Ausgabe 
9.12.1894 Erstes Blatt
 
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Unser erster Dank gebührt dabet naturgemäß den beiden Männern, welche mit geübtem weitsichtigem Blick uns berathen haben, welche ebenso den Plan dieses Wasserwerkes entworfen wie seine Verwirk­lichung bis ins Kleinste geleitet haben: dem Herrn Oberingenieur und dem Herrn Regterungsbaurnetster Schrnick; ihren vielseitigen und hohen Verbimsten um das öffentliche Wohl ganzer Städte haben diese beiden Herren nunmehr auch dasjenige um unser Ge­meinwesen hinzugefügt.

Gleichen Dank auch schulden wir den Ingenieuren, Unter­nehmern, Lieferanten, Aufsehern und Arbeitern, welche das schwierige Werk in der kurzen Zeit von nicht ganz einem Jahr zur Vollendung gebracht und dabei ein Jeder an seiner Stelle ihr Bestes ein­gesetzt haben.

Aufrichtigen Dank sagen wir ckuch heute wieder der Gemeinde Queckborn, welche sich uns beim Erwerb des ganzen Quellengebietes willfährig gezeigt, ehrerbietigen Dank aber ziemt uns namentlich all' den verschiedenen Staats- und Kreisbehörden gegenüber, welche in jeder Weise unsere Pläne gefördert, die ihnen drohenden Hindernisse behoben haben und uns allerwegen entgegengekommen sind, wo immer wir darum gebeten..

Bei alledem hat aber auch ein gütiges Geschick über unserem Werke gewaltet: trotz oller Ungunst der Bodengestaltung und aller Schwierigkeit der Arbeiten haben wir keinen irgend nennenswerthm Unfall zu beklagen gehabt.

Ja reiner ungetrübter Freude bürfen wir vielmehr von jetzt ab eintreten in den Genuß der fertigen Wasserversorgung, können wir heute das Qurckborner Werk ebenso für unser Gießen, wie für daS, damit auf immer eng uns verwachsene Queckborn dem ständigen Betrieb übergeben.

Dem Dank aber, welchen die Vertretung unserer Stadt für alle Mitarbeit und Unterstützung bei diesem Werke schuldet, dem haben wir geglaubt am besten auch äußeren Ausdruck zu verleihen, indem wir den obersten, hier anwesenden Vertreter unserer Aufsichts­behörden bitten, dem Werk feine Weihe zu geben, mit dem gleichen Wohlwoll n und Jntereffe für das öffentliche Wohl unserer Stadt, dessen bisheran wir auch bei diesem Werk uns erfreuen durften.

In solchem Sinne erlaube ich mir die Bitte, es möchte Ihnen, hochverehrter Herr Prooinztaldirector nunmehr gefallen, für alle Zeiten das Queckborner Wasserwerk der Stadt Gießen seiner Be­stimmung dem ständigen Betriebe zu übergeben zur Ehre seiner Erbauer, zum Segen der beteiligten Gemeinden'.

£ocatc< ttttfr prsvinjteller.

Gieße», den 8. December 1894.

** Aus dem Justizdieust. Durch Entschließung Groß­herzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz wurden beauftragt mit Aushilfeletstung: 1) als Amtsrichter bet dem Amtsgericht Fürth der Gerichtsassessor Stammler in Worms, 2) als Amtsrichter bet dem Amts­gericht DarmstadtI der Gerichtsassessor Schmidt in Zwingen­berg, 3) als Amtsanwalt in Worms der Gerichtsassessor Bus in Mainz, 4) als Amtsanwalt in Zwingenberg der Gerichts- affeffor Helm daselbst.

