fast gleichzeitig in den Mauern Berlins tagende Versammlung von Industriellen aus ganz Deutschland ebenso energisch für den Vertrag,- wie da ein Ausgleich zwischen diesen beiden Strömungen herbeigeführt werden soll, ist unerfindlich.
Deutscher Reichstag.
54. Sitzung. Dienstag den 20. Februar 1894.
Die Beralhung deS Colonialetats wird beim Etat für Kamerun fortgesetzt.
Abg. Dr. Lieber (Ctr.) weist die Bebel'sche Characterisirung der Nilpferdpeitlchen als christlicher und deutscher Culturwerkzeuge zurück. Was hat das Christenthum, was hat das Deutfchthum mit den Vorgängen zu thun, die wir, vorausgesetzt, daß sie sich so wie geschildert, abgespielt haben, auf das Schärfste v^rurthetlen. Redner weist ferner den Vorwurf zurück, das Centrum babe gegen den Antrag Ehnt gestimmt, weil es Reichsangehörige, die Sklaven halten, nicht bestraft wissen wolle. Da das Reichsstrafgesetzbuch schon den Retchsangehörigen das Sklavenhalten verbietet, so würden durch ein neues Verbot für die Colonien nur offene Thüren eingerannt werden. Zur Zett kommt es nur auf die Frage an, wie weit können wir das Sklavenhalten in unseren Schutzgebieten auch den Eingeborenen verbieten ? Und es handelt sich darum, zu untersuchen, ob es richtiger ist, das Sklavenhalten dort auf ein Mal aufzuheben oder nur nach und nach. Und da erinnere ich an den Ausspruch eines der gewiegtesten Kenner, des Cardinals Lavtgerie: Es wäre Wahnsinn, die Sklaverei mit einem Schlage zu verbieten. Auch Pater Schynse nennt es Wahnsinn, mit Bajonetten auf ein Mal die gegenwärtigen Zustände dort ändern zu wollen. 8M-Ä8Z6
Abg. Schall (cons.): Die Vorgänge in Kamerun schienen über die Gebühr aufgebauscht zu fein. Hoffentlich werde die Regierung der evangelischen Mission ihren Schutz in demselben Mähe zu Thetl werden lassen, wie der katholischen. Das Recht, über Mtsstonssachen mitzusprechen, müsse er den Socialdemokraten a'isprechen. Die von den Soctaldemokraten auf den Tisch des Hauses gelegten Peitschen würden dieselben wobl als Modell für die Zukunst aufbewahren, denn der soctaldemokratifche Zukunstßftaat sei doch nur ein Sklavereizustand. Einen komischen Eindruck muß es machen, wenn eine sonst so internationale Partei hier nationale Gesichtspunkte hervorheben und von einer Schädigung des Ansehens Deutschlands durch die Vorgänge in Kamerun sprechen will.
