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Rr. 42 Erstes Blatt. Dienstag ben 20. Februar
1894
Der Hithtner Anielger rrscheml täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Ließ en er Al«milie-0tLt1-r werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Meßmer Anzeiger
Kenerak-Anzeiger.
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Zlints- und 2lnj<iaeblatt für d-n Kreis Gietzen.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.
Hratisöeitage: Hießener Kamitienötätter.
Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehme« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Amtlicher Theil.
Bekanntmachung.
Gießen, den 17. Februar 1894.
Betr.. Entschädigung der Krankenkassen für die Führung der Geschäfte der Alters« und Jnvaliditätsversicherung.
Das Grobherzogliche Kreisamt Gießen au die Grosth. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.
Wir erinnern die Rückständigen an alsbaldige Erledigung unserer mit Amtsblatt ergangenen Verfügung vom 22. Januar l. I.
v. Gagern.
Deutscher Reich
Berlin, 17. Februar. Der durch die Tagesblärter schon zur allgemeinen Kenntniß gebrachte schreckliche Unglücks« fall auf S. M. S. „Brandenburg" hat sich nach den bis jetzt vorliegenden Nachrichten ereignet, als das auf Probefahrt begriffene Schiff sich außerhalb des Hafens von Kiel befand. Die sämmtlichen zwölf Kessel waren im Betrieb, die Maschinen arbeiteten mit etwa 7000 Pierdekräften, also nicht mit Forcierung, denn bei solcher werden auf diesen Schiffen mehr als 10000 Pferdekräfte entwickelt. Das Unglück ent« stand durch LoSreißen der Befestigung deS Dampfabsperr-Ben« tilg der Steuerbord-Maschine. Dadurch wurde dem Dampf auS sämmtlichen Kesseln der Weg in den mit Menschen ange« füllten Maschtnenraum freigegeben. Er verbreitete sich in demselben sofort, allcS verbrühend, was er an lebenden Wesen vorfand, drang durch die offene Berbindungsthür in den Backbord-Mafchinenraum, durch die Niedergangsöffnungen in die darüber liegenden Räume für elektrische Maschinen- Destillierapparate und Vorräthe, sein Dernichtungswerk fortsetzend. Fast sämmtliche in diesen Räumen beschäftigten Personen müssen augenblicklichem Tode verfallen gewesen sein, denn der ausströmende Dampf hatte eine Temperatur von etwa 180 Grad und wird von dieser bei seiner Ausbreitung nicht sehr viel verloren haben, ehe er die unglücklichen Opfer erreichte. Heber die eigentliche Ursache des Unglücks, den Grund deS Reißens der erwähnten Befestigung ist noch nichts bekannt. Das Reichsmarineamt hat seinen Maschinenconstruc-
teur sofort nach Kiel gesandt zur Ermittelung derselben. Solche Unglücksfälle ereignen sich in jeder Marine, wie Der- jenige weiß, welcher die Nachrichten über solche Vorkommnisse verfolgt. Seitdem mit so hohen Dampfspannungen — hier zwölf Atmosphären — gefahren wird, ist damit immer für das Maschinen- und Heizpersonal eine gewisse Gefahr verbunden und besonders bei den Probefahrten, bei denen eben festgestellt werden soll, ob alle Maschinentheile, Kessel und Zubehör den Ansprüchen genügen. Von außen kann man den einzelnen Theilen nicht immer ansehen, ob sie die genügende Haltbarkeit besitzen, sie müssen deshalb probirt werden. Alle irgendwie zu treffenden Vorsichtsmaßregeln werden angewandt - solches Unglück, wie das geschehene, ist aber voraussichtlich nicht abzuwenden gewesen. Es ist erfreulich, trotz alles Unglücks festzustellen, daß der Admiral, der das Panzergeschwader commandirt, melden konnte, daß das Betragen des Maschinen- personalS bet der Katastrophe auf „Brandenburg" als muster- haft bezeichnet werden mußte. Seine Majestät der Kaiser haben hieraus Veranlassung genommen, nachstehendes Telegramm an den Commandanten des Schiffes, Capitän z. S. Bendemann, zu erlassen: „Berlin, Schloß, 17. Februar 1894, 10,57 Vorm. Capitän zur See Bendemann, Kiel, S. M. S. „Brandenburg". Ties erschüttert von der furchtbaren Katastrophe, drängt es Mich, Ihnen und der gesummten Besatzung Meine auS dem Grunde des Herzens kommende Allerwärmste Königliche Theilnahme auszudrücken. Der in treuer Pflichterfüllung erlittene Heldentod sichert den Gebliebenen einen Ehrenplatz in Meinem Gedächtntß und in den Annalen der Marine für alle Zeiten! Wir stehen Alle in Gottes Hand! Im festen Vertrauen auf Ihn fügen wir Uns in Ergebung Seinem unerforschltchen Willen und sehen der Zukunft zuversichtlich und getrost entgegen. Ich werde den Gefallenen zur Erinnerung eine Gedächtnißtafel in die Garnifonkirche zu Kiel stiften. Und im Uebrigen „Volldampf voraus".
