1894
Nr. 244 Erstes Blatt. Donnerstag den 18. October
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Zum 18. October.
Wenn wir unseren Blick zurückschauend in die Vergangen heit schweifen lasten, finden wir für ibn gern gesuchte Ruhe- punkte an den Tagen, deren Wiederkehr unserem Volke zu erhebenden Gedenkfeiern Anlaß gibt. Gleichzeitig aber erwächst uns hieraus eine Forderung der Pietät, immer wieder auf das hinzuweisen, was unsere Voreltern durch die Mackt ihres Geistes für uns errungen oder mit ihrem Herzblut für uns erkauft haben und dankbar Derer zu gedenken, die daS, was wir heute besitzen, ein einiges deutsches Vaterland, geschaffen haben. In dieser doppelten Beziehpng ist der 18. October für uns ein Gedenktag.
ES ist noch nicht lange her, da lohten noch die Freudenfeuer von den Höhen, um daS Volk zu «ahnen an die Völkerschlacht von Leipzig, um ihm in Erinnerung zu rufen, daß an diesem Tage anno 1813 daS Glück deS stolzen Corsen in Trümmer geschlagen wurde, daß mit dem Sinken von Napoleons Stern für unser Deutschland besonders die Sonne einer neuen besteren Zeit emporgestiegen war. Auf ganz Europa hatte der^Drvck deS Joches gelegen, das Napoleons Hand ihm auferlegt hitte, aber am härtesten hatte Preußen zu leiden und mit ffm daS übrige Deutschland. Daher dürfen wir ganz bestnderS uns der endlichen Erlösung aus Schmach und SchanLe freuen. Zwar war es nicht deutsche Kraft allein, die diesen Schlag so ruhmreich geführt hat- auf unserer Seite standen die Stammesbrüder aus Oesterreich, stand Rußland? U)rd Schweden. Aber ohne uns zu überheben, dürfen wir>stolz bekennen, daß ohne uns der Steg von Leipzig unmögjhfe gewesen wäre. Die Führer der verbündeten Armeen tot&n nicht immer unter sich einig, insonderheit waren sie «jv, Ausnahme eines einzigen zum Schlagen nicht entschlosten. Dieser Eine aber war der alte Blücher, der mit seinem genialen Feldherrnblick die Schwächen des Feindes erschaute und mit seiner altpreußischen Tapfer» kett das Meiste zum Erringen des Sieges beitrug. Un» vergessen sollen auch die deutschen Führer sein, die, gezwungen auf des Feindes Seite kämpfend, sich ihrer Pflicht erinnerten und jauchzend mit klingendem Spiel ihren Platz an der Seite ihrer deutschen Brüder einnahmen.
Heute flammen nicht mehr die Feuer von den Bergen zur Erinnerung an jenen glorreichen Tag. Die Geschichte schreitet unaufhaltsam weiter und so hat sie auch uns eine andere Zeit gebracht, ein Reich aufgebaut auf andere Siege, die diejenigen der alten Zeit in den Hintergrund treten lassen. Ein Zufall hat es gewollt, daß an dem Jahrestage der Schlacht von Leipzig, am 18. October 1831 ein Mann geboren wurde, der die Schlachten schlug, die unser neues Reich begründeten. In unser aller Herzen lebt er als „unser Kronprinz", wenn ihn auch die Geschichte Kaiser Friedrich III. nennt. Ausgewachsen in den Traditionen deS preußischen Ruhmes von 1813, sahen wir ihn 1866 und 1870/71 unsere Fahnen von Sieg zu Sieg führen, sahen wir ihn mit unseren Brüdern im Felde das gleiche Loos theilen, sahen wir ihn mit unserem Volke sich freuen und leiden. DaS Schicksal hat ihm nicht vergönnt, die Früchte seiner Siege zu genießen. Durch den Tod seines ruhm- gekrönten Vaters auf den «Thron berufen, trug er selber schon den TodeSkeim in der Brust — und keine Kunst der Aerzte hat es vermocht, daS theure Leben zu retten. Schon noch kurzer Regierungszeit entschlief der Held zu seinen Vätern und trauernd stand das ganze deutsche Volk an der Bahre eines Fürsten, den es wie wenige geliebt hatte. Sein Leib ist dahin, aber fein Geist lebt noch unter uns und treu wollen wir sein kostbares Dermächtniß bewahren und fest und unerschütterlich stehen zu dem, was er hat schaffen helfen, zu unserem deutschen Vaterlande und feinem Kaiser. Das walte Gott I -b-
Der Kaiser in Darmstadt.
