Ausgabe 
10.8.1894
 
Einzelbild herunterladen

1894

Freitag den 10. August

9lr. 185

Gießener Anzeig er

Kenerat-Wnzeiger.

Amts- «nd Anzeigeblatt für den Kreis Gieren.

Redaction, Expedition und Druckerei:

SGnlkrahe Hlr.7.

Fernsprecher 51.

vierteljähriger Zbonncmentsprcis: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringcrlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Die Gießener JiamirteuVkätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Der

Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de« folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Norm. 10 Uhr.

Gratisbeilage: Gießener Kamilienötätter.

Alle Annoncen'Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

2lmtiid?cr Theil.

Bekanntmachung,

betreffend: Abhaltung öffentlicher Faselschauen.

Wir bringen hiermit zur öffentlichen Kenntniß, daß der am 23. August l. Js. zu Grünberg stattfindende Markt zu- gleich mit einem Viehmarkt verbunden wird; auch soll an genanntem Tage eine öffentliche Faselschau durch die Körcommission abgehalten werden. Bei der Schau, welche Vormittags 9 Uhr beginnt und nur zum Zweck der Ankörung ftattfindet, werden seitens der Körcommission nur sprung­fähige Bullen der Vogelsberger und Berner, speziell Simmen- thaler Raffe berücksichtigt werden._

Die Fasel müffen sicher gefesselt werden, sonst ist Weg­weisung zu gewärtigen.

Gießen, am 7. August 1894.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

__v. Gagern.________________________

Gießen, den 9. August 1894.

Betr.: Ausführung des Nahrungsmittelgesetzes; hier den Zinkgehalt amerikanischer Aepfel.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

* die Grptzh. Bürgermeistereien des Kreises.

Diejenigen von Ihnen, welche mit der Erledigung unserer Verfügung vom 2. Juni l. I. Anzeiger Nr. 127 noch im Rückstände sind, werden hieran mit Frist von 5 Tagen erinnert.

________________v. Gagern.

Gießen, am 8. August 1894. Betr.: Verfälschung von Schweineschmalz.

Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen

Ml dir Arssth. Bürgermeistereien des Kreises.

Diejenigen von Ihnen, welche mit der Erledigung unserer Verfügung vom 4. Juni l. Js. Anzeiger Nr. 129 noch im Rückstände sind, werden hieran mit Frist von 5 Tagen erinnert.

____________________v. Gagern.___________________

Bekanntmachung.

Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Auf­schlags von Fünf vom Hundert pro Monat Juli für den Lieferungsverband Gießen pro 100 Kg betragen:

Hafer Mk. 16,60, Heu Mk. 6,80, Stroh Mk. 5,80.

Gießen, den 8. August 1894.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Feuilleton.

Wetterpropheten aus dem Thierreiche.

Don Friedrich Thieme-Jena.

(Schluß.)

Für ebenso untrüglich als die Prophezeiungen der Spinnen gelten vielen Leuten diejenigen des LaubfroschS und des Blutegels. Den Laubfrosch hält man (und macht sich damit einer grausamen Thierquäleret schuldig) in einem cylindersörmigen Glase, das zu zwei Drittel mit Fluß­wasser angefüllt und mit einem über daS Wasser heraus­ragenden Letterchen versehen, oben aber mit Papier oder Gaze geschlossen ist. Die Fütterung geschieht mit lebenden Fliegen. So lange der grüne Gefangene außerhalb des Wassers auf seinem Leiterchen sitzt, bleibt das Wetter schön, wenn er aber inS Wasser geht, so tritt Regen oder ver­änderliche Witterung ein. Sitzt aber so belehrt uns ein kleines Büchelchen:Der untrügliche Wetterprophet oder stets eintreffende Anzeichen der bevorstehenden Witterung rc." (C. A. Hager, Chemnitz) der Frosch im Freien hoch und schreit und quakt, so wirds (besonders mit Oft« oder Südost­wind) beständiges und gutes Wetter. Sitzt er aber im Freien niedrig und quakt (besonders bei West- und Südwest­weft- oder Nordwestwinde), so erfolgt Regen. Schreit er aber bet Wind und Regen, so hält diese Witterung noch etwas an, ebenso auch, wenn er sich des Nachts hören läßt.

Der Blutegel wird nach der in dem erwähnten

Zur wirthschaftlichen Lage.

