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Nr. 184
Donnerstag den 9. August
1894
Drr Kirtner Znztig-r rrschnnt täglich, mit Ausnahme drS Montag-.
Die Gießener Aamtsiendtälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Gießener Anzeiger
Kenerak-Ztnzeiger.
vierteljähriger AVouncmentsprcls r 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogerr 2 Mark 50 Pfg.
Redaction, Expedition und Druckerei:
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Amts- und Anzeigeblutt fßr den Kreis Giefzen.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de« 07* ^lllc Annonccn-Bureaux dcS In- und Auslandes nehmen
folgmden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr. ^lUllPVvUUyv. ^WUlllUHVlUlUl, Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Anrtticher Theil.
Gießen, den 6. August 1894. Betr.: Die Strafregister; hier: Die Nachweisungen der im I. Halbjahr 1894 verstorbenen bestraften Personen.
Der Großherzogl. Erste Staatsanwalt beim Landgericht der Provinz Oberheffen an die Gr. Ortspolizeibehörden zu Bellersheim, Göbelnrod, Hungen, Londorf, Röthges.
Nachdem Sie trotz meiner Aufforderung in Nro. 150 des „Gießener Anzeigers" die obenerwähnten Nachweisungen beziehungsweise Fehlanzeigen bis jetzt nicht eingesandt haben, erinnere ich Sie hiermit nochmals an die Einsendung derselben binnen 3 Tagen bei Meldung disciplinärer Ahndung.
In Vertretung: M, . , S chilling-Trygophorus.
Die Reform des Militärstrafverfahrens.
Die schon lange schwebende Frage einer einheitlichen Neugestaltung des Militärstrafverfahrens in Deutschland scheint ihrer Lösung nun doch näher zu rücken. Nach einer officiösen Mittheilung soll der preußische Kriegsminister gesonnen sein, bei der geplanten Reform die Mündlichkeit und Oeffentlichkeit, ferner volle Dertheidigung und geordnete Rechtsmittel zu Grunde zu legen, so daß das projectirte einheitliche Militärstrafverfahren für das ganze Deutsche Reich auf zeitgemäßer und liberaler Basis beruhen würde. Nach dieser Richtung haben sich ja schon seit mehr als zwei Jahrzehnten die Wünsche des Reichstages selbst in Betreff der Reform der Militärgerichte bewegt und speciell erst in der Session von 1891 hatte das deutsche Parlament eine Resolution angenommen, welche sich für die Grundsätze der vollen Oeffentlichkeit, der Mündlichkeit u. s. w. beim militärgericht- lichen Hauptverfohren aussprach. Von der öffentlichen Meinung Deutschlands wurde diese Stellungnahme des Reichstages in der vorliegenden Frage lebhaft unterstützt, die Nachricht, daß man sich jetzt in den maßgebenden Berliner Kreisen endlich zu einer liberalen Reform des Militärstrafprocesses entschloffen habe, wird daher allseitig gewiß nur Genugthuung Hervorrufen.
Wie bekannt, bestand bislang bereits für die bayerische Armee die Öffentlichkeit und Mündlichkeit des Strafverfahrens in Verbindung m t voller Dertheidigung und geordneten Rechtsmitteln. Diese Principien haben sich im Allgemeinen bewährt und wenn sie nunmehr auch auf die künftige allgemeine deutsche Militärstrafproceßordnung übertragen werden sollten, so könnte diese Adoptirung der erprobten bayerischen
Grundsätze gewiß nur mit Befriedigung ausgenommen werden. Die Mängel, die auch dem heutigen Militärstrafverfahren in Bayern trotz seiner erwähnten Vorzüge anhaften, werden sich dann bei seiner Verschmelzung mit dem künftigen deutschen Militärstrafproceffe gewiß ohne besondere Schwierigkeiten beseitigen lasten. Im Uebrigen verlautet noch, daß der Reformentwurf im Jntereste der Nothwendigkeit, die Disciplin aufrecht zu erhalten, die gänzliche Loslösung der Militärgerichtsbarkeit von dem Truppen - Commando vermeiden wolle und zwar soweit, daß auch zwischen dem obersten Militärgerichtshofe und der obersten Commandostelle eine organische Verbindung hergestellt werden würde.
Aber freilich, zunächst handelt es sich eben immer nur um einen in der Luft schwebenden Plan, um einen Entwurf, der offenbar noch nicht einmal das erste Stadium überschritten hat. Die schönsten und verheißungsvollsten gesetzgeberischen Projecte pflegen aber mitunter wieder zu verschwinden, ehe sie die Pforten des Reichstages erreicht haben und schon jetzt lasten sich pessimistische Stimmen vernehmen, welche meinen, mir dem geplanten Entwürfe eines neuen Militärgerichts- Verfahrens in Deutschland könnte es leicht ebenso gehen. Hoffentlich erweisen sich jedoch diese Befürchtungen als unbegründet, so daß also doch der Reichstag vielleicht schon in seiner kommenden Wintertagung mit der Reform des Militärgerichtsverfahrens befaßt werden könnte. Daß eine solche Vorlage, falls sie in der That die mitgetheilten Vorzüge enthalten sollte, in der deutschen Volksvertretung eine freundliche Beurtheilung und Aufnahme finden würde, dies darf schon jetzt als gewiß gelten, eine große Mehrheit wäre der Vorlage sicher. Mit der Einführung einer üuS ganze Reich umfassenden Gesetzgebung auf militärischem Gebiete würde aber ein wichtiger Schritt zum weiteren Ausbau der inneren Einheit deS Reiches geschehen und auch von diesem Standpunkte auS betrachtet, erscheint eine baldige Verwirklichung der gedachten Reform im höchsten Grade wünschcnswerth.
