Deutsche- Reich.
Berlin, 20. Juni. Zur Stunde dürfte das G esammt« ergebniß der am 15. Juni vollzogenen Reichstags- wählen, wie es sich nach den amtlichen Ermittelungen der Reichsregierung gestaltet hat, vorliegen. Jedenfalls werden erst die ca. 180 Stichwahlen einen definitiven Schluß auf die eigentliche Zusammensetzung des künftigen Reichstages gestatten. Bei ihnen handelt es sich vor Allem darum, ob die Socialdemokratie ihren vorläufigen Wahlsieg zu einem vollständigen wird machen können oder ob sie sich auf der geträumten Siegesbahn aufgehalten sieht. In vielen Wahlkreisen, in denen socialdemokratische Candidaten zur Stichwahl kommen, stehen die Chancen für sie dem äußeren Anschein nach nicht ungünstig, es gilt dies namentlich auch von einer ganzen Reihe von Wahlkreisen, die bislang noch gar nicht socialistisch vertreten waren. Anderseits sind jedoch auch verschiedene Wahlkreise, die sich bis jetzt im Besitze der Socialdemokratie befanden, gefährdet, wie München I, Halle a. S., Lübeck, Magdeburg. Es wird eben darauf ankommen, inwieweit es die bürgerlichen Parteien vermögen, ihre gegenseitigen Streitigkeiten zu vergessen und sich zum kräftigen Widerstand gegen den erklärten Feind der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung aufzuraffen- daß dies aber nicht allenthalben geschehen wird, dafür liegen leider schon bestimmte Anzeichen vor! Die allgemeinen Stichwahlen finden am nächsten Samstag statt, in Bayern und im Großherzog- thum Weimar sind sie indessen auf den 26. d. M. anberaumt. In Leipzig dagegen geht die Stichwahl schon am 23. Juni vor sich.
Berlin, 20. Juni. In maßgebenden Kreisen wird die Ansicht vertreten, die Einberufung des Reichstages erfolge zwischen dem 4. und 11. Juli.
Straßburg, 20. Juni. Bei der Reichstags wähl sind im Reichslande 233137 Stimmen abgegeben worden. Davon waren 113521 protestlerisch-clerical, 46011 socialdemokratisch, 73 605 deutsch. Hinter den Socialdemokraten stehen bekanntlich viele Protestler.
Neueste Nachrichteit»
Wolffs telegraphische« l-orrespondenz-Bureau.
Berlin, 20. Juni. Prozeß Paasch. Gerichtsphysiker Mittzweig erklärt, aus den Gesprächen mit Paasch den Eindruck empfangen zu haben, daß dieser vollständig vom Verfolgungswahn befangen sei, und beantragt, Paasch zur Beobachtung auf sechs Wochen der Charite zu überweisen. Der Vertheidiger und der Staatsanwalt stimmen zu, der Verthei- diger verwahrt jedoch den Angeklagten gegen die Insinuation, als sei er geisteskrank oder in seinem Denken bezüglich der Judenfrage nicht normal. Der Gerichtshof beschließt, die Verhandlung zu vertagen und den Angeklagten sechs Wochen in der Charitä beobachten zu lassen.
Berlin, 20. Juni. In der heutigen Sitzung der Herrenhaus-Commission erklärte der Finanzminister Miquel bei der Debatte über das Ergänzungssteuergesetz, an die Einführung einer Reichs - Erbschaftssteuer werde nicht gedacht.
Paris, 20. Juni. Die Besserung im Befinden Carn ots ist so wett fortgeschritten, daß die weitere Veröffentlichung von Bulletins eingestellt wird.
Depeschen de« Bureau »Herold*.
Breslau, 21. Juni. Wegen der Aufforderung, einen hiesigen Metzgerladen zu stürmen, wurden weitere sieben Verhaftungen vorgenommen. Für heute stehen polizeiliche Maßnahmen bevor.
Wien, 20. Juni. Der Handelsminister ordnete wegen der Cholera in Mekka die Anwendung der Bestimmungen der internationalen Dresdener Sanitätsconferenz auf die Herkünste zur See aus den arabischen Häfen des rothen Meeres an.
Brünn, 20. Juni. Heute Nacht fand zwischen Arbeitern und einer Schwadron Dragoner abermals ein blutiger Zusammenstoß statt, wobei viele Arbeiter verwundet wurden.
Paris, 21. Juni. Nach dem Bericht an die Sanitätsbehörde sind Cholera und Typhus im Abnehmen begriffen.
