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N6 221

Freitag den 21. September

1894

Der Hir^ver Anzeiger «scheint täglich, Wit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener AamirtenvcLtter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal deigelegt.

Gießener Anzeiger

Kenerak-Mzeiger.

vierteljähriger

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Durch die Post bezogerr 2 Mark 50 Psg.

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Amts- und Anzeigeblatt für den L!veis Gieren.

chratisßeikage: Hießener Jamirienökätter.

erhöhtem Interesse entgegensetzen.

Wahlgänge ohne endgiltigeS Ergebnih blieben.

Marburg, 19. September. Professor Dr. Paasche, dem soeben der Titel Geh. Regierungsrath verliehen worden ist, beabsichtigt die akademische Lehrtätigkeit ganz auszugeben und sich nur der parlamentarischen Arbeit zu widmen. Prosts,°r Paolch- vertritt Reichstage den Wahlkreis Meiningen, im Abgeordnetenhause den Wahlkreis Rinteln und gehört zu den tüchtigsten jüngeren Kräften der nationalliberalen Partei, namentlich in wirtschaftlichen

Deutsches Reich.

Berlin, 19. September. Kaiser Wilhelm ist nach Beendigung der eigentlichen Kaisermanöver der Flotte mit dem gesammten Manövergeschwader an der Halbinsel Hcla (Danziger Bucht) eingetroffen. Die Flottenmanöver sind, wie man vernimmt, ebenso zur besonderen Zufriedenheit des ' Monarchen verlaufen, wie vorher schon die großen Manöver des 1. und 17. Armeecorps. Am 22. September wird der Kaiser den Festungsübungen bet Thorn beiwohnen.

Das 2 5 jährlge Jubiläum des Königs Albert als Chef des Ostpreußtschen Dragoner- Regiments Nr. 10 hat erneut die Innigkeit der persön­lichen Beziehungen zwischen Kaiser Wilhelm und dem sächsischen Herrscher dargethan und zugleich abermals die besonders hohe Werthschätzung König Alberts Seitens des Kaisers erkennen laffen. Derselbe beglückwünschte den sächsischen Monarchen in einem ungemein herzlich gehaltenen Telegramm zu besten jüngsten militärischen Ehrentag, den König als den tapferen Paladin Kaiser Wilhelms L, als den berühmten Heerführer aus Deutschlands großer Zeit und als seinen, des jetzigen Kaisers, treuesten Freund und Berather feiernd. Ferner theilte der Kaiser dem König Albert durch Handschreiben mit, daß dem 10. Ostpreußischen Dragoner-Regiment der Name Dragoner-Regiment König Albert von Sachsen Nr. 10" verliehen worden sei. Außerdem ist dem König durch General- lieurenant v. Pleffen im Auftrage des Kaisers dos Militär- dienstauszeichnungskreuz überbracht worden.

Ueber die soeben in Elsaß-Lothringen statt­gefundenen Neuwahlen zu den Bezirkstagen, sozu- sagen den Provinzialvertretuugen der Reichslande, liegen noch keine abschließenden Meldungen vor. Indessen scheinen fast überall die bisherigen Bertreter wiedergewählt worden zu

Alle Annoucen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Der Krieg in Qstasien.

Mit dem blutigen Sieg, welchen die japanische Armee am 15. und 16. September über die Chinesen bei dem viel- genannten Ping-Yang im nördlichen Korea davongetragen hat, scheint auf dem ostasiatischen Krtegsschauplatze endlich doch eine erstmalige entichetdende Wendung zu Gunsten der japanischen Waffen eingetreten zu sein. Zur See hatten die Japaner allerdings gleich von Anbeginn lhres Krieges gegen China das Uebergewicht errungen und behauptet und einige kleinere Unfälle, welche die japanische Flotte trafen, ver­mochten an der maritimen Ueberlegenheit Japans nichts zu ändern. Dagegen schwankte zu Lande, eben auf der zwischen beiden Theileu strittigen Halbinsel Korea, das KrtegSglück bislang hin und her, die militärische Oberleitung der Ja- parier schien nach dem für dieselben ersten siegreichen Gefechte von Assan in ihren Entschlüsten schwankend und zögernd ge­worden zu sein. Aber jedenfalls ist diese Unschlüssigkeit nur vorübergehender Naiur gewesen, denn der ersolgreiche con- centrirre Angriff der japanischen Armee auf die Central­stellung der Chinesen in Ping Yang entsprang offenbar einem wohldurchdachten strategischen Plane, den man wohl dem neuen japanischen Oberbefehlshaber, dem Marschall Yama- gata, zuschreiben darf.

