei Siegen, für welche er die Geldgeschäfte abwickelte. Genannte Firma machte große, anfangs glückliche, später un­glückliche Börsengeschäfte- zum Ausgleich der Verluste suchte Franz beim Bankverein übermäßigen Credit nach, der ihm in solcher Höhe gewährt wurde, daß die Bank im Früh­jahr 1893 eine bedeutende Unterbilanz harte. Brüggemann und Kölsch haben nun, angeblich um die Bankoerluste wieder einzubringen, an der Berliner Börse auf Rechnung des Bank­vereins speculirt und dabei ca. 1 Million Verluste erlitten. Der Differenzhandel der Bank und die großen an Franz ge­währten Credite wurden durch unterlassene Buchung und fein ausgeklügelte Wechselschiebungen dem Aussichtsrath verborgen - ferner wurden derartig gefälschte Bilanzen unterbreitet, daß der Aufsichtsrath noch 7 Procent Dividende auswarf, als der Bankverein schon im Concurs sein mußte. Mittels eines durch Franz gefälschten Wechsels wurde dessen Schwager Fuchs, der Theilhaber und Verwalter der FirmaFuchs u. Co." war, um Franzs Ehre zu retten, zum Wechsel-Accept ge- nöthigt- darnach kamen andere Wechsel für Fuchs und nicht

nur dieser für seine Gefälligkeit und Gutmüthigkeit, sondern auch die Gesellschafter seiner Firma wurden durch den von Franz und Brüggemann schlau angelegten Plan ruinirt. Schröder, der Bankrevisor, soll eines Tages Wechsel von Franz u. Co. auf der Bank gesunden haben, die den Ver- mögensverhältnisteu der Firma nicht entsprachen und er soll vorsätzlich dem Aufsichtsrath keine Anzeige gemacht haben.

Soviel in Umrissen, die Einzelheiten wird die heute be­ginnende Verhandlung ergeben.

_ totales nrrd prooittslelles*

Gießen, den 27. Februar 1894.

** .Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneten' Versammlung Donnerstag den 1. März 1894, Nach­mittags 4 Uhr pünktlich. 1. Gesuch des Georg Hilgen wegen Belastung eines errichteten Gartenhäuschens am Schiffenbergerweg. 2. Gesuch des Johannes Keßler um Erlaubniß zum Bauen an der Marburgerstraße. 3. Verkauf des nicht ladenreinen, aber noch genießbar befundenen Fleisches. 4. Anschaffung von Schlachthaus-Inventar. 5. Verwerthung von Lauberde aus der städtischen Gehölzschule. 6. Benennung der Straßen- hier: der Straße im Teufelslustgärtchen. 7. Die Lieferung von Photoqraphien Alt. Gießens für die Großh. Hofbibliothek. 8. Ausbau der Steinstraße zwischen Marburgerstraße und Schottstraße. 9. Die Beaufsichtigung des Bürgerhospitals- hier: Einrichtung des derzeitigen Metall- Eichlocals zu Krankenräumen. 10. Das Local der städtischen Eichanstalt zu Gießen- hier: das Metall Eichlocal. 11. Ge- such des Adam Siebert um Concession zum Wirthschaftsbetrieb 'm Hause Bahnhofstraße 50, Hotel Stern. 12. Desgleichen der Frieda Löwenstein im Hause Schloßgasse 9.

B. Die Gießener Freiw. Feuerwehr hielt gestern Abend imFrankfurter Hof" eine Generalversammlung behufs Vor­standswahl ab. In Anwesenheit von 88 Mitgliedern eröffnete der zweite Hauptmann, Herr Gail, die Versammlung und theilte ein Schreiben der Großh. Bürgermeisterei und des Großh. Polizeiamts dahier mit, nach welchem die Wahl des seitherigen ersten Hauptmannes, Herrn Grün, nicht genehmigt wurde. Herr Grün verzichtete auf etwaige Wieder­wahl und forderte die Kameraden auf, einmüthig zusammen­zutreten und einen Mann zu wählen, der befähigt sei, das Corps in seiner bisherigen Blüthe zu erhalten- er schlug den langjährigen Steiger-Obmann Herrn Wieg an dt vor. Nachdem von verschiedenen Seiten der frühere Hauptmann Herr Möhl in Vorschlag gebracht wurde, erfolgte die Ab­stimmung. Als erster Hauptmann wurde Herr Wiegandt mit 55 gegen 29 Stimmen, welche auf Herrn Möhl fielen, gewählt. Zum ersten Beisitzer wurde Herr G r ü n mit 59 gegen 21 Stimmen gewählt. Die durch die Wahl des Herrn Wiegandt zum Hauptmann frei gewordene Stelle des Steiger- Obmannes wurde Herrn Wack, als dessen Stellvertreter Herrn Räuber gewählt wurde, übertragen.

