Ausgabe 
30.9.1893 Erstes Blatt
 
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Nr. 230

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Amts- und Anzeigeblutt für den Ureis Gieren.

| chratisbeikage: Gießener Kamitienbkätter.

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das Auge Denkmäler auf dem alten Frankfurter Friedhöfe von zweihundert Bis zum I Jahren sind heute noch wohl erhalten, tndeß der belgische nach

Alle Annoncen-Vureaux de» In- und Auslandes netz«« Anzeigen für den .Gießener Anzeiger" entgegen

Marmor vom!.--------

der Corridore, als Säulenreihe den neuen Central-Bahnhof.

Aber auch daS Ausland sendet bereits seine Steine, die Champagne ihre Kreidesteine, die Seine ihre Kalk-Sandsteine- Schweden und Norwegen bringen übers Meer ihre Granit­säulen- die belgischen Ardennen, die französischen, italienischen Gebirge den vielfarbigen Marmor. In wenigen Jahrzehnten schreitet das heimische Gestein mit Riesenschritten hinaus, ein neues Feld sich erringend- mit mächtigen Schritten dringt aber auch das fremde herein und droht das heimische zu verdrängen.

Soll ich Ihnen sagen, daß daS neue Frankfurter Theater ganz mit französis^em Marmor geziert ist und die Börse zum kleineren Theil nur aus Nassau, zum größeren aus dem Jura versehen wurde? Wandern Sie durch Kirchen und Synagogen, wie über die Friedhöfe, dann finden Sie seit 1866 nach dem belgischen und französischen Handels-Vertrag in Frankfurt fast keinenNaffauerMarmor mehr, der zuvor in Hunderten,Tausenden von diesen Steinen hier prangte. Wandern Sie durch Wt es- baden, wo die prächtigen Werke in der Nero-Capelle, im Schlosse, im Curhause von der Schönheit des Nassauer Mar­mors zeugen, das erste neue Marmorstück (im Ludwigs-Bahn­hof) ist ein belgisches!

Gehen wir nach Darmstadt, wo das berühmte Grab­denkmal der Großherzogin Mathilde (von Leo von Klenze enworfen) die Farbenpracht des Nassauer Marmors enthüllt der ganze Friedhof ist heute mit belgischem, italienischem und anderem Gestein des Auslandes geschmückt. Das find bedenk- liche Zetten für unsere Stein-Industrie: sie künden an, daß unsere Industriellen ihr Feld nicht recht umstellt halten. Die Schachzüge des Auslandes sind schon stark genug, um hier ernsthaft Bresche zu schießen und mit den Waffen des Fort­schrittes die heimische Industrie selber zu bekämpfen. Diese aber ist sorglos, ich will nicht sagen im Bekämpfen der Geg­ner, nein aber im Erringen der gleichen Stellung im A u s-

Nnnahmr von Anzeigen zu der Nachmittag» für bm fel|mben Tag erscheinenden Nummer big Lorrn. 10 Uhr.

aus Holz, Fachwerk und Thon-Steinen- seit diesem Ereigniß aus purem Thon-Stein mit seltener Zier von Thür- und Fenster- wand aus rauchgrauem, minderwerthigem S a n d st e i n. Kirchen und Paläste, die Börse, daS Theater sind alle in gleicher Weise gebaut - kaum die Pyramiden der sieben neuen Thürme aus jenem rauchgrauen Sandsteine.

Ein einziges HauS steht am Alster-Becken, am schönsten Platze der Stadt, ächt Stockwerke hoch, mit hohem Giebeldach derHamburger Hof" in schönem rothem Sandstern. Wie einen heimischen Freund begrüßt ihn der oberdeutsche Gast- denn von des Maines Ufern wanderte der Koloß zu der Elbe Strand. Ein Einziger unter den vielen Industriellen verstand es, den Niederdeutschen die Schönheit unseres Gesteine« zu zeigen und die Landsleute zu gemahnen, daß wir Gleich­wertiges besitzen, wie das Ausland. Denn seinen Granit bringt dorthin das Gebirg von Norwegen und Schweden, von Wales und von Schottland, den Marmor die Ardennen, die französischen, die italienischen Gebirge- nur der deutsche Sand- stein ist dort ein Stiefkind!