** Schwurgerichtsfitzuug vom 6. u. 7. December 1894 gegen Johannes Schröder III. von Nieder -Bessingen wegen Meineids. (Schluß.) Uebereinstimmend wurde von vielen Zeugen bekundet, daß Schröder vor dem Wagen zu Fall kam und nicht wider das Rad flog. Auch davon, daß er zeitweise das Bewußtsein verloren habe, konnte keine Rede sein, er erhob sich sofort nach jedem Stoß und merkte ihm keiner der Zeugen an, daß er irgend welche Verletzungen davongetragen habe. Als unwahr stellte sich weiter heraus, daß er den zweiten Stdß erhalten habe, als er eben im Begriffe war, sich zu erheben, er sprang vielmehr auf, ging auf Diehl los und erhielt dann erst den zweiten Stoß. Als vollständig erfunden stellte sich ferner heraus die Behauptung des Angeklagten, der Gehülfe des Dr. Seipp von Lich habe ihm auf Befragen gesagt, es hätten sich 23 R ppen im Rücken ausgefugt. Dr. Seipp hatte damals nur einen Ver­treter, den cand. med. Schänd, gehabt und dieser bezeugte, daß eine derartige Unterredung nie stattgefunden habe. Unwahr ift|roeiter, daß Angeklagter den Schaad zur Zeit des Vorfalls noch gar nicht gekannt habe- er hatte ihn vielmehr gelegentlich der Erkrankung seiner Frau, Anfangs August vorigen Jahres, also kurz vor dem hier fraglichen Vorfall, kennen gelernt. Den Geschworenen (Obmann: Herr Georg Falk) waren drei Hauptfragen vorgelegt worden, dahin gehend, ob Angeklagter ^vor dem Schäffengerichte Laubach und zweimal vor der Strafkammer in Gießen wiffentlich falsch geschworen habe, ferner eine weitere Frage dahin, ob sich die in den drei Hauptfragen aufgesührten, dem Ange­klagten zur Last fallenden Strafthaten als eine einzige fort­gesetzte Handlung darstellen, sowie weiter vterNebenfragen zu diesen dahin, ob die Angabe der Wahrheit gegen den Ange­klagten eine Verfolgung wegen eines Verbrechens oder Ver­gehens nach sich ziehen konnte. Nachdem sämmtltche Fragen von ihnen bejaht worden waren wurde Angeklagter wegen Meineids unter Anwendung der Bestimmung des § 187 des Strafgesetzbuchs in eine Zuchthausstrafe von einem Jahre nebst Kosten verurtheilt. Auch wurden ihm die bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von drei Jahren aberkannt.

Sitzung des Schwurgerichts der Provinz Oberhesieu vom 8. December 1894. Zur Verhandlung kommt heute die Strafsache gegen Marie Silberling von Merkenfritz und Georg Imhof von Wolferborn wegen Meineids. Als Beamter der Staatsanwaltschaft fungirte der Großherzogl. Staatsanwalt Zimmermann, vertheidigt wird die An­geklagte Silberling von Herrn Rechtsanwalt Justtzrath Dr. Reatz, der Angeklagte Imhof von Herrn Rechtsanwalt Justizrath Dr. Schwarz. Die Dienstmagd Marie Silber­ling von Merkenfritz, 25 Jahre alt, und der Taglöhner Georg Imhof von Wolfenborn, 24 Jahre alt, stehen unter der Anklage, daß sie am 15. Januar 1894 zu Büdingen vor Großh. Schöffengericht daselbst, und zwar erstere wiffent- lich, ein falsches Zeugniß mit einem Eide bekräftigt habe, letzterer den vor seiner Vernehmung geleisteten Eid wiffentlich durch ein falsches Zeugniß verletzt habe. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft wurde die Oeffentlichkeit für diese Ver­handlung wegen Gefährdung der Sittlichkeit ausgeschloffen. Nachdem die Geschworenen (Obmann Herr Georg Falk) die ihnen vorgelegten Schuldfragen bejaht hatten, er­folgte die Verunheilung der Angeklagten Silberling in

> Imhof in eine Zuchthausstrafe von einem Jahre und sechs f Monaten. Beiden Angeklagten wurden die bürgerlichen Ehren­rechte auf die Dauer von drei Jahren aberkannt, endlich die dauernde Unfähigteit beider, als Zeuge oder Sachverständiger eidlich vernommen zu werden, ausgesprochen.

nn Parlamentarisches. Am Dienstag den 18. December 1894, Vormittags IO1/* Uhr und folgende Tage, finden Sitzungen des Finanz-Ausschuffes zweiter Kammer mit fol­gender Tagesordnung statt: 1) Berathung über: 1. Antrag der Abgeordneten Schmitt und Wasserburg betreffend Entschädigung für Etnquartirungslasten. 2. Der Antrag Bretmer, betr. Erhöhung des Beitrags zur Feuerlösch­ordnung. 3. Die Vorstellungen des Stadtvorstandes zu Grünberg, Errichtung von Nebenbahnen im Großherzogthum Heffen betr. 2) Endgültige Feststellung der Berichte über: 1. Die Vorstellung der Gemeinde Hühnlein und Langwaden, Haltestelle betr. 2. Die Vorlage, Turnhalle für daS Lud­wig Georg Gymnasium betr. 3. Den Antrag Mühlberger, Kosten der Volksschule betr. 4. Die Ersuchen und Gesuche betr. erweiterte Volksschulen. 5. Die Vorlage betr. Organi­sation des Forstschutzes. 6. Das Gesuch der Forstwarte, Gehalts- und Pensionsverhältnisse betr. 7. Die Vorlagen betr. Abänderung des Emkommens^uergesetzeS, des Capital« rentensteuergesetzes, der Eisenbahn- und Straßenbrücken bei Worms.

