Ausgabe 
9.2.1894 Zweites Blatt
 
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Freitag den 9. Februar

Aints- und Anzeigeblutt für den Tkveis Gieren.

| Hratisbeilage: Hießener Aamikienökatter.

Feuilleton

Uanatzm« oob Änjcigeii zu der Nachmittag« für de» folgenden Lag erscheinenden Nummer bi« Bonn. 10 Uhr.

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Literatur und Aurrft.

Mode.^ Das soeben erschienene 9. Heft bringt

aus dem Umschläge zwei farbige Balltoiletten für junge Damen, sowie einen ganz reizenden Strahenhut. Die Abbildungen im Texte sind theils dem (Karneval, theils den Ansorderungen deS Nachwinters gewidmet und stehen ausnahmslos auf jener Höhe, welche man bei den Leistungen dieses vornehmen ModeblatteS gewohnt ist. Der Handarbettstheil rechtfertigt die Thatsache, daß die Ausstellung der Wiener Mode" in Chicago mit einem Preise ausgezeichnet wurde.

Vermischtes.

Ausstellung vou Motoren und HUfSmaschineu für daS Kleingewerbe. Den Motoren« und Specialmaschinen-Fabriken Deutschlands bietet sich dieses Jahr eine äußerst günstige Gelegenheit zur Documentirung ihrer Leistungsfähigkeit durch die mit der Thüringer Gewerbe- und Industrie-Ausstellung in Erfurt verbundene Zusammenstellung und Jnbetriebhaltung von Musterwerkstätten für daS Kleingewerbe, zu welchem Theil der Ausstellung Aussteller auS ganz Deutschland zu­gelassen werden. ES soll dabei den Gewerbetreibenden nicht nur gezeigt werden, welche Menge von nützlichen und für den zeitgemäßen Gewerbebetrieb notwendigen Hilfswerkzeugen ihnen zu Gebote stehen, sondern es soll auch die practische Anwendung der besten Hilfsmittel in denkbar natürlicher Weise veranschaulicht und die Werkstätten der verschiedensten Gewerbe in vollem Betrieb vorgeführt werden. Die An­meldungen zu dieser sogenanntenSonderabtheilung" zeigen, daß die dabei interessirten Kreise ,bcr Maschinenindustrie von der Bedeutung und Nützlichkeit einer solchen Ausstellung voll und ganz überzeugt sind. Namentlich sind die renommirtesten Specialfabriken für Holzbearbeitungs-Maschinen, für Buch­druck« und Buchbinderei-Maschinen, für Eisen- und Metall­bearbeitung vertreten. Auch Betriebsmotore, die bis zu sechs Pferdestärken zugelassen werden, sind in jeder Art und Größe angemeldet und den Werkstattbetrieben zur Verfügung gestellt. Da im lausenden Jahre eine irgendwie namhafte anderweitige Gelegenheit zur Ausstellung von Erzeugnissen der deutschen Maschinen-Jndustrie nicht vorhanden ist, so dürste der deutsche Maschinenbau, soweit er sich mit Herstellung von Special­maschinen und Motoren für daS Kleingewerbe befaßt, in Erfurt vollzählig vertreten sein und die Concurrenz in diesem Theil der Landes-Ausstellung eine äußerst rege und interessante werden.

Eine Erinnerung von 1870. Die Verurteilung der französischen Spione bietet unserer Nachbarpresse noch immer den Vorwand zu gehässigen Ausfällen. Zweifel­los würde die auf diesem Gebiete eine drakonische Strenge bekundende französische Gesetzgebung gegebenen Falles in der rücksichtslosesten Weise zur Anwendung gebracht werden. Bis jetzt ist indeß die Suche nach deutschen Spionen ohnen allen Erfolg geblieben. Unwillkürlich wird uns hierbei, so schreibt dieKöln. Volksztg.", die Art der einzigen Verurtheilung

Bei der Revision.

Humoreske von Hugo Märker.

(Nachdruck verboten.)

Was hast Du, Väterchen? Ist Dir etwas Unangenehmes passiert?"

