1894
261 Erstes Blatt. Mittwoch den 7. November
Der chl,Heuer Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
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Amts- und Anzeigeblatt für den "Äreis Gieren.
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2lmilid?er Lbeil.
Nr. 41 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 3. d. M., enthält:
(Nr. 2200) Verordnung, betreffend den Termin für die Berufung des Reichstags. Vom 2. November 1894.
Gießen, den 6. November 1894.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Herr.'Obstbautechniker Metz aus Friedberg wird im Monat November an den bezeichneten Tagen folgende Orte behufs Abhaltung von Vorträgen und practifchen Unterweisungen abhalten. Erstere werden an Wochentagen, Abend« 8 Uhr, an Sonntagen Nachmittags 3 Uhr, ftattfinden. Die Locale werden von den Grobherzoglichen Bürgermeistereien bestimmt. Die practifchen Unterweisungen finden Nachmittags 3 Uhr statt; Zusammenkunft an der Wohnung des Bürgermeisters. Im Interesse der Sache ist
zahlreiche Betheiligung erwünscht.
Donnerstag, 8. November,
Freitag,
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Samstag,
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Sonntag,
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in Wiescck, „ Großen-Buseck, „ Oppenrod, „ Burkhardsfelden, „ Albach, „ Steinbach, „ Oarbenteich, „ Nieder-Beffingen, „ Ober-Beffiugen, „ Münster, „ Lauter
Gießen, den des Bezirksvereins
5. November 1894.
Der Vorsitzende
Gießen des Oberhess. Obstbau.Vereins: Dr. Wallau.
Ausland.
— In der Schwei- hat am Sonntag wieder einmal ein Referendum, eine allgemeine Volksabstimmung, stattge- funden. Es handelte sich um das Verlangen der clericalen Partei, aus den Zolleinahmen der Eidgenossenschaft jährlich sechs Millionen Francs an die Cantone abzugeben, welche Forderung eine Verfassungsänderung bedingt haben würde. Letztere ist indessen bei der Volksabstimmung mit erheblicher Mehrheit, mit 329000 gegen 140000 Stimmen, abgelehnt worden, womit die Mehrheit der Bürger deS Schweizervolks einen gesunden politischen Sinn bekundet hat, denn die Ueber- weisung einer bestimmten jährlichen Summe aus den Zolleinnahmen des Bundes an die einzelnen Cantone würde schließlich zu bedenklichen Consequenzen führen.
— In Belgien wurden am Sonntag die zahlreichen Stichwahlen zu den Provinzialräthen vollzogen. Sie haben im Allgemeinen die Ergebnisse der Hauptwahlen vom 28. October bestätigt, so daß in der Mehrzahl der Provinzialvertretungen Belgiens die Clericalen die Oberhand haben. Ferner erscheinen jetzt die Socialisten zum ersten Male in den Provinzialräthen.
F. Paris, 4. November. Das Comitö der hiesigen Studentenschaft hat an die Kaiserin von Rußland folgendes Beileidstelegramm gesandt: „Die französischen Studenten adressiren ehrerbietigst an Ihre Majestät die Kaiserin und kaiserliche Familie den Ausdruck ihres unermeßlichen Schmerzes." — An die Studenten der Universität Petersburg ging folgendes Telegramm ab: „Die Pariser Studentenschaft nimmt großen Theil an der schrecklichen Trauer, welche daS russische Volk trifft, und sendet Ausdruck der tiefsten Sympathie und brüderlichen Gruß." — Das Comits hat gleitzeitig die Sendung eines Kranzes beschlossen.
Loudon, 4. November. Dem Reuter'schen Bureau wird auS Uokohama gemeldet: Die japanische Armee, die vor Kurzem den Aalufluß überschritten und die Chinesen zurückgedrängt hat, fährt fort, siegreich vorzurücken. Eine zu der Armee deS Marschalls Yamagats gehörige Division unter dem Befehle des Generals Tatsumi hat auf ihrem Bormarsche Honghwangchung eingenommen. Die Chinsen find theilS nach dem Hafen Takaschan, theils nach Rayo und Holenfu geflohen. Während die Depeschen nichts Weiteres Aber daS Gefecht von Honghwangchung melden, berichten sie, daß bei Taikai 300 Chinesen getödtet wurden und die Japaner 55 Kanonen, 1500 Gewehre und viel anderes Kriegsmaterial erbeuteten.
Petersburg, 3. November. Ein kaiserliches Manifest besagt: Heute am 21. (a. St.) October hat die heilige
Salbung Unserer Braut nach orthodoxem RituS zu Unserer und ganz Rußlands Beruhigung stattgefunden, wobei Unsere Braut den Namen Alexandra Feodorowna mit dem Titel Großfürstin und Kaiserliche Hoheit erhielt.