Dtrector der Colontalabtheilung Kayser erklärt, daß unter der von Dr. Lieber erwähnten Voraussetzung eine Ahndung wegen der Kameruner Vorgänge statlfinden werde. Aber wir verdammen Niemand ungehört. Die Untersuchung gegen den Kanzler Leist ist ja im Gange. Die Frage des Sklavenhaltens in den Colonien au- langend, so versteht es sich von selbst, daß ein Deutscher in unseren Coloyien keine Sklaven halten darf; nach den angestellten Erhebungen ist es aber rein unmöglich, die sog. Haussklaveret der Eingeborenen mit einem Schlage aufzuheben. Aber wir gehen auch hier allmältg vor. Wir verbieten das Züchtigungsrecht und wir betrachten die Sklaven nicht als Rechtsobjecte, sondern als Rechtssubjecte. Wir bitten, uns Zeit zu lassen, um weiter foUzuschreiten. Zwischen katholischen und evangelischen Missionen wird kein Unterschied gemacht. Wenn neulich nur von den Vätern vom heiligen Geist die Rede war, so lag das daran, daß diese in Kamerun hauptsächlich in Betracht kommen. Im Falle Wölber u. Brohm trifft die Regierung keine Schuld. Wir Haden in Paris Schritte gethan und erreicht, daß es bet der Ausweisung sein Bewenden hatte; Schadenansprüche, welche die Gesellschaft geltend machte, ließen sich nicht vertreten. Hatte doch der Agent Richter während seiner Anwesenheit bei König Behanzin die Leute desselben im Kanonenschteßen eingeübt. Thalsache ist, daß die Sklaven der Firma Wölber u. Brohm gefesselt ausgeliefert wurden und deshalb hat auch unser Kanonenboot „Habicht", so lange es in jenen Gewässern weilte, die Einschiffung der Neger verhindert. Die Firma sagt auch in einer Denkschrift, daß sie sich auf den „nüchternen Geschäftsstandpunkt" stelle. Daß, wie in dieser Denkschrift behauptet wird, die kaiserliche Regierung selbst in Dahomey Sklaven hat anwerben und auf ihre Schiffe hat transportiren lassen, ist eine Unwahrheit. Zu verkennen ist nicht, daß der Firma auch mildernde Umstände zur Seite stehen: Der Ausenthalt in einem solchen Lande mag wohl geeignet sein, die Begriffe zu verwirren. Auch machen es andere, darunter französische, Firmen ähnlich. Jedenfalls trifft die deutsche Regierung kein Vorwurf, sie hat der Firma ihren Schutz in dem Augenblick versagt, wo sie sich über deren Handlungsweise klar wurde. Zur Ausfüllung einer Lücke in der Gesetzgebung bezüglich der Sklaverei sind wir bereit.
Abg. Graf Arnim (Rp^: Wir hätten wenigstens ein Wort des Tadels über den Kanzler Leist vom Reichskanzler hören müffen und man hätte uns sagen sollen, daß Leist bis zum Ausgange der Untersuchung suspendirt werde. Der Reichskanzler sagte, eine Meuterei lasse sich nicht vorhersehen. Aber es steht doch fest, daß die Nichtzahlung von Lohn die Ursache war. Und wenn der Reichskanzler meinte, solche Meutereien kämen öfter vor, so will ich doch nicht wünschen, daß wir jedes Jahr Ausgaben zur Niederdrückung von Meutereien in dm Etat einstellen müssen. (Heiterkeit.) Das Eintreten des Reichskanzlers für seine Beamten ist ja sehr wohl- thumd, aber schließlich muß doch die Sache über den Personen stehen.
Reichskanzler Graf Caprivi: Wenn von dem Rechte Gebrauch gemacht wird, hier Mißstände zur Sprache zu bringen, so wäre es doch gewagt, daraus zu schließen, daß wirklich Mißstände vorhanden sein müssen. Hält Graf Arnim es für seine Pflicht, solche Dinge hier zur Sprache zu bringen, so halte ich es für die meinige, erst nach erfolgter Untersuchung zu urteilen. In unserer Armee herrscht nicht der Gebrauch, einen General sofort abzuberufen, wenn er geschlagen ist. Handelten wir in den Colonien anders, so würden wir an Stelle eines erfahrenen Beamten, der einmal einen Mißerfolg batte, leicht einen Beamten dorthin bekommen, der unerfahren ist. Davon, daß Kanzler Leist die Meuterei hätte voraussehen müssen, bin Ich auch durch die Ausführungen des Grafen Arnim nicht überzeugt worden.
Abg Barth (frs.) erörtert nochmals bett Fall Volkamer.
