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-kr. 120 Erstes Blatt. Donnerstag den 25. Mai 1893
Der Olehener Anzeiger erscheint täglich, ■üt Ausnahme deS Montags.
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Gießener Anzeiger
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Deutsches Reich.
Berlin, 23. April. Die pfingstliche Fe st pause hat auf dem Gebiete der inneren politischen Angelegenheiten kein bemerkenswerteres Ereigniß gezeitigt, auch nicht aus dem speciellen Felde der Wahlbewegung. Letztere ist überhaupt durch die Pfingstfeier einigermaßen abgeschwächt worden, selbst mit der für die Pfingstfeiertage angekündigt gewesenen außerordentlichen Wahlagitation der Socialdemokraten scheint es nicht so schlimm geworden zu sein. Der osficielle Wahlaufruf des Centrums läßt noch immer auf sich warten, sodaß hier und da bereits die Meinung auftaucht, es werde wohl gar nicht mehr zu einer derartigen Kundgebung von Seiten der Leitung der Centrumspartei kommen. Was das aufgetauchte Gerücht anbelangt, es stehe nächstens anläßlich der Wahlen noch ein besonderer Schritt des Kaisers, vielleicht eine Art Manifest an die Nation zu erwarten, so stößt dasselbe fast allseitig auf entschiedenen Zweifel, der auch ganz berechtigt erscheint. Denn nachdem der erlauchte Monarch schon durch seine Ansprache auf dem Tempelhofer Felde und dann durch seine Rede bei der Görlitzer Denkmalsfeier seine Stellung in der schwebenden Krisis Aar genug bekundet hatte, ist wohl kaum noch auf eine specielle Kundgebung des Kaisers in Hinblick auf die Wahlen zu rechnen.
— Der französische Botschafter am Berliner Hofe, Herbette, hat, wie eine Meldung des „Reichs- anzeigers" besagt, seinen Posten auf kurze Zeit verlasien und sich nach Paris begeben. Vielleicht geht man in der Annahme nicht fehl, daß diese Pariser Reise des genannten Diplomaten mit der bekannten Affaire Herbette-Baumbach in Verbindung steht, da es Herr Herbette für nothwendig zu erachten scheint, über diese so viel erörterte Angelegenheit persönlich an maßgebender Stelle in Paris Bericht zu erstatten.
— In Potsdam sand am Pfingstmontag das herkömmliche Stiftungsfest des Lehr-Jnfanterie- Bataillon s in der üblichen Weise statt. Der Feierlichkeit wohnten der Kaiser und die Kaiserin, der Kronprinz und die vier älteren kaiserlichen Prinzen, Prinz und Prinzessin Friedrich Leopold von Preußen, der Erbprinz von Meiningen und verschiedene andere Fürstlichkeiten, ferner die Generalität und die sämmtlichen Militärbevollmächtigten bei. Bei der Festmahlzeit der Mannschaften.in den Colonnaden brachte der Kaiser einen Trinksprnch auf die Armee aus, welchen General Edler v. d. Planitz mit einem Toast auf Se. Majestät erwiderte. Nachmittags 1 Uhr fand im Muschelsaale des Neuen Palais Festtafel zu etwa 150 Gedecken statt.
— Ausgeschied ene Reichstagscandidaten. Nach einem Verzeichniß der ,,N. A. Z." wollen sich nach bisherigen Erklärungen nicht wieder um ein Mandat bewerben oder ein solches nicht wieder annehmen von früheren Abgeordneten der Conservativen 20, der Freiconservativen 1, der Nationalliberalen 9, der Deutschfreisinnigen 11, des Centrums 23, der Volkspartei 3, der Socialdemokraten 2, der Elsässer 3, der Welfen 1 und 2 Wilde. Auf vollständige Richtigkeit kann das Verzeichniß natürlich keinen Anspruch machen. Es sind demnach im Ganzen 76 Parlamentsmüde.
Berlin, 21. Mai. Wie wir hören, hat der Kaiser für den Bereich der Preußischen Militärverwaltung befohlen, daß diejenigen Uebungen des Beurlaubten st andes, welche in die Wahlzeit gefallen sein würden, nicht verschoben werden, sondern mit Rücksicht auf die bald darauf beginnende Erntezeit ganz ausfallen.
