Woche findet eine Conferenz der Zollkammer-Directoren behufs Berathung über die Vereinfachung der Zollvorschriften im Verkehr mit Deutschland, sowie über Maßnahmen zur Durchführung des Handelsvertrags statt.
Kiel, 17. Februar. Das Panzerschiff „Branden- Lenburg" wurde heute früh in die Werft behufs Reparatur gebracht.
Kiel, 17. Februar. Am heutigen Nachmittag findet die gerichtliche Obduction der Leichen statt. Das Innere der Leichenhalle gewährt einen schrecklichen Anblick. Fast alle Todten befinden sich in Stellungen wie auf dem Schlacktselde. Von den 9 Schwerverwundeten sind seit gestern 6 gestorben.
Arrslarrd.
Budapest, 17. Februar. Der Redacteur des „Neuen Pester Journals" hatte mit dem König Alexander von Serbien und dem Exkönig Milan eine Unterredung, aus der hervorging, daß Exkönig Milan auf directen Befehl des Königs nach Belgrad gekommen sei, und worin Beide behaupteten , daß die Wirthschaft der Radikalen Serbien vollständig ruinirt und in Conflict mit dem Nachbarstaate Oesterreich gebracht hätte. Jeder Minister habe auf eigene Faust, ohne einen Mintsterrath und ohne Wissen des Königs Verfügungen erlaffen. Milan erklärte noch, daß Serbien sich in Zukunft nur mit innerer Politik befassen und die mit den Nachbarstaaten bestehenden Beziehungen pflegen werde. „Ich habe", so schließt Milan, „Serbien eine freie Verfassung gegeben, diese besteht nun einmal und soll auch ferner bestehen!"
Rom, 17. Februar. In der heutigen Sitzung hat der Katholikencongreß beschlossen, in den geheimen Sitzungen besonders die Arbeiterfrage und die Freiheit des Unterrichts eingehenden Besprechungen zu unterwerfen. Bis jetzt haben sich 17 Bischöfe zum Congreß eingefunden.
Paris, 17. Februar. Gestern fand eine Konfrontation zwischen Emile Henry und Paul Bernhard statt. Da man einem Jeden glauben gemacht hatte, der andere habe ein Geständniß abgelegt, kam es zwischen beiden Anarchisten zu einem heftigen Wortwechsel, der für die Untersuchung von großer Wichtigkeit war.
Paris, 17. Februar. Der Staatsanwalt soll neuerdings -ie Verhaftung einer großen Anzahl Anarchisten beantragt haben, von welchen erwiesen sein soll, daß sie mit dem Attentäter Henry in näheren Beziehungen gestanden haben.
London, 17. Februar. Infolge Besch lagnahme von Schriftstücken im anarchistischen Club „Autonomie" soll die Polizei zwei neue anarchistische Attentate vereitelt haben. Auf blutfarbigem Papier gedruckte Manifeste bestätigen rege Beziehungen zwischen den Londoner Anarchisten nnd denjenigen des Continents. Gegen die bekanntesten anarchistischen Rädelsführer soll gerichtlich vorgegangen werden. In der Wohnung Bourdins fand die Polizei Pulver und Chemikalien vor. Infolge der Abreise bemittelter Anarchisten sollte der Autonomiec'ub geschlossen werden.
Buenos'Ayres, 17. Februar. Die Matrosen des Kriegsschiffes „Saldawa" bemächtigten sich der Kanonen und Munition des Kriegsschiffes „Armacao".
Deutscher Reichstag.
52. Sitzung. Samstag den 17. Februar 1894.
Die Berathung des Colonial etats wird beim Etat für Ost- afrtka fortgesetzt.
Auf dem Tische des Hauses find von socialdemokratischen Abgeordneten Peitschen aus Nilpserdhaut ntedergelegt.