Rom, 21. Juni. Die Kammer nahm mit großer Mehrheit den Antrag Giolettis an, den Bericht über das Bankgesetz am Samstag zu besprechen.
Madrid, 21. Juni. In der Umgegend von Saragossa brach eine Meuterei aus- 1000 Arbeiter gingen mit Steinwürfen, Revolverschüffen gegen das Haus der Unternehmer vor. Die Gendarmerie stellte die Ruhe wieder her.
Antwerpen, 20. Juni. Gestern sand eine Versammlung von Inhabern argentinischer Staatsschuldscheine statt. Die Versammlung nahm einstimmig die von der Rothschildgruppe aus London bereits gutgeheißenen Anträge Argentiniens an.
Madrid, 21. Juni. Im Garten des Privathauses des vormaligen Ministerpräsidenten Canovas explodirte eine Bombe. Der Attentäter wurde getödtet, sein Complice verwundet- der letztere wurde verhaftet. Canovaö war im Hause nicht anwesend. DaS Attentat wird den Anarchisten zugeschrieben.
Cocolt» unb provinzielle-.
«ießen, 21. Juni 1893.
** Ernennungen. Seine Königliche Hoheit der Groß» Herzog haben Allergnädigft geruht: am 17. Juni den Amtsrichter bei dem Amtsgericht Darmstadt I. Ludwig Seiberst zum Oberamtsrichter bei dem Amtsgericht Höchst, den Amtsrichter bei dem Amtsgericht Ortenberg Georg Dieffenbach zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Darmstadt I. und den Gerichtsaffeffor Karl Ferdinand Röm Held aus Düdelsheim
zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Ortenberg, sämmtlich mit Wirkung vom 15. Juli 1893 an, zu ernennen.
** Zur besonderen Beachtung. An der Spitze der vorliegenden Nummer des Gießener Anzeigers sind abgedruckt: 1. Edict, die Einberufung des Landtags betreffend- 2. eine Verfügung deS Großh. Ministeriums der Finanzen, betreffend die Gestattung der Weidenutzung in den Großh. Domanialwaldungen- 3. eine Der fügung desselben Ministeriums, betreffend die Abgabe vonWaldstreu aus denDomanialwaldungen. Aus diesen drei Bekanntmachungen mögen unsere geehrten Leser ersehen, daß die Großh. Staatsregierung mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln bereit ist, zur Linderung des außergewöhnlichen, durch Futtermangel hervorgerufenen Nothstandes in der Landwirthschaft das ihrige beizutragen. Wer die augenblicklichen Verhältnisse auf dem Lande kennt, und weiß, welche tiefe Wunden durch die anhaltende trockene Witterung unserer Landwirthschaft und mit ihr weiteren Kreisen des Volkes geschlagen worden, der wird Großh. Ministerium den wärmsten Dank zollen, daß es fortgesetzt auf Mittel und Wege sinnt, den Nothstand zu lindern. Doppelt ungerecht und bedauerlich sind daher die in letzter Zeit, besonders von antisemitischen Führern gegen unsere Regierung, unser Ministerium, gegen Provinzial-, Kreis- und Gemeindeverwaltungen gerichteten gehässigen und hämischen Angriffe. Mögen die oben erwähnten, zunächst im Interesse der bedrängten Landwirthschaft erlassenen Verfügungen für unsere Landleute Veranlass ung sein, inZukunft derartigen Angriffen entschieden entgegenzu- ir et en.
♦♦ Zur Linderung bet Futter- und Streunoth hat, wie wir erfahren, die Großh. Staatsregierung, zunächst als erste Portion, 300 Waggons Torfstreu, 3000 Sack Mais und 3000 Sack Palmmehl bereitgestellt.
** Aus der Garnison. Wie verlautet, ist der Com- mandeur des hiesigen Infanterie-Regiments Kaiser Wilhelm, Herr Oberst Perthes, unter Beförderung zum Generalmajor zum Commandeur der 44. Infanterie-Brigade in Cassel und der Oberst von Rosenberg vom Grenadier-Regiment König Friedrich III. (1. ostpreußisches) Nr. 1 in Königsberg zum Commandeur des Infanterie-Regiments Kaiser Wilhelm ernannt worden.