Leipzig, 22. Mai. Heute Abend wurde die 3 0. allgemeine Lehrerversammlung in dem Krystallpalast Hierselbst eröffnet. Es sind über 4000 Theilnehmer aus allen Theilen des Reiches anwesend. Zum ersten Vorsitzenden wurde Debbe-Bremen, zum zweiten Vorsitzenden Germer-Leipzig und zum dritten Vorsitzenden Moerle-Gera gewählt. Während des heutigen Empfangsabends begrüßte der Rechtsanwalt Harich, Mitglied des hiesigen Schulausschusses, die Theilnehmer. Für die morgen stattfindende erste Plenarversammlung ist das Erscheinen des Cultusministers von Sehdewitz aus Dresden angemeldet.
Ausland.
— Zwei interessante politische Pfingstreden, beide am Sonntag gehalten, werden aus Frankreich gemeldet. Zn Bordeaux sprach der frühere Ministerpräsident Goblet auf einem ihm zu Ehren veranstalteten Banket. Die Rede Goblets betonte die militärische Wiederkräftigung Frankreichs und wandte sich dann dem französisch'-russischen Verhältniffe zu. Offen bedauerte hierbei Goblet, daß dasselbe noch immer zu
keinem festen Bündniffe geführt habe, Frankreich könne daher dem Dreibunde nichts als einen Austausch von Sympathiekundgebungen mit Rußland entgegensetzen. Nach dieser deutlichen chauvinistischen Anzapfung Rußlands erging sich der als Anhänger des Revanchegedankens ja bekannte Redner und Exminister in allerlei Klagen über die Frankreich in Asien, Afrika u. s. w. entgegenstehenden feindlichen Einflüffe, wodurch die Actionskraft Frankreichs nur zu häufig gelähmt würde. Schließlich ertheilte Goblet den Opportunisten eine scharfe Absage. Von anderem Zuschnitte war die Rede, welche der Ministerpräsident Dupuy am gleichen Tage auf einem Banket zu Toulouse gehalten hat. In ihr entwickelte Dupuy ein förmliches Programm für die nächsten Wahlen, mit patriotischen „Schlagern" geschickt verziert; bemerkenöwerth ist, daß Dupuy den Papst wegen seiner Stellungnahme zu Gunsten der Republik unverkennbar feierte. Die Rede fand lebhaften Beifall.
Rom, 20. Mai. Jacob Moleschott ist heute früh unerwartet gestorben. Die Trauer über den Tod desselben ist allgemein. Im vorigen Jahre feierten Alle, die sich der wissenschaftlichen Kämpfe und Siege unseres Jahrhunderts gern und mit Hoffnungen für die Zukunft erinnern, den siebzigsten Geburtstag des tapferen Gelehrten und Forschers.
Norreste Nachrichten.
Depeschen der Bureau „fccrolb*.
Berlin, 23. Mai. Der „Nordd. Allg. Ztg." zufolge entbehrt die Meldung, der Kaiser als Bundesfeldherr beabsichtige kurz vor den Wahlen eine Kundgebung an das deutsche Volk, jeder Begründung.
Berlin, 23. Mai. Der „Reichsanzeiger" erklärt, die Nachrichten über den Verzicht der Regierung auf die Erhöhung der Brausteuer und die Verbrauchsabgabe bei Branntwein, sowie die Absicht der stärkeren Heranziehung des Tabakbaues oder die Einführung des Branntweinmonopols bei der Deckung der Kosten der Milttärvorlage beruhten auf Combinationen. Die Regierung prüfe zwar jede Anregung, bisher hätten aber nur die Projekte aus die Versteuerung des Luxus Aussicht auf Erfolg.
Berlin, 23. Mai. Der „Reichsanzeiger" theilt mit, am 1. Juni trete in Rußland ein neues Zollgesetz in Kraft, welches russische Creditbillets bezüglich der Ein- und Ausfuhr für zollpflichtig erklärt, demgemäß deren Versandt in gewöhnlichen und eingeschriebenen Briefen für verboten erklärt und mit 25pCt. Strafe belegt.
