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1.3.1894 Erstes Blatt
 
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deutung der internationalen Congresse gewürdigt werden soll. Früher gaben sich die Führer der Hoffnung hin, es sei ge­nügend, mit zwanzig bis dreißig Delegirten in Berlin an­treten zu können, aber jetzt soll die doppelte Zahl kaum hin­reichend sein. Die beiden Hauptführer der Bergleute sind gegenwärtig noch nicht auf freiem Fuß. In Dortmund sollen am 4. März über ihren Empfang es handelt sich um die Bergleute L. Schröder und Fr. Bunte Berathungen ge­pflogen werden. Unter den belgischen Bergleuten soll die Stimmung zu Gunsten des Congreffes etwas umgeschlagen sein: während sie früher von dem Congreffe nichts wissen wollten, werden sie jetzt in Berlin erscheinen. In England macht man große Anstrengungen, um eine zahlreiche Beschickung zu sichern.

Kiel, 26. Februar. Den Wittwen der auf der Brandenburg" verunglückten Werftarbeiter sind vom Reichs­marineamt einmalige Unterstützungen im Betrage bis zu 150 Mk. bewilligt worden.

Deutscher Neich-tag.

58. Sitzung. Dienstag den 27. Februar 1894.

Eingegangen: Gesetzentwurf betr. Aufhebung des Identi­täts-Nachweises.

Die erste Berathung des Handelsvertrags mit Rußland wird fortgesetzt. Damit verbunden wird die Berathung des Antrags v. Kardorff u. Gen. betr. die Vorlegung eines Retchsgesetzes wegen Erhebung von Zollzuschlagen für die Einfuhr von Roggen, Weizen und Mehl bet bestehendem Disagio in fremden Staaten. Danach soll bet mehr als 10<y0 Dtsagio ein Zollzuschlag von 1 Mk. (für Mehl 2*/a Mk.), bei mehr als 20% Dtsagio ein Zollzuschlag von 2 Mk. (für Mehl 5 Mk.) erhoben werden.

Ein Amendement v. Saltsch (cons.) will auch für Hafer Zoll­zuschläge von 0,80 bezw. 1,60 Mk. erhoben wissen.

Ein Amendement Heyl von Herrnsheim (ntl.) will den Zollzuschlag bet mehr als 20 % auf nur 1% Mk. (für Mehl 3% Mk.) uormtrt wissen und den Bundesrath zur Erhebung der Zollzuschläge nur ermächtigen, nicht verpflichten.

Abg. o. Kardorff (Rp.) begründet seinen Antrag. Ländern mit schwankender Valuta gegenüber sind alle Handelsverträge illu­sorisch, wenn nicht entsprechende Vorsorge getroffen ist, wie fie durch den Antrag geschaffen werben soll. Der Antrag richtet sich nicht sowohl gegen Rußland als gegen andere Länder, so gegen Argentinien und Indien, die bezüglich der Getreideeinfuhr nach Deutschland in der unterwerthigen Valuia eine starke Exportprämie besitzen. Die Argumentation des Staalssecretärs v. Marschall, daß der russische Roggen ja doch auf den Weltmarkt gehe und so auch bet uns die Preise drücke, ist nicht richtig. Der Roggenprets hängt nicht so sehr vom Weltmarkt ab, denn Deutschland ist, wenn auch nicht der einzige, so doch der Hauptabnehmer für russischen Roggen, lieber die Be­völkerung des preußischen Ostens zur Tagesordnung übergehen, heißt so viel als über das Deutsche Reich zur Tagesordnung übergehen. Die Industrie setzt zu weit gehende Hoffnungen auf den Vertrag; zweifellos ist aber, drß er der Landwirthschast große Opfer auferlegt. Herrn Rickert erwidere ich: wenn Fürst Bismarck einen solchen Vertrag vorgelegt hätte, würde er der Landwirthschast auch aus­reichende Compensationen geboten haben. Bei der jetzigen Regierung war bisher von Wohlwollen für die Landwirthschast nichts zu merken. , Eine Compensation würden wir in der Aenderung dec Währung erblicken. Aber die Währungs-Enquete-Commisston ist so zusammen gesetzt, daß die Mehrheit aus Gegnern jeder Währungs-Aenderung destrht. Die mangelnde Berücksichtigung eines Standes, der der sicherste Hort gegen die Socialdemokratte ist, ist nicht verständlich. In Frankreich versteht man, daß in dem Zollschutz für die Bauern auch die militärische und finanzielle Macht des Staates liegt. Ich bitte, den Vertrag abzulehnen. (Beifall rechts.)

