Ausgabe 
16.1.1894 Erstes Blatt
 
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9tom, 14. Januar. DerAgenzia Stefani" wird aus Massa gemeldet, daß bewaffnete Banden das Land zwischen Massa und Carrara durchziehen. Auf einige Gen­darmerie Patrouillen wurde geschossen und dabei ein Gendarm getödtet und zwei verwundet. Die Telegraphenverbindungen find theilweise unterbrochen. Man erwartet Truppenverstär- kungen. Weitere Depeschen derAgenzia Stefani" auS Palermo melden wiederholt, daß auf Sizilien Ruhe herrscht.

Rom, 14. Januar. DerAgenzia Stefani" wird aus Carrara gemeldet: In der letzten Nacht haben die Anar­chisten einen Anschlag ausgeführt, indem sie die Landstraße zwischen Carrara und Massa sperrten, die berittenen Gen­darmen angriffen und in die Kaserne der Zollwächter etu- drangen; letzerere wurden entwaffnet.

Rom, 14. Januar. Nach weiteren Meldungen aus Carrara durchzogen gestern Abend aus Anlaß der Ein­berufung der Militärpflichtigen größere Arbeirerschaaren unter aufrührerischen Rufen die Stadt. Als Militär einschritt, erfolgte ein Zusammenstoß, die Menge zerstreute sich schließlich; ein Th eil derselben zog jedoch nach der Kaserne der Zollwächter und zwang die letzteren, ihre Waffen auszu­liefern. Die Manifestanten zogen sodann auf die Landstraße, welche nach Massa führt, und versperrten dieselbe. Zwei Carabinieri, die ihnen in den Weg kamen, wurden verwundet.

Barcelona, 13. Januar. An der Küste wurde ein Topf mit Dynamitpatronen und Lunte gefunden. Die Polizei hofft noch weitere von derartigen kleinen anarchistifchen Dyna- mitdepots zu entdecken.

Palermo, 13. Januar. Durch einen heute veröffentlichten Erlaß wird die Einfuhr aller Feuerwaffen nach Sizilien untersagt. Die Einwohner werden aufgefordert, alle Waffen bei der Polizeibehörde zu hinterlegen. Die bisher ausgegebenen Waffenpäffe werden für ungiltig erklärt, doch können dieselben eventuell unter Berücksichtigung der be­treffenden Persönlichkeiten und Verhältnisse erneuert werden. Uebertretungen des Waffenverbotes werden mit Gefängniß von 6 Monaten bis 2 Jahren bestraft. Denjenigen Personen, welche Waffen bei der Polizeibehörde hinterlegen, werden dieselben seiner Zeit kostenlos zurückgestellt werden.

Deutscher Reichstag.

26. Sitzung. Samstag den 13. Januar 1894.

Die Erklärung betr. den Abschluß eines Handels-Provt- iortums zwischen dem Reich und Spanien uom 1. bis 31. Januar d. I. wird in dritter Lesung endgültig angenommen.

Abg. Dr. .Hammacher (natl.) widerspricht dem vom Abg. Rickert geäußerten Verlangen, daß der Regierung das Recht zustehen soll, im Falle von Handelsvertragsverhandlungen vorläufig Erleich­terungen zuzugestehen, wenn uns die Meistbegünstigung gewährt werde. Da8 würde die Rechte des Parlaments beschränken.

Hierauf wird die erste Berathung der Tabaksteueroorlage fartgesetzt.

