Nikolaus eine schmeichelhafte Antwort mit dem Auftrage, auch ihm, dem Czaren Nikolaus, seine ausgezeichneten Dienste zu leisten.
Petersburg, 5. November. Professor Leyden ist der St. Annenorden 1. Klasse verliehen worden.
Petersburg, 5. November. Laut einer hiesigen Blätter» Meldung hat der Krtegsminister an sämmtliche Corpscomman- danten einen Erlaß gegen die Beschimpfung und Mißhandlungen der Mannschaften gerichtet.
Petersburg, 5. November. Die deutsche Colonie veranstaltet heute in derPetrikirche einen Trauergottesdienst, an welchem der deutsche Botschafter und daS gesammte Botschaftspersonal theilnehmen werden.
Petersburg, 5. November. Die Section der Leiche des Czaren bestätigte die Diagnose Leydens, Sacharjins und deren Collegen, die bescheinigt hatten, daß die unmittelbare Todesursache eine Herzlähmung infolge der Wirkungen der Nierenkrankheit und der Entzündung der linken Lunge sei. Der Leichenzug wird ungefähr am 8. November von Livadia abgehen und in den Städten Sewastopol, Simferopol, Charkow, Tula, Orel und Moskau halten.
Petersburg, 5. November. Auf der Wladikawskabahn entgleiste ein Personenzug. Mehrere Beamte wurden getödtet. Biele Passagiere trugen mehr oder minder schwere Verletzungen davon.
Sofia, 5. November. Freudige Uebervaschung verursacht die Thatsache, daß Czar Nikolaus die Beileids- dcpesche des Fürsten dankend und mit Ausdrücken des größten Wohlwollens erwidert hat. Niemand zweifelt nunmehr daran, daß eine vollständige Aussöhnung Rußlands und Bulgariens und die Anerkennung des Fürsten innerhalb der kürzesten Frist erfolgen werde.
H- Darmstadt, 6. November. Der Großherzog reist am 14. November zur Beisetzung des Kaisers Alexander nach Petersburg. Die Beisetzung findet am 16. November statt.
Coeofc* rrirö LrovLirzielles
Gießen, den 6. November 1894.
** Empfang. Die in Darmstadt ansässige Schriftstellerin Fräulein Dr. Ella Mensch hatte neulich die Ehre, in längerer Audienz von Sr. Königl. Hoheit dem G r o ß h e r z o g empfangen zu werden, der sich mit der Dame aufs gnädigste unterhielt und auch geruht hat, die Widmung des neuesten Werkes derselben („Der neue Curs in Kunst, Litteratur, Theater" Verlag Levy und Müller, Stuttgart) anzunehmen.
** Ehrung, lieber eine seltene Ehrung berichtet die „Freiburger Zeitung" in ihrer Nr. 250. Da der Gefeierte früher unserer Universität angehörte und noch heute durch vielfache Beziehungen mit Gießen eng verbunden ist, so geben wir einen Auszug aus dem Berichte hier wieder. Das Blatt schreibt: Unsere Alma Mater Alberto Ludoviciana feierte vorgestern ein großes Fest. Herr Geheimerath Professor Heg ar feierte sein 30jähriges Profesioren-Jubiläum, und die Studentenschaft benutzte diese Gelegenheit, um dem allbeliebten Lehrer, der als Gynäkologe einer Art Weltruhm genießt und ein leuchtender Stern am Gelehrtenhimmel unserer Universität ist, ihre Verehrung und Dankbarkeit zu bekunden. Eine engere Feier veranstalteten die zahlreichen Hörer des Herrn Jubilars schon Vormittags 8 Uhr in dem Hörsaal der Gynäkologischen Klinik. Der große weite Saal war mit Hörern dicht gefüllt. Als Herr Geheimerath den Saal betrat, wurde er nach studentischer Art mit lautem, lanflanhaltendem Trampeln begrüßt. Dann trat Herr cand. med. Sellhetm vor und überbrachte dem Herrn Jubilar in warmen Worten die Glückwünsche der versammelten Hörer und wies auf die hohen Verdienste des Herrn Jubilars um die Gründung und Leitung der Gynäkologischen Klinik hin. Daraus hielt Herr Geheimerath eine kurze, aber bedeutsame Ansprache. In der Ehrung, die ihm soeben zu Theil geworden sei, sehe er einen Beweis dafür, daß die Art und Weise, wie