Deutscher Reichstag.
24. Sitzung. Mittwoch, 18. Januar 1898.
Auf der Tagesordnung stehen die Anträge Ackermann und des (Zentrums betr. gesetzgeberische Maßnahmen zur Hebung des Handwerkerstandes.
Die Adgg. Ackermann, Dr. Hartmann und Dr. Kro- patscheck (conf.) beantragen, dm Reichskanzler zu ersuchen, dem Reichstag alsbald Ge'etze vorzulegm, durch welche der B-fShigungs- nachweis für dm selbstständigen Betrieb eines Handwerks etngeführt wird u(m. ufw. — Die Anträge des (Zentrums dagegen haben die Form von Gesetzentwürfen, welche die Sbänd rung der ConcurS- ordnung, des Gesetzes über die Erwerbs- und Wtrthschastsgmossm- schaften und der Gewerbeordnung bezwecken.
Zunächst werden diejmigen Punkte deS Antrags Ackermann discmtrt, welche tn den Eenirumsanträgen nicht enthalten find. Es find dies Einführung deS Befähigungsnachweises, Ausdehnung der Eompetmz der Innungen aus die Arbeitgeber, welche selbst zur Aus- nabme in die Innuna nicht fähig sind, rücksichtltch der Vorrechte aus S lOOe der Gewerbe-Ordnung, und Gewährung der Jnnungsvorrechte aus SS 100c und 100k an Innungen, welche die Mehrheit der selbstständigen Handwerker ihrer Bezirke tn sich vereinigen.
Abg. Ackermann (conf.) begründet diesen Tbeil seines Antrags. Seit 20 Jahren feien er und seine Freunde bemüht, gesetzgeberische Maßnahmen zur Hebung des Handwerks, zur Erhaltung des Mittelstandes, dieser so wichtigen Stütze unseres Staates, durchzusctzen. Sie würden tn dtesem Kampfe auch in Zukunft nicht erlahmm. Hinsichtlich des Befähigungsnachweises würde er auch bereit sein, auf den Boden von Vermilt lungsanträgm zu treten. Wo ein öffmtliches Jnterefic in Betracht komme, sollte der Befähigungsnachweis unbedingt eingesührt werden. Bald werde es dahin kommen, daß Speculanten ihre Bauten ohne fachmännischen Beistand aussühcen, wieviel Häuser dann zusammmftürzm, werde die Zukunft lehren. Durch den zweiten Punkt seines Antrags werde eine Unzuträglichkett beseitigt, die Niemand gewollt habe und die auf eine Beoorrechtung der zur Aufnahme in eine Innung nicht Befähigten gegmüber denen hinauSlaufen, die wohl zur Aufnahme befähigt sind, aber nicht eintreten. Den letzten Punkt anlangmd, fo sei es nötbig, die Voraussetzungen festzusetzm, unter welchm die Ertheilung der vorgesehenen Vorrechte an die Innungen erfolgen muß, während jetzt diese Ertheilung in daS Ermessen von Behördm gelegt ist, die nicht immer sehr innungssreundlich seien.
Abg. Stolle (Soc.): Mit dem BesähigungsnachweiS seim in Oesterreich keine guten Erfahrungen gemacht worden. Die Lehrlings- ausbtlduna werde durch die Innungen nicht gefördert. Zunftmeister in Verbindung mit Agrariern seien eS, die im Königreich Sachsen den Sturm gegen die obligatorische Fortbildungsschule unternommen hätten, und nur der Energie der Socialdemokraten sei es zu danken, daß dieser Ansturm abgeschlagen wurde. Man wolle mit dem Bc- fähtgungsnachwetS die Pfuscharbeit beseitigen. Wie stehe eS aber damit auf dem Lande, wo man nicht alle Handwerker bei der Hand habe? Da brächten es die Verhältnifie mit sich, daß der Schwted Sdjlofferarbeit, der Tischler Glaserarbeit mache usw. Der Antrag Ackermann unterscheide nicht Hausindustrie und Gewerbe, ein Unterschied, der schwer zu machen sei, der aber gemacht werden müsse, wenn der Antrag durchgeführt werden soll. Mit all den vorgeschlagenen Mitteln werde nichts ausgerichtet und es werde nicht gelingen, damit dem Handwerk den goldenen Boden zurückzugeben.