Reichskanzler Graf Caprivi: Mit dem Vertrag wird eine Brücke für den friedlichen Verkehr zwischen uns und Rußland ge­schaffen. Ich muß zunächst den Insinuationen ia der Presse ent­gegentreten, als ob Streitigkeiten zwischen den Bauleuten und diesem Vertrage herrschten. Was mich anlangt, so hätte man am liebsten gesehen, daß der Bauleiter selbst von dem Gerüst falle. (Heiterkeit.) Der Bauherr ist fest überzeugt von der Nothwendigkeit dieses Ver­trages. Auch von den angebltchm Meinungi Verschiedenheiten inner­halb des preußischen Staatsministeriums ist nichts wahr. Dieses hat dem Vertrage einstimmig zugestimmt und steht für denselben Mann für Mann. Dasselbe gilt vom Bundesrath. Auch über die Stellung Oesterreichs und Italiens sind irrige Meinungen verbreitet. Die leitenden Staatsmänner beider Staaten haben nur ihre Freude über den Abschluß des Vertrags ausgedrückl. (Hört, hört!) Wir wollen Erhaltung des Friedens, Wahrung der deutschen Ehre und des deutschen Ansehens. Der Dreibund derfolgt friedliche Ziele. Und man wird nicht in Abrede stellen, daß auch dieser Vertrag solchen frtedl chm Zielen dient. Zu meinem Bebauern hat sich gestern ein Redner darüber anders geäußert. Man hat gesagt: po.irische Freundschaft und wirthschastltche Feindschaft seien vere n' ar. Ich will die Möglichkeit nicht leugnen; aber wenn wir auf unsere innere Entwickelung zurückblicken, hat da nicht unsere wirthschastltche An­näherung auch der politischen Vorschub geleistet. Dieser Vertrag ist nur die Consequenz früherer Verträge. Die Landwirthschast wird durch ihn nicht geschädigt. Wir wünschen, daß die deutsche Stimme im europäischen Concert gehört werde. Wir spielen bei den Handels­verträgen eine führende Rolle und damit könnte Deutschland zufrieden sein. Wir wollen die Cultur fördern und wir glauben, dem Ansehen Deutschlands wird damit nur genützt. Wird der Vertrag nicht an­genommen, so ist die Fortsetzung des Zollkriegs sicher. Wohl kein Gegner des Vertrags wird diesen Zustand leichten Herzens wollen. Wie würden namentlich unsere Ostprovtnzen geschädigt werden! Wie wurde der Schmuggel wieder aufleben und in seiner Folge Grenz- ftreitigfeiten ernster Art! Wer weiß, wohin diese führen würden! Unserem Handel würde eine hohe chinesische Mauer erwachsen. So günstige Umstände wie jetzt, kehren nicht wieder. Der Zollkrieg würde, je länger er dauert, desto mehr zur Ehrensache werden. Der Grenzschluß würde sich auch auf die Menschen ausdehnen bet solchem hermetischen Verschluß. Wenn wir die Hand Rußlands jetzt zurück- weisen, so wird der Panslavismus erst recht wachsen, und wird dann nicht erst recht eintreten, was Sie als Folge des Vertrags und der dadurch vermehrten wirthschastlichen Stärke Rußlands voraussagen?! Was über ben «ertrag fett.fi ,u sagen i,t, ist schon gejagt. 63 ist das letzte Glied in der Kette. Die Organe einer gewissen Partei stellen uns jetzt schon den früher geschmähten österreichischen Tarif als Muster hin. Aber wir thun doch nichts, als baß wir unseren Conventionaltaris noch einmal verkaufen, an Rußland, und dafür ohne einen weiteren Preis zu zahlen, recht erhebliche Vortheile eintauschen. Daß wir Roggen nicht nur aus Rußland beziehen, sondern von allen Thetlen des Weltmarktes, zeigt doch di« Statistik. Versorgt uns Rußland nicht, dann Andere. Rußland hat dagegen ein Interesse daran, uns mit Roggen zu ver­argen. Es hat den bequemeren Absatz. Und weshalb sollen wir ihm denselben nicht lassen, wenn wir dafür von Rußland ein Entgelt erhalten. Wir zahlen für diesen Vertrag keinen anderen Preis als daß wir neben anderen Roggen auch den russischen zulassen' Ich verstehe nicht, weshalb Sie einen Vertrag nicht annehmen wollens bei dem wir keinen Preis zahlen. Die Gegner des Vertrags quälen sich ab in einem Kampfe gegen wirthschastliche Naturgesetze gegen den Weltmarkt, und da sie diesen Kampf erfolglos führen, suchen sie die Schuld in Personen. Es hat mir weh gethan, daß Herr v. Kar- dorff sich auf das Urtheil eines französischen Staaismannes, Meline berufen hat. Ich habe warten wollen, bis auch Herr Meline sich'