Abg. Bebel (Soc.): Aus dem Falle Wölber-Brohm habe ich der Negierung keinen Vorwurf gemacht; ich erkenne an, daß sie in blefer Sache ihre Schulbigkeit gethan. Die Vorlegung ber Peitschen war nöthig, um gerabe gegenüber Ihren Ausführungen von Cultur und Christenthum zu zeigen, welche Culturmittel dort gebraucht werden. Mit ber Ablehnung bes Ehni'ichen Amenbements hat bas Centrum gezeigt, daß es trotz seines Christenthums die Aufrechterhaltung der Sklaverei dort befürwortet. Es wird durch die ganzen oconomrschen Verhältnisse dazu veranlaßt. Das Christenthum hat sich eben jederzeit den jeweiligen Anforderungen des Culturstaates angepaßt. Auch die Hörigkeit hat das Christenthum acceptirt, als die Sklaverei nicht mehr aufrecht zu erhalten war; sagte doch Luther: „es sei eine Schande und Schmach, daß die Leute nicht mehr leibeigen sein wollen." Die Feinde jeden Fortschritts
sind leider immer auf Seiten ber Kirche zu ftnben. Die Peitschen b-wahren wir auf nicht als Modell für unfern Zukunfts- staat, sondern in unseren Museen als abschreckendes Bespiel dafür, was der heutige „Cultur-Staai" für Mittel anzuwenden ve> mochte. Herr Schall hat in seiner ganzen Rede nicht ein einziges Wort der gehM hei ung für Itnc scheußliche Mißhandlung ber Dahomer-Weibcr « ch ° l l (cons.): Die Verurtheilung solcher Mißhandlungm versteht sich von selbst Ich habe schon oft ausgesprochen, baß die Hauptursache der Zustände drüben nicht die schlimmen Eigenschaften der Schwarzen seien, sondern das schlechte Beispiel der Weihen Luther steht thurmhoch über dem Verdacht, die Sklaverei zu billiaen'
Abg. Dr. Lieber (Ctr.): Das Christenthum ist die Quelle der Cultur, ist es doch Thalfache, baß es im Gegensatz zur damaligen Cultur in Erscheinung getreten ist. Bebel ist eben unfähig, das Christenthum zu verstehen. Vor dem Christenthum galt: die
Menschen find entweder Sklaven oder Freie? Erst das Christenthum bat an die Stelle hiervon gesetzt: die Menschen find alle Ebenbilder GotteS.
Abg. Bebel: Was ich über Luther sagte, war wörtlich dessen eigenen Schriften entnommen. Was Sie an den Lebren deS Christen- thums rühmen, hat dieses den Schriften von Sokrates, Plato, Aristoteles entnommen.
Der Etat für Kamerun wird genehmigt, desgleichen der für Togo.
Beim Etat für Südwestafrika motivirt Abg. Dr. Ham- macher (natl.) das harte U>thetl, da« die Commission durch den Mund des Referenten über Herrn v. Francois gefällt hat. Südwest- asrika besitzt landwirthschaftlich großen Werth und ist auch für deutsche Niederlassungen geeignet. Der Colonift Hermann in Kukub hat in der kurzen Zeit von zwei Jahren einen starken Bestand von Wollschafen heranzuziehm und schöne Erfahrungen zu erzielen vermocht. Leider sind die Hoffnungen auf eine glückliche Entwickelung vorläufig zerstört. Francois hat an Truppen erhalten, was er verlangte, trotzdem hat Witbot sogar Kukub vernichten könnm. Fransois hat seinen Erfolg in Hornkrans im April v. I. überschätzt; er ist nicht der richtige Mann an der richtigen Stelle. Augenblicklich herrscht dort volle Anarchie.
Abg. Bebel: Aehnliches Unglück, wie es Hermann in Kukub begegnete, wird auch anderen Ansiedlern begegnen. Das muß doch den Qpfermuth der Colonialschwärmer bätrpfen. In Sübwestafrika ist die Wollschafzucht die Hauptsache; die Concurrenz für die deutsche Landwirthschast wird dort künstlich gefördert. Er wünscht Aufklärung darüber, daß im April in Hornkrans zahlreiche Frauen und Kinder gelobtet worben. LAW
Abg. Graf Arnim (Rp.) sieht in Sübwestafrika eine unserer zukunftsreichsten Colonien. War es überhaupt richtig, den Krieg mit Witboi zu beginnen, wenn derselbe so aussichtslos ist, wie ihn der Reichskanzler neulich dargestellt.
