sich hier in der That nicht nur um eine Gehaltssrage, wenn man auch sagt, wir sehen in diesem Falle mehr aus daS Geld, als auf die gute Behandlung. (Heiterkeit.) Es handelt sich hier um eine Organtsationsfrage- der Unterstaalssecretär soll den Ehef in der Leitung der Geschäfte unterstützen und die Entscheidungen oor bereiten. Wir wollen keine Zersplitterung, ich will vielmehr die Synthesis, da« Deduclioe, das Centraltsiren. Wenn einmal ein Vacuum eintritt, was dann, wenn nicht ein Unterstaatssecrelär da ist? Ich sage damit nicht, dah nur der Unterstaatssecrelär der Nachfolger des Staatssecretärs werden muß. Dieser kann ja aus der Mitte der verehrten Herren genommen werden. Redner gibt dann ein Bild des gestiegenen Umfanges der Post- und Telegraphenverwaltung. Dazu komme die ihm seit 1877 unterstellte ReichSdruckerei .und seit 18Ä) das Fernsprechwesen. Später seien seiner Verwaltung auch.dte Arbeiten aus Anlaß der socialpoltttschen Gesetzgebung aufgehalst worden. Und endlich sei der umfangreiche Mechanismus mit den Colonien einschließlich des Postdampfschtsfwesens dazu getreten. Dre Post ist jetzt ein großes internationales Culturtnstttut und zugleich ein großes Bankinstitut. Die Zahl der Postanweisungen ist so gewachsen, daß der Jahresumsatz 6 Milliarden beträgt. Erst heute früh habe ich wieder einen Vertrag über den Postanweisungsverkehr mit Neu-Süd-Wales abgeschlossen. Das Alles zu beherrschen, ist feine leichte Aufgabe. Irgend welche persönliche Rücksichten sprechen hier nicht mit, sondern nur sachliche Rücksichten auf den Verkehr.
Abg. v. Leipziger (cons.) erklärt sich Namens seiner Freunde gegen den Unterstaatssecretär. Die Bewilligung desselben könne ganz gut noch um ein Jahr verschoben werden.
Abg. v. Karborff (Rp.) spricht sich in demselben Sinne aus. Jetzt müßten sich alle Gewerbtretbenden durchschlagen, auch die Landwtrthe, und da müffe man dasselbe auch von den hohen Beamten »erlangen. Eine Personaloermehrung würden seine Freunde bewilligt haben, um eine solche aber handle es sich nicht.
Abg. Schmidt-Sagan (frs. Dolksp.) erklärt, durch das vom Staatssecrelär vorgeführte Blendwerk nicht überzeugt zu sein.
Staatösecretär v. Stephan verwahrt sich gegen dm Ausdruck Blendwerk.
Der Unterstaatssecretär wird einstimmig abgelehnt. Abgelehnt wird ferner gegen die Stimmen der Rechten und der Nationalliberalen die Erhöhung der Z-rhl der Vortragenden Räthc von 19 auf 20 durch Ernennung eines Hülfsarbeiters zum Vortragenden Rath.
Bei der Position für die Geheim-Secreläre wird die von der Commission vorgeschlagene Resolution debattirt: „bei der Aufstellung des nächsten Etats für die Berechnung der Gehälter der mittleren Beamten der Post- und Telegraphenverwaltung das System der Dtenstalterszulagen durchführen und auch für die Unterbeamten die baldige Durchführung in Aussicht zu nehmen, so zwar, daß für dieselben eine Schädigung gegen die bisherigen Bezüge nicht eintritt."