Nach neueren übereinstimmenden Meldungen aus ver­schiedenen Quellen ist die Landmacht der Chinesen aus Korea durch die Schlacht von Ping Yang ziemlich vernichtet worden und können die Japaner nunmehr als die Herren der mili­tärischen Situation aus dieser großen Halbinsel betrachtet werden. Denn die ungeheueren Schwierigkeiten, welche einem bedeutenden Truppennochschub aus dem Inneren Chinas nach Korea in Bezug auf Transport und Verpflegung enlgegen- stehen, lasten die Entsendung einer zweiten chinesischen Armee nach Korea für jetzt wenigstens fast als unmöglich erscheinen, zumal sich auch der harre Winter im nördlichen Korea all- mählig geltend machen dürfte. Um jedoch in dieser Hinsicht auf alle Fälle sicher zu gehen, iandte der Oberbefehlshaber der Japaner, Marschall Yamagata, eine fliegende Colonne nach den Pässen an der koreanisch-chinesischen Grenze ab, um dieselben zu besetzen und hierdurch die Chinesen an einem nochmaligen Eindringen in Korea zu verhindern. Nach neueren Meldungen beläuft sich der Gefammtverlust der Chinesen der der Affaire auf 17000 Mann von einer ca. 20000 Mann starken Streitmacht, gefangen sind 14500 Mann, darunter säst der gesummte chinesische Generalstab. In ganz Japan hat die Nachricht von dem großen Siege bei Ping Yang den größten Enthusiasmus erregt, während sie anderseits in China ebenso selbstverständlich theils Bestürzung, theils aber auch surchrbare Erregung hervorgerufen Hai. Infolge dieser theil- weise erregten Stimmung sind schwere Ausschreitungen des fanatischen chinesischen Pöbels gegen die in China lebenden Europäer nicht ausgeschlossen, worauf auch Berichte z. B. aus Shanghai hindeuten.

sein, sodaß die drei Bezirkstage im Allgemeinen dieselbe Phhsioanomte auswrisen würden, wie schon bislang. Be- merkenswerth erscheint, daß die in Mülhausen, Saargemund,

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de« folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

Mit der Waffenentscheidung von Ping Yang dürsten die Landoperationen auf dem ostasiatischen Kriegsschauplatz im

hier ihren Gegner zu einer entscheidenden Schlacht zu zwingen, deren Ausgang zu Gunsten der Japaner in Anbetracht der hohen Ueberlegenheit der japanischen Flotte über die chine­sische ebenfalls nicht zu bezweifeln wäre. Erst dann könnte aber die japanische Heeresleitung ihre eigentliche Absicht, Truppen an der chinesischen Küste zu landen, und hierauf einen kräftigen Vorstoß gegen die feindliche Hauptstadt Peking zu unternehmen, ausführen. Indessen ist aber auch die Mög­lichkeit nicht ausgeschlosten, daß zuvor England und Rußland mir neuen Friedensvermittlungsvorschlägen an die krieg­führenden Mächte herantreten- jedenfalls kann man jetzt der weiteren Entwickelung der Dinge in Ostasien wieder mit

Fragen.________________ __ __________________..

Neueste Nachrichten»

Wolff« telegraphisches Korrespondenz-Bureau

Berlin, 19. September. DerReichsanzeiger schreibt. Durch Erlaß des Reichskanzlers vom l0. September ist daS Patentamt allgemein ermächtigt, auf Ersuchen der Gerichte und Staatsanwalkschaf'en über Fragen, die den Schutz der Gebrauchsmuster betreffen, Gutachten abzugeben, sofern im gerichtlichen Verfahren von einander abweichende Gutachten mehrerer Sachverständiger vorliegen.

Berlin, 19. September. Das Kaiserliche Gesundheitsamt gibt bekannt, daß in Ostpreußen, dem Weichselgebiet und Netze-Warthegebiet vom 11. bis 17. September 28 Cholera­erkrankungen und 9 Todesfälle vorgekommen sind - ferner im Elbegebiet 1/0, in Hessen-Nassau 1/0, im Rheingebiet 2/2, in Schlesien vom 8. bis 14. September 54/23.

Kiel, 19. September. Die Auflösung der Herbst- Übungs-Flotte findet am 21. September start. Die Schiffe der Nordsee-Station gehen dann direct nach Wilhelms­haven, die übrigen nach Kiel. Prinz Heinrich wird am Samstag zum Besuche der Königin nach England abreisen.

Swinemünde, 19. September. Der Kaiser trifft am Freitag Abend im hiesigen Hafen ein und reist mittelst Hof- ruges nach Thorn weiter.

Breslau, 19. September. DerSchlesischen Zeitung zufolge hat auf der Steinkohlengrube Rothenbach, Kreis Landeshut, in der Nähe von Waldenburg gestern ein Aus- stand begonnen, der heute 900 Mann umfaßt.

Hamburg, 19. September. Die vom Senat beantragte I Gewährung einer staatlichen Bethülfe an die Elementar­schulen'der katholischen Gemeinde wurde von der I Bürgerschaft mit großer Majorität abgelehnt.

Chateauduu, 19. September. Casimir-Perier ist heute Nachmittag 3'/, Uhr hier eingetroffen und wurde von der Generalität und den Mitgliedern des Municipalrathes empfangen. Von der Bevölkerung wurden ihm lebhafte * Ovationen zu Tbeil.

Feuilleton.

Aennchen will ins Kloster.

Von Gsza Gärdonyi.