Abg. Richter (frs. Votkep.): WaS Bebel gestern vorbrachte, ist mit Ausnahme des Falles Klemm ichon in der Commission vorgebracht worden und zwar gerade von Fieunden der Colontalpolitik. In England wird an den Gouverneuren noch viel sctärfere Kritik geübt. An colonialen Dingen sei auch eine eingehende Krnik geboten, denn in den Colonien gibt es keine Presse und keine Volksvertretung und die Beamten dort denken: der Himmel ist hoch und der Reichskanzler ist weit! Vor Herrn v. Wrochem gab es doch dort auch Gouverneure, warum halt er, der doch nur Vtcegouverneur ist, gerade solche Erlasse, wie die von Bebel crroäönten, für nöthig? Herr v. Wrochem hat auch einen Zollvei walter in Ordnungsstiafe genommen, weil dieser einen Brief des V'cegouverneurs als von einem „Schreiber" gesprochen hatte. Solche Dinge mögen auch Emin Pascha veranlaßt haben, der dortigen d utschen Verwaltung den Rücken zu kehren. Wurde ja sogar eine Verfügung erlassen, welche den Bau einer Bahn verhinderte, weil dieselbe den Bereich eines geplanten Schießplatzes berührte. Als ob es dort an Schießplätzen fehlen könnte; ganz Afrika ist ja ein einziger großer Schießplatz. ^Heiterkeit.) 6tn Anhänger der Colonialpolitik war es, der in der Commission sagte, die Abenteuersucht der jungen Offiziere sei es, welche uns dort die meisten Verlegenheiten schaffe. Und da verlangt man immer noch »ehr Militär für Afrika. Gras Arnim will dort den Militarismus und Assessorismus durch mehr kaufmännische Verwaltung ersetzen. Das roirb nicht viel helfen, denn die hervorgetretenen Mißstände find ein Ausfluß der ganzen Colonialpolitik. Millionär kann man in Ostafrika nicht werden, aber Millionäre können dort ihr Geld verlieren. Oflasrika hat auch für uns keine Zukunft. Mindestens sollte »an den Süden ausgeben; man hat dann noch immer Raum genug, um im Colonialsport Millionen zu verpulvern. (Beifall links.)
Abg. Hasse (natl.) hätte sich gefreut, wenn der Reichskanzler gestern nicht nur für seine Beamten eingetreten wäre, sondern auch He vorgekommenen Ausschreitungen gemchbilligt und erklärt hätte, daß er und die Colonialverwaltung von jeher bei der Aussendung von Beamten diese mit der Instruction versehen habe, Ausschreitungen ju verhüten. Solche Instructionen sind in der Thal gegeben worden xnb die Beamten haben Anweisung erhalten, nicht bureaulrutifd) und militärisch zu Werke zu gehen. Allerdings glaube auch ich, daß wir dort eine Art Reincultur des Assessorismus und Militarismus haben. Die jungen Assessoren sind dort nicht am Platze, sondern Leute, die sich um die wirthschastlichen Verhältnisse kümmern und diese auch kennen. Ein Fehler in unserer Colonialpolitik war der rasche Wechsel in der Verwaltung, ein Fehler, daß man die militärische Verwaltung Wißmanns so rasch abgebrochen hat und die Civil- »crwaltung einführte. Das militärische Element kann aus der Verwaltung daselbst nicht ganz climinht werden, denn wir haben in Ostasrika unsere Herrschaft erst zu begründen. Der Gouverneur soll nicht erst bei Allem, was er thut, in Berlin ansragen müssen; aber bevor er gestattete, daß 500 schwarze Arbeiter noch dem Congo aus- geffibrt wurden, hätte er sich doch in Berlin erkundigen sollen, ob ein so tiefer Eingriff in unsere wirthschastlichen Verhältnisse in unser Colonialsyfiem paßt. Ich möchte, daß deutsche Pflanzer, welche ihre Lchrjahre im Dienste der Niederlande, Frankretchs und Englands
verbracht haben, ihre Meisterjahre unseren Colonien widmeten. Hoffentlich kommen unsere jetzigen Erfahrungen unserer künftigen Generation zu Gute. Auch England hat solche Erfahrungen machen müssen, so im Caplande, das jetzt eine blühende Colonie ist. Man hat gefragt: Was wollen wir mit Kolonien ? Nun, wir wollen nicht nut Cult«' verbreiten, sondern auch für uns ein neues Wtrlhschafts- gebiet schossen, aus dem wir unsere colonialen Bedürfntsie beziehen, die wir heute aus englischen und anderen Colonien beziehm müssen. In letzter Zett ist die Aufmerksamkeit mit Recht auf das Kilimand- scharo-Gebret gelenkt word>n, das sich vorzugsweise zum Zucker-und Baumwollenbau eignet. Ich bedaure, daß das Hinterland Uganda abgeschnitten ist, aber auch so wird Ostafrika ein werthvoller Besitz für uns werden.