Abg. Metzner (Ctr.): Die österreichischen Innungen beurteilen die Wirkungen des Befähigungsnachweises anders wie Stolle. Die Innungen seien bemüht, die Ausbildung der Lehrlinge zu fördern; über die Fortbildungsschule gingen die Meinungen allerdings auseinander. Der Befähigungsnachweis solle der verderblichen Pfuscharbeit ein Ende machen. ES handle sich hier um eine Lebensfrage des Mittelstandes und eS sei noch jedes Volk untergegangen, bad des kräftigen Mittelstandes entbehrte. „Artige Kinder bekommen nichts", habe einmal Fürst BiSmarck gesagt; der Handwerkerstand sei immer ruhig und „art g" gewesen, deshalb habe er auch nichts bekommen. Auch jetzt scheine nach dtesem Prtncip gehandelt zu werden. Lasse man den Mittelstand zu Grunde gehen, so weide die Regierung der Hauptleidtragende sein. S 100o könne leicht umgangen werden, indem die Arbeitgeber nicht „Lehrlinge", sondern „jugendliche Arbeiter" einstellen. Hostentltch werde das mit Einsührung der Gewerbekammern anders.
Abg. Schrader (bfr.): Ackermann habe gesagt, auch die Mitglieder der Regierung hätten den BesähigungsnachweiS erbringen müssen. Habe Fürst Bismarck mit dem Assessor-Examen wirklich den Befähigungsnachweis als Reichskanzler erbracht? Dieser Hinweis fei hin'älltg; die Herren von der Regierung müßten den Nachweis ihrer Befähigung practisch durch ihre Thaten erbringen. Der Befähigungsnachweis würde dem Handwerk nur schaden, er würde viele intelligente Elemente von demselben fernhalten, die keine Neigung baden können, jahrelang sich den untergeordneten Verhältnissen etneS Lehrlingswefens, wie es die Antragsteller wollten, zu unterwerfen. Die Eoncurren» werde man durch den BefähtgungSnachwets nicht beseitigen; die Eoncurrenz eines tüchtigen, intelligenten Handwerkers, der etwas Eapttal besitze, fei viel mehr zu fürchten, als die von zwanzig Psufchem. Der zweite Punkt der Ackermann'ichen Anträge fei bedeu'ungslos, der Forderung deS dritten Punktes aber könne tn keinem Staate entsprochen werden.
Abg. v. Bomterowski (Pole) befürwortet die Forderung deS BesähtgungSnachweises. Leider müßten sich seine Freunde zu vielen gesetzgeberischen Vorschlägen, die ihnen an sich sympathisch seien, aus politischen Gründen ablehnend verhalten; daS sei auch srüheren Anträgen betr. den BesähigungsnachweiS gegenüber der Fall gewesen. Der Antrag Ackermann sei allgemein gehalten und lasse deshalb Befürchtungen politischer Natur nicht zu.
Abg. Hitze (Etr.): Die Staatsregierung habe in ihren Betrieben selbst diejenigen Prtnctpien angewandt, welche in der Forderung des Befähigungs-Nachweises ausgesprochen sind. So könne tn den fis- caltschen Bergwerken ein Bergmann erst mit dem 24. Lebensjahre Vorhauer werden, nachdem er erst als Schlepper und dann als Lehrhauer gearbeitet. Hoffentlich werde die Regierung bei der Ausarbeitung des Entwurfs betr. die Handwerkerkammern auch Mittel und Wege finden, die Frage des BriähigungsnachweiseS zur Löfung zu bringen.
Abg. Dr. Hirsch (srs): Beim Bergbau lägen die Verhältnisse ganz anders; da handle eS sich um Leben und Gesundheit der ganzen Belegschaft, ein Moment, daS doch etwa beim Schuhmacher-Handwerk nicht in Frage komme. Man wolle die Eoncurrenz beschränken, aber so lange die Ansprüche für den Befähigungsnachweis mäßig seien, würden die Eoncurrenzverhältnifie wenig verändert; seien diese Ansprüche hohe, so beraube man eine zahlreiche Klasse von Menschen der Möglichkeit, sich selbständig zu machen, und schaffe noch mehr Unzufriedenheit. WaS solle denn auS diesen Leuten, die man künstlich abhalte, ein Gewerbe zu betreiben, werden? Man sage, ste bleiben auf dem Lande; aber auch hier werde ihnen die Mögkichkett der Selbständtgmachung durch bad Umsichgreifen des LatrsundienbesitzeS erschwert.
Abg. Bock (Soc.): Verkannt werde namentlich der Befähigungs- nachwets für daS Bauhandwerk. ES wäre möglich, eine Statistik darüber auszustellen, wie viele Bauten von Zunftmeistern und wie viele von Nlchtzünfllern eingestüizt seien. Diese Statistik dürste wohl zu Ungunsten der Zünftler auSsallen. Die Antragsteller glaubten wohl selbst nicht an die Wirksamkeit ihrer Anträge; die letzteren dienten nur dazu, die Wahlstimmen der Handwerker xu gewinnen. Der Mittelstand schwinde, nicht aber infolge socialvemo, kratischer Agitation, sondern infolge der immer mehr um sich greifenden capitallstischen Production und der Maschinenarbeit.