Abg. Singer (Soc.) befürwortet die Resolution und verlangt eine gesetzliche Regelung der Anstellung der Beamten für das ganze deulsche Reich. So lange im Gebiet der Postverwaltung die Anstellung der Beamten von der Laune und Willkür der Vorgesetzten abhängig sei, halten auch die Alterszulagen keine Bedeutung. (Vice- präsident Dr. Bürcklin rügt diese Aeußerung.) Wir haben es ja in der Commission gehört, daß die Bewilligung der Gehaltszulagen blos calculatorische Arbeit ist. Die Verwaltung will gefügige Leute haben, dazu bedarf sie der Hungerpeitsche. Die Leute sitzen wie der Vogel auf dem Dache und werden politisch überwacht. Wir wollen die Beamten aus diesem Verhältniß erlösen, sie sollen nicht außerdienstlich überwacht weiden. Sic sollen sich allerdings auch außerdienstlich betragen und nicht jede Nacht im Rinnstein liegen, aber ihr politisches Verhalten geht die Verwaltung nichts an.
Vicepräsident Dr. Bürcklin ruft Singer wegen der „Hunger- peitsche" zur Ordnung.
Geh. Rath Naumann: Die Stellung der Unterbeamten hat sich gegen früher erheblich gebessert. Zahlreiche Unterbeamten rücken nicht erst nach Jahren, sondern schon nach 6 oder 9 Monaten in höhere Gehalttzklassen auf. Nach Einsührtmg der Dtenstalterszulagen würden die Leute später als heute die Gehaltserhöhung beziehen. Der Erhöhung der sämmtlichen Mindestgehälter steht z. B. die Finanzlage entgegen.
Abg. Dr. Müller-Sagan (frs. Volksp.): Liege der Postverwaltung ernstlich an der Widerlegung des Vorwurfs der Willkür und Laune, so bieten die Altersstufen die beste Gelegenheit dazu.
Geb. Rath Dr. Fischer: Um die Alterszulagen nach dem Wunsch oer Socialdemokraten zu gestalten, sind Millionen erforderlich. Die Socialdemokraten können leicht solche Forderungen stellen; sie stimmen gegen den ganzen Etat, ziehen also ihre Wechsel auf andere Fractronen. Die Beamten werden nicht nach Laune und Willkür, sondern ganz nach bestimmten Grundsätzen behandelt, deren Innehaltung der Rechnungsbos streng controlltrt Jede Verletzung wird monirt. Die in der Debatte vorgeschlagene Versetzung der Unterbeamten würde diesen wenig angenehm sein. Wir tbäten den Li- thauern keinen Gefallen, wenn wir sie nach demRhein versetzten. (Beifall.)
Abg. Gröber (Cent.) bestreitet den Socialdemokraten das Recht, hier auslchlteßlich im Namen der Postbeamten zu sprechen. Das Centrum habe alljährlich die in der Resolution enthaltene Forderung vertreten.
Abg. Bebel (Soc.): In der Budgetcommission ist der Geh. Rath Aschenborn für die Alterszulagen der Unterbeamten eingetreten, sie müssen also wohl durchführbar sein. Der Hauptschade des jetzigen Systems ist die Forderung des Streberthums unter den Beamten. Nirgends find die G^Haltsverhältnisse so verworren, wie im Ressort der Post. Sowohl von Si cretären, wie von Postboten wird geklagt, daß sie nach 25jähriger Dienstzeit noch nicht das Maximalgehalt beziehen.
Abg. Kar dorff (R.-P.) protestirt dagegen, daß die Socialdemokraten heute so thun, als ob sie die Dienstalterszulagen erfunden hätten. Es ist keine politische Kunst, neue Ausgaben verlangen und alle neuen Steuern ablehnen. (Rus: neue auf nothwendige Lebensbedürfnisse !) Sie mögen die Steuer legen wie sie wollen, der Arbeiter trägt immer seinen Theil.
Schließlich wird die Resolution angenommen, ebenso das ganze iCapitel Centralverwaltung.
Weilerberathung: Montag.
Siebe», 12. Februar 1894.