Director Kayser: Auch nach Südwestafrika ist ein Commiffar zur Untersuchung abgesandt worden. Die Behauptung, es herrsche dort Anarchie, ist übertrieben.
Abg. v. Cuny (natl.) stimmt Namens seiner Fraction den Auslassungen Dr. Hammachers und des Grafen Arnim zu.
Der Etat für Sübwestafrika wirb genehmigt.
Morgen: Anträge betr. die Handlungsgehilfen und das Haustrgewerbe.
Neueste Nachrichten
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berlin, 20. Februar. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht^ einen Aussatz über die Nachhaltigkeit bes Gold- bergbaues in ber Sübafrikanischen Republik (Transvaal).
Wilhelmshaven,' 20. Februar. Der Kaiser traf mit dem Prinzen Heinrich programmmäßig um 11 */2 Uhr auf bem Bahnhofe ein, wo er von ber Abmiralität empfangen würbe. Er begab sich zu Wagen mit bem Prinzen Heinrich burch bte reich beflaggten Straßen, wo Martnetruppen Aufstellung genommen hatten unb ihn mit Hurrah begrüßten, nach bem Exercierschuppen zur Rekrutenvereibigung. Das Wetter ist prachtvoll.
Wilhelmshaven, 20. Februar. Der Kaiser begab sich um 6 Uhr per Kutter von ber Bauwerft nach ber Ausrüstungswerft, woselbst in bem festlich geschmückten Boots- schuppen eine Festaufführung: Bilber aus ber Vergangenheit unb Gegenwart ber beutschen Marine, stattfinbet. Beim Passiren bes Kaiserbootes brachten bte in Parabestellurg stehenben Besatzungen ber im Hafen liegenben Schiffe Hurrahs aus. Die Werft unb ber Hafen sinb reich electrisch beleuchtet.
Wilhelmshaven, 20. Februar. Der Kaiser begab sich mit Gefolge um 7 Uhr an Borb bes Panzerschiffes „König Wilhelm", wo bas Festbiner stattfinbet. Das Schiff war prachtvoll becorirt unb electrifch beleuchtet.
Wilhelmshaven, 20. Februar. Dem Vernehmen nach unternimmt ber Kaiser morgen mit bem Torpeboboote S 22 eine Fahrt in See unb besichtigt bie Haubitzenbatterie. Nach der Rückkehr findet bas Frühstück bei dem Chef ber Nordsee- station, bem Viceadmiral Valois, statt.
Wilhelmshaven, 20. Februar. Der Kaiser hielt nach Bereibigulig ber Rekruten an bas gesammte, im Exercier- schuppen ber Matrofenartillerie versammelte Maschinen- unb Heizerpersonal etwa folgenbe Ansprache: Er nehme Veranlassung, dem gesammten Personal sein tiefstes Beileib auszu- fprechen über bas Unglück, bad sich ereignet habe. Sein Auge beobachte nicht nur, was über Deck, sonbern auch was unter Deck geschehe. Er könne bem Maschinenpersonal, bas jetzt in den Vordergrund trete, seine höchste Anerkennung aussprechen und habe daher auch befohlen, daß die in ihrem Berufe an Bord der „Brandenburg" Verunglückten mit allen militärischen Ehrenbezeugungen bestattet würden. Wenn das Maschinenpersonal, das anerkannt das vorzüglichste aller Nationen sei, fortfahre, diese Kaltblütigkeit und Pflichttreue an den Tag zu legen, könne es stets seiner Anerkennung und seines kaiserlichen Dankes gewiß sein.
Rom, 20. Februar. Der Papst empfing heute den Pfarrer Kneipp aus Wörrishofen.