er den Unterricht in der Gynäkologie ertheilt habe, Anerkennung und Würdigung gefunden hat. Sein Grundsatz sei immer gewesen, daß die Gynäkologie nicht als eine Spezialität, als etwas von der übrigen Medizin Abgesondertes betrachtet werden müsse, was zum Nachtheil der Gynäkologie und der übrigen Medizin vielfach geschehen sei. Langanhaltender Beifall gab sich nach Beendigung der be- herzigenswerthen Ausführungen kund. — Den Glanzpunkt der ganzen Feier im eigentlichsten Sinn des Wortes bildete jedoch der Fackelzug. Unter den Klängen flotter Märsche setzte sich derselbe in Bewegung. Als die Spitze des Zuges an der Wohnung des Herrn Jubilars in der Friedrichstraße angekommen war, verließen die Spitzenreiter und die Char- girten mit den Fahnen ihre Plätze im Zug und stellten sich im Halbkreis vor der Wohnung des Herrn Jubilars auf. Es war ein farbenprächtiges, malerisches Bild, das verdient hätte, von ^Künstlerhand festgehalten zu werden. Als die Chargirten sich aufgestellt hatten, begaben sich die drei Depu- tirten in die festlich beleuchtete Wohnung des Herrn Geheimrath, welcher inmitten einer auserlesenen Gesellschaft von Damen und Herren die Vertreter der Studentenschaft empfing. Zuerst begrüßten die Herren Deputirten einzeln Namens ihrer Ausschüsse den Herrn Jubilar, dann hielt Herr «and. med. Liesau die offizielle BegrüßungS- und Beglückwünschungsrede. Zum Schluß trat er an das Fenster, sprach einige begeisterte Worte an die unten versammelten Commili- tonen und brachte ein Hoch auf Herrn Geheimrath Prof. Hegar aus. Laut halten die Hochrufe der Untenstehenden wieder und alsbald begann die Musik eine Strophe des Gaudeamus zu spielen. Als die letzten Klänge des LiedeS, daS einen feierlichen Eindruck machte, verhallt waren, trat Herr Geheimerath ans Fenster und hielt eine tiefempfundene Ansprache. Nach Beendigung der Rede trat Herr Geheimerath wieder vom Fenster zurück und unterhielt sich noch eine Zeit lang aufs freundlichste mit den Herren Vertretern der
Studentenschaft und entließ sie schließlich mit dem wieder- holten Ausdruck des Dankeß für die dargedrachte Ovation. Der Zug selbst entfaltete allen studentischen Pomp und war so prächtig, als man in Freiburg je gesehen hat.
* * Neues Theater. Es wird uns die Mittheilung, daß wegen Krankheitsfall heute Dienstag statt des angesetzten Lustspiels „Cornelius Voß" (welches auf Freitag den 9. ds. verlegt wurde) dafür das so beifällig aufgenommene Lustspiel „Der Herr Senator" letztmals zur Aufführung gelangt.
* * Feuer. In verflossener Nacht gegen 11^ Uhr brach in der im Neustädterfeld belegenen Feldscheune des Oeconomen Schwan Feuer aus und zerstörte dieselbe in ganz kurzer Zeit vollständig. Die alsbald an der Brandstelle erschienenen Feuerwehren brauchten nicht einzugreifen, da die Scheune isolirt im Felde stand und sonstige Gebäude sich in der Nähe nicht befanden. Der Eigenthümer hatte nur einen Theil des Inhalts versichert und erleidet einen nicht unerheblichen Schaden. Brandstiftung liegt vor und wird hoffentlich der Thäter seiner verdienten Strafe nicht entgehen.
* * Betrug. Gestern wurde ein früherer Beamter wegen Betrugs gefänglich eingezogen. Derselbe hat sich längere Zeit Hier aufgehalten und sich unter falschen Vorspiegelungen bei Wirthen und auch bei Privaten Geld und Logis zu verschaffen gewußt.
* * Oktroi-Statistisches. Im Rechnungsjahre 1893/94 vereinnahmte die Stadt Darmstadt an Octroi (nach Abzug der Rückvergütungen 2c.) 519709,93 M., Offenbach 265204,91 M., Gießen 96425,16 M.. Alsfeld 4224,50 M., Friedberg 9045,82 M., Lauterbach 2169,09 M., Mainz 556 525,44 M., Wormö 163119,88 M.