Es zeugt wohl keine Industrie so sehr von dem Fort­schreiten unserer Zeit, wie diese Wanderung der Steine. ES spricht aber auch keine so mächtig gegen die kleinen Mittel, mit denen man die große Industrie schützen will, wie diese Aus- und Einfuhr der Steine. Es giebt keinen Menschen, der aus Patriotismus sein HauS aus rsthem, oder gelbem grünem Sandstein baute. Nicht einmal zu dem heimischen Marmor bei der Wahl eines Grabmale-: Geschmack, Mode Sucht nach Neuem sind die Motive, der Preis der Steine nicht minder. Das Einzige, was die heimsche Industrie dagegen thun kann, ist die Ueberzeugung von ihrer befferen Leistung aller

für Deutschland möglichen Entgegenkommens gegenüber Ruß­land sestgestellt worden sein. Hoffentlich bringen auch die russischen Delegirten entsprechend entgegenkommende DiSpo- sitionen ihrer Regierung mit.

Berlin, 28. September. Zur Tabakfabrikatsteuer. Am Sonntag fand eine Versammlung von Tabakfabrikanten und Händlern aus Schleswig-Holstein in Neumünster statt. Es wurde beschloffen, eine Eingabe an den Reichstag gegen die Fabrikatsteuer zu richten, mit dem Petitum, der Reichstag möge die geplante Vorlage der Fabrikatsteuer nicht annehmen, sondern lieber die Einbringung einer Vorlage zur sofortigen Einführung des Tabakmonopols unter Entschädigung der Be- treffenden veranlassen. Man ging von der Ueberzeugung aus, daß die Fabrikatsteuer den sicheren Ruin des Gewerbes in Norddeutschlcmd und die Verschiebung der Production nach Süddeutschland zur Folge haben müffe.

Ueber das russisch-französische Bündnrß wird dem Konstantinopeler Correspondenten derKölnischen Zeitung" von erster Stelle die Ansicht der türkischen Regie- rungSkreise offenbart. Danach habe die Mitthetlung von der Errichtung eines russischen Mittelmeer-Geschwaders nicht überrascht- im Gegentheil werde eine langsam fortschreitende Verstärkung der Flotte sicher erwartet. Diese Kundgebung werde nur gegen England gerichtet. Man glaube nicht an ein französisch-russisches Bündniß, da heute beide Staaten im europäischen Orient dieselben Gegner seien, wie vor vierzig Jahren. Jndeß laffe Rußland sich die französische Freund­schaft gefallen, nur um England Schaden -zuzufügen. Der seit langen Jahren erwartete Kamps zwischen England und Rußland in und um Asien werde im Mittelmeer mit franzö­sischer Hilfe geführt werden. . . m c

Breslau, 27. September. Heute wurde die im Vorjahre wegen der Choleragesahr abgesagte allgemeine deutsche O b st- undGartenbau-Ausstellung durch den Oberpräsidenten v. Seydewitz feierlich eröffnet.

Mannheim, 28. September. Eine auS Anlaß der badischen Regierung vorgenommene bacteriologische Unter­suchung deS Rhein- und Neckarwassers hat voll« ständiges Fehlen von Cholerabacillen ergeben.

Olafen i!t.

Ausland.

Wien, 28. September. Kaiser Wilhelm hat den Erz­herzog Albrecht von Oesterreich, in deffen Händen

lande!

Unlängst sah ich Hamburg, die große Mettopole de» deutschen Niederlandes. Hundert Stunden im Umkreis wachst kein Stein- Sand und Thon und Lehm so weit d reicht- kein faustgroßer Kiesel im weiten Gebiete. Brs zum

die Oberleitung der Manöver von GünS ruhte, zum General-Feldmarschall der preußischen Armee ernannt. DaS preußische Heer darf stolz darauf sein, daß es nunmehr den berühmten Sieger von Custozza mit zu den ©einigen zählen kann.