auf Herrn v. Kardorff berufen wird, glaube ober, daß soweit die Selbstverleugnung des Herrn Meline nicht gehen wird. (Beifall links.) Der Bund der Landwirthe wirkt zersetzend. 1887 hat einseitig die Landwirthschaft Vorthetle erlangt, jetzt, da es sich um die Interessen der Industrie handelt, versagt die Landwirthtchaft. Der Bund der Landwirthe verhetzt Industrie und Landwirthschaft, hat Oien und Westen getrennt und ist j tzt sogar dabei, Klein- und Gioßgrund- besttz zu trennen. (Lebhafter Beifall links.) Im Jahre 1873 er­klärte Füist Bismarck, daß 51jährige Verhandlungen mit Rußland nicht ganz vergeblich gewesen sind. Er versprach, die Verhandlungen, wenn nicht selbst, so doch durch seine Amtsnachfolger noch weitere 50 Jahre fortzusstzen. Der Nachfolger des Fürsten Bismarck bin ich. Ich bin soeben im Begriff, dieses Versprechen etnzulösen. (Lebhafter Beifall.)

Abg. Dr. König (Antis.) weist darauf hin, daß 99 pCt. aller Landwirthe dem Bunde angehörten. Rickert bezeichnete ihn als antisemitischen Verein; es ist aber nur erfreulich, wenn der Anti­semitismus in solcher Weise Wurzeln schlägt. Rickert meinte gestern, die märkischen Bauern hätten früher gebetet: Vor Köckeritz und Lüderitz, vor Krachte und vor Jtzenplch behüt' uns, lieber Herre Gott! Nun heute betet der Bauer: Vor Levy, Cohn, Manasse und Anderen dieser Rasse behüt' uns, lieber Herre Gottij (Lärm links, Betfallrechts.) Der Bund der Landwirthe hat Groß- und Kleinbesttz nicht getrennt, sondern geeint. (Verfall rechts.) Die Industrie kann nur blühen, wenn die Landwirthschast kaufkräftig bleibt. Mit solchen Verträgen, wie der vorliegende, hilft man der Landwirthschaft nicht auf die Beine. Um den Vertrag annehmbar zu machen, müßte man ganz andere wirthschastliche Vortheile bieten, als sie dieser Vertrag enthält. Es ist doch auch bedeutsam, daß so patriotische Männer den Vertrag verwerfen. Die Socialdemokraten stimmen dafür, denn deren Weizen blüht ja, wenn die Landwirthschaft zu Grunde geht. Die Zuge­ständnisse Rußlands sind ganz ungenügend, Zollherabsetzungen auf Gemüse, Knoblauch (Heiterkeit), Zwiebeln, Hopfen sind ganz werthlos. Die Regierung hat für eine Taube einen recht mageren Sperling genommen. Der Vertrag stärkt Rußland wirthschastlich und deshalb lehnen ihn gerade Diejenigen ab, die aus Patriotismus für die Militär- oorlage gestimmt haben. (Abg. Singer: mehr aus Dummheit! Große Unruhe rechts. Rufe: Zur Ordnung!) Den Bund der Land­wirthe hat nur das die Landwirthe beseelende Gefühl der Verlassenheit geboren. (Sehr richtig! rechts.) Wie der Vertrag den Particularismus schürt, zeigt jetzt die Erörterung über die Staffeltarife. Der Vertrag bedeutet ein zweites Olmütz. Nichtswürdig ist die Nation, die nicht Alles setzt an ihre Ehre! (Großes Gelächter links).

