Ausgabe 
17.5.1894 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 112 Erstes Blatt. Douverstag den 17. Mai

1894

®n

-V>rtwt ,»glich, * lÄlueNrrt btl «entagl.

Dir Girßrner MeeltltelMtUe rt*m Bae Inzri,«, »GchmMch brtieel vckWtrHt.

Gießener Anzeiger

Kenerat-Wnzeiger.

IfftrtiUn^n >lmrar«üfwt» 8 Wert 80 Vt|. *f Sun^rriobe.

D«ch btr Po» b^e^e 2 Morl 50 WB.

lUUrtun. fnibf imb tradmi:

>4-rtr«|< W».t frrafrc* M-

Aints- und Anzeigeblutt för den Knb Gietzen.

ff £ | Gratisbeilage: chießmer AamikienStättcr

»BÄSBeM^^HeeesÄeee^eeeBBseHBHHBBHSBÄBSBeeMeHHSseeÄ

Rllr Innoittn-Burceur bei In- unb luilaiW r4m Inzrißev für bcn®ügtntr Initigtr" mtgegm.

Amtliche» Theil.

Nr-19 des Reichs-Gesetzblatt«, ausgegeben den 9. l. M., enthält:

(Nr. 2169.) Gesetz, betreffenb Abänderung des Gesetzes über die Abwehr und Unterdrückung von Viehseuchen. Vom 1. Mai 1894.

(Nr. 2170.) Bekanntmachung, betreffend die Redaction des Gesetzes über die Abwehr und Unterdrückung von Vieh­seuchen vom 23. Juni 1880 (Reichs - Gesetzblatt S. 153). Vom 1. Mai 1894.

Nr. 20 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 10. l. M., enthält:

(Nr. 2171.) Internationaler Vertrag zur Unterdrückung de« Branntweinhandels unter den Nordseefischern auf hoher See. Vom 16. November 1887.

Gießen, den 16. Mai 1894.

Großherzogliche» Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Deutsche» Reich.

Berlin, 15. Mai. Der Kaiser wohnte am Vormittage des Pfingstmontags dem Stiftungsfeste des Lehr- Jnfanterie-BataillonS zu Potsdam bei; auch die Kaiserin nebst den vier älteren kaiserlichen Prinzen, ferner Prinz und Prinzessin Friedrich Leopold und daS erbprinzliche Paar von Meiningen, dann der Reichskanzler, die gesammte Generalität usw. waren zugegen. Der Haupttheil der Feier spielte sich in dem kleinen Wäldchen neben dem Neuen PalaiS ab und verlief in den hergebrachten Formen. Vor Beginn der Festlichkeit hatte der Monarch u. A. die Abordnung der städtischen Collegien Münchens empfangen, welche beauftragt worden war, dem Kaiser den Dank der Stadt München für da» Belasten der Schack'schen Gallerie in München abzustatten. Montag Abend reifte der Kaiser gegen IO1/* Uhr von der Station Wildpark auS nach Pröckelwitz in Ostpreußen zur Abhaltung von Rehjagden ab.

Kurt von Schlözer, be* ehemalige Gesandte Preußens beim Vatican, ist am Pfingstsonntag in Berlin im Alter von 72 Jahren gestorben. Der Verstorbene begann seine diplomatische Laufbahn als preußischer Geschäftsträger in Rom, wurde dann Ministerresident des Norddeutschen Bundes in Mexiko, übernahm 1871 den deutschen Gesandten­posten in Washington und wurde schließlich preußischer Gesandter

Feuilleton.

Dir Schul-Conferens.

Humoreske von Robert Rößler.

(Fortsetzung.)

Ein Vierteljahr darauf war der Pathe als Rector und Cantor in Neustadt angekommen und eines Morgen- traf beim Hartenauer Lehrer ein expresteS Schreiben ein:

Sie haben morgen früh punkt neun Uhr einen Wagen nach Station A. zu senden, da ich die Schule zu Hartenau einer außerordentlichen Revision zu unterwerfen gedenke.