nn. Darmstadt. 16. October.
Gestern Mittag um 12 Uhr begab sich der Kaiser mit seinem Flügeladjutanten Oberst von Schott nach dem Mausoleum auf der Rosenhöhe und legte an dem Sarkophage des verst. Großherzogs Ludwig IV., einem innigen Freund des Kaisers, einen prachtvollen Kranz aus Thee- und Tuberosen mit Schleifen nieder.
Hieraus nahm der Kaiser mit der Großh. Familie im engsten Familienkreise das Luncheon im Großh. Palais ein, und begab sich um 4 Uhr zur Hoftafel in das Großh. Residenzschloß, überall auf seiner Fahrt von dem Jubel der Bevölkerung begrüßt. Seit seinem erstmaligen Hiersein vor fünf Jahren ist eine gewaltige Veränderung in seinem Wesen vor- pegangen. Damals ernst und finster dreinblickend und fast theilnahmlos gegen die ihm dargebrachten Ovationen, ist
heute der Kaiser der liebenswürdigste Mensch, den man sich nur denken kann. Ein herzgewinnendes Lächeln umspielt seinen Mund und selbst für den Gruß eines Einzelnen versäumt er vicht zu danken. Im Sturm hat er sich heute die Herzen Aller erobert, welche das Glück hatten, mit ihm zu verkehren.
Um 5 Uhr nahm die Galatafel ihren Anfang. In den in einen Blumenhain umgewandelten Assemblezimmern war die Tafel mit 72 Gedecken hergerichtet. In der Mitke der Tafel faß der Kaiser, rechts von ihm die Großherzogin und links der Großherzog. Neben drm Großherzog saß die Prinzessin Alix und neben der Großherzogin Prinz Wilhelm von Hessen. Dem Kaiser gegenüber saß der StaatHminister Finger. Nach dem dritten Gang brachte der Großherzog einen Toast auf seinen kaiserlichen Gast aus, den der Kaiser in verbindlicher Weise erwiederte. Gegen 7 Uhr war die Galatafel zu Ende und begaben sich die hohen Herrschaften mit ihrem Gefolge direct ins Großh. Hoftheater, wo auf Wunsch deS Kaisers das Lustspiel „Madame sans Gene“, mit Frl. Kramer in der Titelrolle, gegeben wurde. Schon kurz nach 6 Uhr füllten sich die weiten Räume deS Theaters mit einem distinguirten Publikum, Staatsbeamten in großer Gala, sowie ein Kranz herrlicher Frauen in den kostbarsten Toiletten, den Moment erwartend, wo der Kaiser in seine Loge treten werde.
Punkt 7 Uhr erschien dcr Kaiser mit dem Großherzog, der Großherzogin, Prinzessin Alix u. s. w. iu der Fürstenloge. Das Publikum erhob sich von seinen Sitzen, Oberbürgermeister Morneweg brachte ein dreifaches Hock auf den Kaiser aus, während die Musik die Königshymne intovirte, die vom Publikum stehend gehört wurde. Das Stück wurde sehr gut gespielt, insbesondere leisteten die Damen Kramer, Ethel und Wiedmann, sowie die Herren Edward, Hacker, Wagner ihr Bestes, wofür sie mit reichem Beifall des Kaisers und des Publikums ausgezeichnet wurden. Um 1/211 Uhr wär die Vorstellung zu Ende und begab sich der Kaiser in seine Gemächer im Restdenzschloß.