** Turnerisches. Das am letzten Sonntag abgehaltene Feldbergfest erfreute sich seitens der Turnerschaft eines äußerst regen Besuches, waren doch 404 Wettturner angetreten und zwar größten Theiles aus dem Mittelrheinkreis, doch waren auch entferntere Orte, wie Mannheim, Pforzheim, Saarbrücken und Essen a. d. R. vertreten. Seitens der Gießener Turnerschaft betheiligten sich fünf Wettturner und erzielten diese sämmtlich einen guten Erfolg. Es erhielten Heinrich Weller, Männer-Turnverein, den 5. Preis mit 33i/2 Punkten, C. Heuser, Turnverein, Th. Vaubel, T.-V., und C. Wenzel, M.-T.-V., je den 18. mit 27 Punkten, Ehr. Weeg, T.-V., den 22. mit 25 Punkten. Im Gau Hessen (Oberhessen, Marburg, Wetzlar u. f. w.) empfingen ferner Preise: W. Bamberger, Marburg, den 10., C. Günther, Marburg, den 23., Heinrich Erler, Usingen, den 31. und C. Schweighöfer, Usingen, den 32. (den letzten). Das Turnen, das in Stabhoch-, Freiweit-, Freihoch-Sprung und Stein- stoßen bestand, dauerte von 9 Uhr Morgens bis gegen 5 Uhr Nachmittags und erforderte in Folge der enormen Hitze bei vollständig wolkenlosem Himmel eine große Ausdauer. Das verhältnißmäßig gute Wetter hatte eine große Menschenmenge — im Ganzen mögen 4000 bis 5000 Personen oben gewesen sein — herbeigelockt, die theils mit Interesse dem Turnen folgten, theils sich dem frohen Treiben in den Winhschaften u. s. w. Hingaben. Der Gießener Turnerschaft, insbesondere dem Männer-Turnverein, können wir zur Gewinnung des 5. Preises nur gratuliren, nahmen dach am diesjährigen Feste wie immer die besten und sieggewohnten Turner des ganzen Kreises Theil- es steht zu hoffen, daß auch in den nächsten Jahren mit gleichem Erfolge gerungen wird.
** Gießener Zitherclub. Der Wohlthätigkeitsverein „Zitherclub" feiert am 2. Juli sein Sommerfest auf der „Schönen Aussicht", welches, nach den Vorbereitungen zu schließen, in diesem Jahre ein wahres Volksfest zu werden verspricht. Bei günstiger Witterung ist auch nicht daran zu zweifeln, daß das finanzielle Ergebniß bei der nothig gewesenen Erweiterung des Festplatzes ein noch größeres werden wird, als im Vorjahr. Es dürfte ja auch zur Genüge bekannt sein, daß sich das Publikum in jeder Hinsicht bei den Festlichkeiten des betr. Zitherclubs ohne große Auslagen auf das Beste amüsiren kann. Der Ueberschuß wird, wie auch in früheren Jahren, für Bekleidung armer hiesiger Kinder ohne Unterschied der Confession bestimmt.
♦♦ Der hessische Fechlvereiu „Waisenschuh", Verband Gießen, hielt gestern Abend in seinem Vereinslocal, zum „Deutschen Hof", feine erste Versammlung, in der u. A. die Herren Polizeisecretär Roth zum ersten, Kaufmann Kuder zum zweiten Vorsitzenden, Hüttenberger zum Schriftführer und Criminalfchutzmann Weiß zum Materialverwalter gewählt wurden. Die regelmäßigen Versammlungen finden Dienstags Abends statt.
** Was haben Sie für Bier? Diese Frage hört man wohl in jedem Local, wo ein Fremder sich über die Bierverhältnisse orientiren will. Nirgends aber, so schreibt die „Deutsche Fleischer Zeitung", hört man die Frage: „Was haben Sie für Fleisch?" oder: „Woher beziehen Sie das Fleisch?" — Das genannte Blatt fordert von den Gast- wirthen, daß dieselben auf den Speisekarten die Firmen ihrer Fleisch- und Wurstwaaren-Lieferanten angeben, denn cs gäbe in jeder Stadt Mittel und Wege, ununtersuchtes Fleisch einzuführen."
§ Bau bet Ohm, 20. Juni. Gestern hatte die Ohm, die in ihrem oberen Lauf nur Quellwasser führt, den selten
erreichten Wärme stand von über 19° R. Im vorige» Sommer betrug das Maximum 18° R.