Ziegert, RegierungSschulrath.

Dem Heinrich zu Hartenau ward doch etwas bange, denn eine solche extraordinäre Revision, und noch dazu von einem so hohen Beamten, daS war ein großes Ereigniß unb in Hartenau noch nicht bagewesen. Er exercierte seine breißig Eleven nochmals grÜnblich ein unb befahl ber Frau, baS Hau« in Orbnung zu bringen. Jettchen ließ eine Guirlanbe am Schuleingange anbringen unb die Schulstube scheuern, denn sie fühlte die Wichtigkeit des Besuches. Bestand ihr Mann nicht gut, da warS Essig mit seinem Avancement, und wenn'S nicht glatt ging, da soll nachher die Frau daran schuld haben da kennt man schon die Männer da ist einer wie der andere.

Der Heinrich hatte den HochzeitSfrack an und ein neues Oberhemd mit schwarzer Cravatte angelegt und die Jette studirte noch vor dem Spiegel einen freundlichen Knix ein, da stieg der Herr Schulrath vom Wagen unb grüßte ben Schulmeister recht steif von oben herab und kurz angebunden, so daß ber Heinrich sich tief verbeugte unb kaum aufzusehen wagte. Trotzdem schielte er zur Seite und dachte:3a, wie ist mir denn, der Herr Regierungsrath ist zwar etwas älter, aber hat doch eine große Ähnlichkeit mit dem Herrn Pathen," aber der meinte kurz:

belln päpstlichen Stuhle nach Wiederherstellung de» Friedens zwischen Preußen und Rom. In überaus taktvoller und geschickter Weise löste Kurt von Schlözer auf diesem schwierigen Posten die heikele Aufgabe, die Beziehungen der preußischen Regierung zum vatican wieder in freundschaftliche Geleise zu lenken und sie in denselben zu erhalten, sodaß man dem ver­ewigten Diplomaten einen hervorragenden Antheil an der erfreulichen Neugestaltung des VerhältniffeS zwischen Preußen und dem Vatican zuerkennen muß.

--=

Att-land.

In der kirchenpolitischen Krisis in Ungarn kann eine Wendung zu Gunsten deS CabinetS Wekerle verzeichnet wer­den. Ministerpräsident Dr. Wekerle hat dem Kaiser Franz Josef in längerer Audienz Vortrag über die Lage, wie sie sich gegenwärtig infolge der Ablehnung deS Civilehe- gesetzes durch daS Oberhaus darstellt, gehalten. Das Er- gebniß der Audienz besteht, wie bestimmt verlautet, darin, daß in der zustimmenden Haltung der Krone zu der Kirchen­politik des Ministeriums Wekerle keinerlei Aenderung ein­getreten ist, so daß sich dasselbe in der ganzen Frage auch jetzt noch auf daS Vertrauen des Monarchen stützen kann. ES wird daher daS Civilehegesetz dem ungarischen Parlamente nochmals zugehen und steht es fast außer allem Zweifel, daß sich diesmal auch im Oberhguse eine'.Mehrheit für die Vor­lage finden wird.

In Lyon fand am Montag ein Turnfest statt, bei welchem auch der Minister deS Innern Raynal zugegen war. Herr Raynal hielt hierbei eine Rede, die in der Hauptsache einer scharfen Abfertigung deS verbrecherischen Treiben- der Anarchisten galt, die aber auch die hohe Politik streifte und zwar in ber Schlußstelle, in welcher ber Minister bie Möglichkeit eine- allgemeinen bauernben FriebenS für blc Zukunft zugab, zugleich aber auch betonte, baß es bi- bahin gelte, bie Reihen zu schließen unb Frankreich zu wappnen. Mit letzterer Aeußerung hat sich Herr Raynal gewiß einen Stein auf betn Brete ber französischen Chauvinisten erworben! Im Uebrigen waren auch auf dem Lyoner Turnfeste, wie schon seinerzeit auf dem Nancyer Turnfeste, czechische Turner alsEhrengäste" anwesend unb zwar unter Führung be5 Vicebürgermeisters von Prag, be- Dr. Poblipny. Natürlich ist eS wieberum zu einer französisch-czechischeu VerbrüberungS- bemonftratlon an festlicher Tafel gekommen.