Deutscher Reich.
Berlin, 16. October. Je weniger authentische Nachrichten über die am vergangen?» Freitag abgehaltene wichtige Sitzung des preußischen Staatsmini st e- riumö vorliegen, desto toller schwirren die Gerüchte über den Vorgang durcheinander. So cheißt es u. A., die Verhandlungen der Minifterconferenz hätten sich sehr kritisch gestaltet, da sich in Betreff der geplanten Maßnahmen gegen die Umsturzbestrebungen zwei verschiedene Strömungen bekämpft hätten, eine energischere und eine mildere, letztere sei vom Reichskanzler Grafen Caprjvi vertreten worden. Jeden- falls scheint daß Eine zutreffend zu sein, daß bet dem erwähnten Ministerrath noch keineswegs eine Entscheidung in der augenblicklich wichtigsten Tagesfrage der inneren Politik getroffen worden ist, sondern daß vielmehr hierüber noch immer gewisse Meinungsverschiedenheiten in den maßgebenden Berliner Kreisen zu herrschen scheinen. Es bleibt demnach die ganze wettere Entwickelung der Angelegenheit, bei welcher überraschende Zwischenfälle vielleicht nicht ausgeschlossen sind, noch abzuwarten.
— In der Angelegenheit der verhafteten Zöglinge der Berliner Oberfeuerwerkerschule ist die erft- malige Vernehmung jetzt abgeschlossen worden. Auf Grund derselben wurden sieben der verhafteten Oberfeuerwerkerschüler, wie verlautet, zu ihren Truppenthcilen zurückgeschickt, da sich ihre gänzliche Schuldlosigkeit bei den Vorgängen in dem genannten militärischen Institut herausgestellt bat. Gegen die in Haft bleibenden Zöglinge wird nunmehr die Special- unter suchung eröffnet, deren Ergebnisse amtlich mitgetheilt werden sollen.
— Aus Deutsch-Südwestafrika ist die wichtige und erfreuliche Kunde von der bedingungslos erfolgten Unterwerfung deö Hottentotten-Häuptlings Hendrick Wttboi unter die deutsche Schutzherrschaft, eingetroffen. In der kurzen Depesche deS Majors Leut wein, welche dieses Er- eigniß meldet, ist allerdings nicht ausdrücklich gesagt, ob nun auch Hendrick Witboi wirklich selbst sich in den Händen der Deutichen befindet. Es müssen daher erst nähere Nachrichten über diesen Vorgang abgewartet werden, ehe sich die eigentliche Bedeutung desselben beurteilen läßt.
Ausland.
Wien, 15. October. Die „Pol. Corr." erfährt auS Petersburg, daß die Abreise des Czaren nach Corsu am 24. Oclober erfolge. Das Befinden des Kaisers sei zwar befriedigend, doch dauere seine Schwäche noch fort.
Wien, 15. October. In Leoben kam cS anläßlich der Wahl eines Reichsrathsabgeordneten im Wahlbezirk Bruck- Leoben, wo der liberale Candidat, Professor Korber, gewählt wurde, zwischen den liberalen und antisemitischen Wählern zu blutigen Excessen, wobei eine Person getödtet und mehrere der Tumultuanten schwer verletzt wurden.
Belgrad, 15. October. Der Ministerpräsident Nicvlajevic erklärte dem Redacteur einer ungarischen Zeitung gegenüber, daß mit der Reise des Königs Alexander nach Budapest und Berlin kein actueöer politischer Zweck verfolgt werde. Die Reise habe aber dennoch insofern politische Bedeutung, als sie )ic natürliche Folge jener warmen Sympathien darstelle, welche der König und daS ganze serbische Volk für den österreichischen Kaiser empfinde. An die Ber- heirathung deS Königs werde vorläufig nicht gedacht.
Lüttich, ?5. October. Dem Socialistenführer Demblon wurden Seitens der Volksmenge begeisterte Ovationen dargebracht- er wurde im Triumph durch die Stadt getragen. In einer längeren Rede erklärte Demblon, daß die Socialisten in das Parlament einzögen, um der Reactio.i den Kopf zu spalten.