Das junge Mädchen, das diese Worte sprach, hob ihre schönen Augen von der Näharbeit auf und blickte ihren Vater an.

Der Herr Gerichtssecretär und Revisor Klattermann kehrte allerdings mit sehr mißmuthigem Gesichte heim. Dies hinderte ihn jedoch nicht, seinen Stock genau in die Mitte zwischen zwei andere zu stellen und seinen Hut, nachdem er ihn mit einer Bürste überstrichen, sehr ordentlich aufzuhängen.

Es ist nichts von Bedeutung, mein Kind!" sagte er hierauf, betrat das Nebenzimmer und verrauschte seinen schwarzen Rock mit einem leichten HauSgewande.

Bald darauf wurde das Mittagesien von der Frau Secretär und ihrem Mädchen aufgetragen und die kleine Familie nahm am Tische Platz.

Auch der Frau Klattermann fiel der finstere Gesichts- ausdruck ihres Gatten auf.

Nun, lieber Karl," fragte sie,Du hast gewiß wieder eine Revisionsreise vor?"

Na ja,"'brummte der Secretär und zupfte an seiner schwarzen Halsbinde.

Und wohin geht es denn?"

Nach Blankheim."

Das junge Mädchen zuckte zusammen und erröthete, auch ihre Mutter erschrak ein wenig.

Die Gerichtskasie zu revidiren?" fragte sie nach kurzer Pause.

Was denn sonst? Ich soll doch nicht etwa dort die Hühner controliren, ob sie Eier legen?"

Ja, solch eine Reise ist immer recht störend, sie bringt Einen aus der gewohnten Ordnung," seufzte die Gattin ein­lenkend und brachte das Gespräch auf einen anderen Gegenstand.

Wiewohl ergrimmt, setzte sich der Vater der Familie

eines Deutschen während des Krieges 1870/71 in die Er­innerung gerufen. Dor der (Kapitulation von Metz war die Festung Diedenhofen nur von einer dünnen Cernirungökette umschlossen. Ernste Unternehmungen waren von deutscher Seite ganz unmöglich. Die einer Truppe ausgezwungene Unthätigkeit führt gewöhnlich zu dummen Streichen. Fähnrich Andersen von den 4. Pommerschen Ulanen war in Garsch bei dem dortigen Bürgermeister Bauer einquartirt. Ueber die Diedenhofener Verhältnisse waren die Cernirungs-Truppen theils infolge des Verkehrs der Außenorte mit der Stadt, theils infolge mehrerer Scharmützel, ganz genau unterrichtet. Die FestungSthore wurden damals noch nicht verschloffen ge- halten. Andersen, des Französischen mächtig, bestimmte den Bürgermeister Bauer, als besten in einem Bauernkittel ver­kleideter angeblicher Neffe, mit ihm nach Diedenhofen zum Frühschoppen zu gehen. Ungehindert kamen beide in die Stadt und kehrten hier gleich unbehelligt in mehrere Wirths- häuser ein. Ihnen zufällig begegnende Schulkinder aus Garsch erkannten Andersen. Er, wie der Bürgermeister wurden ver­haftet. Nach einem anfänglichen Leugnen gestand Andersen. Obwohl es klargelegt wurde, daß es sich nicht um Spionage, sondern um einen aus jugendlichem Unbedacht und Uebermuth unternommenen Streich handelte, wurden beide zum Tode verurtheilt. Die Damen der Stadt hatten Edelmuth genug, den Oberst Turnier als damaligen Commandanten wiederholt um Gnade für das junge Blut zu bitten. Andersen, alle Verantwortlichkeit auf sich nehmend, suchte den Bürgermeister Bauer, der bloS sein harmloser Begleiter gewesen war, zu retten. Auch von deutscher Seile wurde der nachhaltigste Versuch gemacht, Begnadigung zu erwirken. Alles vergeblich! Am Frühmorgen des 29. October, eine Stunde vor dem Eintreffen der Nachricht von der (Kapitulation der Festung Metz, wurden die beiden Verurtheilten in geschloffenem Wagen zum Glacis an der unteren Schleuse hinausgeführt und angesichts der ganzen Garnison erschossen. Mit einem Hoch auf sein Vaterland brach Andersen tödtlich getroffen zu­sammen.

