Ausgabe 
5.10.1894 Erstes Blatt
 
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selben fernzuhalten. Die Setzer aus Haag und Rotter­dam haben ebenfalls die Arbeit eingestellt und unterstützen ihre Collegen.

Loudon, 3. October. Die Versuche mit dem für die französische Marine gebauten Torpedoboot aus Alu­minium sollen sehr zufriedenstellend gewesen sein. Dasselbe soll bei der Probefahrt 20J/2 Knoten zurücklegen. Die Fach« zeitschriften fordern, daß daS englische Marineministerium sich die gemachten Erfahrungen zu Nutzen mache.

Loudon, 3. October. Die japanische Flotte kreuzt, wie aus Peking gemeldet wird, bereits ^in der Nähe der Hauptstadt. Unter den Einwohnern herrscht eine furchtbare Panik. Der kaiserliche Schatz und das Archiv sind auf dem schnellsten Wege nach einer Stadt im Innern des Landes transportirt worden.

Loudou, 3. October. China soll England und Frank­reich um Vermittelung angerufen haben.

Newyork, 3. October. Auf der Strecke Southern-Pacific wurde in der Nähe von Maricopa ein Personenzug ausgeplündert. Ein Reisender, der sich als Mitschuldiger entpuppte, schlich sich zur Locomotive, bedrohte den Maschinisten und den Heizer mit einem' Revolver und zwang sie, die Maschine vom Zuge zu trennen und weiter zu fahren. Unterbeffcn hatten die Banditen den Postwagen auSgeraubt und waren dann auf mitgebrachten Pferden entflohen. Nach verzweifeltem Kampfe gelang eS der Polizei, einen Räuber einzufangen.

Coeato rrirö

Gießen, den 4. October 1894.