Abg. El emm-Ludwigshafen (natl.): Nachdem Seitens der verbündeten Regierungen bestimmt erklärt worden, daß sie einer Reichseinkommensteuer nicht zustimmen würden, ist es nicht angezeigt, »och daraus zmückzukommen. Durch das jetzige Tabaksteuergesetz rtrb der Tabakpflanzer sehr geschädigt, während durch diese Vorlage den Pflanzern mehrfach entgegengekommen wird. Doch bestehen auch gegen diese Bedenken. Der Rauchtabak darf nicht höher besteuert werden als Cigarren und Schnupftabak. Der Tabakbau ist für wette Gegenden unseres Vaterlandes von der größten Bedeutung, ins­besondere für die Pfalz, wo seit 1660 Tabak gebaut wird. Daß die Vorlage vom Standpunkte der Tabakpflanzer aus unannehmbar sei, kann ich nicht zugeben, vorausgesetzt daß sie die nöthigen Modifica- ttonen erfährt. Wenn die Vorlage Gesetz würde, so würde dle Tabaktndustrie ebensowenig eine Einbuße erfahren, als sie durch das Gesetz von 1879 erfahren hat. Seitdem sind zahlreiche neue Tabak- fabrtken entstanden und die Tabaktndustrte ist zur Blüthe gelangt. Die von den Tabakfabrikanten ausgehende Agttatton übersteigt alles Maß. Auch die Pflanzer haben Anspruch auf Berücksichtigung ihrer Interessen.

Abg. Dr. Schneider (frs. Volksp.) bekämpft die Vorlage sowohl vom Standpunkte des Producenten, wie von dem des Consu- «euten. Wenn man den von der Regierung selbst in Betracht ge­nommenen Consumrückgang anntmmt, so werden 26 000 Arbeiter mit dem Inkrafttreten der Vorlage brodlos. Gleichzeitig werden Tausende von Existenzen im Tabakhandel und den Nebenindustrien zerstört. Einen etgenthümlichen Eindruck muß es nach außen hin machen, wenn die Regierung erklärt: es nützt Euch Alles nichts; wenn ihr diese Vorlage ablehnt, so kommt der Tabak später daran. Zu einer solchen Beunruhigung einer einzelnen Industrie fehlt es an jeder moralischen Berechtigung. Die Regierung hat kein Recht, sich über die Agitation der Tabaktndustrtellen zu beschweren, die sich doch nur ihrer Haut wehren. Am meisten würden die selbstständigen kleinen Industriellen leiden, wenn die Vorlage Gesetz würde. Die Vorlage arbeitet dem Monopol vor; wenn ein großer Thetl der in der Tabaktndustrte Beschäftigten existenzlos geworden, so werden die übrig bleibenden gern bereit sein, gegen Entschädigung abzutreten. Ferner wird die Vorlage die Socialdemokratie fördern und dazu beitragen, daß diese ungleich stärker bei den nächsten Wahlen hier einzteht. Dazu bieten wir unsere Hand nicht.

Bayerischer Ftnanzmivister Dr. v. Riedel: Ein Consum­rückgang infolge des neuen Gesetzes ist nicht zu besürchten. Dagegen sprechen zwei mächtige Factoren: Gewohnheit und event. Bedürsntß sowie Findigkeit der Industrie in Bezug auf den Geschmack. Die bayerische Regierung stehe ganz auf dem Boden der Vorlage. Wie viele von denen, die den Stab über dieselbe brechen, haben sie über­haupt gelesen! Ich kann nicht zugeben, daß der Consum vermindert «erden würde, und ebenso wenig, daß der Entwurf die Kosten für die Militärvorlage auf die schwächere Schultern lege. Das ganze Ziel der Agitation ist, daß der Tabak überhaupt nie mehr in den Kreis steuerlicher Erwägungen ausgenommen werde. Es wird noch einmal gesagt werden: es wäre doch besser gewesen, wenn wir damals den Entwurf der Regierung angenommen hätten. Die Regierungen kannten auf eine stärkere Heranziehung des Tabaks gar nicht ver­zichten. Mit Reichs-Einkommen- und Reichs Erbschaftssteuer würden wir geradezu Raubbau treiben. Man spricht immer von Luxussteuern. Das hier ist auch eine LvxuSsteuer. In der ganzen dreitägigen Debatte ist kein anderer gangbarer Weg angegeben worden. Durch die Vorlage werden dem Handel und der Industrie die Lebensadern nicht unterbunden. Sie führe nicht zum Monopol, sondern schließe dasselbe aus. Man spricht von schrecklichen Controlbestimmungen. WaS wird denn verlangt? Eine Buchsührung über die Ankäufe nnd die Verwerthung des Tabaks, also etwas, was heute schon in jedem ordentlichen Geschäft besteht. Werden die Steuer vorlagen ab- gelebnt, so ist eine Erhöhung der Malricularbeiträge und damit eine Erhöhung der directen Steuern unausbleiblich. Ob damit die Klassen, die man schonen will, mehr geschont werden, als durch diese Tabak- fteuervorlage, steht noch sehr dahin. Es handelt sich um die Ordnung der Finanzen des Reiches und der Einzelstaaten. Prüfen Sie den Entwurf vorurtheilsfret und genau.

