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Nr 101
Der Hießener Znzeiger erscheint täglich, mit LuSnahmk del Montag».
Die Gießener AM mi lie» ö tät ler werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
1894
Mittwoch den 2. Mai
Erstes Blatt.
Gießener Anzeiger
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Deutsches Reich.
Darmstadt, 30. April. Wie der „Darmst. Ztg." aus Eoburg telegraphisch berichtet wird, haben Ihre Majestät die Kaiserin von Rußland Ihrer Großherzoglichen Hoheit der Prinzessin Alix den St. Katharinen-Orden verliehen.
Berlin, 30. April. Der unleugbare Mißerfolg, den Finanzminister Dr. Miquel in der verflogenen Reichstagssession durch daS Scheitern der meisten steuer- und finanz- politischen Reformvorschläge — als deren eigentlicher Urheber Herr Miquel ja unbestritten gilt — verzeichnen mußte, scheint den Leiter der preußischen Finanzen doch einigermaßen verstimmt zu haben. Berliner Meldungen von verschiedenen Seiten wissen übereinstimmend zu berichten, daß Herr Dr. Miquel die Sorge für die Fortführung der Steuerreform im Reiche künftig im Wesentlichen dem RetchSschatzsecretär Grafen Posadowsky überlassen werde. Als Gründe für diesen dem preußischen Finanzminister zugeschriebenen Entschluß geben die betreffenden Meldungen die Ueberarbeitung deS Herrn Dr. Miquel, die für ihn sogar ein neuralgisches Kopsieiden zur Folge gehabt haben soll, sowie die ihn in hohem Maße in Anspruch nehmenden Vorbereitungen zur Einführung deS neuen Communalsteuer- und deS DermögenssteuergesetzeS au. Dem mag in der That so sein, aber vielleicht wird man in der Annahme nicht fehlgehen, daß sich der preußische Finanzminister auch infolge deS negativen Ausganges der Steuer- und Finanzaction im Reichstage nunmehr bei der Weiter- behandlung dieses schwierigen Problems überhaupt im Hintergründe halten will. ES würde demnach dem Grafen Posadowsky in der nächsten Reichstagssession die Hauptvertretung der zu erwartenden neubearbeiteten Steuervorlagen zufallen; wie sich der StaatSsecretär des Reichsschatzamtß mit dieser heiklen Aufgabe abfinden wird, das muß allerdings noch dahingestellt bleiben.
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WolffS telegraphische« korrripondenz-Bureau.
Berlin, 30. April. Bei Sybel, der gestern sein SOjährigeS Dienstjubiläum feierte, erschienen der Minister- Präsident Graf Eulenburg und der Culrusminister Bosse, um ihm die Ernennung zum Wirklichen Geheimen Rath zu überreichen. Die Universität Bonn übersandte, der „National- zeitung" zufolge, eine Glückwunschadreffe. Ein Festmahl zu Ehren des Jubilars wurde bei Mommsen abgehaltcn.
Berlin, 30. April. Der „Nationalzeitung" zufolge werden die Berliner Makler und Maklerbanken in einem Eircular an die Bankgeschäfte Proponiren, daß bei Papieren unter 120 Procent die Banken 3/4 des Stempels, bet Papieren über 120 Procent den ganzen Stempel tragen sollen.
Graz, 30. April. Acht Mitglieder deS V.reinS für Höhlenerfors chung wurden bet der Untersuchung der Luckethählen bei Sonriach durch btc im Innern der Höhlen fließenden Bäche, welche in Folge der Regengüffe ange- schwollen sind, von dem Ausgange abgeschnitten. Sie befinden sich bereits seit Samstag in den Höhlen. Zu ihrer Rettung wird Tier Wafferzufluß abzulenken versucht.
Paris, 30. April. Der Anarchist Emile Henry ist gestern Abend in das Gesängniß La Roquette übergesührt worden. Er weigert sich, gegen das Urtheil deS Gerichtshofs Berufung einzulegen. Die Hinrichtung Henrys dürfte voraussichtlich demnächst erfolgen.