* Kuustvereiu. Wir machen auch an dieser Stelle die Leser unseres Blattes aufmerksam auf die am Sonntag den 9. d. M. Vormittags 11 i/2 Uhr erfolgende Eröffnung der Gemäldeausstellung im Thurmhaus am Brand. Die Eröffnung wird eingeleitet werden mit der Ueberweisung des neuen Saales durch Herrn Oberbürgermeister Gnauth an den Vorsitzenden des Kunstvereins für daS Großherzog­thum, Se. Exc. den Herrn Staatsminister Frhr. v. Starck. Die Ausstellung bleibt am Eröffnungstag ausnahmsweise bis 3 Uhr geöffnet; das Eintrittsgeld für Nichtmitglieder betragt aber auch an diesem Sonntag nur 20 Pfg.

* * Die Bestimmungen über die Sonntagsruhe im Handels« gewerbe treten für die Drei Sonntage vor Weihnachten, also am 9., 16. und 23. December, insoweit außer Kraft, als an den bezeichneten Sonntagen in Gießen die Ladengeschäfte von 11 Uhr Vormittags bis 7 Uhr Abends offen gehalten werden dürfen. Es ist den Käufern, welchen nur Sonntags die nöthige Zeit zur Verfügung steht, zu rathen, mit ihren Einkäufen für Weihnachien nicht bis zum letzten Sonntag zu warten, da erfahrungsgemäß an demselben der Andrang ein sehr großer ist.

* * Panorama. Die wegen des starken Besuchs und des großen Beifalls noch bis Mittwoch den 12. December im Panorama (Neuen Bäue) ausgestellte SerieLustschlösser" verdient im besonderen Maße eine Beachtung. Die dort ausgestellten Bilder zeigen nicht nur Landschaften, wie ^Hohen­schwangau", ferner denBerg Starnbergersee" und die blaue Grotte von Capri" rc., sondern sie zeigen uns auch all die herrlichen und kostbaren Sachen, mit welchen der verstorbene König Ludwig von Bayern seine Gemächer ausgestattet hatte. Feenhaft ist die Ausstattung, so daß sich schon allein dieserhalb ein Besuch im Panorama lohnen würde.

* * Queckborner Wasserwerk. Wir machen unsere Leser darauf aufmerksam, daß morgen Nachmittag Gelegenheit ge­boten ist, den Hochbehälter bet Annerod, sowie das Wasser­werk bei Queckborn zu besichtigen.

* * Freigesprocheu wurden heute von hiesiger Strafkammer die Wächter Wenderoth, Klans und Will von Vilbel, welche angeklagt waren, einem Gefangenen (Glotzbach) fahr­lässig daS Entweichen ermöglicht zu haben.

* * Unfall. Heute Morgen fand der Bahnwärter an der Badenburg an der Böschung einen Mann in bewußtlosem Zustande liegen. Derselbe wurde in die Klinik gebracht und kam wieder zum Bewußtsein. Er erklärte, daß er seine Tochter in Wieseck besucht habe und gestern Abend nach Lollar zu gegangen sei, um mit der Bahn nach seinem Heimathsdorf Roth bei Marburg zu gelangen. An der Badenburg sei er unwohl geworden und habe in diesem Zustande gelegen bis heute Morgen. Der Mann ist 60 Jahre alt und hat jeden­falls einen Schlaganfall erlitten.

* * Mißhandlung. Gestern Nachmittag mißhandelte in der Alicestraße ein Fuhrknecht einen Bäckerjungen in Aergernlß erregender Weise, indem er denselben mit der Peitsche im Gesicht und an den Händen blutig schlug. Eine Anzeige wegen Körperverletzung Ist erfolgt.