RewHork, 20. Februar. Nach einer Meldung des „Heralb" aus Montevibeo haben bie Commanbanten ber frentben Kriegsschiffe in Rio be Janeiro ben Abmiral ba Gama aufgeforbert, eine Besprechung mit ihnen abzuhalten unb sie verlangten von ihm bas Versprechen, bie fremden Kauffahrteischiffe in ber Bay nicht zu belästigen. Gama ertotbertc, er mürbe zusttmmmen, wenn bte Aufständischen als Kriegführenbe anerkannt würden. Die Befehlshaber erklärten darauf, daß sie ihre Regierungen um Rath fragen würden.
Depefchen deS Bureau „Herold".
Berlin, 20. Februar. Nach Mittheilung der „Post" tritt die Silber-Enquete-Commifsion am nächsten Donnerstag unter dem Vorsitze von Pofadowskys im Reichstage zusammen.
Berlin, 20. Februar. In der Reichstags-Commission zur Berathung ber Novelle zur Concursorbnung würbe in ber heutigen Sitzung ber frühere Beschluß, bie Forberungen der Werkmeister, Handwerker und Arbeiter als berechtigte anzuerkennen, in zweiter Lesung wieder aufgehoben.
Berlin, 20. Februar. Fürst Bismarcks Befinden wird von allen der gestrigen Zusammenkunft in Friedrichsruh
beiwohnenden Berichterstattern als ein vortreffliches geschildert. Auch die Laune des Altreichskanzlers soll eine sehr gute gewesen sein, dieselbe habe sich in allerhand scherzhaften Aeußernngen kundgegeben.
Berlin, 20. Februar. Zu den bereits sichtbaren Erfolgen des deutsch-rusfischen Handelsvertrages gehören die in den letzten Tagen aus Petersburg und Moskau von dortigen Großhäufern verlangten Mustersendungen von verschiedenen, wieder einfuhrfähig gewordenen Artikeln. In Berlin und anderen Fabrikftädten weilen augenblicklich Vertreter großer russischen Firmen, welche Aufträge überbringen, die bis zum April zum Versandt gelangen müffen. Fabriken von künstlichen Blumen, Phantasiewaaren und ähnlichen Artikeln haben Aufträge bekommen, die sonst nach Paris vergeben worden wären.
Kiel, 20. Februar. Heute Vormittag wurden vier dem Civilstande angehvrende Opser der Katastrophe aus dem Panzerschiff „Brandenburg" unter sehr zahlreicher Theilnahme der Bevölkerung, sowie Offiziere und Mannschaften beerdigt. Der Maschinist Stephan ist heule Vormittag seinen Verletzungen erlegen. Am Nachmittag erfolgte das Leichen- begängniß von den dreißig Maschinisten des Panzerschiffes „Brandenburg" ; 600 bis 700 Personen geleiteten die mit Fahnen und Kränzen reich geschmückten Leichenwagen zum Kirchhof, lieber dem offenen Grabe wurden Ehrensalven abgefeuert - die Anwesenden waren tief ergriffen.
Posen, 20. Februar. In polnischen Kreisen verlautet auf das Bestimmteste, die polnische ReichLtagS- sraction werde geschloffen für den deutsch-russischen Handelsvertrag stimmen.
Leipzig, 20. Februar. Am Donnerstag wird vor dem Reichsgericht die Revision des Rentners Samuel Seemann-Berlin gegen das Urtheil im Hannoverschen Spielerprozeß verhandelt werden. Seemann wurde am 1. November 1893 zu zwei Jahren Gefängniß verurtheilt. Am gleichen Tage wird die Revision gegen die im zweiten Wucherprozeß am 17. November verurteilten Spieler Hirsch und Hollmann verhandelt.
Wien, 20. Februar. Gestern Nachmittag fanden wieder Kundgebungen der Arbeitslosen statt. Als die Demonstranten in die innere Stadt ziehen wollten, wurden sie hieran von der Polizei gehindert. Es erfolgten zahlreiche Verhaftungen.