Paris, 28. September. Mit dem Monat October ist der Zeitpunkt für die französischen Russenschwärmer herangenaht, wo sie ihren begeisterten Gefühlen gegenüber den erwarteten russischen Gästen endlich Luft machen können. Das Programm der Empfangsfeierlichkeiten in Toulon rote in Paris ist nunmehr bekannt gegeben roorden, es weift gegen die früheren Projccte mancherlei Einschränkungen auf, doch werden sich namentlich die Pariser Ruffenfeste noch immer glänzend genug gestalten. Der Tag der Ankunft deS russischen Geschwaders in Toulon steht indessen noch immer nicht sest. In Nord frankreich dauert der Strike der Berg­leute noch immer fort, der Versuch, durch ein Schiedsgericht den Ausstand zu beseitigen, ist durch das ablehnende Verhalten der Grubengesellschaften vereitelt worden. Von einem all­gemeinen Bergmannsstrike kann jedoch noch nicht gesprochen werden, da die ca. 12000 Bergleute der Kohlenwerke von Aigin noch fortarbeiten.

Chicago, 27. September. In der Gruppe 158 der Weltausstellung (Musik- und Mustk-Jnstrumente) erhielt Deutschland 34, Oesterreich 26 Preise- für Präcisions-Jn- strumente und Photographien rc. wurden Deutschland 96 und Oesterreich 5 Preise zuerkannt.

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Neueste Nachrschteu.

Wolffs telegraphisches Korrespondenz- Bureau.

München, 28. September. Heute Nachmittag um 2 Uhr fand in programmmäßiger Weise im Thronsaale der Königl. Residenz die feierliche Eröffnung des Landtages statt, wozu alle hier anwesenden königlichen Prinzen und die Mit­glieder des diplomatischen Corps erschienen waren.

Innsbruck, 28. September. Der Kaiser und die Erzherzöge wohnten der heute Vormittag 10 Uhr statt« gehabten Enthüllung des Andreas Hofer-Denkmals auf dem Jselberge bei. Auf die Ansprache deS Präsidenten des DenkmalcomitSs, Oberst Urich, antwortete der Kaiser wie folgt:Durch die Errichtung des Denkmals, deffen feierliche Enthüllung uns heute hier vereint, haben die Be­wohner Tyrols und des Voralberges eine Dankesschuld ent*

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Erstes Blatt. Samstag dm 30. September

Der fte|r<et Anzeiger -tfdXknt tägltö. Btt EHinab nie bei Montag».

T't Gießener vftntlUtftT t enn Anzeiger t^mlich dreimal be gelegt

Orten zn verbreiten.

Oscar Fraas, der hochgeschätzte schwäbische Geologe, sagt:Die Sandftein-Formatton in Deutschland ist so einzig in Europa, daß man sie eine deutsche nennen könnte. Eine Gothik ist selbst ohne den deutschen Sandstein undenkbar. Von dem Naffauer Marmor zeugt eine tausendjährige Geschichte.

scheuer Anzeiger

Gemral-Wnzeiger.

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Die Stein-Industrie am Rhein und Main.

Von Heinrich Becker zu Frankfurt am Main.

Nachdruck untersagt.

II. Wohin sie jetzt streben muß.

Mit dem Anfang dieses Jahrhundert- wird am Mittel- Tbein, in Baden, Heften, Naftau ein Straßen- System an- oelegt, das netzförmig alle Thäler durchläuft und alle Steine totn Gebirg zu den großen Städten führen kann. Mit den herziger Jahren kommen dazu die Eisenbahnen, welche Ne schwersten Lasten auf weite Entfernungen bringen und den Transport großer Maften gestatten. Mit den sechziger Jahren biird dem Bürger das Recht der Niederlassung des Ge- werbes, des Händels erleichtert, die ihm gestatten, sein Geschäft erweitern, zu bauen und größere Steinmengen zu verbrauchen. ES kommen endlich die Handels-Verträge hinzu, die -selbst dem Stein die Pforten der Reichsgrenzen öffnen und qm die Wanderung nach drüben und hüben gestatten.