Rom, 30. April. Fast alle Zeitungen zeigen an, daß sie morgen nicht erscheinen, weil die Arbeiter feiern. ______________
Depeschen deS Bureau „fcerolb*.
_ Berlin, 30. April. Der Herzog von Aosta, der Neffe deS Königs von Italien, wird einer Einladung des Kaisers folgen und im September an den deutschen Kaiser- manövern theilnehmen.
Berlin, 30. April. Die Neuordnung der über daS Ziel der Volksschulen hinausgehenden Mädchenschulen soll nach der „Post" Ostern 1895 in Kraft treten. Der bezügliche Erlaß des EultuSministerS werde noch vor Mitte des Monats Mai veröffentlicht werden.
Berlin, 30. April. Nach den „Berl. Neuesten Nachr." soll in den Bestimmungen des in Vorbereitung begriffenen Börsengesetzes vor Allem die strafrechtliche Verfolgung der Bankiers vorgesehen sein, welche bei Eommtsfionsgeschäften als Selbftcontrahenten auftreten.
Berlin, 30. April. Die „Kreuzzeitung" meldet, Affessor Wehlau, schon seit längerer Zeit aus Kamerun zurück- zekehrt, habe Urlaub erhalten, bis die gegen ihn eingeleitete DiSciplinaruntersuchung beendet sei.
Berlin, 30. April. Die Uebersiedelung deS Fürsten BiSmarck nach Varzin soll, falls die Witterung es erlaubt, in der ersten Hälfte deS Monats Juni staltfinden. Von einer Badekur wird der Fürst in diesem Jahre im Einverständniß mit seinem Leibarzte Abstand nehmen.
Eronberg, 30. April. Zum Empfange des Kaisers hat unser freundliches Taunusstädtchen herrlichen Schmuck angelegt. Alle Häuser verschwinden förmlich unter der reichen Last von Fahnen, Wappen und Guirlandengewinden. Sämmt- liche Züge brachten zahlreiche Besucher aus der ganzen Umgegend. Zu dem Zuge, der um 11 Uhr 20 Minuten von Frankfurt abgeht, war der Andrang bereits ganz gewaltig. Mit demselben Zuge, der mit ziemlicher Verspätung hier eintraf, langten auch der Prinz Friedrich Karl von Heffen nebst Gemahlin Prinzessin Margarethe an und wurden von der Kaiserin Friedrich und der zum Besuch hier weilenden Gräfin Perponcher empfangen. Vom Schlosse Friedrichshof ertönten Böllerschüsse. Je weiter die Nachmittagsstunden vorrückten, desto dichter wallten die Massen der zuströmenden Stadt- und Landbevölkerung. Die Kriegervereine der beiden großen Verbände Hessen und Hessen-Nassau langten kurz vor 3 Uhr mittelst Extrazuges an, nachdem bereits einige Minuten vorher ein mit Hunderten besetzter Zug eingelaufen war. Sogar die Gepäckwagen waren zur Personenbeförderung in Anspruch genommen. Schon lange vor Ankunft des Kaisers fluthete ein dichter Menschenstrom durch die Via triumphalis. Die zum großen Theil vorn Landrathsamt Homburg gestellten Mannschaften und die Cronberger Feuerwehr hatten vollauf zu thun, um Verkehrsstörungen zu vermeiden. Die etwas kühle zu Niederschlägen neigende Witterung hatte es nicht vermocht, die Stimmung der festlichen Menge herabzudrücken, allenthalben sah man frohe Gesichter. Am Schützenhof, wo die beiden Triumphbogen sich befinden, httte ein ganzes Heer von Momentphotographen Aufstellung genommen, die den für Cronberg so bedeutungsvollen Moment festzuhalten suchten. Um 6 Uhr 17 Minuten verkündeten Böllerschüsse und Glockengeläute von allen Thürmen die Ankunft des kaiserlichen Extra- zugeS, der 3 Minuten später in den Bahnhof einlief. Der Kaiser, bekleidet mit der Gardrkürassier Uniform mit Generals- abzeichen, wurde von seiner Mutter, dem Prinzen Friedrich Karl von Hessen und der Prinzessin Margarethe, am Bahnhof empfangen. Die hohen Herrschaften umarmten und küßten sich mehrmals. Am Bahndof waren außerdem Regierungspräsident v. Tepper-Laski und Landraih v. d. Heydt erschienen. Vom Bahnhof begab sich der Kaiser mit den hohen Herrschaften und dem übrigen Gefolge durch die Via triumphalis zu der Ehrenpforte, welche am Schützenhofe errichtet war. Der Kaiser saß im offenen Wagen, zur Linken der Kaiserin Friedrich. An der Ehrenpforte begrüßte Bürgermeister Jamin den Kaiser mit einer kurzen Ansprache. Außer den hiesigen RathSmitgliedern und Honorationen hatten sechs weißgekleidete Jungfrauen Aufstellung genommen, von denen zwei der Kaiserin Friedrich Rosenbouquets überreichten. Von da begaben sich die hohen Herrschaften direct ins Schloß. Das Spalier bildende Publikum brachte dem Kaiser begeisterte Hochrufe aus. Im ganzen Ort herrscht festliche Stimmung.
