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1.1.1893 Erstes Blatt
 
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Rr. 1 Erstes Blatt

Sonntag den L Januar

1893

Der

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Die Gießener

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Amtlicher Theil.

Gefunden: 1 Messer, 1 Halstuch, 1 Kinderhandschuh, 2 Taschentücher, 1 Mütze, 1 Kmderpeitsche, 1 Kopfpolster und 1 Lampenbrenner.

Gießen, den 31. December 1892.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.

Zum Jahreswechsel.

Du gingst zur Ruhe, altes Jahr, Von Glockentönen ernst umklungen, Von ihrem Rauschen wunderbar In deinen letzten Schlaf gesungen . . . Leb' wohl denn nun, es sei geweiht Dir unser Glas zu dieser Stunde Vergessen sei, was du an Leid Gebracht in deiner Monden Runde!

Und nun zu dir, du neues Jahr Was birgst du uns in deinem Schooße? Sind's Freudenperlen rein und klar Sind es des Leides dunkle Loose? Roch fremd jedoch ist uns dein Blick, Roch trittst du vor uns hin mit Schweigen, Und unser künftiges Geschick Nicht künd en's deine Nunenzeichen!

Wohlan, so bleibt das Hoffen nur, Mit dem wir Alle dich begrüßen: Es werde uns in deiner Spur Ein neues, gold'nes Glück entsprießen In dieser Hoffnung schauen wir Dir, neues Jahr, getrost entgegen O, mögest du uns für und für Umglänzen mit dem hehrsten Segen!

Paul Berthold.

Zum Neuen Jahre.

Golt zum Gruß im Neuen Jahr!

Das alte Jahr ist zu Grabe getragen. Mit lautem Jubel | und stürmischem Becherklang haben ihm Manche das Geleite . gegeben. Aber dem tiefer angelegten Gemüthe ist es ein Be- \ dürsniß, den Jahreswechsel in stiller Sammlung und mit \ ernstem sinnenden Gedenken zu begehen und die wechselnden i Bilder des verflossenen Jahres vor dem geistigen Auge noch i einmal vorbeiziehen zu lassen.. I

Wechselnde Bilder! ISiebt es ein Haus, in welchem nicht Freud und Leid sich abge öst hätte? Für viele unserer Mit- i bürget war das alte Jahr vor anderen ein Jahr der Sorge. j Die Stockung in Handel und Gewerbe, der zunehmende Mangel , an Arbeit und Verdienst baben sich schmerzlich fühlbar gemacht. Dazu die Schrecken der Cholera. j

Mit Trauer denken wir an die Zehntausende, die in der alten Hansastadl der Seuche zum Opfer fielen und an diejenigen, welche heute um ihre verlorenen Lieben klagen. < Wir denken aber auch mit dankerfülltem Herzen daran, daß der gnädige Gott seine Hand schützend über unser Vater­land gedeckt, der weiteren Ausbreitung der Krankheit und damit unsäglichem Jammer gewehrt hat. Der bis hieher geholfen, wird auch weiter helfen. Im Vertrauen auf Ihn blicken wir getrosten Muthes vorwärts in die Zukunft.

Freilich, zu durchschauen vermögen wir die Zukunft nicht, sondern können nur aus vollem Herzen einander wünschen: Gott segne Dich, Gott segne deine Arbeit im Neuen Jahr!

Ob wir im Schweiße unseres Angesichts mit unserer Hände Arbeit das tägliche Brod verdienen oder ob wir in geistiger Anstrengung unseren Lebensberuf gefunden haben an Gottes Segen ist Alles gelegen. Er kann allein unserem Wirken und Schaffen das Gedeihen geben und dazu ein fröhliches Herz und die herrliche Gabe der Zufriedenheit.

Im Vertrauen auf den Segen Gottes wollen wir auch an die Aufgaben gehen, die das neue Jahr Jedem stellr, der sein Vaterland lieb hat. Wir wollen nicht in die Klagen einstimmen um die gute alte Zeit, die unwiederbringlich dahin sei. Jede Zeit hat ihr Gutes und ihr Schlimmes, auch die unsere. Aber das können wir uns nicht verhehlen, daß in unserer Zeit neben dem Licht sehr viel Schatten liegt. Das Böse hebt mächtig das Haupt empor. Gottlosigkeit und Gemeinheit, Zuchtlosigkeit, Leichtsinn und Unsittlichkeit zehren an dem Mark des deutschen Volkes. Das Schlechte zu bekämpfen, wo. wir ihm begegnen und in welcher Form es auftrere, ist unsere gemeinsame Aufgabe. Unser eigenes Leben aber soll ganz

und voll gestellt sein in den Dienst der Gerechtigkeit und oer Liebe, der Treue und der Wahrheit. Das sei unser Gelöbniß beim Beginn des Neuen Jahres.