gezeichnet Wilhelm I. R."
Berlin, 18. Februar. Der Tag des Gegenbesuches des Kaisers beim Fürsten Bismarck in Friedrichsruh ist nunmehr herangekommen. Der Kaiser trifft, den jüngsten Dispositionen hierüber zufolge, an diesem Montag, Nachmittags gegen 6 Uhr, in FriedrichSruh ein, nimmt beim Fürsten Bismarck im engsten Familienkreise das Diner ein und fährt dann nach Wilhelmshaven weiter. — Mit innigster Freude und wärmster Theilnahme begrüßen alle Vaterlandsfreunde diese abermalige Begegnung zwischen dem erlauchten Monarchen und dem Altreichskanzler, sie besiegelt die Wieder-
auSsöhnung beider dem Herzen deS deutschen Volkes gleich theuren Männer, tote sie sich durch das kürzliche Erscheine« deS Fürsten Bismarck am Berliner Hofe so herrlich aller Welt offenbarte. Wenn vielleicht bei dem Berliner Besuche deS Altreichskanzlers die Politik nicht so zu ihrem Rechte gekommen ist, wie ursprünglich allgemein angenommen wurde, so dürfte das politische Moment bei der FriedrichSruher Reise Kaiser Wilhelms um so eher hervortreten. In der Stille deS FriedrichSruher Schlosses, fern vom Getriebe des Hos- lebens und dessen Anforderungen, kann sich der kaiserliche Herr vertraulich mit dem alten Kanzler aussprechen und gerade die gegenwärtigen bewegten Zeitläufte, wie sie sich für Deutschland an die Fragen deS russischen Handelsvertrages, der Steuer- und Finanzreform im Reiche u. s. w. knüpfen, erscheinen zu einer solchen Unterredung höchst geeignet. Sicherlich wird Fürst Bismarck mit seinen Anschauungen über diese schwebenden wichtigen Tagesangelegenheiten seinem kaiserliche« Gaste gegenüber nicht zurückhalten und gewiß wird der hohe Herr den erfahrenen Rath des ehemaligen Lenkers der Geschicke Deutschlands und Preußens zu schätzen wissen. Jedenfalls bildet der Gegenbesuch des Kaisers beim Altreichskanzler ein Ereigniß, mit welchem die in Berlin inaugurirten politisch bedeutsamen Thatsachen ihre Fortsetzung finden, und erfüllt darum alle wahren Patrioten mit höchster Befriedigung.
Berlin, 17. Februar. Der Kaiser verlieh dem Flügeladjutanten Major von Hülsen den Namen Grafen von Haeseler. Die Mutter des Majors war eine geborene Gräfin von Haeseler. Wie verlautet, sind bei der Verleihung Rücksichten auf Majoratsinteressen von Einfluß gewesen.
— Das preußische Abgeordnetenhaus erledigte in seiner Sitzung vom Freitag den allergrößten Theil bei Justizetats. Das Herrenhaus genehmigte am gleichen Tage die Novelle zum Berggesetz.