Yokohama, 4. November. Meldung deS Reuter'schen Bureaus. Nach hier eingelaufenen Nachrichten hat nördlich von Port Arthur ein großes Gefecht stattgesunden. Aus den kurzen dies meldenden Depeschen, die über wichtige Punkte schweigen, geht hervor, daß die japanische, von Marschall Oyama befehligte Expedition sich spaltete. Eine Ab- theilung landete an der östlichen Küste der schmalen Halb- insel nördlich von Talienwan, die andere erhielt den Befehl, In der Nähe von Ktngschow zu landen und sich später mit der ersteren Abtheilung zu vereinigen. Dieses Unternehmen gelang vollständig. Die japanischen Transportschiffe, die keinem chinesischen Kriegsschiffe begegneten, erreichten Kayenko und landeten daselbst Truppen, Pferde, Kanonen und anderes Kriegsmaterial. Nachdem die japanischen Truppen Kingschow, welches von Mauern umgeben und, wie eS scheint, von starken chinesischen Truppenmassen besetzt war, erreicht hatten, wurden zuerst die umgebenden Verschanzungen und bald darauf die Stadt selbst nach geringem Widerstande von den Japanern eingenommen. Unterdessen bombardirte die japanische Kriegsflotte, welche die Transportschiffe begleitet und die Landungsoperationen überwacht hatte, viele Stunden lang Talienwan und Kakuyono. Unter dem Schutze des ArtillerieseuerS wurde sodann Talienwan angegriffen und eingenommen. Die Depeschen fügen hinzu, daß der Verlust ein schwerer gewesen sei und daß ein weiteres ernstes Seegefecht gestern statt- gefunden habe, über das aber nähere Angaben fehlen. Zu Ehren der japanischen Siege sind für morgen große öffentliche Demonstrationen geplant. Gestern war der Geburtstag des Mikado.
Ne rieste Nachrichten.
Welffk telegraphisches Correlpondenz-Brrreru
Troppau, 5. November. Auf dem Hauptschachte von Orlau, auf der Sophtenzeche in Poremba, auf dem Eugenien- sch te in Peterswald ist heute anläßlich der beginnenden Zei. irundenschicht die Belegschaft n i ch t an g e f a h r e n. Aus dem Bettinaschachte in Dombrau, dem neuen Schachte von Lary erfolgte die Anfahrt nur widerwillig. Auf dem Albrechtsschachte in Peterswald beginnt die erste Zehnstundenschicht Nachmittags, früh war noch Achtstundenschicht. Die Anfahrt verlief normal, es herrscht überall Ruhe.
Budapest, 5. November. Die in der Budapester Garnison ausgetretenen Erkrankungen an Trach oma (egyptische Augenentzündung) haben riesige Dimensionen angenommen. Von den eingerückten Rekruten sind 600 erkrankt, mehrere sind vollständig erblindet.
Shanghai, 5. November. Reuter-Meldung. Die chinesische Armee unter General Sung, welche Kinliencheng geräumt hat, besetzte den Bergübergang auf der Landstraße nach Peking. Der General hat Befehl, denselben unter allen Umständen zu vertheidigen. Eine Colonne japanischer Truppen ist auf dem Marsche nordwärts begriffen, um die Armee Sungs im Rücken anzugreifen. — AuS Tientsin verlautet abermals, daß japanische Truppen am Golfe von Ljaotong vierzig Meilen nördlich von Shang- haikwan gelandet sind, wo sich eine starke chinesische Truppenmacht befindet. Die Ausländer dürften binnen vierzehn Tagen aufgefordert werden, Peking zu verlassen. — In Nanking ist ein Decret des Kaisers eingetroffen, welches den dortigen Vicekönig Liungkiang auffordert, sich sofort nach Tientsin zu begeben und als dienftthuender Dicekönig von Petschili die Amtssiegel von Lihung-Tschang zu übernehmen. ___________
Depeschen bei Bureau »Herold*.
Berlin, 5. November. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht eine Reihe Ordensverleihungen, darunter diejenige an den hessischen Staatsminister Finger, welcher den Rothen Adlerorden I. Klasse erhielt. Ebenso veröffentlicht der „Reichsanzeiger" die Ernennung des Fürsten Hohenlohe-Langenburg zum Statthalter der Reichslande.
Berlin, 5. November. Heute wohnte der Kaiser, der gesammte Hof und die Generalität dem Trauergottesdienste in der russischen Botschaftscapelle bei. Auf Befehl des Kaisers war eine Compagnie des Kaiser-Alexander-Garde- Grenadier-Regiments nebst Fahne vor dem Botschaftspalais so aufgestellt, wie 1889 anläßlich der Anwesenheit des Czaren Alexander. Nach dem Gottesdienst trat der Kaiser nebst dem Botschafter Schuwaloff und feiner ganzen Begleitung auf die
' Straße und ließ die Compagnie vorbeidefiliren. DaS zahlreich anwesende Publikum brach in Hurrahrufe aus.
Berlin, 5. November. Nach einer Meldung der „Voff. Ztg." beabsichtigt der Staatsminister v. Bötticher zu dcmissioniren. Derselbe wurde heute Vormittag vom Reichskanzler empfangen.