Der schwere und in den weitesten Volkskreisen gespürte Druck, welcher nun schon so lange auf dem gesammten Er­werbsleben Deutschlands lastet, will leider noch immer nicht weichen. Wohl lassen sich in einzelnen industriellen und ge­werblichen Zweigen unläugbar Anfänge einer Wendung zum Besseren erkennen, aber im Großen und Ganzen ist die wirthschaftliche Lage in unserem Vaterlande nach wie vor doch noch eine recht gedrückte.' Diese fortdauernde Ungunst der Zetten auf wirthschaftlichem Gebiete spiegelt sich zahlenmäßig in dem soeben veröffentlichten Ausweise über den Ausfuhr- und Einfuhr-Handel Deutschlands für das erste Halbjahr 1894 wieder, denn nach beiden Richtungen hin nimmt sich der Aus­weis, im Ganzen betrachtet, unerfreulich genug auS. Die deutsche Ausfuhr hat in dieser Epoche im Vergleiche zu dem entsprechenden Zeitraum des Vorjahres um ca.96MtllionenMark abgenommen, während die Waaren-Einfuhr aus dem Ausland nach Deutschland im ersten Semester des laufenden Jahres eine Zunahme von ca. 140 Millionen Mark gegenüber der gleichen Periode des Vorjahres aufweist. Das Anschwellen der Einfuhr für das erste Halbjahr 1894 betrifft hauptsächlich Getreide und Vieh, die Zunahme in der Werth-Einfuhr beider Artikel beträgt zusammen rund 116 Millionen Mark und es muß darum diese beträchtliche Zunahme wohl auf das Verlust- conro der deutschen Nationalwirthschaft gebucht werden.

Bedenklicher jedoch, als dieses Plus in der deutschen Einfuhr, ist offenbar das Minus von 96 Millionen Mark in der deutschen Ausfuhr. Die Einfuhrzunahme pro erstes Semester 1894 kann theilwelse als eine wieder vorübergehende Erscheinung bezeichnet werden, wie denn z. B. die größeren Viehbezüge aus dem Auslande lediglich als eine Folge des Futtermangels in Deutschland im vergangenem Jahre zu be­trachten sind. Dagegen zeichnet sich in der Abnahme der Werthausfuhr Deutschlands deutlich die vorhandene wirth- schaftliche Misere ab. Die Hauptverlustträger bet dieser Einbuße von 96 Millionen Mark find die wichtige Textil­industrie und ihr verwandte Zweige, also vornehmlich die Artikel Baumwolle und Baumwollwaaren, Wolle und Wollen- waaren, Seide und Seidenwaaren und Leder und Lederwaaren. Es ist nach Lage der Dinge auch kaum anzunehmen, daß für diese Industriezweige baldigst wieder eine Wendung zum Besseren kommen könnte, so daß sich die geschäftliche Zukunft für die betreffenden Industrien in nichts weniger als rosigem Lichte malt. Freilich ergeht es auch anderen großen Industrie­zweigen Deutschlands nicht besser, speciell tritt im Eisen- gewerbe die ungünstige geschäftliche Conjunctur merklich hervor.

Zu dieser sortdauernd unerfreulichen Situation in den wirthschaftlichen Gesammtverhältnissen Deutschlands tragen indessen eine ganze Reihe widriger Umstände vereint bei, nichts wäre verkehrter, als die Schuld hieran lediglich nach einer einzigen Richtung hin zu suchen, sie z. B. etwa den neuen Handelsverträgen aufzubürden. Man kann den letzteren einen gewissen Autheil bei der Steigerung der Einfuhr nach Deutschland zwar unbedingt zuschreiben, aber die eigentlichen

Schriftchen gegebenen Anweisung in einem zu zwei Drittel mit Quell- oder Brunnenwasser angefüllten cylindersörmigen Glase aufbewahrt, dessen Boden man mit weißem Sande oder Moos bedeckt hat. Das Wasser ist allwöchentlich durch frisches, von annähernd gleicher Temperatur zu ersetzen. Für den Gebrauch dieses animalischen WetterverkünderS er­halten wir folgende Regeln: Liegt der schwarze, sogenannte Pferde Blutegel auSgestreckt oder auch zusammengerollt auf dem Boden in seinem Glase, so deutet dies auf baldiges schönes Wetter, im Winter aber auf trockene Kalte. Ein Gewitter steht bevor, wenn der Blutegel in seinem Glase sich außerhalb des Wassers befindet, sehr unruhig wird und krampfhaft zuckt. Hält sich der Egel im oberen Theile deS Wassers, so regnet es im Sommer oder schneit im Winter in den nächsten vierundzwanzig Stunden. Bewegt sich der Blutegel mit Schnelligkeit, so deutet dies auf Wind.

Außer den angeführten weift die Thierwelt noch zahl­reiche andereWetterpropheten" auf: Jnsecten, Vögel, Amphibien und Säugethiere aller Art. Wer wüßte nicht, daß schönes Wetter bevorsteht, wenn die Mücken nach Sonnenuntergang spielen oder wenn die Fische Abends im Wasser springen? Oder daß esunfehlbar" regnen muß, wenn die Hunde Gras fressen oder die Fliegen hartnäckig stechen? Oder daß ein Gewitter kommt, wenn die Fliegen matt und die Pferde unruhig werden oder die Kühe in die Luft schnappen? Unser Büchlein weiß uns darüber aber noch viel mehr zu berichten, wir erfahren daraus, daß ein gelinder Winter zu erwarten ist, wenn es im Herbste viele