— Fürst Bismarck hat in einem ersichtlich vo« ihm herrührenden Artikel der „Hamb. Nach." seine Auffassung des deutsch-russischen Handelsvertrages niedergelegt. Dieselbe geht dahin, daß die deutsche Lan'owirthschaft nachgeben müsse, sobald die Prüfung des Vertrages beweise, daß der Nutzen, welchen er der deutschen Industrie gewährt, den Schaden des Vertrages für die Landwirthschast überwiege. Ob wohl unsere einheimischen Gegner des deutsch - russischen Vertrages diese echt staatsmännische Anschauung des AltreichS- ' kanzlerS zu der ihrigen machen werden?
Berlin, 17. Februar. Das „Kleine Journal" berichtet aus Thorn, aus Rußland werde gemeldet: In der nächsten
Feuilleton.
Sink grausige Ladung.
Don Clark Russell.
(1. Fortsetzung.)
Tjilatjap liegt auf der Insel Java und von diesem Orte segelten wir an einem schönen warmen Tage ab.
Wir hatten eine lange Reise vor unS, aber wir waren alle in bester Laune. Capitän Ferdinand Koster war ein ausgezeichneter Seemann und ein wohlwollender Herr, welcher unS gütig behandelte. Sein Steuermann Nikolas Tode, obgleich barsch und leidenschaftlich, sobald etwas verkehrt ging, hatte dennoch das Herz auf dem rechten Flecke.
Der Schiffsherr hörte uns gern singen und liebte es, unS beim Tanzen zuzusehen. Arn Abend desselben Tages, an welchem wir absegelten, ermunterte er uns zum Tanzen, indem er uns zurief, daß die Reise, je länger sie sei, um so fröhlicher beginnen müsse. Das war so seine Art. Und feine Reden ermutigten uns auch. Obgleich man sie nicht genauer erwägen durfte, so hatten sie doch einen luftigen Slang. Jan Maas, einer der Seeleute, hatte eine Accord- Ziher, welche er sehr gut spielte. Damit kletterte er an jenem Abend auf die Signalstange über der Schiffsküche und spielte zum allgemeinen Tanze auf. Wie wenig ahnten wir damals, daß der Tod in dem Schiffsräume der Brigg sich verborgen hielt und unserem Gelächter und dem Stampfen unserer Füße zuhörte.
Später, als ich allein war, pflegte ich mir diesen Abend öfter ins Gedächtniß zu rufen und mir den Tod als ein Skelett, unter der Vorderluke versteckt sitzend, zu denken, die Hand an das Ohr gelegt, mit zur Seite geneigtem Kopfe lauschend und über untere Fröhlichkeit grinsend.
Wenn ich zurückblicke auf diese Reife, so kommt mir zuerst der erste Abend unserer Segelfahrt in den Sinn: Jan auf feiner Accord - Zither spielend, während er auf der Signalstange sitzt, wir Männer auf dem Dorderkaftell tanzend, der Schiffsherr und der Steuermann auf dem Hinterdeck auf
und ab gehend, ersterer eine große Pfeife rauchend, deren Kopf bis zu feinem Gürtel reichte, die Segel ganz still über unseren Köpfen und die Sonne am Steuerbordbug im Niedergang begriffen.
Eine ganze Woche waren wir von gutem Wetter begünstigt und nichts ging verkehrt.
Eines Tages war ich gerade im Begriff, auf der Vor- marsraa einen Riemen am Partleinen festzuschnallen, während gerade über mir Dirk Honthorst mit irgend einer schwierigen Arbeit an der Bramsegelraa beschäftigt war, als ich mich plötzlich von ihm gerufen hörte.
Aufblickend, sah ich ihn im Bauch des Segels fitzen, mit dem Rücken gegen den Mast gelehnt und sich an dem Knoten sefthaltend.
Ich rief in langgedehntem Tone zu ihm herauf: „Was fehlt Dir, Dirk?"
