Ausgabe 
5.10.1894 Erstes Blatt
 
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Nr. 233 Erstes Blatt. Freitag dc» S. October

Der Hießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de- Montags.

Die Gießener A-amikten0rätter werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeiger

Kenerat-Wnzeiger.

1894

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chratisöeitage: Kießener Jamikienökälter

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Deutscher Reich.

Berlin, 3. October. Der Kaiser gedenkt an diesem Freitag, nach Beendigung seines Jagdaufentbaltes in No- minten, in Schloß Hubertusstock einzutreffen. Soweit bekannt, wird der Aufenthalt des Monarchen in Hubertusstock eine Woche währen, hierauf erfolgt die Rückkehr nach dem neuen Palais bei Potsdam.

Der Reichskanzler Graf Caprivi, welcher seit seiner Rückkehr aus Karlsbad noch einen kurzen Aufent­halt auf dem Lande genommen hatte, ist am Dienstag wieder in Berlin eingetroffen und hat die persönliche Leitung seiner Amtsgeschäfte wieder übernommen.

Der Gouverneur von Deutsch-O st afrika, Oberst v. Scheele wird, wie jetzt bestimmt verlautet, von seinem Posten zurücktreten. Als sein Nachfolger gilt bereits der Oberstlieutenant Thilo von Throta. Herr v. Scheele würde demnach nur verhältnißmäßig kurze Zeit in seinem ostafrikanischen Wirkungskreise geweilt haben, um so aner- kennenswerther sind daher seine daselbst erzielten Erfolge.

Zur Affaire der Ob^rfeuerwerkcr.

Da die Verhaftung der älteren Schiller der Oberfeuer- I Werker - Schule zu Berlin und deren Abführung in Unter- | suchungshaft in die Festungsgefängnisse zu Magdeburg großes I Aufsehen im In- und Auslande verursacht hat, und man auch I nach einigen Miltheilungen geneigt ist, der ganzen Affaire eine socialistische oder gar anarchistische Tendenz unterzuschieben, I so ist eS nothwendig, daß sobald als möglich volle Aufklärung I in diese fatale Geschichte gebracht wird. Vollständig genügend I kann dies allerdings nur durch die krieg-gerichtliche Unter- I suchung und die Veröffentlichung derselben im amtlichen I Reichsanzeiger" geschehen. Glücklicher Weise läßt sich aber I auch schon jetzt so viel übersehen, daß die Affaire nicht die I gefährliche Bedeutung für die Lockerung der Disciplin im I deutschen Heere und bezüglich des vermutheten Eindringens | eines aufrührerischen Geistes in dieselbe besitzt, wie man vielfach in der ersten Aufregung anzunehmen geneigt war. Die ganze Angelegenheit hat nämlich, wie sie schon jetzt fest­gestellt werden konnte, mit der soctalistischen oder anarchistischen Agitation gar nichts zu thun, sondern sie ist lediglich der Ausfluß eines Geistes der Unzufriedenheit und einer Art academischen UebermutheS bei den Feuerwerksschülern. Da Ihatsächlich die Feuerwerksschüler aus den intelligentesten Unteroffizieren der Artillerie und der Pioniere erwählt werden, so fühlen sich diese Unteroffiziere als etwas Besseres und | nahmen sich in Folge dessen auch schon seit Jahren während des Besuches der Feuerwerkerschule eine Art academische Freiheiten in Bezug aufCorpSbildung",Abhaltung von Commersen" u. s. w. heraus. Da diese Art des Lebens auf der Feuerwerkerschule mit der militärischen Disciplin in Widerspruch gerieth, so wurde beschlossen, die Zügel der Disciplin straffer anzuziehen. Zu diesem Zwecke bekam die Feuerwerkerschule in dem Major von Stetten bereits vor einiger Zeit einen neuen Director. Ob nun derselbe die sogenannteRevision" der Stuben der Feuerwerker besonders streng hat handhaben lasten oder diese Revision behufs Wiederherstellung der gelockerten Disciplin eingeführt hat, kann jetzt nicht genau angegeben werden. Soviel ist aber gewiß, daß diese Revisionen der äußere Anlaß zur Kund­gebung eines rebellischen Geistes bei den Feuerwerkern ge­wesen sind und zumal in der Nacht vom 23. bis 24. September, wo die Feuerwerker oder doch eine Anzahl derselben einige Trinkgelage oder -Commerse abhielten, zu recht unliebsamen Scenen führten. Mehrere vom Major von Stetten zur Ordnung gerufenen Unteroffiziere sind demselben ungebührlich entgegengetreten, wieder andere haben bei der Feststellung ihrer Namen zu entwischen versucht, und aus einer Nachbar­stube hat der Unteroffizier BrandEs lebe die Anarchie!" gerufen, während^andere Feuerwerker getobt und gelärmt haben. Von verschiedenen Seiten wird nun aber behauptet, daß diese Unteroffiziere, zumal der Unteroffizier Brand, betrunken ge­wesen seien, als diese Ausschreitung geschah. Einen gewissen übermüthigen, widerspenstigen Geist aus den Feuerwerkern gilt es nun offenbar auszutreiben, beziehentlich die Rädels­führer zu bestrafen. Aber socialistische oder anarchistische Umtriebe stecken schon deshalb nicht hinter der Affaire, weil die Feuerwerkerkeine gedrückte", sondern vielmehr eine bevorzugte" Soldatenklaste find, welche später vielfach zu Zeugosfizieren und Militärbeamten avanciren. Auch hat man ve: mächtige Schriftstücke Im Sinne einer socialistischen oder anarchistischen Verschwörung gar nicht in den Stuben der Verhafteten gesunden.