Berlin, 23. Mai. Der Specialberichterstatter des „Berl. Tagebl." in Ostafrika, Eugen Wolff, dementirt in einem aus Kampala datirten Briefe alle Meldungen über den Tod Emin Paschas. Derselbe sei nicht am Jturi ermordet worden, sondern habe in der Richtung nach dem Congo seinen Marsch fortgesetzt, vermutlich nach den Stanleyfällen.
Berlin, 23. Mai. Die „Germania" veröffentlicht den Wahlaufruf des Centrums. Ueber die Militärvorlage heißt es darin, der Widerspruch gegen die Militärvorlage des Reichskanzlers Caprivi und den von den Bundesgenossen aufgenommenen Antrag Huene sei der Feldruf des Centrums in der bevorstehenden Wahlschlacht. Das Centrum betrachte auch zukünftig die Resolutionen Windthorsts als Richtschnur.
Hamburg, 23. Mai. Der Director des internationalen Privatdetectivinstituts, Swiateck und deffen Buchhalter Grove wurden unter der Beschuldigung umfangreicher Betrügereien abermals verhaftet.
Budapest, 24. Mai. Die Königin Natalie und König Alexander von Serbien trafen gestern in Turn-Severin ein, wo großer Empfang stattfand. Nach einem sehr herzlichen Abschied reiste König Alexander nach Belgrad zurück, während Exkönigin Natalie nach Bukarest weiterreiste.
Paris, 23. Mai. Bei der gestrigen Vorstellung der „W a lkür e" machte die Oper eine Einnahme von 22695 Frcs., was die höchste Einnahme seit Bestehen des Theaters ist.
Rom, 24. Mai. Nach dem nächsten Consistorium nimmt der Papst Ferien, während welcher er in der neuen Villa in den vaticanischen Gärten wohnt. Oeffentliche und Privataudienzen unterbleiben bis Ende August.
totales und provinzielles.
Gießeu, 24. Mai 1893.
** Seme Majestät der König von Württemberg reiste heute früh mit Schnellzug 54 nach Frankfurt a. M. Ankunft 519, Abfahrt 5£4.
** Der vom Königlich Ungarischen Ackerbauministerium behufs des Studiums der Organisation des forstlichen Unterrichts und besonders der Einrichtungen der Lehrreviere und der
forstlichen Versuchsflächen nach Deutschland (bezw. Eberswalde, Gießen, München, Tharand) abgeordnete ordentliche Profeffor für Waldbau und Forstschutz an der Königlich Ungarischen Forst- und Bergakademie, Herr Dr. Eugen Vadas zu Schemnitz, traf am 17. Mai in Gießen ein. Am Morgen des 18. nahm er die Sammlungen aus dem Lehrgebiete des Herrn Professor Dr. H e ß in Augenschein, besuchte dessen Vorlesungen und besichtigte unter des Letzteren Leitung am Nachmittage die forstlichen Versuchsplätze im Leihgcsterner Gemeinde- und Schiffenberger Domanial - Wald, sowie den Forstgarten,- den 19. Mai widmete er dem Lehrgebiete des Herrn Profeffor Dr. Wimmenauer, welcher ihn in die bezüglichen Sammlungen einführte und ihm auch Gelegenheit gab, im Bureau der forstlichen Versuchsanstalt Einsicht in die Lagerbücher zu nehmen und die Einrichtungen der Versuchsanstalt näher kennen zu lernen.