Deutsches Reich.

Berlin, 31. December. Das Programm der kom­menden Winterfestlichkeiten am Berliner Hofe ist vorläufig wie folgt festgestellt: 15. Januar Ordensfest, 17. Januar Capitel vom Schwarzen Adlerorden, 19. Januar große Ordenscour, 21. Januar Ball im Weißen Saale, 22. Januar Familientafel, 23. Januar Festtafel, 24. Januar Familientafel bet der Kaiserin Friedrich, 25. Januar Ver­mählungsfeier der Prinzessin Margarethe, 27. Januar (Geburts­fest des Kaisers) Festoper, 1. Februar kleiner Hofball, 8. Februar Opernhausball, 14. Februar Fastnachtsball im Weißen Saale.

Die dem Reichstage während seiner Weihnachts­pause zugegangenen Vorlagen betr. die B ekämpfun g des Wuchers und die Reform des Abzahlungs­wesens, entsprechen im Allgemeinen den über ihren Inhalt schon bislang veröffentlichten Mittheilungen. Was die erstere Vorlage anbelangt, so spricht sie in ihrem Kernpunkte eine Verschärfung des bestehenden Wuchergesetzes aus, und diese gesetzgeberische Maßnahme erscheint durch die einschlägigen Verhältnisse vollkommen gerechtfertigt. Besonders ist als sehr zeitgemäß die Bestimmung hervorzuheben, nach welcher Nicht nur Geld- resp. Creditgeschäfte, sondern auch andere Rechtsgeschäfte, welche die Ausbeulung der einen beteiligten Partei involviren, als wucherische gelten sollen. Noch wichtiger in socialer Beziehung ist der Gesetzentwurf über die Reform der Abzahlungsgeschäfte. Er bezweckt, die im Abzahlungs­wesen vorhandenen bekannten Auswüchse und Mißstände, die mehr ober weniger auf eine Ausbeutung des zahlungsschwachen Käufers hinauslaufen, möglichst zu beseitigen, ohne doch zu­gleich berechtigte Interessen der reellen Waarenhändler und ebenso allgemeinere Interessen zu schädigen. Die Grund­bestimmung des genannten Reformgesetzes ist diejenige, der zufolge der Käufer einer auf vereinbarte Theilzahlungen er­worbenen beweglichen Waare die schon geleisteten Zahlungen zurückfordern batf, falls der Verkäufer sich das Recht Vorbe­halten hat, wegen Nichterfüllung von Verpflichtungen seitens des Käufers vom Vertrage zurückzutreten, und nun von dem Vorbehalte Gebrauch macht. Um diesen Hauptpunkt gruppiren sich die anderen Bestimmungen, welche ebenfalls nur civil- rechtlicher Natur sind und gleicher Weise dazu dienen sollen, den Käufer vor Uebervortheilung zu schützen. Obwohl dem Regierungsentwurse unverkennbare Schwächen anhasten, so

Feuilleton.

Irrwege.

Novelle von F. von Pückler.

(Nachdruck verboten.)

I.

Es ging mit einem blühenden Menschenleben schmerzlich und traurig zu Ende! In einem ärmlichen Dachstübchen eines Gasthofes log auf hartem Stroh in Decken gehüllt eine noch junge Frau, aus deren bleiches, schönes Gesicht der Tod unverkennbar sein Siegel gedrückt; die seidenweichen, kastanien­braunen Haare flössen aufgelöst um das feine Profil und die dunklen Augen der Sterbenden hingen voll unendlicher Zärt­lichkeit und tiefster Trauer an einem Heinen blonden Mädchen von etwa sechs Jahren, das ahnungslos kindlich fröhlich mit einem zerrissenen Hanswurst spielte.

Neben dem Bene ' em älterer, stattlicher Mann, dessen unschönes, gebräuntes Antlitz im unbegrenzten Schmerze zuckte ; sein vornebmes Aenßere schien nickt in das ärmliche Gemach zu passen, aber er achtete nicht ans die armselige Umgebung, nur das liebliche, bleiche A.ulitz der Sterbenden vor ihm schien für ihn da zu sein.

O, Alice, so muß ich Sie wiederfinden, um Sie sogleich wieder zu vetlieren! Kann ich denn gar nichts tun, Ihnen zu helfen?" rief er nut dem Tone des höchsten Edelmuthes.