Berlin, 5. November. Der Bischof von Fulda, Dr. Komp, ist in Berlin eingetroffen, um sich nach seiner Ernennung zum Bischof dem Kaiser vorzustellen.
Berlin, 5. November. DaS „Berl. Tagebl." schreibt: „Der Name deS NeichSbaumeisters Baurath Wallot ist von der Liste der für die erste Medaille vom AuSstellungscomitü vorgeschlagenen Künstler vom Kaiser gestrichen worden. Wie wir vernehmen, ist der Versuch gemacht worden, eine Aenderung dieser Allerhöchsten Entscheidung herbcizuführen, aber vergeblich. Gleichzeitig erfahren wir, daß Frau Vilma Parlaghy eine Ausstellung ihrer Werke im Akademiegebäude in Aussicht genommen hatte, daß ihr jedoch der Saal zu diesem Zweck versagt worden ist. Nunmehr wird in der Königlichen Nationalgallerie diese Ausstellung ihren Platz finden und zwar auf Befehl deS Kaisers.
Hildesheim, 5. November. In einer hiesigen Versammlung des katholischen Volksvereins sagte Dr. Lieber: „Ich halte mich für verpflichtet, dem abgegangenen zweiten Kanzler einen ehrenden Nachruf zu widmen. Ich habe manchen harten Strauß mit diesem Manne auSzusechten gehabt, aber es gereicht mir zur Befriedigung, es heute offen auS- zusprechen: Ich ehre ihn und alle Katholiken ehren ihn als einen ehrlichen, ritterlichen und gerechten Mann."
Dresden, 5. November. Die Socialdemokratie hat den Boykott'Beschluß gegen die Brauerei Waldschlößchen aufgehoben — eine Folge des Nachgebens der Brauerei im Boykott. Infolge dessen hat die Garnison-Verwaltung den Mtlirärpersonen den Besuch der Brauerei, sowie den Bezug ihrer Biere verboten.
Wien, 5. November. Durch den Abgeordneten Lewa- kowski kam es in der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses zu einem peinlichen Zwischenfall. Präsident Chlumetzky hatte dem verstorbenen Kaiser von Rußland einen warmen Nachruf gehalten, worauf LewakowSki sich erhob und sagte: „Ich protestire gegen diese Kundgebung deS Hauses NamenS der von dem verstorbenen Czaren so schwer bedrückten polnischen Nation. Infolge dieser Erklärung trat der Polenclub sofort zu einer Berathung zusammen und ließ dann durch seinen Obmann, Ritter von Zaleüki, ausdrücken, daß der Club die Worte LewakowSkiS bebaute. Letzterer habe unberechtigter Weise das Wort ergriffen und in erregter Stimmung ohne Rücksicht auf die öffentlichen Interessen und das nationale Wohl gesprochen.
Brüssel, 5. November. Der „Patriote" meldet, daß infolge deS Ergebnisses der Antwerpener Ausstellung von einer Weltausstellung 1 896 in Brüssel Abstand genommen worden ist. Im nächsten Jahre soll indessen eine nationale Ausstellung der schönen Künste und des Kunstgewerbes in Brüssel stattfinden.
Antwerpen, 5. November. In voriger Nacht fanden zwischen den Liberalen und Katholiken blutige Excesse statt. Die Liberalen zogen in dichten Gruppen vor die katholischen VereinSlocale, welche sie total demolirten. Die Katholiken gaben fortgesetzt Revolverschllsse auf die wüthenden Angreifer ab. Die Polizei unterließ eS gänzlich, einzuschreiten; mehrere Polizisten machten sich nur durch die Rufe: „Hinweg mit dem Klerisei!" bemerkbar. Die liberalen Mitglieder der Bürgergarde schlossen sich in Uniform, mit allerhand Waffen versehen, dem Zuge der Liberalen an. Die Entrüstung der Blätter über die scandalösen Vorgänge und die Aufregung im Publikum ist groß.
Pari«, 5. November. Die ausgeschriebene Subscrtption des „Figaro" zwecks Beschaffung deö Heilserums zur unentgeltlichen Vertheilung an Aerzte hat bereits die Summe von 500000 Franken erreicht.
London, 5. November. Auf Befehl der Königin wurde anläßlich des Todes deS Czaren für die britische Armee die Anlegung derselben Trauer, wie bei dem Tode deS Kaisers Friedrich angeordnet.
London, 5. November. Heute Nacht Platzte eine Bombe in Ttlney Street, ohne erheblichen Schaden anzurichten. Es wird angenommen, daß der Attentäter daS in derselben Straße befindliche Haus des Richters HawkinS, der wiederholt in Anarchistenprocessen den Vorsitz führte, in die Luft sprengen wollte.
Petersburg, 5. November. Die circulirenden Gerüchte vom Rücktritte des Ministers Giers sind unbegründet. Auf seine Condolenzdepesche erhielt GierS vom Czaren