* Sitzung des Schwurgerichts der Provinz Oberheffen am 4. October 1894. Zur Verhandlung kommt die Straf­sache gegen S i b y l l a S ch u l von Ober-Sorg wegen Meineids und Friedrich Reibeling von Brauerschwend wegen Verleitung hierzu. Die Anklage vertrat der Großh. Erste Staatsanwalt Jöckel, vertheidigt wurde die Angeklagte Sybylla Schul von Herrn Rechtsanwalt Jost, der Angeklagte Friedrich Reibeling von Herrn Rechtsanwalt Dr. Rosen- 6 er8- Die Geschworenen wurden gebildet von den Herren: Ludwig Friedrich Harth, Jacob Wilhelm Lemp, Tobias Schlunk, Hermann Kratz, Johannes Heinrich Jhring, Andreas Lepper III., Oberförster Bücking, Simon Bieber, Wilhelm Reicherti., Johann Heinrich Ortwein, Emil Fischbach und Heinrich Schmalbach IV. Die 22 Jahre alte Dienstmagd Sibylla Schul ist angeklagt, daß sie am 17. October 1892 vor Großh. Schöffengericht Alsfeld in der Privatklagesache bes Heinrich Urstadt IV. in Schwarz gegen Friedrich Reibe ling in Brauerschwend wegen Beleidigung den vor ihrer Ver­nehmung geleisteten Eid wiffentlich durch ein falsches Zeugniß verletzt habe und der Landwirth Friedrich Reibeling, daß er die Sibylla Schul von Ober-Sorg zur Begehung eines Mein­eides durch Versprechen oder durch Mißbrauch des Ansehens seiner Person ober durch andere Mittel vorsätzlich bestimmt habe. Die heutige Verhandlung ergab folgenden Sachver­halt: Heinrich Urstadt IV. von Schwarz stand im Frühjahr 1892 bei Friedrich Reibeling als Knecht in Diensten, wäh- renb die Sibylla Schul als Magd bei ihm diente. Am 27 Juni 1892 kam Reibeling in seiner Scheuer im Beisein der Sibylla Schul mit dem genannten Dienstknecht, welcher die Kette der Häckselmaschine gesprengt halte, in Streit, nannte ihn einen Spitzbuben und versetzte ihm mit der Faust einen Stoß wider das Kinn. Heinrich Urstadt verließ in Folge dessen den Dienst des Friedrich Reibeling und erhob am 5. September 1892 durch Rechtsanwalt Reh in Alsfeld wegen der ihm widerfahrenen Behandlung eine Privatklage gegen Reibeling. In der auf die Privatklage durch Rechts­anwalt Dr. Rosenberg abgegebenen Erklärung, wie in der vor dem Schöffengericht am 17. October 1892 stattgehabten Hauptverhandlung räumte Reibeling ein, den Urstadt einen Spitzbuben genannt zu haben, bestritt jedoch, daß er ihm mit der Faust einen Stoß wider das Kinn versetzt habe, bezeichnete dies als entschieden Unwahrheit und berief sich zum Beweis der Wahrheit feiner Behauptung auf das Zeugniß seiner Dienstmagd Sibylla Schul. Diese sagte bann nach voraus- gegangener Beeibigung ans, baß sie bei bem ganzen Vorfälle zugegen gewesen sei, daß sie gehört habe, daß Reibeling den Urstadt einen Spitzbuben nannte, daß Reibeling aber den Urstadt nicht geschlagen habe. Auf Grund dieser. Aussage wurde Reibeling wegen Körperverletzung von Strafe frei- gesprochen, dagegen wegen Beleidigung in eine Geldstrafe von 10 Mk. und zum Ersatz der dem Privatkläger erwachsenen nothwendigen Auslagen verurtheilt. Kurz nach Weihnachten 1893 wurde Sibylla Schul mit ihrer Dienstherrschaft streitig und erzählte dem Johannes Lippert, dem damaligen Dienstknecht Reibelings, voriges Jahr habe sie falsch schwören müssen und jetzt werde sie schlecht behandelt, ihr Dienstherr, der wegen Mißhandlung seines damaligen Dienstknechtes angeklagt ge­wesen sei, habe ihr vor der deshalb stattfindenden Gerichts­sitzung, in der sie als Zeuge ausgetreten sei, gesagt, sie solle aussagen, daß sie nicht gesehen, wie er den Dienstknecht geschlagen habe. Diese Miltheilung erzählte Lippert dem Christian Bambey weiter, welcher später gerichtliche Anzeige machte. Nachdem die Anzeige erhoben und die Ladung der beiden Angeschuldigten von der Staatsanwaltschaft- zur Ver­nehmung bereits erfolgt war, trat Sibylla Schul, welche seither in Renzendorf diente, wieder in die Dienste Reibelings. Sie leugnete, bei ihrer Vernehmung dem Lippert obige An­gaben gemacht zu haben, behauptete, daß sie vor dem Schöffen­gericht die Wahrheit gesagt und ihr Dienstherr den Urstadt nicht geschlagen habe, ihr Dienstherr sie auch nicht zu einer unwahren Angabe verleitet habe. Letzteres versicherte auch Reibeling. Da indessen Urstadt auf daS Bestimmteste angab, daß Reibeling ihm mit der Faust einen Stoß wider das Kinn gegeben habe und die Sibylla Schul hierbei zugegen gewesen sei, ihm auch auf Befragen eingeräumt habe, daß sie es gesehen, so wurde zur Verhaftung beider geschritten und die Voruntersuchung gegen sie eröffnet. In dieser

hatten sie nach anfänglichem Leugnen beide ein Geständniß abgelegt. Auch heute wiederholten sie dasselbe- Sibylla Schul gab insbesondere an, daß sie gesehen, daß Reibeling den Urstadt geschlagen habe, er habe ihm mit der Faust nach dem Gesicht geschlagen und ihn an das Kinn getroffen. Sie habe diese Thasache vor dem Schöffen­gerichte abgeleugnet und trotz des von ihr geleisteten Eides eine wahrheitswidrige Angabe gemacht, weil sie ihr Dienst­herr, noch ehe sie als Zeugin vor das Schöffengericht ge­laden worden sei, aufgefordert habe, sie solle angeben, er habe Urstadt nicht geschlagen, was sie auch zugesichert habe. Reibeling räumte auch nach anfänglichem Leugnen ein, daß er, nachdem ihm die Privatklage Urstadts zugestellt worden, der Sibylla Schul bei der Grummeternte angesonnen habe, vor Gericht nicht zu sagen, daß sie die dem Urstadt zugefügte Mißhandlung gesehen habe. Auch gab er zu, daß er um diese Zeit den Lohn der Sibylla Schul um 25 Mk. auf­gebessert und ihr ein Miethgeld von 3 Mk. behändigt habe. Nachdem die Geschworenen (Obmann Herr Oberförster Bücking) die ihnen vorgelegten Schuldfragen bejaht hatten, erfolgte die Verurtheilung der Angeklagten Schul in eine Zuchthausstrafe von einem Jahre und drei Monaten, unter Anrechnung von zwei Monaten Untersuchungshaft, sowie des Angeklagten Reibeling in eine Zuchthausstrafe von zwei Jahren sechs Monaten, unter Anrechnung von zwei Monaten Untersuchungshaft. Die bürgerlichen Ehrenrechte wurden dem rc« Reibeling auf die Dauer von 5 Jahren, der rc. Schul auf die Dauer von 3 Jahren aberkannt. Endlich wurde die dauernde Unfähigkeit beider Angeklagten als Zeugen ober Sachverständige eidlich vernommen zu werden ausgesprochen.