Kola, 30. April. Die „Köln. Ztg." erfährt aus Petersburg, daß in Finland eine große Anzahl Blätter con- fiscirt worden sei. Der Grund der Beschlagnahme sei nicht angegeben worden, jedoch verlaute gerüchtweise, dieselbe sei durch Artikel über die bevorstehenoe Enthüllung des Denkmals Alexander II. veranlaßt. Die Blätter sollen fortan unter strenger Censur gehalten werden.
Thorn, 30. April. Das größte Aufsehen macht hier die Verhaftung des siebzehn Jahre alten Gymnasiasten Szuolz wegen Verdachts der Spionage und Majestätsbeleidigung. Szuolz ist der Sohn eines russischen Unterthans. Sein Vater wohnt abwechselnd in Odessa ober Bialystock - sein Bruder dient als Offizier in der russischen Armee. Szuolz machte fich dadurch verdächtig, daß er auf Spaziergängen wiederholt Zeichnungen über die Lage der Festungswerke anfertigte- er nahm sogar Abschätzungen über die Entfernungen der Forts vor. Bei der Feier des kaiserlichen Geburtstages soll Szuolz sehr schwere Majestätsbeleidigungen ausgestoßen haben. ES ist wahrscheinlich, daß gegen ihn die Anklage wegen Landes- verraths erhoben werden wird.
Hamburg, 30. April. Die Socialdemokraten verbreiteten Hierselbst und in Altona 300000 Flugblätter zur Maifeier. Der für morgen angekünbigte Aufzug fällt fort, dagegen finden 20 Versammlungen statt.
Wien, 30. April. Heute begann der große Maurer- Strike. Auf keinem der zahlreichen Bauplätze wurde gearbeitet. Wegen des heftigen RegenS konnten öffentliche Versammlungen nicht abgehalten werden. Die Zimmerleute
haben beschlvffen, sich dem Maurerstrikc nicht anzuschließen, doch traten die Dachdecker, die italienischen Erdarbeiter und die Hackelmaurer den Ausständigen bei. Exceffe sind bisher nicht vorgekommen.
Olmutz, 30. April. Der Redacteur des Prerauer Socialisten Organs, Joseph Zahalka, sowie sieben socia- listische Arbeiter auS Prerau wurden wegen Verbreitung anarchistischer Flugschriften in die hiesige Frohnveste eingeliefert. Da man für morgen in den Fabrikstädten ernste Arbeiterunruhen befürchtet, find überall die Garnisonen und die Polizeimannschaften verstärkt worden.
Lemberg, 30. April. Die hiesigen Bäckergehilfen haben einen allgemeinen Strike beschlvffen.
Budapest, 30. April. Die Untersuchung in Alföld hat ergeben, daß die Arbeiter für den 1. Mai blutige Excesse geplant haben. Trotzdem die Rädelsführer verhaftet ünb die umfassendsten Vorsichtsmaßregeln getroffen sind, werden ernste Ausschreitungen befürchtet. Die Gendarmerie soll bei Vasarhely eine Werkstätte entdeckt haben, worin für die Arbeiter Gewehre hergerichtet und Sensen geschliffen wurden.