* Etwas Bierstatistik. Eine neuerdings in Paris erschienene amtliche Statistik enthält einige bemerkenswerthe Ziffern über die Erzeugung und den Verbrauch von B i e r. Die Bierproduction von Europa wird hiernach auf jährlich 138 Millionen Hectoliter geschätzt. An der Spitze der bierbrauen- den Länder steht natürlich Deutschland mit 47 602939 Hecto-

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Itter (diese und die folgenden Ziffern gelten für das Jahr 1892); davon kommen 28 655 975 auf Norddeutschland, 15 325 791 auf Bayern, 3153511 auf Württemberg, 2508 704 aus Bade» und 759 258 auf Elsaß-Lothringen. An zweiter Stelle folgt Großbritanien mit einer Production von 38 852 991 Hecto­liter ; dann kommt Oesterreich mit 23 728431 Hectoliter, darunter Böhmen, das Land des besten Hopfens, mit 5 Mill., und Niederöfterreich (Wien) mit 2 Millionen Hectoliter. An vierter Stelle kommt Frankreich mit einer Production von 10 Millionen Hectoliter. Natürlich ist die Production im Norden, wo man der Heimath deS Gambrinus näher tritt, stärker als im Süden. An der Spitze steht Lille mit jährlich 286 000 Hectoliter; Paris braut 263 000, Roubaix 199 000 Nourcoing 97000, Amiens 65000, Dunkerque 60000 usw. Im Norden Frankreichs kommen denn auch beim Consum so stattliche Ziffern heraus, daß sich Bayern besten nicht zu schämen hätte. So jährlich auf den Kopf in Lille 339 Liter, in Saint Quentin 240 Liter. Ungefähr so viel Bier wie das große Frankreich braut und verzehrt das kleine Belgien, nämlich 10 Millionen, was auf den Kopf 166 Liter ausmacht. Für daS Vaterland des GambrinuS nicht zu viel. Die Productionsziffern für die anderen Länder sind: Dänemark 2186 000, Norwegen 1712 000, Rußland 2 928 573, Schweiz 1 186423, Spanien 1025000, Italien 137 715, Türkei 140000, Rumänien 100000, Luxemburg 93 250, Serbien 93000 und Griechenland 6700 Hectoliter. Außerhalb Europas wird das meiste Bier in den Vereinigten Staaten produziert: 36 918 614 Hectoliter, fast so viel wie in Großbritannien. Außerdem sind noch zu erwähnen: Japan mit 220000, Australien mit 1611000 und Algier mit 25 000 Hectoliter. Sämrntliche produzirte 138 Mill. Hectoliten werden natürlich auch consurnirt. Man sieht: wenn einerseits der Durst nicht aufhört, so fehlt eS anderseits nicht an Mitteln, ihn zu Men.

Der fieftener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme be« Montags

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Gießener Anzeig er

Kenerat-Wnzeiger.

Mutter nicht in der Nähe wäre, sann mit erglühenden Wangen nach und erhob sich endlich, um einen Brief zu schreiben. Mancher Seufzer drängte sich dabei über ihre Lippen. Nach- dem sie den Brief vollendet hatte, trug sie ihn selbst zum nächsten Briefkasten.

Am nächsten Morgen, genau fünfzehn Minuten vor Ab­gang des Zuges, erschien Klattermann auf dem Bahnhofe. Im Coupe blickte er bisweilen nach seiner stets richtig gehenden Uhr, um die Frühstückszeit genau einzuhalten. Es fehlte noch eine Viertelstunde an der gewohnten Zeit, als der Zug in einen Tunnel einfuhr. Dies hinderte den pünktlichen Secretär nicht, sein Frühstück im Stockfinstern zu beginnen.

Dem Gerichtsboten, der ihn am Bahnhofe in Blankhetm erwartete, übergab er seine Reisetasche mit der Ermahnung, sie nicht zu schütteln. Mit dem festen Vorsätze, seiner Würde nicht das Mindeste zu vergeben, am wenigstem dem Assessor Herber gegenüber, trat er den Weg zum Amtsgericht an.