„Komm herauf und halte mich, Peter," rief er mit schwacher Stimme zurück.
Ich sprang in das Takelwerk, kletterte auf allen Vieren bis zur Raa und umfaßte ihn. Er fing an, zu ächzen, sich zu krümmen und feine Augen wild zu rollen. Als ich meine Hand auf die feinige legte, war mir, als ob ich heißes Eisen berührte. Der Steuermann, welcher uns sah, rief sofort herauf, um zu wissen, was es gab. Ich antwortete, Dirk Honthorst fei krank geworden und unfähig, allein herab- zukommen, und es sei noihwendig, ein Tau heraufzusenden, um ihn herabzulaffen. Das war schnell geschehen, da der Peter aus Frankreich, wie wir ihn nannten, das Tau brachte. Ihn in unsere Mitte nehmend, umschlangen wir den kranken Mann mit der Boleine, brachten ihn glücklich aus Deck und legten ihn in seine Koje. Wir batten eine Apotheke an Bord, aber keinen Doctor. Als der Schiffsherr nun erfuhr, daß einer von der Mannschaft front sei, kam er in das Vorder- kastell und verschrieb etwas au6 einem Buche für Dirk. Was er ihm gab, weiß ich nicht, — jedenfalls nichts, was ihm gut that, denn als meine Wache vorbei war und ich hinunter- ging, sprach Dirk im Fieber, und dabei sah er auS, als ob er kochte. Niemals bot sich mir solch ein Anblick, wie fein Gesicht. Der Peter aus Frankreich sagte, es sei das Schar-
lachfieber, aber keiner von und wußte, waS es eigentlich war. Es erschreckte uns nur, als wir hörten, daß eß überhaupt ein Fieber irgend welcher Art sei, denn das Vorder- kastell der Brigg war nur ein beschränkter Raum, zwei übereinander angebrachte Reihen von Kojen liefen an jeder Selle entlang, dazu das Bettzeug und die Koffer der Matrose« und das gegen die Stützen und Bretterverschläge aufgelegte Wachstuch - dies alles zwängte uns förmlich ein. Außerdem befanden wir unS in den heißen Breitegraden, da wir in dieser Woche nicht viel gesegelt waren.
Wir hatten ein kleines Kühlsegel, das von dem vordere« Mastkorbe herunterhing. Aber der kühle Wind war kräftig und der Vordercurs hielt den Wind vom Kühlsegel ab, so daß das Vorderkastell wie ein Ofen war, und darin lag der arme Dirk, schreiend und tobend in seiner Geistesverwirrung. Dazu wußte Niemand, was ihm fehlte, und einige fürchtete« sich vor ihm. Diese Furcht hielt uns aus dem Dorderkaftell fern und beide Wachen lagen in jener Nacht auf Deck, einer von uns von Zeit zu Zeit durch die Luke verschwindend, um zu sehen, ob der Kranke etwas brauchte.
Er wurde still um die Mitte der Morgenwache. Doch lag er so schwer athmend da, daß man ihn deutlich höre« konnte, wenn man dem Mastkorbe nahe war. DaS währte so fort bis gegen 8 Uhr. Da kam der Schiffsherr, welcher hinuntergegangen war, herauf, um nach ihm zu sehen, begleitet von Philipp Ssogren, einem der Dänen, und sagte, daß Dirk Honthorst gestorben sei. Uns entsetzte diese Nachricht nicht so sehr, da wir bereits aus seinem schweren Athmen geschlossen hatten, daß er nicht mehr lange leben könnte. Wir ließen ihn in seiner Koje mehr als eine Stunde (während wir alle unser Frühstück aus dem Deck aßen), damit wir gewiß wären, daß er tobt sei.
Als dies zweifellos war, nähten wir ihn in ein Stück Segeltuch, da Niemand von uns eine Hängematte besaß, und nachdem wir ein Stück Schrubberstein an seine Füße gebunden, ließen wir ihn in die ewige Heimath hinab.
(Fortsetzung folgt.)