* * Nachtrag zum Verzeichniß der Sitzungen des Schwur­gerichts pro 3. Vierteljahr 1894: 12) Freitag den 5. October, Vormittags 9 Uhr: Angeklagter Christian Bausch II. von Langsdorf wegen Meineid. Die Anklage vertritt der Großh. Staatsanwalt Schilltng-Trygophorus. Die Vertheidigung des Angeklagten führen die Rechtsanwälte Grünewald und Dr. Stein. Die Verhandlung gegen Ludwig Westerweller von Burkhards wegen Urkunden- ; fälschung (vgl. Hauptverzeichniß Ord.-Nr. 6) wurde auf ' Samstag den 6. October, Vormittags 8V2 Uhr, vertagt.

* * Neues Theater. Freitag, den 5. October, kommt auf einen vielseitig geäußerten Wunsch der am vorigen Sonntag mit so großartigem Lacherfolg aufgeführte Schwank Familie Knickmeher" noch einmal zur Darstellung. Für Sonntag, den 7. October, steht uns ein ganz besonderer Genuß in Aussicht, indem es der Direction gelungen ist, den ausgezeichten Bonvivant und ersten Liebhaber des FÜrstl. Hoftheaters in Sondershausen, Herrn Alexander Otto, für die hiesige Bühne zu engagiren. Herr Otto gehört augen­blicklich zu den besten Vertretern seines Faches, und es ist lediglich der persönlichen Bekanntschaft mit Herrn Director Reiners zu verdanken, daß ein so ausgezeichneter Darsteller ich auf eine ganze Saison für Gießen verpflichtet hat.

* * Kaiser-Panorama. Das H. Schmidt'sche Pano- 1 rama, welches vor zwei Jahren hier auf der Bahnhofstraße Ich eines lebhaften Besuches zu erfreuen hatte durch seine wirklich prachtvollen, naturgetreuen Länder-Serien, wird am 13. October in unserer Stadt wieder aufgestellt und zwar m Laden Neuen-Bäue Nr. 1. Wie Herr Schmidt uns mit- theilt, werden die neuesten Serien, welche erst diesen Sommer auf- öenommen sind, ausgestellt, u. a. Hamburg, Helgoland, Fried- richsruh, die Ruffenfefte von Toulon, etn ganz neuer Cyclus der bayerischen Konigsschlösser, Thüringen, die Weltausstellung von Chicago, Paris und das Leichenbegängniß Carnots, das Salzkammergut mit Ischl, Gmunden, Hallstedt, Fahrt mit dem SchnelldampferAugusta Victoria" nach New - York, Reise nach Westindien, Jamaika, Cuba, eine malerische Reise an den Comer-, Luganer See und Lago - Maggiore, eine Wanderung durch Kassel und Wilhelmshöhe, das Riesen­gebirge mit Hörnerschlitten im Winter 1894, das Lahnthal, Ems, Wiesbaden, Kreuznach. Die neuen Aufnahmen sollen vorzüglich ausgefallen sein und der Besuch des Panoramas bietet somit für den Winter wieder viel des Interessanten, so daß sich ein Abonnement lohnen wird.

* * Der hiesige Verein für vereinfachte Stenographie ver­anstaltete gestern Abend ein Preis-Schnellschreiben, wobei sich folgendes Resultat ergab: Herr M. Werner erreichte in Dlctat-Stenographie die Schnelligkeit von 134 Silben, Herr Bezirksfeldwebel Hoffmann die Schnelligkeit von 122 Silben in der Minute, wofür denselben der erste, bezw. zweite Preis zuerkannt wurde. Im Wettschreiben in der Schulschrift errang Herr H. Müller den ersten Preis mit einer Schnelligkeit von 68 Silben in der Minute. Mit Bezug auf die kurze Zeit, seit welcher sich obige Preisträger dem Systeme der vereinfachten Stenographie gewidmet haben, sind die Leistungen ganz vorzügliche zu nennen und geben gleichzeitig den Beweis für die Brauchbarkeit des Systems in der Praxis. Möchten hierdurch noch recht viele An­hänger dem Systeme der vereinfachten Stenographie zugeführt werden.