Reichskanzler Graf Caprivi: Bis zu dem Grade von Wärme werde ich es schwerlich bringen, daß ich den Besitz von ganz Afrika wünschte, denn die Last, die jetzt Deutschland, England, Frankreich zufammentragen, wäre für Deutschland allein zu groß. (Sehr richtig.) Unser Programm ist: Festhalten, was wir haben und es möglichst fiuchtblingend machen. Vorredner hat den Assessorismus getadelt und bedauert, daß wir mit dem System Wißmann gebrochen haben. Aber an dem Militarismus des Herrn Wißmann laboriren wir noch fitzt. Aus den Wißmann'schen Rechnungen kann noch jetzt Niemand klug werden; wir haben erst jüngst einige Calculatoren für jene Rechnungen hinüberschicken müssen. Ein reines kaufmännisches Regime läßt sich nicht einführen; man wird suchen müssen, eine richtige Mischung zu finden. Ein festes Programm läßt sich nicht auffteUen, da die Verhältnisse wechseln und in den verschiedenen Colonien verschieden sind. Man wirst dem Gouverneur v. Scheele sein vieles Herumziehen im Lande vor. Das ist gerade gut; wenn Herr v. Scheele festsäße und sich blos mit Verfügungen beschäftigte, würden Sie wieder Ihre Stilkritik daran knüpfen. Um Erfolge zu erzielen, muß man auch Mittel haben. Man sagt, wir hätten zu junge Leute dort. Nun, Herr v. Francois ist doch gewiß nicht zu jung und hat Erfahrungen. Alte Leute kann man doch auch nicht nach den Tropen schicken. Wenn man über das Auftreten der Herren klagt, sollte man doch auch bedenken, daß lauter Männer dort find und daß das gesellige und vielleicht auch sonstige Niveau herabgeht, wenn der Verkehr mit Frauen ganz fehlt. Nun zu den Mißhandlungen in Kamerun. Wir haben dort Leute aus Dahomey, Leute der unbändigsten Art. Die Weiber wollten nicht arbeiten. Ich will über die Sache nicht urtheilen; ich habe ja Jemand zur Untersuchung hinübergeschickt. Aber jedenfalls war die Lage eine solche schwierigster Art. Die Frauen wurden bestraft, die Männer fühlten sich dadurch bedrückt und meuterten. Das ist anderwärts auch und wiederholt passtrt. Das Ereigniß ist unangenehm, es kostet uns (Selb; aber es ist doch kein Mißerfolg der Colonialpolitik. Das kann uns noch hundertmal paisiren. Südwestafrika anlangend, so konnten wir uns die Diebstähle Witbowis noch gefallen lassen. Aber die unter unserem Schutze stehenden Stämme wurden unruhig, zumal sich Witbowis mit einigen derselben verband. Es bleibt uns nur übrig, Südwestafrika aufzugeben, ober bie Schutztruppe zu verstärken. Ein entscheibenber Schlag ließ sich nicht führen. Bei Hovrnkrans entkam Witbowis, so daß Francois nichts anderes üorig blieb, als ihm nachzugehen und ihn so lange zu beunruhigen, bis wir mit ihm fertig geworden. Die Engländer haben sich dabei ganz correct benommen. Man hat Francois' Behandlung seiner Truppen gerügt, aber die Verhältnisse liegen doch dort nicht so, daß er mit seinen Leuten Scat spielen kann. (Heiterkeit.) Wenn ein Kriegsschiff auf Reisen geht, isolirt sich der CapUän auch. Franyois möge leine Erfolge erzielt haben, aber er hat auch nichts verabsäumt und die Colonie ist nicht zurückgegangen. In Ostafrika hatten wir einen bedeutenden Mann an der Spitze der Verwaltung, Henn o. Soden. Ich bedauere, daß wir ihn nicht haben halten können Aber wir haben auch das Glück gehabt, wieder einen bedeutenden Mann zu erhalten, der bisher noch nirgends eine Schlappe erfahren hatte; er hat nur Erfolg auf Erfolg errungen Jedenfalls ist man nicht berechtigt, von Mißerfolgen der Colonialpolitik in den letzten Jahren zu reden.