* * Kaserneubauteu in Heffen. In dem neuen Relchs- haushaltöetat, welcher dem Reichstag vorgelegt worden ist, sind auch Posten für größere Militärbauten in Heffen ent­halten und zwar: Erste Rate für ein Magaz'ngebäude 130,000 Mark, sowie erste Baurate für eine Trainkaserne in Darmstadt 300,000 Mark (für den ganzen Bau sind 609,000 Mk. vorgesehen), ferner erste Baurate für eine Jnfanteriekaserne in Worms 660,000 Mk. (InSgesammt 2,216,800 Mk). Die Kaserne für das 4. Bat. Jnf.-Rgts. Kaiser Wilhelm" in Gießen wird bekanntlich auf Kosten der Stadt Gießen erbaut.

* * Der ©etreibemarft. (Berichtswoche 17. December.) Die Getreidemärkte Europas und Nordamerikas stehen zur Zeit unter wechselvoller Tendenz, zuweilen macht sich, wahr- scheinlich aus Besorgniß, daß die vorhandenen wirklichen Vor- räthe an Getreide doch im Abnehmen begriffen find, eine ent­schiedene Neigung zur Preissteigerung geltend und dann er­schlafft diese Bewegung aber ziemlich plötzlich. Als eine für Landwlrthe, Getreidehändler und Müller äußerst bemerkenS- werthe Thatsache muß aber doch die nun bereits seit mehreren Wochen vorhandene und meist überwiegende Tendenz der Preiserhöhung hervorgehoben werden, an welcher die thell- weise ermattete Kauflust nicht viel ändert. ES wurden des­halb auch in dieser Woche die Kornfrüchte an allen Märkten meistens etwas theurer verkauft als in der Vorwoche: Weizen per 20 Centner in Berlin und Leipzig zu 122 bis 142 Mk.,

MW. Aus der mittleren Welterau, 6. December. An dem großen Wasserlachen in unseren Wlesenthalern herrscht ebe« ein intereffanteS Thierleben. Große Schaaren von Wildenten, sogar Möoen, Schneegänse und Fasanen zeigen sich an de» Gewässern und die Schwimmvögel tummeln fich auf den Fluthen herum. Es ist ungemein schwierig, dem Gevögel betzukommen, denn es ist scheu und listig und stellt Wachen aus.

* Marburg, 7. December. Der Redacteur deSReichs» Herold", MedelSky, wurde wegen Beleidigung jüdischer Einjährig Freiwilliger zu 150 Mk. Geldstrafe verurtheilt. Der Kciegsminister hatte bekanntlich den Strafantrag gestellt.

* Vom südlichen Hunsrück erhält dieKöln. Ztg." eine Zuschrift, der wir Folgendes entnehmen: Wer die hiesige Bevölkerung kennt, wird ihr das Zeugniß nicht versagen, daß sie sich durch Friedfertigkeit, Sparsamkeit und Fleiß aufl« zeichnet. Um so mehr ist zu bedauern, daß bei fast gänz­lichem Mangel an Verdienst viele Jünglinge und auch der- heirathete Männer nach den Jnduftriebezirken auszuwandern gezwungen sind und daß die Zurückbleibenden trotz aller Genügsamkeit vielfach mit der drückendsten Noth zu kämpfen haben. Ein Beispiel: vor einigen Tagen ließ der Gemeinde- vorftand von Rhaunen die Aufräumung der Gräben eines chaussirten Weges öffentlich verdingen; diese Arbeit haben die sehr zahlreich erschienenen Bewerber für 1 Pf. daS Meter übernommen, was den meisten von ihnen einen Verdienst von 50 bis 75 Pf. für die Tagesarbeit einbrachte! Wenn die Hunsrücker, die schon durch die schlechten wlrthschaftllchen Verhältniffe überhaupt und namentlich durch die ungenügenden Ernten der beiden vorletzten Jahre zum großen Theil tief in Schulden gerathen sind, nicht bald Hülfe bekommen, so ist es zu spät.

* Winsen a. d. Luhe, 4. December. Das Schöffen­gericht verurthellte denWunderdocior" Ast wegen Ueber- tretung des § 367, Abs. 3, des Strafgesetzbuchs zu der höchsten vorgesehenen Strafe von 150 Mk., indem eS betonte, daS Vorgehen AstS streife nahezu an Schwindel und Betrug. Der KreiSphyfikuS untersuchte fünfzehn angebliche Heilmittel Asts. Sie wiesen einfache Tinctur und Balsame auf und wurden vom Phyfikus als veraltet, jedoch unschädlich, gleich­zeitig aber als nutzlos bezeichnet.

* Ratibor, 7. December. Das Schwurgericht verhängte heute über den Bauerngutsbesitzer Josef von Stwollnski aus Lenkau, der feine Frau erschaffen hatte, die Todes­strafe.