Reuefte Nachrichten

Wolffs telegraphische- Korrespondent-Bureau.

Stuttgart, 15. Mai. Die erste Hauptversammlung be» Deutschen LehrertageS, zu welchem 3500 Theilnehmer erschienen sinb, von benen 246 Delegiere 79,612 Lehrer ver­treten, würbe heute Vormittag 10 Uhr nach einem gemein­samen Choralgesang von bem ersten Borsitzenben Halben- Hamburg in betn Festsaale berLieberhalle" eröffnet. Der CultuSminister Dr. v. Sarwey begrüßte bie Anwesenheit im Namen beS König- unb ber Staatsregierung unb wie« auf den Zusammenhang zwischen Unterricht unb Erziehung hin. Letztere müffe sich aus religiöser Grunblage aufbauen unb eine große nationale Aufgabe erfüllen. Der Vorsitzende Halben versicherte, die Verhandlungen in diesem Sinne leiten zu wollen. Oberbürgermeister Rümelin hieß die Bersamm lung im Namen der Stadt willkommen unb führte au-, die Volksschule müffe ein Hort Ibealer Bestrebungen sein, aber auch ben realen Anforberungen be- Leben- gerecht werden. Honold-Langenau, Vorstand des württembergischen evangelischen BolkSschullehrervereinS, hieß die Anwesenden im Namen de- Verein- willkommen. Hierauf sprach Schramm-München über die Staatsschule in Deutschland am Ende deS 19. Jahr- hundert- unb beleuchtete bie socialpolitische unb bie social- ethische Aufgabe bieser Schule. Rector Kopsch-Berlin sprack über bie Fortbilbung beS nachschulpflichtigen AlterS. Sämmt- liche hierzu gestellte Thesen würben unter Ablehnung aller AbänberungSanträge angenommen. Um 2 Uhr 10 Min. würbe bie Sitzung geschloffen.

Wien, 15. Mai. DaSFrembenblatt" erfahrt, baß der endgiltige Abschluß ber österreichisch-russischen HanbelSv er tragS - Verhanblungen zweifellos in nächster Zeit zu erwarten fei. Die Melbung von ber be­reits erfolgten Unterzeichnung des Vertrages sei jeboch ver­früht gewesen.

Edinburg, 15. Mai. DaS beutsche Geschwaber unter bem Befehle beS Prinzen Heinrich ist heute in See gegangen unb nach Bergen abgefahren. Die zweite Division wirb am 18. b. M. im Firth vf Forth erwartet.

Depeschen bei Bureau .Herold'.

Berlin, 15. Mai. Es verlautet, ber Kaiser habe vor seiner gestern erfolgten Abreise eine Entscheibung bezüglich ber an ihn vom Arbeitsausschuß ber Berliner ®ewerbe« auSstellung von 1896 gerichteten Jmmebiateingabe, worin um bie Einräumung beS HippobromplatzeS für bie Ausstellung

Habe wenig Zeit, muß balb zurück, zur Sitzung wir wollen rasch anfangen, ber Wagen kann warten ober in zwei Stunben wteber ba fein. Herr'. . . Lehrer . . . haben wohl Schulvorftanb . . . bestellt ... wie . ." schnarrte ber Rath, na, daS war glücklicherweise ber Fall unb Schulze mit Gerneinbevorstanb unb GerichtSmann standen schon im Hofe, na, guten Tag, meine Herren Vorstellung unb Protokoll wollen wir unS sparen, wirb hoffentlich nicht nöthig sein . . . also bitte . . . fangen Sie an, Herr Lehrer . . . baS Gebet bei Herrn wenn ich bitten barf."