Deutsches Reich.
Berlin, 7. August. Kaiser Wilhelm ist am Montag Nachmittag 3 Uhr nach einer vom prächtigsten Wetter begünstigten Ueberfahrt in CoweS auf der Insel Wight eingetroffen. Von Cowes aus waren der Herzog von Connaught, Prinz Heinrich von Battenberg und Prinz Christian von Schleswig-Holstein dem hohen Gaste in einer königlichen Schaluppe entgegengefahren. Der Kaiser begab sich nach vollzogener Landung alsbald nach Schloß Osborne und begrüßte daselbst die Königin Victoria. Abends fand in Osborne zu Ehren des Kaisers Wilhelm ein großes Banker statt.
— KaiserWilhelmhat dem russischen Minister
deS Innern das Großkreuz des Rothen Adlerordens ver* liehen. Ueber die Veranlastung dieser hohen Auszeichnung verlautet noch nichts Näheres, offenbar legt aber der Vorgang erneut Zeugntß für die günstige Gestaltung der deutschrussischen Beziehungen ab.
— Für den Herbst sollen zahlreiche Personal- Veränderungen in den niederen wie in den höheren Offiziersstellen der preußischen Armee bevorstehen. U. A. heißt eS, daß der commandtrende General des ersten ArmeccorpS die Absicht kundgegeben habe, sich nach Beendigung der großen Herbstübungen in den Ruhestand zurückzuziehen. Schon in den letzten Jahren haben ungewöhnlich zahlreiche Verabschiedungen von Offizieren stattgefunden und kann man hierüber aus den betreffenden Kreisen manche Klagen hören. Trotzdem soll also diese „Verjüngung" der Armee fortgesetzt werden und steht da im Interesse deS Säckels der Steuerzahler wie im Hinblick auf den wachsenden Mißmuth in den Rethen der verabschiedeten Offiziere wenigstens zu erwarten, daß die Militärverwaltung hierbei nur unter sorgfältiger Prüfung der einzelnen Fälle vorgehe.
— Die Cholera-Krankheit im preußischen Weichselgebiet kann jetzt als wieder erloschen bezeichnet werden, da feit einigen Tagen kein Cholerafall mehr daselbst vorgekommen ist.
Ausland.
— Die Meldungen vom ostasiatischlsn Kriegsschauplätze entbehren seit ein paar Tagen des größeren Interesses. Einzig bemerkenöwerth ist vielleicht die Nachricht von der am 29. Juli erfolgten Erstürmung der chinesischen Verschanzungen bei Assan durch die Japaner, indessen kommt diesem Vorgänge sicherlich nicht die Bedeutung einer entscheidenden Action zu. Unbestätigt ist noch die Meldung, der zufolge die Japaner abermals drei chinesische Kriegsschiffe weggenommen haben sollen. Von dem wachsenden Haste zwischen den beiden kriegführenden Völkern zeugen verschiedene Vorfälle, wie die fortgesetzten Prügeleien zwischen den Chinesen und Japanern der untersten Volksschichten in den chinesischen Hafenstädten, der Angriff erregter Soldaten auf den Gesandten und den Consul Japans bet deren Abreise von Tientsin, weiter der Anfall auf die aus Peking zurückkehrenden Mitglieder der japanischen Gesandtschaft durch Pöbelhaufen in Baku und die Mißhandlung der chinesischen Einwohner in Koba (Japan) durch die dortige eingeborene Bevölkerung beweisen. Li-Huug Chang, der schier allmächtige Premierminister Chinas, soll wegen der Schlappen Chinas zur See gegenüber Japan in Ungnade beim Chinesenkaiser gefallen sein, es heißt indessen, daß zum Sturze Li Hung- Changs, der ein warmer Freund der europäischen Cultur
Feuilleton. I
Wetterpropheten aus dem Lhirrrriche.
Von Friedrich Thieme-Jena.
(Fortsetzung.)
Man wird also wohl darauf verzichten wüsten, auf dem Wege der Beobachtung des Benehmens einzelner Thiere zur Auffindung untrüglicher Wetterregeln zu gelangen, höchstens dürfte der erfahrene Beobachter — allein keineswegs mit unumstößlicher Gewißheit — auf bald bevorstehenden Wetter- änderungen, deren Anzeichen schon vorhanden oder doch für manche Thiere bereits empfindbar sind, schließen können, da- gegen ist die Gabe der Verkündigungtzdes Wetters für fernliegende Perioden, z. B. die Vorhersagung heißer Sommer oder kalter Winter, den Thieren ebensowenig beschieden als den Menschen.