* * JuvaliditätS- und Altersversicherungsanstalt betreffend. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Aller- gnädigst geruht, am 3. November den Regierungsaffesfor Ernst Böckmann aus Zwingenberg zum zweiten Beamten bei der Jnvaliditäts- und Altersversicherungsanstalt „Groß- herzogthum Hessen" unter Verleihung des Titels „Amtmann" zu ernennen.
* * Sparkaffeustalistik. Ende des Jahres 1892 betrugen bie Guthaben einschließlich der gutgeschriebenen Zinsen in sämmtlichen Sparkaffen des Großherzogthums Hessen 134,779,768.01 Mk., wovon auf die Provinz Starkenburg 65,827,564.11 Mk., auf Oberhessen (welches die meisten Sparkassen hat) 23,170,858.76 Mk., auf Rheinhessen 45,781,345.14 Mk. entfallen. Die Zahl der Einleger betrug in Starkenburg 97,719, in Oberhessen 43,817, in Rheinhessen 49,099; es kommen auf 1000 Einwohner Einleger bczw. Sparkassenbücher: in Starkenburg 228.94, Oberhessen 164,04, Rheinhessen 156,84. Auf einen Einleger kommt an Einlage in Starkenburg 154,22 Mk., in Oberhcssen 86,75 Mk., in Rheinhessen 145,71 Mk. Die Gießener Spar- und Leihkasse hatte am Anfang des Jahres 1892 einen Bestand von 8286 Einlagen, es gingen zu im Laufe des Jahres 1434, ab 1915, so daß am Ende des Jahres 7805 Einlagen vorhanden waren. An Einlagenzudenvorhandenen 4,182,352.33M. gingen zu 1,062,637.81 Mk., ab 623,429.77 Mk., so daß für 1892 ein Bestand von 4,621,560.32 Mk. vorhanden war. Der Kaffebestand betrug 45,214.61 Mk., die ausgeliehenen oder verzinslich angelegten Kapitalien 4,863,632.36 Mk., der Reservefond 390,819.93 Mark.
Vermischtes.
* Marburg, 3. November. Gestern wurde der neu erbaute Ostflügel der Frauenklinik und Hebammen- Lehranftalt in Gegenwart von Professoren und Docenten der medicinischen Facultät, der Spitzen der Behörden und eines zahlreichen geladenen Publikums eingeweiht. An den Einweihungsact schloß sich ein Festmahl an. Dem Director der Anstalt, Herrn Prof. Dr. Ahlfeld, wurde aus Anlaß der Einweihung der Titel Geheimer Medicinalrath verliehen.
* Schwelm, 2. November. Der auf der „Weuste" bei Schwelm wohnende Landwirth H. warf gestern nach dem Ausladen von Dünger die schwere Gabel achtlos in die Ecke. Dabei trafen die Spitzen der Gabel das achtjährige Kind des Bauern, das dort ohne Wissen des Bauern unter Stroh Verstecken spielte, in den Kopf. Nach kurzer Zeit war das Kind tobt.
* Braunschweig, 2. November. Ländliche Halsabschneider auf der Anklagebank. Ein großer Wucherproceß spielte sich am Mittwoch und Donnerstag vor der ersten Strafkammer ab. Unter der Anklage des gewohnheits« und gewerbsmäßigen Wuchers standen der Landwirth Friedrich Pi Po, 59 Jahre alt, und fein 28jähr. Sohn Karl, in Lengede wohnhaft. Beide haben durch Geldgeschäfte in den Dörfern um Braunschweig, Peine und Hildesheim bie kleinen Bauern und Gewerbetreibcnben förmlich ausgesogen - ihrem Raffinement bankten sie lange bie ungehin- berte Ausübung ihrer halsabschneiberischen Praktiken, die, was den alten Pipo betrifft, mindestens bis ins Jahr 1872 zurück nachweisbar sind. Aus der Beweisaufnahme geht hervor, daß Pipo sen. fein Geld an alle möglichen Geld» bedürftigen auf dem Lande in Summen von 75 bis 6000 Mk. auSlieh und daß er sich dafür Schuldscheine ausstellen ließ, durch die sich der Schuldner verpflichtete, das Darlehen in drei Monaten gegen 5 bis 6 Procent Zinsen zurückzuzahlen, außerdem aber im Falle nicht pünktlicher Rückzahlung Strafzinsen bis 131/3 Procent zu leisten; diese Schuldscheine hatten die Schuldner auszustellen, nachdem ihnen Pipo Provision „nach Uebereinfunft", Wege», Schreib- und Stcmpelgedühren schon bei Auszahlung des Darlehens in Abzug gebracht hatte- daß P. einen 40 Pfennig-Stempel mit 10 Mark in Anrechnung brachte, war nichts Seltenes. So war es denn nicht zu verwundern, daß in Wirklichkeit die Zinsen 38, ja 50 Procent und darüber betrugen. Ein Brinksitzer z. B. hatte im Jahre 1872 von Pipo sen. 600 Mk. geliehen und das Capital bis 1885 regelmäßig verzinst. Vier Jahre später mußte der Mann einen Schuldschein über 1200 Mk.