Der Heinrich wußte kaum, ob er nicht in ber Angst eine Bitte vergessen habe ....unb nun ein geistliche- Lied . . unb hell unb frisch erklangen bie Kinberstimmen: Lobe ben Herren, den mächtigen König ber Ehren". Nun wünsche ich baS Lesen ber Anfänger zu hören, von ber oberen Abteilung mögen inzwischen bie Mäbchen die Kuh, die Knaben da- Pferd beschreiben. Solche Aufsätze haben Sie doch geübt?"

Ganz wohl, Herr Schulrath!"

Die kleine Gesellschaft im ersten unb zweiten Schuljahre la- beutsche unb lateinische Schrift, auch schon kleine Sätze unb wie ber junge Lehrer mit ben Allerkleinsten noch etwa« Rechnen vorgenommen, Zuzählen, Abziehen, das Einmaleins unb bergleichen, ba nickte ber Herr Rath mit seinem weißen Kopfe. Das kleinste Lob unb wäre e- für ein paar Pfennige gibt für 'nen Thaler Muth, baS merkte man auch am jungen Schulmeister.

Ihr könnt auch schon kleine Exempel lösen, nicht wahr?" fragte er bie Kleinen, bie natürlich nicht Nein sagten.Also Eure Mutter kauft ein Schweinchen unb gibt bafür einen Thaler; wenn sie davon nun drei haben will, wa- muß sie bann zahlen?"

Die Finger hoben sich unb bie Kinber schrieen alle auf einmal:Da muß sie drei Thaler zahlen."

Hier wollte sie ber Lehrer auf« Glatteis führen unb fragte mit pfiffiger Miene:Ist bas auch richtig?"

Alle blieben babei, nur be« Schulzen Jüngster, ber oft beim Schweinverkauf babei gewesen war, meinte:Nein."

So?" fragte nun ber Rath selbst,also da« ist nicht richtig? Was kosten sie benn ba ?"

Drei Thaler unb « Schwanzgelb!" schrie der kleine Knirp« dreist und gottesfürchtig, daß die ganze Schule laut auflachte. Damit war« Ei« gebrochen und der Revisor kam in bessere Stimmung. Wie e« nun bei ben Großen im Rechnen, Lesen, In Geographie, Geschichte unb in ber Natur- lehre hier auf dem fernen Dorfe schier bester ging wie in mancher Stadtschule, so lief bie Revision zu vollster Zufrieden­heit ab, wenn auch in der Religion bei ber Prüfung über bie Allgegenwart Gotte« noch eine recht fatale Antwort zu Tage kam.

Wenn alle« schläft," fragte ber Lehrer,wer ist - bann, ber un« alle, Große wie Kleine, in seiner Obhut hat, uns behütet unb bewacht?"

Da hob be« GerichtSmanne- Gottlieb ben Finger.

Nun, Gottlieb, Du weißt e« ?"

Der Nachtwächter," meinte ber Kleine, unb schrie, baß die Fenster zitterten.

Die Antwort war dem Lehrer ungelegen, aber ba der Nachbar, Schulze - Ignaz, bie Dummheit gleich berichtigte, nahm sie auch ber Herr Schulrath von ber luftigen Sette. Er lobte bie Kinber, denn bie Schule war gut im Stande, verwies sie auf Arbeit unb Gottvertrauen, ließ sie zum Schluß beten unb schickte sie nach Hause.

Nun würbe ber Besuch ins Schulbuch eingetragen unb ber Herr Schulrath wanbte sich an ben Gemeindevorftand:

WaS ich gesehen unb gehört habe, meine Herren, bat mich befriebigt; haben Sie aber vielleicht noch eine Klage über Ihren neuen Lehrer?"

O, Gott bewahre, nein," erwiberte ber Schulze,wir sinb froh, baß ber alte tobt ist. Beim neuen Lehrer lernen bie Kinber in vier Wochen mehr, al- beim früheren ba» ganze Jahr."