♦♦ Zur Reichstagßwahl. Gestern Nachmittaa sand in der Restauration Feidel Hierselbst eine Generalversammlung des freisinnigen Vereins für den ersten hessischen Reichstagswahlkreis statt. Gegenstand der Tagesordnung bildete die bevorstehende Reichstagswahl, insbesondere die Aufstellung eines Candidaten. Zu der zahlreich besuchten Versammlung waren auch die Vertrauensmänner des Wahlkreises erschienen. Der Vorsitzende des Vereins, Herr Rechtsanwalt Metz hier, referirte zunächst über die Seitens des Vorstandes behufs Aufstellung eines Candidaten eingeleiteten Verhandlungen und theilte mit, daß dieselben bis jetzt zu einem Abschluß noch nicht geführt hätten, weshalb er zunächst der Versammlung und insbesondere den von auswärts erschienenen Vertrauensmännern anheimgab, ihrerseits Vorschläge in dieser Richtung zu machen. Von diesen wurde zunächst Herr Rechtsanwalt Dr. Gutfleisch in Gießen als Candidat vorgeschlagen. Dieser Vorschlag fand die lebhafte Zustimmung der ganzen Versammlung und wurde von verschiedenen Rednern warm befürwortet. Herr Dr. Gutfleisch legte sodann in längerer Rede seinen Standpunkt zur Militärvorlage, sowie die Gründe, welche ihn zur Zeit zur Ablehnung eines Mandats bewegen müßten, dar. Aus denselben ist zu entnehmen, daß Herr Dr. Gutfleisch sich in voller Uebereinstim- mung befindet mit der Seiten? d r Mehrheit der freisinnigen Partei bei der Abstimmung über die Militärvorlage bethätigten ablehnenden Haltung und daß derselbe lediglich wegen Verhinderung in seinem Berufe ein Mandat zur Zeit nicht anzunehmen in der Lage ist. Auch der zweite daraufhin gemachte Vorschlag, Herrn Fabrikanten Georgi hier die Candidatur anzutragen, fand die gleiche warme und lebhafte Ausnahme in der Versammlung, hatte jedoch das gleiche Resultat, daß Herr Georgi erklärte, auch seinerseits wegen Abhaltung durch seine Berufsgeschäfte verhindert zu sein, ein Mandat anzunehmen. Es wurde hierauf Seitens der Versammlung der Vorstand des freisinnigen Vereins in Gießen alsWahlcomits beauftragt, thunlichst bald für Proclamirung einer anderen Candidatur zu sorgen.
** Zum Polizeisecret'är des hiesigen Polizeiamts, an Stelle des Herrn Bischoff, wurde nach einer Meldung des „M. Anz." Herr Polizeicommiffar-Aspirant Roth in Mainz ernannt.
** Die hinter uns liegenden Pfingstfeiertage haben, soweit sich übersehen läßt, Alle befriedigt, die von ihnen vorher Angenehmes nach irgend einer Seite hin erwarteten. Lange vorbereitete Familien- und Gesellschaftsausflüge konnten unternommen und, trotzdem sich ab und zu Wolken am Himmel zeigten, zur Zufriedenheit durchgeführt werden, In erster Linie kam das schöne Pfingstwetter den Besitzern von Ausflugspunkten zu Gute, denn überall, wo etwas Trinkbares verzapft wurde, sammelten sich Ausflügler, um sich nach den stattgehabten Anstrengnngen von Fußreisen oder längeren Eisenbahnfahrten zu stärken. Daß die Eisenbahnen sehr stark in Anspruch genommen waren, bewiesen die in den Zügen laufenden, durch Einstellen von Bänken zum Personen- tranSport hergerichteten Güterwagen. Der von Pfingst- ausflüglern und Wirrhschastsbesitzern befürchtete, von den Landwirthen aber hrrbeigesehnte Regen trat gestern, und zwar Nachmittags in Gesellschaft von Donner und Blitz ein. Wenn auch das von oben gespendete Naß noch lange nicht hinreicht, um die erwünschte Wirkung auf den Wiesen, Feldern und in Gärten hervorzurufen, so ist doch alle Welt dankbar dafür, daß den ausgetrockneten Fluren wenigstens eine kleine Erfrischung zu Theil wurde. Die Pflanzen haben sich merklich erholt und das ist immerhin erfreulich. Hoffentlich tritt nach dem schönen Pfingstfest eine Wendung zum Besseren in der Entwickelung des Pflanzenwuchses ein.
** Ein Korohalm, welcher ohne Wurzel die Länge von 1,95 Meter hat, wurde uns gestern zugesandt. Daß trotz