Der Zufall spielt wie überall auch bei dem Eintreffen derartiger Prophezeiungen seine bekannte Rolle, wenn auch nicht in Abrede gestellt werden kann, daß ein scharfer und erfahrener Naturbeobachter aus der Zusammenstellung verschiedener äußerer Anzeichen des Oefteren zu richtigen Deutungen gelangt. Der Landmann und der Jäger haben beispielsweise einen weit richtigeren Blick für das Wetter, als der weniger zur Beobachtung veranlaßte Städter, während unter ersteren, wie schon erwähnt, wieder der den größten Theil seiner Zeit im Freien zubringende Schäfer als Wetter- phrophet eine hervorragende Rolle spielt.
Unter den Thieren, welche als Wetterverkündiger geschätzt werden, erfreuen sich einige eines ganz besonderen And festbegründeten Rufes, so der Laubfrosch, der Blutegel, die Mücken und die Spinnen. Die letzteren sind, wie Profestor Taschenberg schreibt, in der That „gegen
Aenderung im Gleichgewicht der Lust, gegen Aenderungen in den Strömungen derselben empfindlich und zeigen diesen Wechsel, mit welchem sich sehr häufig auch das Wetter ändert, auf sechs bis acht Stunden vor dem wirklichen Eintritt an. Vorzugsweise haben sich die angeftellten Versuche auf die Kreuzspinne und auf die Haus spinne bezogen. Zerreißt die Kreuzspinne die Grundfäden ihres RadeS nach einer bestimmten Richtung hin und verbirgt sich dann, kriechen die Hausspinnen tief in ihre Röhre und drehen die Hinterleibsspitze nach einer bestimmten Gegend, dann ist auf bald eintretenden heftigen Wind auS jener Gegend zu rechnen. Befestigt aber erstere die Fäden des Rahmens wieder und nimmt eine wartende Stellung ein, kommen letztere mit vorwärts gerichtetem Kopfende zum Eingänge der Röhre und strecken die Beine, wie zum Fange gerüstet, daraus hervor, so kann man die Rückkehr des Ruhestandes der Atmosphäre annehmen."
Ueber die Eigenschaft der Spinnen als Wetterpropheten existtren eine Menge erstaunlicher Anekdoten; hier sei nur eine erwähnt, welche BommeliS „Thierwelt" entnommen ist:
„Im Jahre 1794 rückte der französische General Pichegru zur Niederwerfung des aristokratischen Regiments in Holland ein. Das Glück zeigte sich dem republikanischen Heere günstig, bis im December infolge des endlosen RegenS das Land förmlich unter Wasser gesetzt wurde und man an den Rückzug denken mußte. Da ließ ein von den Holländern gefangen gehaltener Offizier dem Revolutionsheere die Nachricht zugehen, daß, wie seine Spinne ihm angezeigt, eine große Kälte bevorstände. In der That traf solches zu. Die Franzosen konnten auf dem Eise von Neuem Vordringen und dabei auch den „spinnebedeutenden Wahrsager" aus seinem Gefängnisse zu Utrecht befreien."
Für diejenigen unserer Leser, welche selbst Versuche an-
| stellen wollen, lassen wir eine genaue Anweisung zum Ver- ständniß deS „Spinnenbarometers" folgen. Die als beste und sicherste Wetterprophetin geltende schöne und große Kreuzspinne, die ihr radförmigeS Netz in freier Luft über offene Fenster und Thüren oder vor dem Fenster von einem Blumenstock zum andern spannt, prophezeit
Wind und Sturm, wenn sie gar nicht spinnt, wenn sie nur die Speichen ihres Rades anfertigt, ohne die zirkelförmigen Fäden um den Mittelpunkt desselben zu legen; wenn sie plötzlich einen Theil ihres Nestes zerstört und sich in einem Schlupfwinkel verkriecht;
Regen, wenn sie gar nicht spinnt oder ihre Hauptfäden sehr kurz macht, also nur ein kleines Netz anlegt;
Veränderliches Wetter, wenn sie nur schwach und im kleinen arbeitet;
Auffallend schönes Wetter, wenn sie große Netze und diese namentlich über Nacht baut, so daß man dieselben am frühen Morgen schon fertig sieht; wenn sie ihre Haut ablegt und fleißig Eier legt.
Bei den Winkelspinnen, welche ein dreieckiges Nest in den Ecken und Winkeln der Häuser bauen, deutet eö auf gutes Wetter, wenn sie auS ihrem Gewebe den Kopf zeigen und die Füße weit vorstrecken; auf Regen, wenn sie sich tu ihrem Gewebe ganz umkehren und den hinteren Theil ihres Körpers zeigen.
Die Winter spinne ist diejenige Winkelspinne, welche im Zimmer und Ställen überwintert. Sie prophezeit Kälte, wenn sie aus ihren Winkeln und Geweben hervorkommt und sehr unruhig ist; sie prophezeit in 8—10 Tagen eintretende anhaltende und große Kälte, wenn sie in der Nacht ein oder mehrere Gewebe übereinander macht.
(Schluß folgt.)