Abg. Ackermann (conf.) tritt der Stolle'fchen Behauptung entgegen, daß die Erhaltung der FortbildungSfchulen in Sachsen den Socialdimokraten zu danken sei. Die Fortbildungsschule sei unter Mitwiikung der conservativen Partei eingesührt, auch ausrechterhallen worden.
Die Anträge Ackermann, soweit dieselben zur Beralhung ge
standen, werden mit bat Stimmen der Rechten und des EentrumS angenommen. . .
Morgen: Stempelsteuer-Novelle (Verdoppelung da Borfensteuer).
Neueste Nachrichten.
WolffS telegraphisches Korrespondenz-Bureau.
Berlin, 18. Januar. Der Reichstagsabgeordnete G ö f e r, Stadtpsarrer in Saulgau in Württemberg (Centrum), Vertreter deS 17. württembergtfchen Wahlkreises, ist heute hier gestorben.
Caffel, 18. Januar. Das hiesige königliche Betriebsamt meldet: Vergangene Nacht ist vor Station Northeim der von Caffel kommende Schnellzug 75 dem Haltesignal am Abschlußmal vorbei und in den Schluß des ousfahrenden Güterzuges 768 hineingefahren. Von den Geleifen, die beide gesperrt waren, war das westliche heute früh nach 8 Uhr wieder frei, so daß die Züge von Nörten bis Northeim auf dem falschen Geleise fahren konnten. _ Leider ist ein Menschenleben zu beklagen. Der Stationsasfistent Thiele aus Caffel, der sich als Passagier im Zuge befand, ist gelobtet; ein Reifender und ein Schaffner sind leicht verletzt. An Material sind vom Schnellzug 75 die Maschine, ein erster und zweiter Klaffen-Wagen und der Packwagen, vom Güterzuge fünf Wagen stark und vier Wagen leicht beschädigt. Zur Untersuchung hat sich sofort nach Eintreffen der Nachricht ein höherer Beamter des Eisenbahn Betriebsamts Hannover Caffel von Caffel aus an die Unfallstelle begeben. Ein zweiter ist zu gleichem Zwecke heute früh nachgefolgt.
Swinemünde, 18. Januar. Die Eisbrecher „Berlin" und „Swinemünde" machten heute den vergeblichen Versuch, den Stettiner Dampfer „Rudolf", der seewärts nicht weit vor dem Hafen im Eise festliegt, aus seiner gefährdeten Lage zu befreien. Beide Eisbrecher mußten mit beschädigter Steuerung durch den Eisbrecher „Stettin" zurückgeholt werden.
Cuxhaven, 18. Januar. Die Schifffahrt aus der Unterelbe ist in Folge des Eisganges nahezu gesperrt. Die Hamburger Rheder beordern ihre Schiffe nach anderen Häfen, die Dampfer der südamerikanischen Gesellschaft werden nach Bremerhafen gelenkt. In Hamburgischen Schifffahrts- kreisen wird es lebhaft bedauert, daß der Ausbau des Cuxhavener Seehafens noch nicht erfolgt ist.
Paris, 18. Januar. Der Untersuchungsrichter Franque- ville hat seine Erhebungen über die mit der Panama-Angelegenheit in Verbindung stehenden Bestechungsfälle abgeschloffen und wird nächsten Samstag seine Beschlüsse bekanntgeben. — Im Panama-Prozesse setzte heute der Generalstaatsanwalt sein Plaidoyer fort und suchte nachzuweisen, daß die vorgekommenen Betrügereien sämmtlichen Angeklagten, mit Einschluß Ferdinand von Leffeps, zur Last zu legen seien.
Kopenhagen, 18. Januar. Der Eisbo ots-Tr ans- p ort Korsör-Nyborg hat heute begonnen, da es unmöglich geworden ist, die Fahrrinne mittelst Eisbrecher offen zu halten.
Petersburg, 18. Januar. Die anhaltende, nachgerade unerträgliche Kälte der letzten Tage, die 20 Grad überstieg, hat endlich nachgelassen. Das Thermometer zeigt 8 Grad unter Null.
Depeschen be8 Bureau „Herold".