** Concerlvereiu. Der Name Raoul Koczalski war es, der am gestrigen Sonntage ein ganz außerordentlich zahlreiches Publikum zu dem fünften Concert des Concert- vereins vereinigt hatte. Der Saal des Gesellschastsvereins war vollständig ausverkaust, ja, es haben diesmal gar nicht alle Wünsche nach Eintrittskarten erfüllt werden können. Man hatte vorher schon so viel Rühmenswerthes gehört von diesem Wunderkinde, welches es schon in seinem 6. oder 7. Lebensjahre bis zum Titel eines Hospianisten gebracht hatte, daß Jeder, der es irgend möglich machen konnte, sich diese Gelegenheit, die Leistungen des jugendlichen Künstlers persönlich zu bewundern, nicht entgehen lasten wollte. Wir glauben ohne Uebertreibung sagen zu können, daß gestern jeder Concertbesucher den Clubsaal nicht nur vollbefriedigt verlaffen hat, sondern daß sogar ein großer Theil der gehegten Erwartungen übertroffen worden ist. Die schon oft dagewesene Erscheinung, daß man in Folge übertriebener Lobeserhebungen seine Ansprüche zu hoch spannt und in Folge dessen den Concertsaal nicht mit der gewünschten Befriedigung verläßt,
traf gestern nicht zu- man sah, hörte und staunte und fragte sich immer wieder aufs Neue, wie es möglich ist, daß ein Kind von 9 Jahren so vollendete Leistungen bieten kann. Raoul Koczalski ist in der That ein Wunderkind von ganz außergewöhnlicher Bedeutung. Es ist über ihn schon so viel geschrieben worden, daß Neues über fein Spiel und seine Auffassung zu bringen schier eine Unmöglichkeit ist. Wie überall, so erregte auch hier seine Technik, die ihn nicht nur Bach und Mozart in feinster Ausführung vortragen ließ, sondern bl? auch die Schwierigkeiten eines Chopin und Ltszt mit einer Staunen erregenden Sicherheit überwand, wohlverdiente Bewunderung. Was uns aber das Werthvollere und Bedeutendere an ihm zu sein scheint, und was ihn uns in erster Linie als Genie erscheinen läßt, welches den eigenen Eingebungen und nicht der Dressur eines Lehrmeisters folgt, ist die geistvolle Wiedergabe der verschiedenartigsten Tonstücke, die allen Anforderungen der verschiedenen Compouisten in vollem Maße gerecht wird. Welche von seinen gestrigen Leistungen als die beste anzusehen ist, dürfte bei ber Vielseitigkeit bes Programms schwer zu entscheiben sein. Uns schien es, als ob ber Geist ber Chopin'schen Tonbichtungen ihm am meisten zusagte. Die eigenen Compositlonen bes kleinen Raoul, von benen er zwei zu Gehör
brachte, bestätigten seine hohe Begabung auf bas
Glänzendste. Mancher erwachsene Componist könnte sich an bleien Kinbeslelstungen ein Beispiel nehmen. Daß jebem einzelnen seiner Vorträge ein rauschender Beifall folgte, bedarf nach dem oben Gesagten kaum einer Erwähnung. Jeder Besucher des gestrigen Concertes wird stets mit Vergnügen an Raoul Koczalski zurückdenken, den auch von hier die besten Wünsche auf seiner weiteren Künstlerlaufbahn begleiten und den wir hoffentlich recht bald, wenn nicht im Concertvereln, dann vielleicht in einem von Herrn Challier arrangtrten Concert wieder tu unseren Mauern begrüßen dürfen.