Abg. Frhr. v. Hammerstein (cons.): Der bayerische Finanz- Minister kann leichten Herzens an die Vorlage herantreten, da in

Bayern die Tabakstvdustrie nicht so große AuSdehnmrg hat, wie in anderen Tbeilen des Reiches. In meinem Wahlkreise Herford gtebt es allein 8000 Tabaksarbeiter. Für diesen Kreis handelt es sich um eine schwerwiegende socialpoliiische Frage. Wenn man auch zugeben kann, daß die Deckung auf dem Wege der indtrecten Steuern erfolgen muß,- so braucht man sich deshalb noch nicht für diese Vor­lage zu erklären. Die Bterfteuererhöhung hat ihrer Form, nicht des Objectes wegen Beanstandung gesunden, man kann also wohl darauf zurückkommen. Der Bierconsum zeigt eine rapid steigende Tendenz, während der Tabakconsum stabil bleibt. Ein Consumrückgang läßt sich zwar statistisch nicht Nachweisen, aber auch nicht bestreiten. Wird vom Cigarrencousum in größerem Umfange zum Consum von Pfeifentabak übergegangen, so werden viele Arbeitskräfte überflüssig. Die Ctgarrenindustrie Westfalens würde mit Annahme des Gesetzes größtenlheils ruinirt werden. Ich freue mich, hier den Beweis liefern zu können, daß ich, obgleich überzeugter Agrarier, auch für die berechtigten Interessen der Industrie eintrete. Die Control- maßregeln find drückend für den ehrlichen und ungenügend gegenüber dem unehrlichen Fabrikanten. Von dem Stundungssystem verspricht man sich viel Gutes; aber dem Kleinbetriebe gegenüber ist eine Stundung nicht möglich. Das Tabaksmonopol wird durch diese Vor­lage nicht ausgeschlossen; wenn die Noth die Einführung desselben erheischt, so wird es auch kommen.

Abg. Dr. Böckel (Reformp): Wir stimmen gegen die Vorlage, sowie gegen jeden Versuch, dieselbe zu verbessern, da wir sie für princtpiell falsch und schädlich halten. Sie würde dazu sühren, die Kleinbetriebe den Großbetrieben pretszugeben, viele Tausende von Arbeitern brodlos machen und dem kleinen Mann ein unentbehrliches Genußmtttel zu vertbeuern. Die Vorlage ist auch überflüssig. Wir haben nicht für die Einzelstaaten zu sorgen. Dieselben mögen bei sich selbst wirthschaften lernen und nicht so kostspielige Prunkdaulen, Paläste, Kirchen. Denkmäler rc. aufführen. Die durch die Mtlitär- vorlage entstandenen Mehrausgaben lassen sich anderweit decken. Wir halten an der Börsensteuer fest, aber die Börse darf nicht so sanft angegriffen werden. Warum führt man keine Wehrsteuer 'ein, keine Jagdscheinsteuer, keine Besteuerung des Totalisators, der Wett­rennen, keine Luxussteuern? Daß die Juden ordentlich blechen sollen, ist keine Frage. Gegen eine Reichs-Einkommensteuer führt man Verfassungsbedenken an; warum hatte man solche nicht, als man die Legislaturperioden verlängerte? Während man eine Steuer vor­schlägt, die Taufende von Arbeitern brodlos macht, macht man Millionengeschenke mit den Handelsverträgen. Verschonen Sie uns mit dem russischen Handelsverträge; das wird der Landwirthschaft mehr nutzen, als das Eintreten für die Tabakspflanzer en dieser Stelle. Die Rcichseinkommensteuer wird kommen; aber es ist Zett, daß diese und andere Reformen bald kommen, benn ber allgemeine Kladderabatsch ist näher, als man glaubt. Redner oertheidigt seine Partei gegen den Borwurf, sich bet der Militärvorlage durch die schönen Augen des Reichskanzlers Haden bethören zu lassen. Der Reichskanzler habe die von ihm (dem Redner) gestellte Anfrage in befriedigender Weise beantwortet, aber fein Wort nicht gehalten. Wir haben angenommen, daß das Ehrenwort eines preußischen Generals mehr gelte. (Präsident o. Leoetzow ruft den Redner wegen dieser Aeußerung zur Ordnung.)