Plarfeille, 15. October. Der Marinepräsect von Toulon hat Befehl erhalten, den Kreuzer „Laperouse" sofort auszurüsten. Letzterer soll sich mit dem Kreuzer „Petit TbounS" dem Geschwader in Ostafien anschließen.
Neueste Nachrichten.
SolffS telegraphisches Lorrespondev,« Bureau.
Kiel, 16. October. Der Kreuzer „Condor", Comman- dant Corvetten-Kapitän Broeker, ist heute Nachmittag nach Ost-Asrika abgefahren, nachdem er Vormittags von Admiral Knorr inspictrt war.
Paris, 16. October. Casimir Perter empfing heute Nachmittag den Großfürsten Wladimir. ES wurden dem hohen Gaste, der in offenem Wagen im Elysee eintraf, militärische Ehren erwiesen. Der Präsident, der während deS Besuchs, der eine halbe Stunde dauerte, vom Civil- und Militärstaat umgeben war, wird den Besuch morgen erwidern.
Pari», 16. October. Die medicinische Academie nahm einstimmig den Vorschlag ihrer Specialcommission an, ein günstiges Gutachten über die Anwendung des Diphtherie-Heilserums abzugeben.
Petersburg, 16. October. Ein Extrablatt deS „Regierungsbote" bringt folgendes Bulletin, unterzeichnet vom Berliner Professor Leyden, Professor Sacharin, Dr. Popow und Ehrenleibchirurgen Beljaminow, die heute ein Consilium abhielten, über den Gesundheitszustand deö Czaren: Die Nierenkrankheit hat fich nicht gebessert, die Kräfte haben sich verringert, die Aerzte hoffen, daß das Klima an der Südküste der Krim wohlthätig auf den Gesundheitszustand des Kranken einwirken wird.
Shaughai, 16. Oclober. Hier ist daS völlig unbestätigte Gerücht verbreitet, Port Arthur sei von den Japanern eingenommen, und Hauptmann Hanneken liege im Sterben in Folge von Blutzersetzung nach Verwundungen.
Depesche:» oc6 tourten .Herold".
Berlin, 16. October. Wie von zuverlässiger Seite gemeldet tsird, erfolgt bte Uebergabe des neuen Reichstags - gebäudes an den ReichsfiskuS in der Zett vom 10. bis zum 20. November- an die Reichstagsmitglieder und an die im Gebäude beschäftigten Beamten sollen Gedächtnißthaler verabreicht werden. Wie verlautet, will der Kaiser daS neue Reichstagsgebäude noch vor der Eröffnung besichtigen.
Berlin, 16. Oclober. Die „Kreuzztg." sagt, daß die zuletzt verbreiteten Meldungen über den Fortgang der Untersuchung in der Angelegenheit der Oberfeuerwerkerschüler auf gleich unsicherem Grunde beruhen, wie die unzutreffende Nachricht, daß der Director der Oberfeuerwerker- schule sich aus Urlaub befinde.
Berlin, 16. Oktober. Die „Post" bezeichnet die Mittheilung eines hiesigen Berichterstatters über Sitzungen deS preußischen Staatsministeriums nur als auf Combinationen beruhend. Auch soll die Meldung über die letzte Sitzung, worin angeblich zwei Strömungen — die eine für , schärfere, die andere für mildere Fassung der Vorlagen zur Bekämpfung der Umsturzbestrebungen — mit einander gekämpft haben sollen, völlig unzutreffend sein. Den Ministern ist bekanntlich das strengste Stillschweigen über den Verlauf der Sitzungen anempfohlen.
Berlin, 16. Oclober. Zu der am 18. d. Mls. stattfindenden feierlichen Fahnen-Weihe werden die Groß- Herzöge von Baden, Mecklenburg-Schwerin und Oldenburg, ferner die Fürsten zu Lippe, Reuß ä. L., von Waldeck,