ausstellen, und als er nun bas ursprüngliche Darlehen mit 600 Mk. zurückzahlte, mußte er zu seinem Entsetzen hören, baß er noch immer 1200 Mk. zu zahlen unb diese ent= sprechend weiter zu verzinsen habe. In raffinirter Weise wußte bie Familie Pipo zu verhinbern, baß so ein unglück- licber Schulbner sein Darlehen pünktlich zurückzahlte, um bie gefürchteten Strafzinsen zu vermeiden. Erschien er zu dem Zwecke in Lengebe, so war^berjenige Pipo, der daS „Geschäft" gemacht, zufällig nicht anwesend unb ber Schulbner würbe mit Jammt dem Gelbe heimgeschickt in ber stillen Hoffnung, daß der Mann es verausgaben und in den Klauen der Wucherer sitzen bleiben werde. Im Uebrigen ergibt die Beweisaufnahme, wie auch das Plaidoyer des Staatsanwalts, daß die Pipos die Belastungszeugen in einer Weise „bearbeitet" haben, bie ihnen noch eine Anklage wegen Zeugenbeeinflussung einbringen wirb. Mit Rücksicht auf die lange Zeit, in ber sie ihr Unwesen getrieben unb auf bas unermeßliche Unglück, bas sie über große Gebiete Braunschweigs unb Hannovers gebracht, beantragt ber Staatsanwalt gegen Pipo sen- 5 Jahre Gefängniß, 5 Jahre Ehrverlust und 10,000 Mk. Geldstrafe, gegen Pipo jun. 2 Jahre Gefäng- niß, 2 Jahre Ehrverlust und, da dieser Gehilfe seines Vaters doch vermögenslos sei, nur 150 Mk. Geldstrafe. Nach längerer Berathung verkündete ber Gerichtshof bas Unheil bahin, baß wegen gewerbs- unb gewohnheitsmäßigen Wuchers Pipo sen. zu 1 Jahr 3 Monaten Gefängniß (unter Anrechnung von 3 Monaten auf erlittene Untersuchungshaft), 3000 Mk. Geldstrafe event. ferneren 300 Tagen Gefängniß und 3 Jahren Ehrverlust, Pipo jun. zu 9 Monaten Gefängniß, 1000 Mk. Geldstrafe event. ferneren 100 Tagen Gefängniß unb 2 Jahren Ehrverlust verurteilt seien. Gegen Beide würbe die sofortige Haft verfügt, Pipo jun. auf Gerichtsbeschluß aber anheimgestellt, nach Leistung einer Caution in Höhe von 100,000 Mk. sich vorläufig in Freiheit setzen zu lasten.
* Metz, 30. October. Ein Vorkommniß in der hiesigen höheren Töchterschule bildet das allgemeine Stadtgespräch. Die Tochter eines Obersten sollte in der Schule während der Pause die von ihr zu Boden geworfenen Papierschnitzel aufsammeln und weigerte sich dessen, und zwar auch dann noch, als die Lehrerin den Director herbeirief. Eine ältere Schwester der Ungehorsamen erklärte dem letzteren, der Vater habe ihnen verboten, derartiges selbst zu thun, dasjset Sache ber Dienstboten. Da bie beiben Mäbchen bei ihrer Weigerung blieben, würben sie vorläufig nach Hause geschickt. Die Folge biescs Vorkommnisses ist nun, baß eine Liste bei sämmtlichen Offizieren in Umlauf ist, um eine neue private höhere Töchterschule zu grünben. Die Betheiligung ist sehr groß, und wenn sich die Regierung nicht ins Mittel legt, werden wir hier zu Ostern so eine Art weiblicher Cadetten- anftalt bekommen.