Abg. Dr. Lieber (Ctr.st Wir haben uns von Anfang an nicht der Täuschung hingegeben, daß in der Colonialpolitik Alles glatt gehen werde, und sind deshalb auch nicht enttäuscht. Wenn aber fortlaufend Beschwerden kommen, wie die über die Gouvernementsbefehle in Ostafrika und die aus Kamerun, bann muß sich bie Hingabe an unserer Colonialpolitik verringern. Allerbtngs muß man erst genauere amtliche Berichte abwarten, bevor man urtheilen kann. Die Kritik Bebels an den Missionen war wenig geschmackvoll. Die christliche Lehre ist nun boch einmal bas Culturfunbament; darin wird Herr Bebel nichts ändern. Selbstverständlich dürfen keine Firmen im Bereich des Reichsstrafgesetzbuchs Sklavenhandel treiben; aber so lange das Sklavenhalten nickt abgeschafft, werden nach der Richtung immer Überschreitungen Vorkommen. Wir streben dahin, daß in Deutschland mindestens eine Niederlassung der Väter vom heiligen Geist errichtet rotrbe, um junge Leute für bie Mission in unseren Colonien auszudilben.
Abg. Bebel: Im Auslanbe würbe man sich gerounbett haben, wenn bie Vorgänge in Kamerun u. s. w. hier nicht zur Sprache gebracht worben wären. Was ber Reichskanzler über Herr v. Wrochen sagte, beweist nur, baß man ein guter Offizier unb boch schleckter Colonialleiter sein kann. Die militärische Schneibigkeit, bie hier schon im üblen Ruse ist, ist in Afrika noch weniger angebracht. Von ber Thäligkeit ber Missionen verheißt sich Rebner keinen Erfolg. Für Culturzwecke bieten sich Gelegenheiten zu Gelbausgaben in Deutschlanb genug, so beim Volktzschulwefen. Für den Unterhalt unserer Volks'chullehrer wirb nur notdürftig gesorgt. Wißmann, den Herr Hasse so lobte, hat sich gerade der größten Unterlassungssünden schuldig gemacht. Bei seinen Expeditionen war der Procentsatz der Kranken besonders groß. .
Abg. Dr. Hammacher (nl.) verweist auf die blühenden Colonien anderer Länder unb barauf, baß England unb Frankreich mit ihrem reichen Colonialbesitz noch neue Colonien in Afrika erwerben. Ostafrika eignet sich nicht für beutfdje Nieberlasfungen in großem Stile, wohl aber für Plantagenbau, wie bie mit Tabak unb lanbwirthschastlicken Cullturen gemachten Anfänge beweisen. Erstes Erfor bemiß ist Ruhe und Ordnung. Für bie Verwaltung brauchen wir tüchtige Männer, gleichviel, ob sie früher Offiziere oberAssissoren waren. Schließlich sind es bie Umftänbe, bie den Einen ober ben Anberen als geeignet erscheinen lassen. Der Lanbeshauptmann Schmiele in Neu Guinea, als junger Assessor hinausgesch'ckt, beweist, baß >s nicht barauf ankommt, was Einer früher war. In Sübwest- afrika ist cs ein zweifelloser Mißerfolg, wenn HenbrikWitbowis entgangen ist unb uns bergeftalt geschäbigt hat. Rebner empfiehlt schließlich beide Resolutionen.