** Ueber den russischen Handelsvertrag sprach gestern Abend in der vom Vorstande des Freisinnigen Vereins einberufenen, zahlreich besuchten öffentlichen Versammlung Herr Bank­director Th orw art-Frankfurt. Die Bewegung zu Gunsten des deutsch-russischen Handelsvertrags bezeichnete Herr Thor- wart als die größte seit Errichtung des deutschen Reichs. Die Geschichte der Handelspolitik knüpfe an den Namen Bismarck an, welcher s. Z. den ersten Handelsvertrag mit Frank­reich einleitete, seine Versuche indeß, Deutschland sonst gegen da« Ausland abzuschließen, seien fehlgeschlagen. Redner ging nach einigen Bemerkungen über das Entstehen der ^ampfzölle zur Besprechung der hauptsächlichsten Punkte des russischen Handels­vertrags ein, letzteren wirthschaftlich als einen Triumph des neuen Curses, politisch aber als einen Friedensvertrag bezeichnend. Wie nachtheilig die bisherigen Kampfzölle für Deutschland gewesen, ginge daraus hervor, daß die Einfuhr an Werthen von 215 Millionen Mark in 1880 zurückging in 1892 auf 129 Millionen Mark, daß die Ausfuhr Rußlands sich in dem gleichen Zeitraum verminderte von 245 Millionen auf 214 Millionen. Deutschland habe großes Interesse an dem Zustandekommen des Vertrages, denn Rußland werde infolge fortschreitender Cultur und Ausdehnung seiner Verkehrswege immer aufnahmefähiger für die bei uns erzeugten Maaren. fWtr stünden nach dem Vertrage zu Rußland im Zustande der Meistbegünstigung, ein weiteres werthvolles Zugeständniß in dem Vertrage liege in den 10 Jahren seiner Dauer. Wir genössen auch höhere Zollermäßigung als Frankreich. An der Hand statistischen Materials gab Herr Thorwarr eine Reihe von Beispielen, wie nachtheilig der bisherige Zoll­krieg auf unser Erwerbs- und Wirthschaftsleben eingewtrkt habe- die Fortdauer der Minderausfuhr hätte zahlreiche Arbeiter- entlaffungen zur Folge gehabt. Es fei deshab natürlich, daß sich von dem neuen Vertrage alle Berufs-Jntereffenten viel versprächen, besonders werde sich der Verkehr in unseren Häfen und Grenzgebieten, der auf ein Minimum gesunken gewesen, wieder heben. Die Concessionen, die wir Rußland mit dem neuen Vertrag gemacht, bestünden lediglich darin, daß wir das russische Getreide zu denselben Zollsätzen über unsere Grenzen ließen, wie dasjenige anderer Länder. Der dieserhalb herrschende Unwille der Agrarier und Großgrund­besitzer sei unverständig- Deutschland sei auf die Einfuhr fremden Getreides angewiesen, mindestens 30 Millionen Doppelcentner müßten eingesührt werden, um unseren Bedarf zu decken, von der Einfuhr habe Rußland ungefähr die Hälfte geliefert. Der Preis des Getreides werde nicht durch die Zölle vermindert, sondern er werde vom Weltmarkt vorge­schrieben, in Chicago oder London, nicht aber von Rußland, daS seinen Ueberschuß (nebenbei bemerkt nur 2 pCt. seiner Er­zeugung) nach dem Weltmärkte bringe, wenn ihm der directe Absatz nach bestimmten Gebieten durch Zollschranken ver­sperrt werde. Die freisinnige Partei sei allerdings mit dem Handelsvertrag noch nicht zufrieden, sie betrachte ihn nur als eine Abschlagszahlung auf ihre Forderung nach völliger Freigabe der Getreideeinfuhr. Redner legte weiter durch.