Staatssecretär Graf v. Posadowsky weist die Angriffe des Vorredners zurück. Eine Reichs Einkommensteuer würde mit den Bündntßoerträgen, auf denen die Reichsoerfassung beruht, in Wider­spruch stehen. Durch diese dreitägige Debatte habe die öffentliche Meinung Aufklärung erfahren, aber schwerlich zu Gunsten der Gegner der Vorlage. Wenn die Steuervorlage abgelehnt und der Bedarf durch Erhöhung der Matricularbeiträge gedeckt werden soll, so ist in Preußen eine mehr als 30°/oige, in einzelnen deutschen Staaten eine 750/otße Erhöhung der Einkommensteuer erforderlich. Eine solche Er­höhung wird aber viel unangenehmer empfunden werden als die vorgeschlagene Tabaksfabrikatsteuer.

Abq. Rösicke (wildlib.) bekämpft die Vorlage. Er stehe nicht auf dem Standpunkte des heil. Florian: Verschon' mein Haus, zünd' andere an.

Weiterberathung Montag 1 Uhr.

Cocales unö protHttsteöes,

Gießen, den 15. Januar 1894.

** Die ordentliche Sitzung des Kreistages findet Mittwoch den 24. Januar ds. Js., Vormittags 10 Uhr, in dem Regierungsgebäude dahier mit folgender Tagesordnung statt: 1) Neuwahl der drei Körcommtssionen des Kreises Gießen für 3 Jahre. (Art. 6 des Gesetzs vom 26. October 1887.) In den letzten 3 Jahren gehörten an: a) Der Körcommission des Bezirks Gießen: Heinrich Velten III.-Großen-Linden (Mitglied); Beigeordneter Schadeck Lollar (Mitglied); Joh. Weber V.-Lang-Göns (Stellvertreter); Rentner Fr. Georgi- Gießen (Stellvertreter), b) Der Körcommission des Bezirks Hungen-Lich: Bürgermeister Bopp-Bellersheim (Mitglied); Bürgermeister Köhler-Langsdorf (Mitglied); Bürgermeister Roth-Muschenheim (Stellvertreter); Bürgermeister Gerlach- Eberstadt (Stellvertreter), c) Der Körcommission des Bezirks Grünberg: Bürgermeister Faulstich-Weitershain (Mitglied); AdministratorHermann-Winnerod (Mitglied); OeconomJ.Wolf- Villingen (Stellvertreter); Bürgermeister Stein-Kesselbach (Stellvertreter). 2) ErgLnzungswahl eines Mitglieds der verstärkten Ersatz-Commission an Stelle des verstorbenen Bürger­meisters Pracht von Grünberg. 3) Ergänzungswahlen für die Musterungs- und Aushebungs-Commissionen zur Beschaffung von Mobilmachungspferden. (Für den verstorbenen Taxator im Aushebungs-Bezirk Gießen, Stallmeister Balser, ist eine Er­gänzungswahl vorzunehmen; ebenso sürdenzummtlitärffchenAus- Hebungs-Commissär designirten Gutsbesitzer Schlenke-Hardthof.) 4) Vorlage der Kreiskasserechnung für 1892/93; hierzu: Bericht des Kreisausschusses über die Verwaltung und den Stand der Kreisverbands-Angelegenheiten, sowie Anträge auf Genehmigung der vorgenommenen Credit-Überschreitungen unter Rubrik 23, 23 a, 26, 27 und 33 zu Lasten der nach­gewiesenen Deckungsmittel, sowie auf Declaration des vor­jährigen Beschlusses wegen Uebernahme der Kosten der außer­ordentlichen Armenpflege. 5) Antrag der Gemeinde Großen- Linden auf Nachlaß von Kreis-Umlagen in Folge der Re- duction ihres Communal-Einkommen-Steuercapitals. 6) Be­schluß über die nach Art. 2 des Gesetzes vom 24. Mai 1893, die Kosten der Landarmenpflege betreffend, aus der Staats­kasse an den Kreis Gießen zu zahlende Pauschsumme. 7) Fest­setzung des Kreiskasse-Voranschlags für 1894/95.