Depeschen de« Bureau »Herold*.

Berlin, 3. October. DieNordd. Allgem. Ztg." be- zeichnet die Auslastungen derKreuzzeitung" über die Vor- gänge in der Oberfeuerwerkerschule als rein subjektive und spricht ihnen jede Objectivität ab.

Berlin, 3. October. Die Conferenz zur Berathung der auf die Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs, bezw. gegen den Verrath von Geschäfts- und Fabrikgeheim­nisten gerichteten Maßregeln ist heute Vormittag unter dem Vorsitze des Directors Bothe vom Reichsamt des Innern zusammengetreten. Die Conferenz wird drei Tage dauern.

Berlin, 3. October. Zu der Wucher-Affaire wird gemeldet, daß einem Theile der wegen Wuchers verhafteten Personen jetzt die Anklageschrift zugestellt worden ist. Die Anklage lautet auf Ausbeutung der Nothlage durch Wucher, resp. durch Beihilfe dazu.

Berlin, 3. October. Am 18. October soll vor dem Denkmal Friedrich des Großen einen Fahnenweihe ab-

Nenefte Nachrichten.

Wolffs telegraphisches Correfpondenz-Bureau.

Berlin, 3. October. DerRetchsanzeiger" meldet: Das wegen Ausbruchs der Klauenseuche unter den zahlreichen Schwetnebeständen auf dem Schlachthose am 17. September erlassene Verbot des Abtriebs von Schafen und Rindern vom hiesigen Centralviehhof werde aufgehoben, das Verbot des Abtriebs von Schweinen bleibt bis auf Weiteres in Kraft.

Berlin, 3. October. Cholerabericht. Vom 24. Sep­tember bis 1. October sind in Ostpreußen, im Weichselgebiet und im Netze- und Warthegebiet insgesammt 24 Erkrank­ungen und 6 Todesfälle, außerdem vom 23. bis 29. Sep­tember in Oberschlesien 35 Erkrankungen und 11 Todesfälle vorgekommen.

Straßburg, 3. October. Der Gemeinderath bewilligte mit 17 gegen 14 Stimmen einen städtischen Zuschuß von 228000 Mk. zur Erbauung einer festen Rhein­brücke zwischen Straßburg und Kehl. Damit ist der Bau der Brücke gesichert.

Paris, 3. October. Die Nachricht von einer Blokad e Madagaskars wird von halbamtlicher Seite für unbe­gründet erklärt, ebenso die Nachricht von dem Rücktritt Cambons, des Generalgouverneurs von Algerien.

Paris, 3. October. Zu der Londoner Meldung über die Einberufung einens außerordentlichen Minifter- rathes wird daraus hingewiesen, daß keinerlei Vorkommniß aus der jüngsten Zeit bekannt geworden sei, das die Be­ziehungen zwischen England und Frankreich hätte ernstlich I trüben können. Die in den jüngsten Tagen eingeleitete I Polemik mehrerer Blätter wegen Madagaskar werde in den l politischen Kreisen als wenig beunruhigend angesehen.

London, 3. October. Meldung des Bureau Reuter. Obgleich den Gerüchten über einen Ministerrath noch immer die sichere Grundlage fehlt, glaubt man jetzt, es handle sich dabei mehr um die zum Schutze der britischen Interessen im fernen Osten zu ergreifenden Maßnahmen, als um die Madagaskar-Frage. Auch eine Verstärkung der Garnison in Hongkong, sowie der britischen Marine in den chinesi­schen Gewässern sei in Aussicht genommen. Die indische Regierung soll 7000 Mann zur Einschiffung nach Hongkong bereit halten.

Loudon, 3. October. Die Abendblätter bringen eine Depesche aus Shanghai vom 3. October, wonach der Gouverneur der Provinz Kirin die Landung einer Truppenmacht bei Longschuan berichtet hat. Einzel­heiten fehlen.

Yokohama, 3. October. Die seit einigen Tagen hier versammelten deutschen Kriegsschiffe erhielten Befehl, sich nach den nördlichen chinesischen Häfen zu begeben.

Berlin, 3. October. Nach einer Mittheilung au« Madrid soll heute der spanische Gesandte beim Vatican auf der Reise nach Rom begriffeu sein. Derselbe ist mit Instructionen, die das Verhältniß der Kirche zu Spanien betreffen, versehen.

Berlin, 3 October. Nach einer Meldung derNordd. Allg. Ztg." ist der Leiter deS Preßbureaus im Auswärtigen Amte, Hamann, zum wirklichen Legationsrath und vor­tragenden Rath ernannt worden.