Seit zwanzig Jahren sehen wir am Mittelrhein eine Aus­dehnung der Städte, die man früher nicht kannte. Frank- hrt, Wiesbaden, Mainz, Darmstadt rc. sind heute alle zwei- bis dreimal so groß, wie am Anfang des Jahrhunderts. Häuser ent­setzen zu Hunderten als einfache Prioathäuser, wie früher die Fürsten sie bauten. Ich rede nicht von der Ausdehnung, den hohen Stockwerken, nein, von der künstlerischen Gestaltung, her reichen Zierung.

Vor zwanzig Jahren waren die meisten Häuser zu Frank­furt massiv aus Sandsteinen erbaut, doch nur aus Bruchstein, mit glatter Tünche und nackten Thür- und Fensterrahmen. Heute treten ganze Wände aus glatt behauenen Steinen heraus, nit Pfeilern und Säulen, reich gegliederten Simsen, Erkern, Altanen, mit Bildwerk aller Art aus ächten massiven Steinen. Der bunte Sandstein genügt nicht mehr- der gelbe, grüne Keuper-Sandstein vom oberen Main und Neckar, der Jura­ssein von Lothringen, der Basalt-Tuff vom Rheinland kommen zu den bürgerlichen Palästen. Der Dolerit vom Vogelsberg, ter Granit vom Odenwald, vom Fichtelgebirg und dem Schwarz- tvald treten als Sockel und Pfeiler in die Straßen. Der

VeBttsches Reich.

verlia, 28. September. Der vielfach erwartete Abstecher tes Kaisers nach Kissing en anläßlich seiner Rückreise aus Ungarn ,st unterblieben, doch scheint ein Besuch des Monarchen beim Fürsten BiSmarck noch während der Anwesenheit des Letzteren in Kissingen überhaupt nicht geplant en efen zu sein. Sicherlich wird aber das Unterlassen dieses Gesuches von keinerlei Einfluß auf die weitere Entwicklung deS durch den berühmten Depeschenwechsel angebahnten neuen Verhältnisse- zwischen dem Kaiser und dem Fürsten Bismarck sein. Denn es steht zu hoffen, daß die jetzt eingeleitete Wiederannäherung zwischen den beiden auf den Höhen des Leben- stehenden Männern erfreuliche Fortschritte im Sinne einer baldigen vollständigen Aussöhnung machen wird. Hierauf deutet nicht zum Wenigsten die nun erfolgte Veröffentlichung de» Wortlautes der Günser Kaiserdepesche und des Kissinger Aniworttelegramms des Fürsten Bismarck hin und der einfach herzliche Ton, der in den beiderseitigen Kundgebungen ange» sch Ingen wird, kann die oben ausgedrückte Erwartung nur verstärken. BeachtenSwerth erscheinen guch die Conserenzen des Grafen Lehndorff, des langjährigen Generaladjutanten Kaiser Wilhelms I., beim Altreichskanzler in Kissingen, sowie der Besuch des Grasen Wilhelm Bismarck bei der Kaiserin Friedrich in Homburg, beide Vorgänge bekunden offenbar, daß an der Wiederverständigung zwischen Kaiser und Ex- -aizler fortgearbeitet wird. Fürst Btsmarck selbst ist hieiier so weit gekräftigt, daß er an diesem Samstag endlich die Rückreise nach FriedrichSruh anzutreten gedenkt. Die innigen Wünsche aller patriotischen Deutschen begegnen sich gewiß darin, daß' sich der Altreichskanzler daheim in seinem baulichen lauenburgischen TuSculum wieder bald vollständig dov den Nachwehen der schweren Krankheit, die ihn während seill.es diesjährigen Kuransenthaltes in dem fränkischen Saale- tale befallen hatte, erholen möge.

Die Zeit der angekündigten comptissarischen Handelsvertragsverhandlungen zwischen Deutsch- Utnb und Rußland ist herangekommen, sie beginnen, wie Mannt, am Montag in den Räumen des Berliner Auswär­tigen Amtes. Deutscherseits sind ihnen soeben Besprechungen zwischen den bei den neuen deutsch-russischen Verhandlungen beteiligten Vertretern der Reichsreftorts und der preußischen Nessorts, sowie Vernehmungen zahlreicher Sachverständiger vorausgegangen- es dürfte hierbei die äußerste Grenze des

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