Zunächst stellte er sich dem Amtsgerichtsrath, einem jovialen Herrn, sehr förmlich vor und begab sich dann ms Kastenzimmer, um in Gegenwart

zu beginnen. Zuerst legte er feine^Reisetasche, die bei: diener gebracht hatte, sehr ordentlich auf den Ttsch und schloß sie ernst und feierlich auf. Hierauf griff der Herr GerichtS- ecretär langsam und würdevoll in das Innere der %aW und holte eine ganze Handvoll Stricknadeln, Mufikalien und einen Fingerhut hervor. Erstaunte nun der daneben stehende Kastenbeamte, so entsetzte sich der Secretär geradezu darüber. Endlich, nachdem er eine Zeitlang völlig verstummt gewesen war, fand er Worte.

Dieser bedauerliche Jrrthum beruht auf einem Versehen von Seiten meiner Tochter, der ich den Auftrag ertheilt hatte, meine Schreibmaterialien In vorliegende Reisetasche zu packen. Ich ersuche Sie, werther Herr College, über den so unliebsamen Zwischenfall Stillschweigen zu bewahren.

Der Kassenbeamte, der mit einem Lachanfalle kampste, versprach dies, war jedoch froh, als der Revisor bie Tasche einer gründlichen Prüfung unterzog und er hinter ,einem Rücken sein Lachen ausschütten konnte.

(Schluß folgt.)

doch nach Tische, wie dies seine Gewohnheit war, in eine Ecke des Sophas, nahm einige Augen voll Schlaf und zündete sich dann eine Cigarre an. Wie alle Tage, ließ sich dann auch sein hübsches Töchterlein am Clavier nieder, um ihrem Väterchen" die Sorgen wegzuspielen. Heute gelang ihr dies nicht; düsteren Antlitzes starrte der Herr Secretär seinen Rauchwölkchen nach. Endlich fühlte er das Bedürfniß, sich auszusprechen.

Diese Revision ist mir besonders deßhalb fatal," begann er,weil ich natürlich mit dem Assessor Herber Zusammen­treffen muß."

Nun,- entgegnete Frau Klattermann,er wird Dir doch gewiß immer höflich und liebenswürdig entgegenkommen."

Das schon, aber Du weißt, ich kann ihn nicht leiden, er hat keinen Ordnungssinn, und dann diese Liebelei mit Bertha, als er noch hier arbeitete"

Nun gestatte mir, die beiden haben sich gern, es wäre ein ansehnlicher Schwiegersohn"

Höre mir damit auf," erwiderte der Secretär erregt, nun und nimmer! Da könnte ich ja womöglich in die Lage kommen, meinen Schwiegersohn als Vorgesetzten begrüßen zu müssen. Und das wäre mein Letztes!"

Was findest Du nur Schlimmes dabei?" fuhr die Gattin fort, auf demselben besprochenen Thema verharrend, der Assessor ist unabhängig, Bertha ist unsere Einzige"

Nein und abermals nein I rief da der Secretär sehr resolut, indem er emporsprang und mit großen Schritten auf und ab ging,und nun kein Wort mehr davon!"

Mit einem stillen Seufzer ergab sich Frau Klattermann in das Unabänderliche. Genau dreizehn Minuten vor drei Uhr erhob sich nach seiner Gepflogenheit der Herr ©ec- retär aus seiner Sophaecke, in die er mittlerweile wieder zurückgesunken war, zog den schwarzen Rock an, ergriff Hut und Stock und begab sich würdevoll nach dem Bureau.

Bertha beschäftigte sich wieder mit ihrer Arbeit, doch manches Mal rasteten die fleißigen, fernen Finger und der Blick des hübschen Mädchens hing traumverloren an den Blumen, die den Fenstersitz schmückten. Plötzlich kam es wie eine Eingebung über sie, eine neue Idee schien sich ihrer zu

1 bemächtigen. Sie lackte auf, sah sich dann sckeu um, ob die