Abg. v. Hammerstein (cons.): Herr Singer hat in einem Zwischenruf gesagt, wir hättenaus Dummheit" für die Militär­vorlage gestimmt.

Viceprästdent Frhr. v. Buol: Ich habe Herrn Singer sofort zur Ordnung gerufen. Es mag das bei der Unruhe im Hause nicht sofort überall verstanden worden fein.

Abg. Singer: Meine Worte lauteten:ober aus Dummheit, wie die Antisemiten." Ich fühlte mich dazu veranlaßt, weil ja Herr Böckel selbst hinterher erklärt bat, er sei in seinen Voraussetzungen, wegen deren er für die Milttärvorlage gestimmt habe,getäuscht worden." Mein Zwischenruf mag, wie ich zugebe, nicht parlamen­tarisch gewesen sein, aber er war jedenfalls zutreffend.

Abg. v. Hammerstein bemerkt, daß der Ordnungsruf auf der Rechten nicht gehört worden ist. (Ruse von allen Seiten: hier auch nicht!)

Abg. v. Liebermann constatirt, daß die letzten Worte Singers wieder W ndungen enthielten, um derenwillen er einen Ordnungsruf oerdimte, und beantragt die Ertheilung desselben.

Vicepräsident Frhr. v. Buol erklärt einen solchen Antrag für unzulässig.

Abg. v. Bennigsen (natl.) bestreitet einen Zusammenhang zwischen Rubelcours und Getreidepreis. Der Antrag Kardorff würde die Landwirthschaft nur schädigen. Der Vertrag bringt der Industrie große Vortheile, wenn auch nicht allen Branchen. Die Hauptsache ist aber, daß mit Rußland zum ersten Male ein Vertrag abgeschlossen wird, der die deutschen Staatsangehörigen den russischen gleichstelle. Angesichts des jetzigen wirthschast ichen Drucks muß der Vertrag für unfern Handel und untere Schifffahrt eine ungeheuere Bedeutung gewinnen. Dabei ist der Vertrag nicht das letzte Glied in der Ent­wickelung. Nachdem Rußland den ersten Schritt gethan, werden weitere folgen. Rußland besitzt trotz aller inneren Schwierigkeiten eine erstaunliche Entwickelungsfähigkeit und bietet fomit seinen Nachbarn ungeahnte Vortheile für die Zukunft. Man will Com­pensationen für die Landwirthschaft, wie verschieden diese aber beurteilt werden, sieht man bei der Frage des Identitätsnachweises. Die Aufhebung des Identitätsnachweises ist jedenfalls richtig und wird hoffentlich hier die Mehrheit finben, unter ber Voraussetzung, daß die preußische Regierung die Staffeltarife aufhebt. Ja bei Nichtaushebung ber Staffeltarife ist auch ber Hanbelsvertrag gefährdet; die Stimmen ber Gegner ber Staffeltarife sinb hier nicht zu ent­behren. Ein Krieg mit Rußlanb würbe für beibe Theile ein großes Hebel fein. Gelingt es, mit Rußland nähere Handels- und Verkehrs- verhältnifse herzustellen, dann wachsen auf beiden Seiten innrer mehr die Güter, die in einem Kriege aufs Spiel gefetzt werden müßten. In einem Zollkriege bieten sich soviel Anlässe zu Verstimmungen, daß die Beseitigung dieser Spannung im Interesse dis Friedens liegt. Wer den früheren Verträgen zuftimmte, mußte sich sagen, daß wir Rußland nicht dauernd verweigern können, was wir Anderen gewährten. Die Landwirthschast hat recht, sich zu orpantfhen; es hätte das längst geschehen sollen, dann würden brüte nicht solche Elemente ber Thorheit und Leichtgläubigkeit so großen Einfluß haben. Die Lanbwirthschaft ist in einer Nothlage; aber bie Regierung hat auch volles Verstänbniß bafür. Redner wendet sich bann gegen bie gestrigen Angriffe Rickerts auf bie Junker. Was diese Klasse in ber Vergangenheit gesünbigt haben mag, bas Lat sie seit 1867 roleber gut gemacht. Wo war damals bie Linke? Alles, was damals ge­schehen ist, ist gegen die Linke geschehen. Ich wünschte, die Conser- vativen stimmten dem Vertrage zu. Was geschieht bei dessen Ab­lehnung ? Auflösung Die Regierung müßte dann Alles daran setzen, um eine Mehrheit für den Vertrag zu gewinnen, eine Mehrheit mit Socialdemokraten und Fortschrittlern. Der Vertrag würde ja dann angenommen. Aber was soll denn bie Regierung mit einem solchen Reichstag? (Heiterkeit links.) Ein Wahlkampf mit einer solchen Front, was wäre unnatürlicher? Also nehmen Sie (rechts) den Vertrag an er wird uns vor Krisen bewahren, vor denen wir uns mehr hüten sollen, als andere ältere VerfasfungSstaaten. (Beifall.)