Z. Neues Theater. „Kolossaler Lacherfolg" war die Devise des gestrigen Theaterzettels. Und mit gutem Recht, denn das neueste Stück von Laufs und Jakoby „Der ungläubige Thomas" ist in der That danach angethan, eine derartige Zwerchfell erschütternde Wirkung auf sein Publikum auszuüben. Der Rentner Ignaz Döll, ein für sein Alter noch etwas sehr lebemännisch angelegter Greis, ist entrüstet darüber, daß seine Familie dem Spiritismus huldigt, von dem dieselbe Kenntniß durch seinen Neffen, den Conserva- toristen Wenglein, erhalten hat. Dieser hält, unterstützt durch Dölls Hausarzt, täglich Sitzungen ab, die den Hausherrn der Verzweiflung nahe bringen. Seine letzte Hoffnung hat er auf die Ankunst seines Vetters, des Privatgelehrten Dr. Püschel gesetzt, doch auch diese wird zu Schanden, denn jener entpuppt sich bald ebenfalls als glühender Anhänger der neuen Wissenschaft. Als Alles nichts nutzt, beschließt Döll ein Gewaltmittel anzuwenden. Er läßt sich scheinbar hypnotisiren und darauf suggeriren, er habe alles Frühere vergessen. Erwecken läßt er sich jedoch ans diesem Zustande nicht, sondern geht fort Und amüsirt sich auss Beste, während seine Familie zu Hause sich bald zu Tod ängstigt über ihn, den man für nichts verantwortlich machen kann, da er ja nicht normalen Sinnes ist. So dupirt Döll Alle, was natürlich zu den drolligsten Scenen Anlaß gibt. Nur der Hausarzt erkennt den Betrug, er zwingt durch allerlei Listen und Gewaltmittel den Hausherrn, die Comödie sein zu lassen und trotzt ihm sogar so seine Tochter ab, die jener dem „unausstehlichen Doctor" beharrlich verweigert hatte. — Dies ist in kurzen Zügen der Inhalt des Stückes, welches in seiner Anlage nicht so toll und gewagt ist, wie die andre jüngste Schwank Novität „CharUys Tante", das jedoch in seiner drastischen Wirkung jener nicht viel nachsteht. Die Wiedergabe war im Ganzen recht zufriedenstellend. Herr Director Reiners machte aus dem „Rentner Döll" ein wahres Prachtstück herzerfreuender Komik. Die für den Spiritismus begeisterte Hausfrau war durch Frau Wehn recht passend vertreten. Der „Schwager Krugebauer" (Herr Hendel) benahm sich etwas arg ungeniert. Herr Stückel („Wenglein") und Herr Reiff („Wagner") waren ebenso wie Herr Niemeier („Püschel") recht gut, nur saßen bet letzterem die allerdings sehr langatmigen Explikationen nicht vollkommen, was jedoch der sonst recht tüchtigen Leistung keinen Eintrag that. — Das Haus war gut besucht und spendete reichen Beifall. — Auch die Nachmittagsvorstellung „Max und Moritz" nahm einen sehr animirten Verlauf. Das Stück ist von Leopold Günther nach dem bekannten Busch'schen Bilderbogen arrangirt und übt einen mächtigen Reiz auf die Lachmuskeln der Kleinen aus. Das Theater war bei der Aufführung überfüllt.
** Juristisches. In der am Dienstag den 13. d. Mts. stattfindenden Sitzung des Vereins für Ausbildung der Ge- richts-Accessisten wird Herr Landgerichts-Dlrector Wiener einen Vortrag über die Zw a ngsvollstreckung halten.
•* Postpersonal - Nachrichten. Dem Postsecretär Raab in Darmstadt ist eine Ober-Postsecretärstelle, zunächst probeweise, übertragen worden. Versetzt sind der Postsecretär Frank von Mannheim nach Darmstadt und der Postassistent Schliephacke von Frankfurt (Main) nach Grünberg (Hessen). Der Postmeister Nispel in Nidda ist gestorben.
** Sachbeschädigung. In der Nacht von Samstag auf Sonntag wurden durch rohe Hände in mehreren Straßen der Stadt eine größere Anzahl Thürdrücker gewaltmäßig abgebrochen.