Abg. Ehni (fübb. Volkps.) beantragt Beseitigung ber auch in ben deutschen Colonien noch fortbouemben sog. Haussklaverei.
Abg. Dr. Lieber (Str.) unb v. Salisch (cons.) verwahren sich, Ersterer vom katholischen, Letzterer vom evangelischen Standpunkte aus gegen die Bebel'schen Angriffe auf bas Christenthum.
Abg. Bebel erroibert, es hanble sich hier nicht um Christen- thum unb Civilisation, sondern um Eroberungen in ganz gemeinem materiellen Interesse.
Der Etat für Ostafrika wird unter Kürzung eines Postens für Bauzwecke um 130000 Mk. genehmigt unb bie von ber Commission vorgeschlagenen Resolutionen angenommen, bas Ehni'sche Amenbemeni aber abgelehnt.
Montag: Vorlage, betreffenb bas Halten von Brieftauben, Colonialetat.
Hcuefte Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Corrcsponbenz-Bureau.
Friedrichsruh, 18. Februar. Dem Vernehmen nach trifft der Kaiser am Montag Nachmittag um 5 Uhr 57 Min. hier ein unb reist kurz nach 9 Uhr nach Hamburg weiter, wo bie Ankunft Abends 10 Uhr 24 Min. erfolgt. Von hier
setzt ber Kaiser vom französischen Bahnhofe aus um 10% Uhr die Reise fort und kommt am Dienstag früh 7 Uhr 20 Minin Bremen an. Um 7 Uhr 24 Min. erfolgt bie Abfahrt nach Oldenburg, woselbst die Ankunft um 8% Uhr statlfindet. Nach zweistündigem Aufenthalt in Oldenburg wird die Reise fortgesetzt. Um 11% Uhr Mittags trifft der Kaiser in Wilhelmshaven ein.
Paris, 18. Februar. Nach hier vorliegenden Meldungerr habe das Geschwader der Aufständischen die Beschießung von Rio de Janeiro eingesielt, die Bevölkerung bitte um Frieden. 5000 aus dem Süden kommende Aufständische sollen in den Staat Sao Paulo eingedrungen sein.
Rom, 18. Februar. Der Papst celebrirte heute Vormittag als Abschluß der Feierlichkeiten anläßlich seines Bischofsjubiläums in der vaticanischen Basilika eine Messe, der ungefähr 50,000 Personen beiwohnten, die den Papst auf das Lebhafteste begrüßten. Das diplomatische Corps, die Patrizierfamilien, die Ritter des Maltheserordens wohnten der Messe auf besonderen Tribünen bei.
Petersburg, 18. Februar. Der Kaiser hat die Geneh- migung ertheilt, daßderHanbelsvertragmitDeutsch- land dem Plenum des Reichsraths vorgelegt werbe.
totales rrnd provinzielles.
Hießen, den 19. Februar 1894.