Abg. Lutz (cons.) vertheidigt den Bund ber Lanbwirthe gegen bie wiber benfelben erhob-nen Angriffe unb bekämpft den Vertrag, ber ber Jnbustrie nichts nütze, bie Lanbwirthschaft aber aufs Schwerste schäbige. In ber deutschen Landwirthschast werbe man die Verdienste des Fürsten Bismarck auch bann noch hochhalten, wenn sich bas beutsche Volk seiner Gegner längst schämen werbe. Die Leibeigenschaft habe ein Junker Freiherr v. Stein abgeschafft, eine schlimmere Leibeigenschaft hat bie Partei Rickerts durch die Wucherfreiheit geschaffen.

Weiterberathung morgen.

Neueste Nachrichten.

Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Petersburg, 27. Februar. Das heute Abend Ö1/^ Uhr ausgegebene Bulletin Über das Befinden des Herrn v. Giers besagt: Der Puls stieg in ungefähr sechs Stunden von 72 aus 90 in der Minute - zeitweilig tritt Herzbeklemmung ein, aber ohne Athemnoth.

Alexandrien, 27. Februar. Gemäß dem Beschlüsse der Sanitätsconferenz zu Venedig ordnete das hiesige Gesund­heitsamt an, daß von heute ab särnmtliche von Osten ober

dem Rothen Meere eintreffenden Schiffe in Suez ärztljch untersucht werden sollen. Falls der gesundheitliche Zu­stand befriedigend befunden wird, dürfen die Schiffe jederzeit ohne Verzug den Canal passiren.

Depeschen des BureauHerold".

Berlin, 27. Februar. Die Kaiserin hat als Beitrag zur Sammlung für die Hinterbliebenen der auf derBranden­burg" Verunglückten 500 Mk. gespendet.

Berlin, 27. Februar. Von offiziöser Seite wird die gestrige Meldung derVoss. Ztg.", Miquel habe sich gegen die Handelsvertragspolitik geäußert, als unwahr bezeichnet. Alle preußischen Minister seien von ber Nothwendigkeit der Annahme des russischen Handelsvertrags überzeugt und hätten jederzeit dementsprechend gehandelt. Auch die Meldung der Voss. Ztg." über die Haltung Miquels zur Frage ber Auf­hebung ber Staffeltarife sei unzutreffenb.

Berlin, 27. Februar. DerPost" zufolge bürste fest- stehen, baß bie preußischen Staffeltarife für Betreibe unb Mühlenfabrikate aufgehoben werben.

Berlin, 27. Februar. Die wirthschastliche Vereinigung des Reichstags ist heute zusammengetreten unb hat ben An­trag Kanitz, betreffenb bie Besteuerung ber Margarine, berathen. 60 Herren waren erschienen. Schließlich würbe eine Commission zur Prüfung ber Frage niebergesetzt.

Berlin, 27. Februar. Nach berNationalzeitung" find Aussichten vorhanden, baß nur eine kleine Anzahl von Mit- gliebern ber nationalliberalen Fraction gegen ben beutsch- russischen Hanbelsvertrag stimmt. Infolge ber neuerlichen Fractionsverhanblungen ist eine btesbezügliche Befferung ein­getreten unb nehmen heute nur noch zwölf Mitglieder eine ablehnende Haltung ein. Von der nationalliberalen Partei sprechen für ben Vertrag Bennigsen, Hammacher, Möller unb Osann.

Leipzig, 27. Februar. In einer gestrigen Versammlung ber sächsischen Großindustriellen würbe beschloffen, im Jahre 1895 in Leipzig eine sächsisch-thüringische Ge­werbeausstellung zu veranstalten.