Paris, 30. April. Die heutigen Zeitungen berichten über eine neue Spionage-Affaire, die fich in SövreS abgespielt hat. Dort ist ein Beamter eines großen Werkes, jedenfalls der Porzellanmanufactur, plötzlich entlassen worden, da er in dem dringenden Verdacht stand, zwecks Leistung von Spionagediensten mit Deutschen in Verbindung getreten zu sein. Ein Polizei-Jnspector wurde mit der Untersuchung der Angelegenheit beauftragt.
Paris, 30. April. Seitens der Behörden sind für morgen die umfassendsten Vorsichtsmaßregeln getroffen worden. Zahlreiches Militär wurde nach der Hauptstadt con- signirt. Die Polizeiposten werden verdoppelt. Das Kammergebäude wird von Polizisten, die Oper und die öffentlichen Gebäude werden von der republikanischen Garde besetzt. Die socialiftischen Delegationen werden nur zu je sechs Mann in die Kammer eingelassen.
Lyon, 30. April. Bei der Ankunft der Minister zur Eröffnung der Ausstellung wurden dieselben von einer Anzahl junger Leute ausgepfiffen. Etwa 20 Personen wurden ver- haftet.
Brüfiel, 30. April. Der Graf von Flandern wird am 4. Mai, Abends 8 Uhr, in amtlicher Weise den Brüsieler deutschen Männergesangverein, welcher anläßlich der Hochzeit des Prinzen von Hohenzollern dem hohen Brautpaare ein Ständchen darbringen wird, empfangen. Der Ausschuß des Verbandes deutscher Vereine wird dem Brautpaare eine Glückwunschadreffe überreichen.
Lüttich, 30. April. Wegen des Dynamitattentats bei der Jacobkirche am Samstag Abend wurden bisher sechs Anarchisten verhaftet.
Petersburg, 30. April. Hier werden in Kürze Abgesandte des Emirs von Bukhara und des KhanS von Chiwa eintreffen, welche dem Czaren Glückwünsche zur Verlobung deS Thronfolgers überbringen werden.
Newyork, 30. April. Der Ausstand nimmt immer weitere Ausdehnung an. Gegenwärtig striken etwa 150000 Arbeiter.
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Gieren, den 1. Mai 1894.
Orchester-Vereiu. Auf dem Gebiete des Vereinswesens hat das heurige Frühjahr eine neue Blüthe gezeitigt, die im Hinblick auf die große Fruchtbarkeit dieses Jahres eine sehr kräftige ist und sich rasch entfalten wird. Es ist nicht daS erste Mal, daß in Gießen die Bildung eines Orchester- Vereins geplant und sogar ausgesührt worden wäre, immer aber waren das schwache Versuche, die den TodeSkeim schon bei der Geburt in sich trugen. Dem gestern Abend unter dem Klange von mehr als vierzig Stteich- und Blasinstrumenten in Gießen einmarschirten Dilettanten- Orchester-Verein prophezeien wir ein längeres Leben. Herr Capellmeister Polster, der Vater der Idee, der unermüdlich die Vorarbeiten für seine Schöpfung betrieb, wußte dafür eine Schaar musikalischer Herren zu begeistern. Mit verblüffender Ausdauer, seltenem Geschick und großen Zeitopfern hat er Mitglied an Mitglied gereiht und Gelehrte, [ Beamten, Lehrer, Studenten und Kaufleute für die Frau Mufika geworben und gewonnen. Der Zweck des Vereins ist, durch fleißiges Musiciren sich einmal in der Woche einen selbst geschaffenen musikalischen Genuß zu verschaffen. Dieser Genuß soll nun wirklich ein musikalischer fein, deshalb werden in hervorragender Weise die technisch weniger schwierigen Werke unserer Classiker, sowie sonstige gediegene Musikstücke