Ursachen der fortdauernden Depression aus wirthschaftlichem Gebiete wnrzeln denn doch wo anders. Es sind dies die Geschäftskrisen in überseeischen Ländern, hauptsächlich in Nord­amerika, dann die Silber - Calamität, weiter das eigene Emporkommen ehedem von Europa und speciell von Deutsch­land aus mit Jndustrieartikeln versorgter Länder Japan, Indien, Australien, Nordamerika u. s. w., dann baß Schutz­zollsystem vieler Staaten, endlich der im Sinken begriffene Jnlandsconsum. Von der Beseitigung wenigstens eines TheileS der genannten Erscheinungen hängt im Wesentlichen die Wiederbelebung des Geschäfts in Deutschland ab, wann da aber die allseitig erhoffte Wendung zum Besseren eintreten wird, dies entzieht sich natürlich noch ganz der Berechnung. Jeden­falls darf man erwarten, daß die deutsche Geschäftswelt den Muth nicht sinken lassen wird, deutsche Ausdauer, Zähigkeit und Unternehmungslust haben schon schlimmere Zeiten wieder überwunden.

Deutscher Reich.

Berlin, 8. August. Seit Montag weilt Kaiser Wil­helm wiederum auf dem Boden Englands, woselbst der kaiserliche Enkel der greisen Königin Victoria auch diesmal bei Hofe wie auch seitens der Bevölkerung die herzlichste Aufnahme gefunden hat. Die Rückkehr des erlauchten Monarchen nach Deutschland erfolgt wahrscheinlich nächsten Mittwoch.

Die kürzlichen Andeutungen derNordd. Allg. Ztg." über eine geplante Abänderung und Einschränkung des preußischen Versammlungsrechts haben in der Tagespresse eine sehr getheilte Aufnahme gefunden. Dies namentlich In Hinblick auf den Zweck der in Aussicht ge­stellten Maßregel, die bekanntlich als neues Mittel zur Be­kämpfung der Socialdemokratie dienen soll. Während sich z. B. conservative Blätter zustimmend zu diesem Project äußern, verhalten sich die liberalen Organe und auch die Centrumsblätter meist mißtrauisch gegenüber der Anregung in derNorddeutschen", ganz zu schweigen natürlich von den socialdemokratischen Zeitungen. Es kann nun allerdings zu­gegeben werden, daß das preußische Vereins- und Versamm­lungsrecht noch manche wohl ausfüllbare Lücken enthält, namentlich im Vergleich mit den auch von derNordd. Allg. Ztg." angeführten weit schärferen Vereinsgesetzen des Königs­reichs Sachsen und des Hamburgischen Staates. Aber kein einsichtsvoller Beurtheiler der einschlägigen Verhältnisse wird glauben, daß jetzt in einer Einschränkung des Versammlungs­rechts mit einem Male ein unfehlbares Mittel gegen die socialdemokratische Gefahr gefunden wäre, mit polizeilicher Gewalt läßt sich eben gegen eine Bewegung vom Character der socialdemokratischen Propaganda nichts ausrichten.

Der preußische Finanzminifter vr. Miquel soll einigen seiner Frankfurter Freunde gegenüber den Wunsch geäußert haben, von seinem Posten zurückzutreten. Es ist indessen mit Fug anzunehmen, daß es sich bet dieser Nach­richt nur um eine Preßente handelt, wie sie zur Hochsommer-

Mäuse gibt und wenn die Vögel im Herbste dürre sind, daß aber ein kalter Winter bevorsteht, wenn die Vögel im Herbste fett sind, die Zugvögel noch vor Michaelis wegztehen und die Ameisen im Monat Juli ihre Haufen höher als ge­wöhnlich machen.Wenn um Martini herum die Brust- knocheu der gebratrne« Gänse braun aussehen, so steht ein kalter oder harter Winter bevor, sehen sie aber weiß aus, so ist im bevorstehenden Winter viel Schnee zu erwarten." Da besitzen die geehrten Leser also nun ein höchst einfaches Mittel, fich im Voraus über den bevorstehenden Winter zu informiren, sie brauchen nur nach den Brustknochen der von ihnen verzehrten Gänse zu sehen.

Doch Scherz bei Seite. Das Wahre an der Sache ist, daß die Empfindlichkeit mancher Thiere gegen atmosphärische Veränderungen recht wohl zu Lebensäußerungen führen kann, welche auf bevorstehende Witterungserscheinungen bestimmter Art htndeuten, man hüte sich aber vor jeder Uebertreibung und allzu weitgehendem Vertrauen in dieser Hinsicht. Selbst mit demuntrüglichen Wetterprophet" in der Hand find wir noch durchaus nicht so weit, daß wir zur Zeit schon das Barometer und die kostspieligen Telegramme der Wetter­warten durch Laubfrosch, Kreuzspinne und Compagnie ersetzen und an die Stelle der üblichen Wetterkarten das Bildntß des Grünrocks im Glase mit seinem jeweiligen Standplatze ober- oder unterhalb des Wassers zur Anschauung bringen können.