Wien, 27. Februar. Die burch ungarische Blätter ver­breitete Nachricht, bas 13. Armeecorps befinde sich wegen bet angeblich bedrohten Situation in Serbien in Bereitschaft, wird von zuständiger Seite als vollständig erfunden be­zeichnet. Das hier erscheinendeDeutsche Volksblatt" wurde confiscirt, weil es die sehr tendenziös gehaltene Meldung ebenfalls veröffentlicht hatte.

Paris, 27. Februar. Gestern Abend wurden weitere fünf Anarchisten verhaftet. Die Frau des Anarchisten Meligaux beging gestern Abend einen Selbstmord- und Mordversuch an sich und ihrem Kinde mittels Laudanvm.

Paris, 27. Februar. Der Graf von Paris löste seine bisherige Partei auf und entzog den Provinzialblättern die Subvention. .Mehrere dieser Journale schlagen jetzt einen republikanischen Ton an.

Brüssel, 27. Februar. WieLe Soir" meldet, sollen mehrere Arbeiter in dem Tunnel zwischen Welkenraedt und Dolhain fünf Dynamit-Bomben gefunden haben, an denen die Zündschnur fehlte. Man nimmt an, daß diese von Anarchisten auf das Bahngeleise gelegt wurden, bie aus Deutschland kamen und befürchteten, in Verviers durch den Zollamtsvorsteher verhaftet zu werden.

London, 27. Februar. Die Polizeibehörde benachrichtigte die Brüsseler und die Pariser Polizei von der Abreise von zehn fremden Anarchisten nach dem Continent.

Belgrad, 27. Februar. In eingeweihten Kreisen ver­lautet, daß Exkönig Milan zum Generalinspector ber ser­bischen Armee bemnächst ernannt werden soll, um ihm eine offizielle Stellung zu geben und ihm Schutz gegen die An­griffe ber Radicalen zu verschaffen.

Belgrad, 27. Februar. Die hier circulirenben Gerüchte, baß man am Sonntag vor dem Hause des Ministerpräsidenten Siwitsch zwei Bomben mit brennender Zündschnur ge­funden habe und daß im königlichen Konak sechs Personen wegen eines versuchten Attentats verhaftet worden seien, werden von offiziöser Seite dementirt.

Sofia, 27. Februar. Wegen der Krankheit ber Fürstin hat am gestrigen Geburtstage bes Fürsten kein Empfang stattgesunden.

Odessa, 27. Februar. Die regelmäßige Dampf­schifffahrt zwischen Wcstsibirien unb England soll jetzt Wirklichkeit werden. Die Gründer derselben sind die Rheder Kidrjaschoff in Jnkatarinenburg unb Griasow in Barnaul. Der Hauptoertreter in Westeuropa ist Consul Sendberg in Moß in Norwegen, welcher 20 Schiffe besitzt.

Chicago, 28. Februar. Nunmehr ist die fünfte Feuersbrunst in Der Ausstellung unb zwar diesmal in der Abtheilnng der Landwirthschaft ausgebrochen. Das Dach der Halle ist eingestürzt. Man glaubt, daß Brandstiftung vorliegt.

Locale» und provinzielle».

Gieße», 28. Februar 1894

** Laudtagswahl betr. Der Bericht des 3. Ausschuffes zweiter Kammer über die Beanstandung der Wahl des Land­tagsabgeordneten Orbig (Gießen-Land) lauht: Da der für den 5. Wahlbezirk der Provinz Oberhessen (Gießen Land) am 4. October v. I. gewählte Landtagsabgeordnete Herr Landwirth Philipp Köhler zu Bettenhausen die Wahl für den genannten Bezirk abgelehnt hatte, war eine Neuwahl nöthig geworden. Bei dieser nun am 27. October v. I. zu Gikßen ftattgefunbenen Abgeordnetenwahl waren von 34 Wahl- männern 33 erschienen. Bei der Abstimmung fielen 14 Stimmen auf Herrn Wilhelm Bär von Herrnhaag, 9 Stim­men auf Herrn Stadtverordneten Orbig in Gießen, 6 Stimmen auf Herrn Bürgermeister Leun von Großen-Linden unb 4 Stimmen auf Herrn Bürgermeister Geißler von Lollar. Da hiernach keiner ber Canbidaten bie gesetzlich vorgeschriebene absolute Stimmenmehrheit hatte, so würbe eine wieberholte