(Autortstrte Uebersetzung.) (Fortsetzung.)

Wieder kam er mit derselben lächelnden Miene. Er kann nichts als lächeln. Sein Schnurrbart sieht aus, als ob er sich zwei kleine schwarze Pinsel unter die Nase geklebt hätte. Er bat mich, eine Rose von ihm anzunehmen, sie stamme aus seinem Garten. Ich gab der Lockung nach. Er möge sich aber nur nichts einbilden. Ich werde ihn schon zur rechten Zeit, im Vollgefühl seines Triumphes, vernichten. Ich nahm seine Rose an und steckte sie ins Haar.

O, wie schön Sie sind!" rief er begeistert,Sie find schöner als eine Fee!"

Ich fühlte, wie mir das Blut ins Gesicht schoß. Im Geheimen war wir auch schon der Gedanke gekommen, daß ich schön sei, aber nie war eS mir noch eingefallen, ich könnte so schön fein wie eine Fee.

Dann redete Herr Balogh noch manche Sonderbarkeiten zusammen. Er fragte mich, welches meine LieblingSsarbe sei, ob ich gern tanze, welchen Dichter ich am liebsten hätte, ob ich schon im Theater gewesen sei und ob ich unter den Bäckereien der Mandeltorte oder denBusserln" den Vor­zug gäbe

Auf all diese Fragen theilte ich ihm meine Ansichten mit ernster und strenger Gemessenheit mit: Meine Lieblmgs- farbe sei blau, mitunter gefiele mir aber auch die rosa

Farbe- daß ich nur dann tanze, wenn ich dazu Gelegenheit hätte- daß ich unter Dichtern Gellert den Vorzug gebe- im Theater sei ich wohl noch nie gewesen, daß ich aber beab­sichtige, dasselbe zu besuchen, wenn ein moralisches Stück ge­geben werde- und was das Backwerk beträfe, so würdige ich sowohl die Mandeltorte, als auch die Busserln.

Daraufhin ergriff Herr Balogh meine Hand und sprach: Aennchen, Sie sind das liebenswürdigste Mädchen auf Gottes Erdboden." Und bevor ich es verhindern konnte, hatte er einen heißen Kuß auf meine Hand gedrückt.

Ich stellte ein Lavoir mit kaltem Wasser neben das Bett und tauchte die Hand in das Wasser. Aber der Kuß blieb haften- er brannte mir auf der Hand. Mein Blut war in einer seltsamen Bewegung. Manchmal erhob ich mich auS dem Bette, nahm die Kerze in die Hand und stellte mich vor den Spiegel. Die Rose paßte mir wirklich gut zum Haar, und ich war schön.

Ich betete inbrünstig zu Gott, daß er mich von diesem eitlen Gedanken befreie und mich 'von Cherubinen und Engeln träumen lasse. Gott erhörte mein Flehen nicht- ich sah die ganze Nacht Herrn Balogh lächeln.

* e *

16. Juni.

Heute entschied ich mich. Ich faßte den Entschluß, mit Herrn Balogh ernstlich zu sprechen- ich wollte ihm sagen, daß er'sich keine Hoffnungen machen möge, daß ich mich von meinen heiligen Absichten niemals werde abbringen lassen.

Er kam auch richtig und hatte eine malerisch schöne Halsbinde umgebunben. Sein Schnurrbart war steif gewichst. Er verneigte sich und sagte:Gestatten Sie, Aennchen, daß ich Sie als meine Königin betrachte."

Auf diesen Wunsch war ich nicht vorbereitet. Vergeblich hatte ich mir vorgenommen, daß ich heute klug fein werde - ich wußte ihm nicht zu antworten.

Wir beide waren allein im Garten. Ich faß auf einem Sessel. Er stand. Ein leichter Lufthauch führte unS den Duft der Reseden zu, gegen welche ein schwarzgelber Schmetter­ling hinsegelte. _

Fangen Sie ihn!" rief ich, um meiner Verwirrung zu entrinnen, und lief dem Schmetterling nach.

Herr Balogh riß den Hut herunter. Der Schmetterling flog uns davon. Wir liefen und liefen. Aus einmal war der Schmetterling verschwunden und wir standen am Waldesrande mit weit geöffneten Augen und starrten unS gegenseitig in die geröteten Gesichte^

20. Juni.

Ich muß gestehen, dieser Herr Balogh ist ein lieber Mensch.

Heute hielt er mir zwei Strähne Baumwolle zum Ab­wickeln- den letzten Faden hatte er schelmischer Weise an seinen kleinen Finger gebunden und wollte sich von mir auch aufwickeln lassen. Dann schrieb er einen Vers an mich. Der gute Gott mag wissen, auf welche Weise es Herrn Balogh gelang, fein Gedicht in meinen Arbeitökorb hinein* zufchmuggeln. Ich fand es drinnen. Es ist eine schöne und interessante Poesie. Ich copirte auch die Verse so­gleich und sandte sie an Schwester Theresia, die ich jedoch bat, die Sache geheim zu halten.

(Schluß folgt.)