* Innsbruck, 5. December. Ein kurzer Schneefall hat uns mit dem 1. December auch den ersten Schnee in unser Thal gebracht. Die Schneedecke zog sich indeß alsbald wieder auf die obersten Höhen des Gebirges zurück und an den untersten Gehängen der Sonnenseite unseres Kalkalpen­zuges aber blühen allerlei zierliche Frühlingsblümchen, wie Anemonen, Primeln, Glockenblumen u. dgl. Und selbst in Höhen von 1300 Metern kann man noch blühende Erica, blühende und reife Erdbeeren, Hundsveilchen und Gänse­blümchen pflücken. Gewiß eine interessante Erscheinung!

* Lugano, 7. December. Auf dem Piorasee ertranken sechs Personen, die mit einem Holzfchlitten über den schwach zugefrorenen See fuhren.

* Polizeilich beschlagnahmt wurde vorgestern die Leiche der 29jähr. Frau des in der Georgenkirchstraße in Berlin wohnenden Kutschers F. Die Frau war einige Nächte vorher aus dem Bett aufgestanden, hatte sich angekleidet und war nach dem Hose hinuntergegangen,um den Messias zu er­warten", wie sie ihrem Manne mittheilte, von welchem sie sich ruhig nach der Wohnung zurückführen ließ. Auch in der Nacht zum Donnerstag hatte die F. eine derartige Vision und nur mit Mühe gelang es dem Kutscher, die Frau zu beruhigen und zu Bett zurück zu schaffen. Als F. eine Stunde später nach der angeblich Schlafenden sah, fand er nur noch eine Leiche vor. Die bedauemswerthe Frau war unter Umständen verstorben, die einen natürlichen Tod ziemlich unwahrscheinlich machen und die Möglichkeit nicht ausgeschlossen ist, daß die F. im Irrsinn sich vergiftet habe. Die Leiche wurde gestern früh nach dem Schauhause geschafft.

* 6lnem furchtbaren Unglück, wie ein solches die Unfall- Chronik Berlins bisher nicht aufzuweisen haben dürfte, ist am Donnerstag Abend der Fuhrherr Nitschke, Thaerstraße 35, erlegen. N. war mit seinem Kremser in Hohen Schönhausen gewesen und hatte gegen 8 Uhr Abends die Rückfahrt nach Berlin angetreten. Als sich das Gefährt auf dem Berliner Weg in der Nähe der Landsberger Chaussee befand, stürzte N. plötzlich vom Bock und wurde von feinem eigenen Fuhr­werk ziemlich schwer am Kopf überfahren. Die Pferde, ohne zu merken, daß ihr Führer fehlte, eilten auf dem ihnen wohl­bekannten Wege dem Stall zu, während N. in Schmerzen sich windend auf dem schmalen Fahrdamm liegen blieb. AuS der wohlthätigen Ohnmacht, die ihn bald befiel, wurde N. wieder ins Leben zurückgerufen, als die Räder eines Arbeitswagens über seinen Körper hinweggingen, und schon nahte ein zweites derartiges Lastfuhrwerk. Der Aermste schrie laut vor Angst, der Kutscher aber hörte nicht und auch dieser Wagen räderte den hilflos am Boden Liegenden! Wenige Minuten später kam ein Omnibus der Linie Hohen- SchönhausenPetersburger Straße heran; zu schreie« ver­mochte der unglückliche, bei vollem Bewußtsein befindliche Mann nicht mehr, und so kam, daß zum vierten Male ein schweres Gefährt über ihn hinwegrollte. Erst nachdem das Unglück geschehen, bemerkte der Omnibuskutscher, daß der Wagen über ein Hinderniß hinweggegangen sei; er stieg ab und leuchtete den Weg entlang. So wurde N. endlich auf» gefunden; der Unglückliche war entsetzlich zugerichtet. Beide Arme und Beine waren vielfach gebrochen, die rechte Hand total zermalmt, der Kopf zeigte furchtbare Wanden und außerdem wurden schwere innere Verletzungen festgestellt. Trotzdem lebte der Aermste noch; mittelst Omnibus wurde er nach dem Krankenhause Friedrichshain geschafft und hier

eine Zuchthausstrafe von einem Jahr und drei Monaten ab- Roggen für 113 bis 118 M., Gerste 94 biß 180 Mk., züglich zwei Monate Untersuchungshaft sowie des Angeklagten - Hafer 110 bis 140 Mk.