** Sitzung Großh. Handelskammer am 13. Februar 1894- Anwesend die Herren Koch, Scheel, Gail, Katz und Kraatz. Schon in den letzten Sitzungen wurde der d e utsch- russische Handelsvertrag nach verschiedenen Richtungen ber Berathung unterzogen - bie Kammer steht nach wie vor auf dem Standpunkt, die vor zwei Jahren inaugurirte vertragsfreundliche Politik der Reichsregierung zu unterstützen, nachdem die Kammer in diesem Sinne bereits früher selbstständig Eingaben an den Reichskanzler gesandt, hat sie sich nach Kräften an der zu Gunsten des deutsch-russischen Vertrags in Handels- und Jndustriekreisen allgemein ins Leben gerufenen Agitation betheiligt. — Am 28. v. Mts. fand in Frankfurt a. M. eine Vorbesprechung der Frankfurter Handelskammer und derjenigen Hessens, Hessen-Nassaus und sonst interefprten Körperschaften statt. Bei dieser sowohl, als auch bei der darauf folgenden imposanten Kundgebung zu Frankfurt a. M. am 11. l. Mts. war die Kammer vertreten. — Von dem Deutschen Handelstag sind die Mitglieder desselben zu. einer außerordentlichen Plenarversammlung auf den 21. d. Mts. eingeladen. Gegenstand der Tagesordnung ist ebenfalls der deutsch-russische Handelsvertrag sowie die Währungsfrage. Auch wird die Kammer voraussichtlich vertreten fein. — In der 24. Sitzung des Bezirks - Eisenbahnraths Hannover kam der von den Delegirten der Handelskammern Kassel und Gießen, Herren Freiherr Waitz v. Eschen und F. C. B. Koch, gemeinsam gestellte Antrag:
„Königliche Direction wolle für den Localverkehr den Zügen 75 und 76 die erforderliche Anzahl zweiachsigerWagen beigeben unter gleichzeitigem Wegfall ber Zufchlaggebühr für Entfernungen unter 80 Kilometer"
zur Verhandlung, wurde einstimmig angenommen und liegt Sr. Excellenz Herrn Minister Thielen zur Entscheidung vor. — Nach Äußerungen Seitens der Direction war bei der Umwandlung jener Züge zu Durchgangszügen der Umstand, daß diese keine 3. Klasse mitfübren, ausschlaggebend ohne daß man sich über die schweren Schädigungen des Localverkehrs klar war. — Die alsbald nach jener Neuerung zahlreich ein- gelaufenen Proteste Seitens der betheiligtcn Handelskammern, politischen und wirthschastlichen Vertretungen, nicht minder die Erörterungen in beregter Sitzung haben der Direction überzeugend dargethan, daß diese Schnellzüge dem Localverkehr unentbehrlich sind. Es ist Geneigtheit vorhanden, statt der Züge 75 und 76 zwei andere Zugverbindungen zu Corridor- Zügen umzuwandeln, zumal Durchgangswagen 3. Klaffe sich in ber Herstellung befinden. — lieber die Frage ber Bahnsteigsperre, sowie bie Erh ebung ber Platz - gebühr fanb durch den ständigen Ausschuß des Bezirks- Eisenbahnrathß Frankfurt a. M. in feiner Sitzung vom 15. Januar l. I. eine Vorberathung statt. Die am 28. Februar l. I. tagende Plenarversammlung wird sich ausschließlich mit dieser Angelegenheit beschäftigen und die Beseitigung bestehender Mißstände herbeizuführen suchen. — Die Kammer erachtet die Einrichtung, daß bei den Ober- hessischen Eisenbahnen im Gegensatz zu den an dieselben anschließenden preußischen Staatseisenbahnen aus Rückfahrkarten kein Freigepäck gewährt wird, als den Interessen des reisenden Publikums zuwiderlaufend und beschließt, bei ber Direction der Oberhessischen Bahnen eine Aenderung dieser Bestimmung anzuregen. — Das Kaiserliche Postamt dahier theilt der Kammer eine Bekanntmachung mit, betreffend ben Anschluß an bie Stadtsernsprecheinrichtung und werden die Interessenten auf diese Bekanntmachung, bie in ben hiesigen Zeitungen publicirt ist, hingewiesen. — Infolge ber mit bem Vorstand des Kaufmännischen Vereins gepflogenen Beratungen behufs Erhaltung und Förderung der von letzterer Körperschaft ins Leben gerufenen kaufmännischen Fortbildungsschule — verbunden mit Lehrlingsheim — wurde beschlossen, den hiesigen Firmen - Inhabern den Beitritt zu jenem Verein als unterstützende Mitglieder zu empfehlen. Ein dahingehender Aufruf wird in Kürze erfolgen, seine Beihätigung sei auch an dieser Stelle auf das Wärmste empfohlen.
*♦ Meineid. In das hiesige Provinzialarrefthaus wurden 5 Frauenspersonen aus Beienheim bet Friedberg eingeliefert, die beschuldigt sind, in einer vor dem Schöffengericht Friedberg verhandelten Privatklage um einer Bagatelle willen einen wissentlichen Falscheid geschworen zu haben. Die Verhaftung wurde durch den Untersuchungsrichter am hiesigen Landgerichte angeorbnet.