Paris, 20. Februar, lieber die Dynamitexplo fion in der Rue Saint Jaques werden weitere Einzelheiten bekannt. Ein unbekannter Reisender, der als ein untersetzter, schwarzbärtiger Mann beschrieben wird, hatte vor einigen Tagen in einem Hotel Garni der erwähnten Straße ein Monatszimmer gemiethet. Da er gestern Nacht nicht heimkehrte und Versuche, die Thür seines Zimmers zu öffnen, mißlangen, holte man die Polizei. Die Schutzleute erschienen um 2 Uhr Nachts. Als ein Polizeiagent die Thüre mit Gewalt aufstieß, hörte man das Fallen eines Gegenstandes, wahrscheinlich einer Bombe, und darauf erfolgte eine starke Explosion, bei welcher die Wirthin schwer und zwei Pensionäre durch Sprengstücke leicht verletzt wurden. Der diensthabende Schutzmann war derjenige, der s. Z. Ravachol verhaftete. Man glaubt, daß der Attentäter dieses gewußt hat und daß der Anschlag daher als Racheact zu betrachten ist.
Paris, 20. Februar. In der Stadt Herry ist gegenwärtig die größte Aufregung über ein neues, heute Nachmittag entdecktes Bombenattentat. Der Polizeicommiffar, der f. Zt. Ravachol verhaftet hatte, erhielt ein Schreiben eine- gewissen Babardy, in welchem ihm dieser mittheilt, daß er sich aus Liebesgram den Tod gegeben habe. Der Ci. nmiffar begab sich auf diesen Brief hin mit mehreren Polizisten nach der Wohnung Babardys; als man die Thüre aufriß, sauste eine Bombe hernieder, ohne jedoch zu cxplodiren. Die Höhe derselben beträgt 12 cm; im Durchmesser mißt sie 6*/, cm. Die über das plötzliche Ereigniß tief erschrockenen Polizisten benachrichtigten sofort den Municipilrath, welcher Anweisung gab, die Bombe nicht anzurühren. Die Bewohner deS Hauses und der Nachbargebäude räumten sofort ihre Wohnungen, da in der ganzen Umgebung die größte Furcht herrscht, daß die Bombe jeden Moment cxplodiren könne.
Paris, 20. Februar. Der Polizeiagent Prisson, welcher bei der Verhaftung des Anarchisten Henry verwundet wurde, erhielt vom Baron Rothschild 10,000 Francs geschenkt.
Brüssel, 20. Februar. In der Wohnung des Druckereibesitzers, welcher die Anarchistenblätter „Antipatriote" unb „Sibertaire" druckt, hielten heute der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter eine Haussuchung ab. Eine vollständige Geheimdruckerei wurde entdeckt. Alle noch vorhandenen Nummern der beiden Blätter wurden confiöcirt.
London, 20. Februar. Aus Brasilien wird berichtet, die Kasfeepslanzer seien sehr unzufrieden über die Aushebung der Nationalgardisten, weil es dadurch an Arbeitskräften mangelt.
Rio de Janeiro, 20. Februar. Die Aufständischen haben die Regieruugstruppen in Faszina geschlagen. General Sarairo ist in Jgnato angekommen und marschirt jetzt auf St. Paolo zu. General Mello wird die Beschießung von Santos beginnen; wenn Sarairo dort angekommen ist. Die Kaffeepflanzer sind sehr unzufrieden über die Aushebung der Nationalgardisten, weil dadurch die Kaffeeculturen ihrer Arbeitskräfte beraubt werden.
Paris, 21. Februar. „Jour" meldet: Gestern Abend habe der Maschinist des Opernhauses einen Mann bemerkt, der einen Gegenstand am Eingangsportal niedergelegt. Der Maschinist habe den Mann verhaften lassen, die Polizei fand bei ihm zwei Bomben, ähnlich der aus der Rue Saint Jaques.