Nein," lächelte die Kranke schmerzlich,mir Hilst nur "och der Tod, ober ich danke Ihnen, Herr von Waldstein, Sie haben treulich mein Andenken bewahrt"

Unb Sie meinten, ich werde Sie je vergessen können, Alice? <Se, b:e ich geliebt wie nichts sonst auf der Welt! Zürnen Sie mir, daß ich es gesagt? Aber Sie haben es ja längst gemußt."

Ja, mein Freund, und ich bin Ihnen dankbar gewesen für diese treue, selbstlose Neigung, die für mich gewirkt und gebeten hat bis ich endlich meinen Willen durchsetzte und des Circusbesitzers Volkert Weib wurde.'

Es waren schlimme Zeiten, Alice, Ihre Mutier haben Sie allmälig in das Grab gebracht und Ihr Vater starb vor zwei Jahren auch."

Arme Mutter, lieber Vater! Ob sie mir noch zürnen werden, wenn ich ihnen vor Gottes Throne begegne ?" weh­klagte die kranke junge Frau.

Gewiß nicht! Sie haben schwer gesühnt, Alice, das ewige Erbarmen wird Sie nicht verlassen. Aber wo ist Ihr Gatte?"

Das bleiche Antlitz der jungen Frau röthete sich und sie sagte fast verlegen:

Er ist in die Residenzstadt gereift, um einen Contract dortselbst abzuschließen. Vielleicht findet er mich nicht mehr lebend, wenn er zurückkehrt."

Haben Sie vielleicht irgend einen Wunsch, den ich er füllen könnte?"

Einen Wunsch!" seufzte sie und ihre Augen schimmerten, o ja, ich habe einen aber er ist so groß, daß Sie ihn nicht'erfüllen können."

Wei n es. m niemer Macht steht, Alic-', ich werde es thun um Ihretwillen."

Ihre Augen suchten das vor dem Bette spielende Kind. Isa," murmelte sie zärilich,sie soll fort aus der Circus» otmosphäre, sie soll nicht elend werden wie ihre Mutter. O, Alfi ed, htlfen Sie meinem Kinde, verlassen Sie Isa nicht, wenn ich nicht mehr: bin."

Eine Throne stand in den Augen des ernsten Mannes, er legte seine Hand auf das blonde Kinderköpfchen und sagte feierlich:Sie soll, wenn ihr Vater seine Einwilligung gibt, fortan mein Kind fein, Alice. Seien Sie also beruhigt ! Isa wird mich lieb haben, nicht wahr, Liebling?"

Das Kind sah ihn an und trug erstaunt:Du bist ein fremder Herr? Wie heißest Du?"

Onkel Alfred," lächelte er gütig.Möchtest Du mit m r kommen auf mein Schloß? Ich habe ein zahmes Reh und einen Papagei, welcher sprechen kann wie Du."

Aber dann muß Mama mit!" rief die Kleine, vor Freude strahlend.Allein kann sie doch nicht hier bleiben, nicht wahr, Onkel Alfred?"

Sein Gesicht zuckle schmerzlich, er nickte nur und blickte auf die Sterbende, welche die Hand übers Gesicht legte.

Wird Ihr Gatte nur bezüglich der Versorgung des Kindes keine Schwierigkeiten in den Weg legen?" frug Wald­stein nach einer Pause.

Ich glaube nicht," entgegnete Alice,er wird den Zwang der traurigen Umstände einsehen und er liebt mich auch noch so wie damals, als wir uns zuerst begegneten; mein Wunsch wird ihm heilig sein. O, Alfred, Gott segne Sie für das, was S'e an meiner Isa thun."

Still davon, Alice! Nun wird mein Leben wieder einen Inhalt haben. Ich allein habe zu danken, es war so öde seiidem Sie aus demselben geschieden. Das liebe Kind wird Sonnenschein in mein einsames Leben bringen."

Alfred, Sie sind ein seltener, edler und großmüthiger Mensch! Ich weiß noch genau den Tag, an dem man uns verlobte.) war ein leider nur zu junges, überrnüthiges Mädchen, welches von dem Ernst der Verlobung keine Ahnung hakte und sich nur auf die schönen Geschenke nnb Kleider bei der Hochzeit freute. Sie fragen mich damals ernst und innig, ob ich Sie lieben könne, und ich lachte hell auf bei diesen Worten, ich verstand nicht einmal, was Sie meinten."

Ich war ein Egoist, Allee! Ich hätte Sie freigeben müssen, als ich dies erkannte," entgegnete Wald stein,aber ich dachte und hoffte, Ihre Liebe zu erringen wie ein köst­liches Kleinod, aber es mar ein Jrrthum, ich mar ja damals schon ein alternder Junggeselle und mir paßten von Natur aus nicht zusammen."