* Die Besitzerin der ReichStagSbaukaeipe hat sich jetzt zur Ruhe gesetzt, nachdem bas bekannte kleine Gasthaus, welches innerhalb des Bauzaunes an ber Ecke gegenüber ber Hinbersin? straße stand, mit dem Zaune niedergeristen worben ist. Auf eine Weiterführung bes Geschäftes, das zu den lohnendsten seiner Art gehörte, in einem provisorischen Raume bis zur vollständigen Fertigstellung des neuen Reichstagsgebäudes hat bie Frau verzichten können. Als seiner Zeit ber Grundstein für bas letztere gelegt würbe, kam ber Ehemann ber Frau um die Erlaubnis zur Errichtung einer Restauration für die bei dem Bau beschäftigten Arbeiter ein. Dieselbe wurde ihm ertheilt, unb zwar ohne jebe Pacht, hingegen mit ber Bedingung, baß er auf eigene Kosten geeignete Räumlichkeiten Herstellen laste. Daraufhin ließ ber Restaurateur bas einstöckige, ziemlich geräumige Gebäude errichten, besten Kosten sich auf etwa 8000 Mark beliefen. Natürlich war bei ber großen Zahl ber ftänbig auf dem Riesenbau beschäftigten Arbeiter — etwa 300 im Durchschnitt — daS Geschäft ein äußerst gewinnbringendes. Unb so führte benn, als vor längerer Zeit der Besitzer besselben starb, seine Wittwe nebst den hinterlassenen Kinbern bie Baukneipe weiter fort, bis jetzt mit bem Fallen beß Bauzaunes auch bie« ein Enbe erreichte. Von bem burch den Reichstagsbau Erworbenen kann die Familie nun angenehm leben.
* Die Socialbemokratie wird durch daS uaverautwortliche Verfahren mancher Arbeitgeber förmlich groß gezüchtet, wie neueste Berichte zeigen. In B e r 1 i n lassen viele Mäntelschneiber ihre Arbeiten durch Lehrmädchen ausführen, um dadurch den Arbeitslohn zu sparen. Die „Lehrzeit" währt acht Tage bis vier Wochen- während dieser Zeit, für welche vielfach noch ein Lehrgeld von 10 bis 25 Mk. zu entrichten ist, lernen die Mädchen nichts, wüsten vielmehr ihre schon mitgebrachten Fähigkeiten bloß zu Gunsten des Fabrikanten ver- werthen. Der gleiche Betrug wird verübt im Cravattenfach, der Wäschebranche, der Perl-, Consection- und Plattstickerei, sowie überhaupt bei allen inbuftrieartig hergestellten Arbeiten dieser Art. Es muß gerabezu vor Anzeigen gewarnt werben, die bei kurzer Lehrzeit einen späteren hohen Wochenverdienst in Aussicht stellen. Aehnliches wird aus Mülheim a. Rh. berichtet, wo in einer Maschinenfabrik sämmtliche ältere Arbeiter mit wenigen Ausnahmen entlassen unb bie Maschinen mit Lehrlingen besetzt werden. Sobald die jungen Leute nun in ein Alter kommen, wo sie den ihnen zukommenden Verdienst erwerben wollen, sind sie gezwungen, die Arbeit zu verlassen, ' unb befinden sich als einseitig ausgebildete Menschen in schlechterer Verfassung, als ein ungelernter Arbeiter im gleichen Alter.
* Um eines Apfels willen sind in Mont arg is bei Orleans zwei Mordthaten vollsührt worden. Dort wurde an einem Morgen der Sohn des Pächters Jrnbert, an einem ; Baume hängend, mit einer Schlinge um den Hals, tobt auf» gefunben. Der Baum gehört zu dem Terrain des Obst- züchters Bibiges, ber ehedem aus Algier nach Orleans verzogen war, und der seit langer Zeit baß Kinb beschuldigte, ihm seine Aepfel zu stehlen. Da ber kleine Jmbert noch als Leiche ein Apfelstück im Munbe hatte, so wurde angenommen, baß kein anderer als Bibiges in seinem Zorne den Mord