** Der Gelreldemarkt. Die lustlose Haltung des Getreidemarktes hat durch die Thatsache, daß der deutsch-russische Handelsvertrag nunmehr bis auf die Formalien abgeschlossen ist, begreiflicherweise keine Verminderung erfahren. Zwar ist zunächst nur der auf die Einfuhr nach Rußland bezügliche Theil des deutsch-russischen Zolltarifs veröffentlicht worden, aber die weitgehenden Concessionen Rußlands für den Handel und die Industrie Deutschlands, welche dessen neuen Ziffern bedeuten, gestatten den Schluß auf erhebliche Gegen- zugeständnisse Deutschlands an seinen russischen Partner. Selbst
verständlich können dieselben in ber Hauptsache nur nach ber Richtung einer Ermäßigung der deutschen Getrcidezölle hin liegen; daß der einheimische Getreidemarkt aus einer solchen Lage der Dinge keine Anregung zu schöpfen vermag, bedarf nicht erst der Beweisführung. Es notirten an der Berliner Productenbörse: Weizen per 1000 Kilogramm 135—147 Mk., Roggen 119—127 Mk., Hafer 135—175 Mk., Gerste 107 Mk. bis 180 Mk.
• • Militär > Reclamatiouen betreffeud. Da sich an die jetzt stattfindenden Anmeldungen der Militärpflichtigen zur Stammrolle die Aufnahme der Reclamationen anschließt, wollen wir hiermit auf die diesbezüglichen Bestimmungen Hinweisen: Es dürfen zurückgestellt bezw. von der activen Militärpflicht entbunden werden: 1. Die einzigen Ernährer hülflsloser Familien, erwerbsunfähiger Eltern, Großeltern oder Geschwister. — Bezieht indeß die Familie Armenunterstützung, so darf in der Regel eine Berücksichtigung nicht ein- treten. 2. Der Sohn eines zur Arbeit und Aussicht unfähigen Grundbesitzers, Pächters ober Gewerbetreibenden, wenn dieser Sohn dessen einzige und unentbehrliche Stütze zur wirthschaftlichen Erhaltung des Besitzes, der Pachtung ober bes Gewerbes ist. 3. Der nächstälteste Bruder eines vor dem Feinde gebliebenen ober an den Wunden verstorbenen, ober infolge berfelben erwerbsunfähig gewordenen Soldaten, sofern durch die Zurückstellung den Angehörigen des letzteren eine wesentliche Erleichterung gewährt werden kann. 4. Militärpflichtige, welchen der Besitz ober die Pachtung von Grundstücken durch Erbschaft oder Vermächtniß zugefallen, sofern ihr Lebensunterhalt auf deren Bewirthschaftung angewiesen und die wirthschaftltche Erhaltung des Besitzes ober die Pachtung auf andere Weise nicht zu ermöglichen ist. 5. Inhaber von Fabriken und anderen gewerblichen Anlagen, in welchen mehrere Arbeiter beschäftigt sind, sofern der Betrieb ihnen erst innerhalb des dem Militärpflichtjahre voraus- gehenden Jahres durch Erbschaft oder Vermächtniß zugefallen und deren wirthschaftliche Erhaltung auf andere Weise nicht möglich ist. Können zwei arbeitsfähige Ernährer hülflsloser Familien, erwerbsunfähiger Eltern rc. nicht gleichzeitig entbehrt werden, so ist einer von ihnen zurückzustellen, bis der andere entlassen wird. Wird die Zurückstellung eines Militärpflichtigen in Antrag gebracht, weil dieser als die einzige Stütze seiner Eltern ober Angehörigen zu betrachten ist, indem ein anderer zur Unterstützung derselben Verpflichteter sich dieser Pflicht entzieht, ausgewandert ist, oder eine längere Freiheitsstrafe zu verbüßen hat, so ist der Antrag auf Zurückstellung des ersteren in ber Regel als unbegründet zu