** Concert Verein. Mit einer ununterbrochenen Kette von Kunstgenüssen hat das Jahr 1894 begonnen, fast will es scheinen, als wenn der Januar dieses so jungen und doch an hervorragenden Ereignissen auf dem Gebiete der schönen - Künste bereits schon so reichen Jahres, der bedeutungsvollste ! Monat des ganzen werden soll. Noch sind wir voll des ; Eindruckes, den die vortrefflichen Münchener Quartettgenossen ' in uns hinterlassen, noch zehren wir an den köstlichen Ge­nüssen und schon wieder ruft uns der Concert-Verein

zu einem bedeutungsvollen Unternehmen. Anläßlich eines Concertes, welches außerhalb des Rahmens des Vereines stattfand, lernten wir eine junge, unbekannte Künstlerin kennen. Kaum den Kinderschuhen entwachsen, trat sie nur auf die Empfehlung ihres Lehrers (Heermann) gestützt, der selbst bereits für den erkrankten Professor Barth einspringen wollte, aber plötzlich aus gleichem Grunde absagen mußte, in die Bresche. Kalt war der Tag, kalt der Saal und noch kälter das spärlich versammelte Auditorium, war es doch nur ein kleines jugendliches Mädchen, wie sollte dieses die beiden gereiften Künstler ersetzen? Aber nicht lange sollte dieses fremde Verhältniß zwischen Darbieten und Empfangen dauern, Fräulein Rode, die Tochter des braven Frankfurter Musikers Rode, gewann im Sturm die Herzen aller An­wesenden. In ihrem Spiel lag nichts Einstudirtes, nichts Gedrilltes, was sie bot, waren nicht die Gaben eines Wunder­kindes, sondern es war Selbstempfundenes, künstlerisch Fertiges. Dem allgemein laut werdenden Wunsche, diese junge Künstlerin in einem Orchesterconcerte als Violinvirtuosin auftreten zu sehen, entsprachen die anwesenden, ebenfalls begeisterten Vorstandsmitglieder des Concert - Vereines, indem sie Fräulein Rode sofort für den 21. Januas enga­gierten. Die junge Dame nahm freudig an, sie wählte sich als Hauptstück das neunte Concert D-moll von Spohr mit Orchester und wird daneben Compositionen von Veuxtemps und Hubay mit Clavierbegleitung vortragen. Miß Mabel Se y to n aus London, eine jugendliche Clavierspielerin, wird ebenfalls als Solistin auftreten und zwar in erster Linie mit den Variationen über ein Thema von Paganini von I. B r a h m S. Schon die Wahl dieser Piece zeugt vom gediegensten Geschmack und läßt auf ein ernstes, künstlerisches Streben schließen, die junge Dame hat aber auch schon in den Concerten des Philharmonischen Vereins mit schönstem Erfolge mitgewirkt, worüber uns sehr anerkennende Urtheile zugingen. Ganz besonders möchten wir aber noch auf den orchestralen Theit des Abends Hinweisen, der diesmal mit ganz besonderem Glück und Geschick zusammengestellt ist. Den Anfang macht die prächtige Euryanthe-Ouverture, die man immer gern wieder hört, dann folgen zwei Werke, die für Gießen Novität sind. Mozarts poesievolle Nachtmusik für Streichorchester und die Suite LArlesienne des geistreichen Franzosen Bizet. Letzteres Werk wird und muß von durchschlagendem Erfolge fein, der Componist der reizenden Oper Carmen hat in dieser Suite dem Orchester eine der dankbarsten Aufgaben gestellt, ohne zu grübeln oder zu deuteln befriedigt er den Hörer in der vollkommensten Weise und sein Esprit fesselt von Anfang bis zum Schluß.