Auszeichnung. Auf der Weltausstellung zu Antwerpen 1894 wurde der Firma Jos. Beduwe in Aachen für ausgezeichnete Construction und Leistungsfähigkeit ihrer Feuerspritzen die höchste Auszeichnung: Ehren - Diplom und Goldene Medaille zuerkannt.

-I. Ans dem Kreise Gießen, 4. October. Wie wir aus sicherer Quelle vernehmen, werden die bereinigten Kirchen- gefangtiereine von Allendorf an der Lumda, Beuern, Burk­hardsfelden und Londorf ein größeres Kirchengesangfest in Beuern veranstalten. Die Feier soll am Sonntag den 14. October stattfinden und mit Rücksicht auf die auswärtigen Besucher Nachmittags 2 Uhr beginnen. Die vier Vereine, die sich vollzählig beteiligen werden, bilden einen stattlichen Gesammtchor, während die geräumige Kirche von Beuern sehr wohl im Stande ist, auch .eine größere Festgemeinde in sich aufzunehmen. Wir sind überzeugt, daß das geplante Fest bei einigermaßen günstigem Wetter seine Anziehungskraft weit

über die nächste Umgegend hinaus ausüben und in keinerlei Weise den echt kirchlichen und ebenso wahrhaft volksthümlichen Veranstaltungen nachstehen wird, wie sie seit Jahren in Beuern gehalten und mit stets wachsender Theilnahme aus Fern und Nah besucht werden. Einen besonderen Schmuck wird die Feier noch dadurch erhalten, daß auch die Posaunenchöre von Klein-Linden und Ebsdorf, wie wir hören, ihre Mitwirkung in Aussicht gestellt haben.

R. Reichelsheim i. d. W., 1. October. Die Entscheidung über unser Bahnproject ist von Darmstadt eingetroffen und die Ansichten: Führung von Echzell nach Ober-Widdersheim, oder Führung über Salzhausen nach Nidda brauchen sich jetzt nicht mehr schroff gegenüber zu stehen, denn es steht nunmehr cndgiltig fest: Die Bahn wird über Salzhausen nach Nidda gebaut. Man freut sich allgemein über diese Entscheidung/ selbst die meisten Gegner, deren es aber tm Hinblick auf die weitaus größere Zahl der Freunde des Salzhäufer Projectes, verhältnißmäßig nur wenige find, geben zu, daß die Städte SchottenNiddaFriedberg durch öle jetzt definitiv festgelegte Linie am zweckentsprechendsten mitelnander verbunden werden. Es ist die alte, seit Jahr- Hunderten bestandene Postlinie- sie führt direct nach dem Sitze des Amtsgerichtes, des Steuercommiffariates, des Forst- amtes und der Oberförsterei, des Veterinäramtes und der Districts-Einnehmerei- sie ermöglicht einen kürzeren und be­quemeren Weg nach Frankfurt und sie wird dabet noch billiger, als wenn das Ellenbogenstück über Ober-Widdersheim Hütte gebaut werden müssen. Ganz interessant sind die Steuerungen jetzt, nachdem die Sache entschieden ist, und von denen wir folgende hervorheben: Wenn man uns gleich von vornherein gesagt hätte: es wird über Salzhausen gebaut, der Staat kann das Bad nicht aufgeben, wäre wahrscheinlich nirgends ein Widerspruch erhoben worden. So heißt es bei den meisten Gegnern. Der Schreckschuß: die kleine Strecke Salz­hausenNidda würde viele Hunderttausende verschlingen, ist völlig verhallt, denn die Mehrkosten sind unbedeutend und werden durch die Ersparung eines Doppelgeleises Nidda- Ober - Widdersheim und die größere Länge NiddaEchzell weit ausgeglichen. Die Ausführungen desGießener Anzeigers" in Nr. 182, erstes Blatt, vom 7. August und in Nr. 198, erstes Blatt vom 25. August d. I. haben sich als vollkommen zutreffend erwiesen und trugen zur Klarstellung der Ansichten wesentlich bei. Da der Sechserdeputation in Darmstadt die bestimmtesten Zusicherungen über den Beginn des Bahn­baues gemacht wurden, die Vorarbeiten aber vollendet find, so erwartet man die Geländeerwerbung in aller Nähe. Sie ist auch wegen der Zusammenlegungsarbeiten in den ver­schiedenen Gemeinden, welche von der Bahnlinie durchschnitten werden, nicht gut länger verschiebbar. Die eigentlichen Bau­arbeiten werden hoffentlich im Nachwinter ober Frühjahre beginnen können und Verdienst unter die Landleute bringen, die bei den schlechten Zeiten sehr dankbar dafür fein werden.