betrachten. Auch ist die Recamation zu verwerfen, sofern bereits ein anderer zur Unterstützung Verpflichteter von der activen Militärpflicht im Reclamationswege entbunden worden ist und dieser sich der Unterstützungspflicht entzieht oder durch eingetretene Verhältnisse, eigene Familie rc. zur Uliterstützuug nicht mehr in der Lage ist. Sind verheirathete Brüder vorhanden, welche zur Zeit der endgültigen Entscheidung über den Militärpflichtigen noch nicht 26 Jahre alt und durch ihren eigenen Hausstand außer Stand gesetzt sind, reclmnirenbe Eltern zu unterstützen, so gelten diese als frühzeitig ver- heirathet, und finden in diesen Fällen die Reclamanonen keine Berücksichtigung. Dagegen geben vorhandene Brüder, welche als Capitulanten im stehenden Heere dienen, keinen Grund ab zur Abweisung einer Reclamation. —Reclamationen (Anträge auf Zurückstellung bezw. Befreiung von der Aushebung in Berücksichtigung bürgerl cher Verhältnisse) sind bezüglich alle" Militärpflichtigen, auch der Einjährig-Freiwilligen,, vor dem Musterungsgeschäft, spätestens aber im Musterungs- Termine anzubringen- nach der Musterung angebrachte Reclamationen werden nur dann berücksichtigt, wenn die Veranlassung zu denselben erst nach Beendigung des Musterungsgeschäfts entstanden ist.
vermischtes.
* Frankfurt a. M , 10. Februar. Das Futter bep or ber hiesigen Pferdebahn-Gesellschaft steht in Flammen. Der Schaben dürfte bedeutend werden, da bereits 25,000 Gtr, Heu im Werthe von 100,000 Mk. verbrannt sind. — Die Feuersbrunst wurde, wie die „Franks. Ztg." meldet, von einem zehnjährigen, also noch nicht ftrafmünbigen Jungen verursacht. Der muthwillige Bube warf, so erzählen andere Kinder, die vorher mit ihm auf der Mörfelder Landstraße spielten, ein brennendes Schwefelholz in das Gebäude mit den Worten: „Ich muß einmal sehen, wie das Heu brennt V*
* Mannheim, 10 Februar. Das Bank- und Wechselgeschäft von Gebrüder Nadenheim hier mußte infolge großer Verluste bei dem Maas'schen Fallissement seine Zahlungen einfteden. Ludwig Nadenheim, welcher der alleinige. Inhaber der Firma war, ist geflüchtet.
* Bochum, 11. Februar. In der hiesigen Gußstahlfabrik fand heule Vormittag Uljr eine heftige Explosion des zu den Stahlschmelzen führenden Gascanals statt, bei welcher ein die Aufsicht ausübender Vorarbeiter ums Leben kam. Außer einer mehrtägigen Betriebsstörung der betreffenden Werkstätte ist ein erheblicher Schaden nicht ent- 'tanden.
* Berlin, 11. Februar. Infolge des heute Nacht stark wüthenden Sturmes wurde die rechte Seite des Daches vom Stettiner Bahnhose, sowie der Schornstein losgerissen und auf die Dienstwohnung des Stationsvorstehers Ziekursch geschleudert und zwar mit solcher Wucht, daß der Bodenraum und die Zimmerdecke der letzteren durchbrochen wurde. Der Stationsvorsteher Ziekursch selbst, der in feiner Wohnung anwesend war, erlitt durch das herabfallende Gebälk einen Bruch des rechten Unterarmes, sowie eine nicht unbedeutende Kopfverletzung.
* Der Brautschleier hat einen Ehebund zerstört, der dieser Tage vor einem Standescnnte in Berlin geschloffen werden sollte. Als sich das Brautpaar zum Gange nach dem Standesamte rüstete, fiel es der Braut Plötzlich ein, daß ihr ein „Brautschleier" fehle. Sie verlangte, daß ihr zukünftiger