** Man kann der Leitung des ThealervereinS, der es nun gelungen ist, nach den Frankfurtern und den Darmstädtern auch die Mitglieder des königl. Theaters in Cassel zu einem Gastspiele zu bewegen, wahrlich das Lob großer Rührigkeit nicht versagen. Und das Gießener Publikum erkennt dies durch immer zahlreicheren Besuch der Vorstellungen auch freudig an. Am letzten Theaterabende stand KleistsZerbrochener Krug" im Mittelpunkte des Abends und des Interesses. Wir sinb in unserem Blatte auf den Inhalt, den Bau und den poetischen Gehalt dieses Meisterwerkes schon eirigegangen, so daß unS heute nur die Darstellung zu beschäftigen hat. Das Stück steht und fällt mit der Wiedergabe des Dorfrichters Adam. Herr Jürgensen gab dieses Cabinetstück humorvoller Characterisirung mit liebevoller Versenkung in alle die feinen Intentionen des Dichters und umging die Gefahr der Karikirung, der selbst ein Friedrich Hase nicht überall entgeht, mit großem Geschick. Alle die Nuancen, durch welche Kleist den alten Adam so lebenswahr gestaltet hat, die Lüsternheit, die dummdreiste Pfiffigkeit, die Kriecherei, die Brutalität, die nervöse Furcht Alles kam voll und ganz zur Wirkung. Herr Ewald hatte als Schreiber Licht einen schweren Stand, da der Dichter den Character etwas ungewiß gezeichnet hat, und auch die Worte des Bearbeitersnun kommt Licht inS Gericht" zur Klärung nicht übermäßig viel beitragen; jeden­falls sptelte er flott und sympathisch. Vorzüglich fügten sich Frl. Harke und Frl. Barteldes in das Ensemble ein; die Rolle der Frau Martha Rull hätte vielleicht noch einige Chargirungen vertragen. Die Bearbeitung des Herrn Schmidt hat die hier und da etwas kräftigen Stellen angenehm ab­geschwächt, passende Kürzungen vorgenommen, den Veit Tümpel gestrichen, den Schluß präciser gefaßt. Das Zusammenspiel war des höchsten Lobes würdig, sowohl in diesem Stücke wie in den beiden anderen lustigen Nichtigkeiten, die es einrahmten. Hohe Anforderungen darf man an keines der Beiden stellen; sie wollen Lachen erregen und haben das, Dank der aus­gezeichneten Darstellung, auch vollbracht. Die Minna des Frl. Barteldes und der Fritz-des Herrn Ewald waren Cabinetstückchen; Herr Jaritz spielte schneidig den liebens­würdigen Schwerenöther und kroch mit Anmuth in Kleider- schränke und unter Schreibtische; Herr Johow war als würdiger Vater, Gerichtsrath und Oberst dreifach verschieden und dreifach wacker; Frl. Eichelsheim sah allerliebst aus und trug redlich zum Gelingen bei. Hoffentlich sehen wir die geehrten Gäste, die uns einen so heiteren Abend bereitet haben, und denen wir aufrichtigen Dank schulden, bald einmal wieder bet uns in Steins Saalbau.

** Gebrauchsmuster-Eintragung. Ventil mit elastisch ge­lagerter Tellerplatte: H. Schaffstaedt, Fabrikant in Gießen, 7. October 1893.

Oberhesfifcher Geschichtsverein. Namens des Ober- hessischen Geschichtsvereins hatte dessen Vorsitzender Seiner Königlichen Hoheit Großherzog Ernst Ludwig, als dem hohen Patron des Vereins, dessen Glückwünsche zur Verlobung telegraphisch übermittelt. Seitens des hohen Herrn ist hierauf eine verbindliche telegraphische Danksagung eingetroffen.

** Auf das seitens des Knegervereins Gießen an Se. Kgl. Hoheit den Großherzog gerichtete Glückwunschtele­gramm lies folgende Danksagung ein :Ich danke Ihnen für

5 Ihre freundlichen und treuen Glückwünsche. Ernft Ludwig."