Mainz, 3. October. Gegen ein hiesiges Ehepaar ist eine Untersuchung wegen Mordes eingeleitet worden - es ist beschuldigt, zwei Pflegkinder, die zu gleicher Zeit und ganz plötzlich verstorben sind, gewaltsam aus dem Leben befördert zu haben. Die eingeleitete Untersuchung wird die Sache klarstellen.

WormS, 2. October. Von einem außergewöhnlichen Mißgeschick betroffen wurde plötzlich ein hiesiger Bürger dadurch, daß er, ohne vorher nur die geringsten Beschwerden im Sehen gehabt zu haben, beim Erwachen des Morgens die Entdeckung feiner völligen Erblindung auf beiden Augen machte. An dem traurigen Falle wird der allgemeinste Antheil genommen.

Vermischtes.

-a- Hanau, 3. October. Heute frü§ gerieth auf dem hiesigen Nord-Bahnhofe ein Beamter, ein 60jähriger Mann, zwischen die Puffer und wurde sofort getöbtet.

Ms. Cassel, 3. October. Liebestragöbie. Ein er- fchütterndes Liebesbrama hat sich heute hier zugetragen unb bilbet bas allgemeine Tagesgespräch. Ein junger Mechaniker von erst 18 Jahren hat seine Geliebte, bie erst 17 Lenze zählte, im Walde bei Kirchditmold, unweit Wilhelmshöhe, er­schossen und darauf die tödtliche Waffe gegen sich selbst ge­richtet, sich auch durch zwei Schüsse in die Seite und in den Kopf lebensgefährlich verletzt. Wir erfahren Über den blutigen Vorgang folgendes Nähere: Heute Morgen unternahm Herr Major Dau sing er vom Infanterieregiment von Wittich Nr. 83 in Begleitung seines Burschen einen Spazierritt nach dem Habichtswalde- hinter dem Dorfe Kirchditmold auf dem Wege nach Wilhelmshöhe hörte er aus dem nahe ge­legenen Hölzchen der sog. Buschhütte plötzlich im wehklagen­den Tone Hülferufe erschallen. Er ritt sofort näher und fand nun nicht weit vom Waldesrande ein Liebespärchen am Boden liegen- beide, sowohl der junge Mann als das junge Mädchen schwammen buchstäblich in ihrem Blute. Näher- tretenb, bemerkte er, daß das 'Mädchen, welches mit ent­blößter Brust am Boden lag, einen Schuß mittelst Terzerol direct ins Herz erhalten hatte, so daß der Tod des hübschen blühenden Mädchens sofort eingetreten war. Der junge Mann hatte dann, nachdem er zweifellos die Geliebte auf deren Wunsch getöbtet, bte Waffe gegen sich selbst gerichtet. Bei ber leicht erklärlichen Aufregung, namentlich als er ba» Blut hervorspritzen sah, hat er nun wohl bei sich die richtige Stelle, wo das Herz sitzt, verfehlt, bcnn der Schuß ging am Herzen vorbei und traf nur die Sei'.c. Darauf richtete der Verzweifelte die Waffe vor den Kops, doch ging diesmal bie Kugel evenwohl fehl, sie durchschlug die Schäbeldecke nicht, sondern schrammte zur Seite. Der junge Mann war noch völlig bei Besinnung. Der Major ließ den Burschen als Wache zurück, ritt schleunigst nach Kirchditmold, holie den Arzt und gab bem Bürgermeister Kenntniß, welcher die Uebersührung des Schwerverletzten in das Krankenhaus ver­anlaßte. Sowohl der junge Mann als das getöbtete Mädchen sind die Kinder geachteter Bürgersleute. Es wurden Briese