Friedberg, 19. Juni. Hier wird dem Radfabrsport in der 500 Meter langen Fahrbahn eine neue Pflegestärle eröffnet. Der hiesige Radfahrverein hat auf den 9. Juli ein großes Rennen ausgeschrieben, das acht Fahnen umsasiü soll. Für daS Haupt fahren ort 10,000 Metern sind d.i dem Verein drei Preise, nämlich 10fr, 80 und 60 Mk. am gesetzt. Ebenso werden an die Sieger eine goldene, tut silberne und eine broncene Medaille vertheilt. An daS Rerwrn sollen sich Banket und Ball anschließen.
Pfungstadt, 19. Juni. Der heutige Ziegenmarkt war reichlich befahren, denn es standen von Pfungstädter Ziegenbefitzern 21 Ziegen und 17 Lämmer reine Schweizer Zucht, 31 Ziegen nnd 94 Lämmer KreuzungSthiere und 7 einheimische Ziegen zum Verkauf. Außerdem waren bhect auS der Schweiz aus dem Simmen- und Saamentbale 65 Stück prächtige Ziegen jeden Alters und Geschlechtes eia» getroffen, fo daß im Ganzen 235 Stück zum Verkauf standen. Dieser entsprach nicht den vielen Anfragen, welche der Verein von allen Seiten erhalten hatte, denn die anwesenden Käu'et van nah und fern bedauerten sehr, von einem großen Thetle ihrer Auftraggeber in den letzten Tagen wegen dem ein» getretenen großen Futtermangel im Stich gelassen zu sein. Es wurden ca. 2000 Mk. umgesetzt, welcher Betrag sicher mehr als daS Doppelte gewesen wäre, wenn sich der große Futtermangel nicht überall fühlbar machte- auch war die Hitze während deS Marktes derart, daß letzterer bereits um 12 Uhr geleert war, da die armen Thiere sehr von der großen Hitze leiden mußten.
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* Frankfurt, 16. Juni. Als Wahlcuriosum erzählt ein Berichterstatter, daß in einem Wahlbezirk eine Frau erschien, um einen auf Dr. Lieber lautenden Stimmzettel ihres „Seligen" abzugeben, der ihr vor seinem Tode auf die Seele gebunden hatte, an seiner Statt die Ausübung seines Wahlrechtes zu vollziehen. Dem pietätvollen politischen Eifer konnte natürlich Seitens des Wahlvorstandes nicht Folge gegeben werden.
* Wiesbaden, 20. Juni. In der heutigen Nacht gegen 2 Uhr brach in der Provinzial Jrrenheilanstalt Eichberg bei Eltville in der Frauenabtheilung Feuer aus, daS die ganze Abthejlung zerstörte- die Insassen konnten gerettet werden.
* Koblenz, 20. Juni. In der verflossenen Nacht ist im benachbarten Dorfe Wallersheim ein Raubmord an der alleinstehenden Wittwe des Gastwirths Müller verübt worden und zwar unter denselben Umständen, wie in der Neujahrsnacht im Dorfe Güls. Der Thäter ist unbefannt.
♦ Horchheim, 18 Jun«. Heute Morgen ertrank der 24jährige Sohn eines hiesigen Landwirths, während er Pferde zur Schwemme in den Rbcin ritt. Die Thiere geriethen an eine tiefe Stelle und mußten, weil betbe durch zu engt« Koppeln am Schwimmen verhindert waren, mit ihrem Reiter ertrinken. Die Leiche des jungen Mannes ist noch nicht gelänbet.
* Casiel, 18. Juni. Unter den hiesigen Metzgermeiftem ist zum Thetl ein heftiger Concurrettzkampf auSgebrochen, der darin besteht, wer imstande ist, daS billigste Fleisch zu liefern. Nachdem, um einem der Kampfconcurrenten die Spitze zu bieten, feit gestern eine gemeinschaftliche Verkaufsstelle feiten! einer Anzahl der hiesigen größeren Schlächtereien in der KastenalSgasse eröffnet worden ist, wo daS Pfund gutes Rindfleisch zum Preise von 40 Pfennig zum Verkaufe gelangt, haben sich die umliegenden Metzger beeilt, zu demselben Preise zu verkaufen. Einer derselben zeigt die Preisherabsetzung durch ein im Schaufenster befestigtes Plakat an, welches die lakonischen Worte enthält: „WaS die Anderen können, kann ich auch und sogar noch schöner alS diese." Auf den AuS- gang dieses Geschästskampses ist man allgemein gespannt.
♦ Eine Familientragödie hat sich zu Steglitz ereignet. Dort wohnt seit einigen Monaten ein junges Ehepaar Th.
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