Berlin, 3. October. In hiesigen competenten Stellen ist nichts von der Absicht der Einsetzung einer Regent- schäft in Rußland bekannt. Diesbezügliche Blätter­meldungen find als unglaubwürdig zu bezeichnen.

Berlin, 3. October. Der Kaiser empfing heute in Rominten den deutschen Botschafter in Petersburg, General von Werder.

Berlin, 3. October. Die russische Regierung beab­sichtigt, wie mehrfach gemeldet wird, demnächst wegen Her­beiführung von Erleichterungen in der Ausfuhr von Fleisch und Schlachtvieh mit der preußischen Regierung in Unterhandlung zu treten. In Warschau werden große Schlachthäuser errichtet, von denen aus nach der Absicht der russischen Regierung die Ausfuhr des Fleisches nach Deutsch- land erfolgen soll.

"Berlin, 3. Oetober. DieP. B.-Ztg." erfährt, der Empfang der Ostpreußen beim Fürsten BiSmarck sei deßhalb auf nächstes Jahr verschoben worden, weil der Fürst sich über die innere politische Lage gegenwärtig nicht auS- sprechen wolle, ehe sich ergeben habe, welche Maßnahmen ttn Sinne der Katserrede Platz greifen werden.Man kann," so schreibt das genannte Blatt,auch hierin einen Beweis für die gespannte Situation erblicken, die in der früher als ur­sprünglich beabsichtigt gewesenen Rückkehr des Reichskanzlers auch äußerlich gekennzeichnet erscheint."

Köln a. Rh-, 3. October. Der Petersburger Correspondent derKöln. Ztg." bestätigt, daß die Krank- heit des Czaren in den letzten Tagen wiederum eine ernste Wendung genommen habe.

Köln a. Rh., 3. Ortober. Einer Meldung des Lon- dauer Correspondenten derKöln. Ztg." zufolge wird die gestrige telegraphische Einberufung deS CabinetS- rat HS durch Lord Rosebery auf ungünstige Wendungen in den Beziehungen zu Frankreich zurückgelührt.

Wien, 3. October. Wie verlautet, soll außer in Peters­burg und Paris auch in Bukarest, Rom und Konstantinopel ein Wechsel der Chefs der österreichisch-ungari­schen Vertretung eintreten.

Budapest, 3. October. Heute kam im Magnatenhause der Gesetzentwurf über die Religionsfreiheit zur Ver­handlung. Während Cardinal Schlauch aus sittlichen Gründen gegen die Vorlage stimmt, ist der reformirte Bischof Szaß bei Weglassung des Paragraphen über die ConfessionS- losigkeit dasür. Graf Csakh, der frühere Cultusminifter, tritt energisch für die Annahme der Vorlage ein. Die Re­gierung beharrt auf ihrem Standpunkte.

Budapest, 3. October. In der heutigen Sitzung der österreichischen Delegation wurde von den Jungczechen eine Interpellation über eine angeblich zwischen Oesterreich und Serbien bestehende Militärconvention eingrbracht. Unter Vorlegung eines angeblich authentischen Schriftstückes suchten die Interpellanten die Existenz der betreffenden Con­vention nachzuweisen. Minister Kalnoky dürfte die Inter­pellation morgen schon beantworten.

Palermo, 3. October. Unter den Einwohnern der Stadt herrscht eine große Panik, weil mehrere Todesfälle durch Genuß schlechten Fleisches vorgekommen sind. Eine große Anzahl Fleischer haben ihre Geschäfte schließen müffen, weil die meisten Einwohner nur mehr Fische, Eier u. s. w. essen.

Paris, 3. October. Ein Soldat der Fremdenlegion, Namens Andre, aus Belgien gebürtig, machte unter den Soldaten seines Regiments anarchistische Propaganda. Er wurde von Oran nach Frankreich eingeschifft, um den französischen Behörden überliefert zu werden.

Amsterdam, 3. October. Die Ty p o graph en mehrerer großen Druckereien haben den AuS st and erklärt- unter anderem mu len sechs Blätter ihr Erscheinen einstellen. Die Strikenden verlangen Lohnerhöhung. Die Eingänge zu den Druckerei.n find besetzt, um fremde Typographen von den-

f . gehalten werden, an der voraussichtlich sämmtliche regierenden

i deutschen Fürsten theilnehmen werden. Es handelt sich hter-

Brüffel, 3. October. Die Weltausstellung in bei um 132 neue Fahnen für die vierten Bataillone. Antwerpen ist am Dienstag durch die große Preis-Ver- i kündigung geschlossen worden. Für die ganz hervorragende , Rolle, welche die deutsche Industrie auf dem jüngsten Welt­ausstellungsunternehmen spielte, ist eS gewiß bezeichnend, daß auf Deutschland und allerdings auch auf Holland die verhältnißmäßig meisten Preisen entfielen. Die deutsche In­dustrie darf auf diesen ihren in Antwerpen erzielten äußer­lichen Erfolg sicherlich stolz sein, hoffentlich wird derselbe nun auch zu der so. wünschenswerthen Erweiterung des Absatz­gebietes der deutschen Industrie im Auslande führen.