Berlin, 18. Januar. Der Ausschuß der Stadtverord- neten-Versammlung für die socialdemokratischen Nothstand.s - an träge nahm einstimmig folgenden Antrag an: „Die Versammlung ersucht den Magistrat, die durch die Stadt- verordneten Versammlung genehmigten Arbeiten energisch in Angriff zu nehmen und zu erwägen, ob es nicht durchführbar sei, zwecks durchgreifender Reinigung der Straßen den Fuhrpark zu erweitern und eine vermehrte Anzahl von Arbeitern einzustellen."
Berlin, 18. Januar. Vier Versammlungen von Arbeitslosen, welche in verschiedenen Stadttheilen statt- fanben, waren von je 2000 Personen besucht. Es sprachen Bebel, Singer, Liebknecht und Dreesbach. Folgende zwei von Bebel eingebrachten Resolutionen wurden angenommen: 1. Es wird erklärt, daß eine durchgreifende Abhilfe des jetzigen Nothstandes nur durch eine Umgestaltung der gegenwärtigen Gesellschaft auf socialistischer Grundlage möglich ist; cs wird trotzdem sofortige Hilfe vom Staat und den Corn- munen verlangt durch Inangriffnahme öffentlicher Bauten. Die zweite Resolution tadelt in den schärfsten Ausdrücken das Verhalten des Staatssecretärs v. Bötticher im Reichstage, welcher in wenig staatsmännischer Weise den Nothstand geleugnet habe.
Berlin, 18. Januar. Die WahlprüsungS-Commission des Reichstags erklärte die Wahl Möllers (natlib.), Wahlkreis Arnsberg, wegen Wahlbeeinfluffungen für ungiftig.
Berlin, 18. Januar. Die Kälte ist bedeutend. Das Thermometer zeigte 20 Grad R. ES wurden drei Personen erfroren ausgefunden.
Effen, 18. Januar. Heute ist keine weitere Zeche ausständig, dagegen dauert der Strike auf den Zechen „Neucöln", „Levin" und „Wolfsbank" ungeschwächt fort. Im Ganzen stehen auf 36 Zechen 7650 Bergleute aus. Die Grubenbesitzer sind für den materiellen Schaden durch den AusstandS-VersicherungSverband gedeckt.
St. Johann, 18. Januar. Der Strike ist beendet, ausschließlich der Abgelegten ist alles angefahren.
München, 18. Januar. Die gestrige Meldung über eine bevorstehende Gastvorstellung desBayreutherFestspiel-EnsembleS ist unbegründet.
Hamburg, 18. Januar. Heute wurden drei Cholera- fälle constatirt.
London. 18. Januar. Die Auslieferung von Cornelius Herz wegen Betrugs und Erschwindelung von IE/, Millionen Panamageldern unter falschen Vorspiegelungen gilt alS zweifellos, feine Verhaftung steht bevor.
Newyork, 18. Januar. Der frühere Präsident Hayes ist diese Nacht an einer Herzkrankheit gestorben.
Halle, 19. Januar. Die bacteriologische Untersuchunz ergab bei den verdächtigen Erkrankungen in der Irrenanstalt Nietleben Cholera asiatica. Den Halleschen Zei ungen zufolge sind bis gestern Abend 11 Uhr bei 28 Erkrankungen 13 Todesfälle zu verzeichnen. Der Landrath de§ Saalekreises machte daS Auftteten der Cholera asiatica bekannt.
Protokoll
über die Generalversammlung des laubwirthschaftlichen Bezirks- Vereins Gießen
vom 10. November 1892.
Der Vorsitzende begrüßt die zahlreich erschienenen Ber- einSmitglleder und die anwesenden Gäste, unter diesen besonders die Herren Oeconomierath Müller von Darmstadt, Kammerrath Weber von Laubach und Privatdocenten Dr. Seitz von Gießen.
Dor Eintritt in die Tagesordnung wird der Verlamm- lung Mittheilung gemacht über den Stand des gegen Fruchthändler Nathan Rosenthal wegen Lieferung unreinen Sheriff Weizens geführten Prozesses und beschloffen, baß noch die Kosten einer weiteren Klageführung auf die DereinSkaffe übernommen werden sollen.
Sodann wird beschloffen, bei der Staatsregierung eine Erhöhung der Staatsbeiträge zur Hebung der Viehzucht zu beantragen.
Herr Privatdocent Dr. Seitz hält darauf den in feinen wesentlichen Punkten folgenden Vortrag „über den Betrieb der Landwirthschaft und Thierpflege im Ausland".
Der Vortragende verbreitet sich zunächst über die Art und Weise, wie bei der Urbarmachung des Geländes In den verschiedenen Ländern verfahren wird. Am verschwenderischsten und nachlässigsten wird wohl in Süd-Amerika m^ dem Land umgegangen und durch Oberflächlichkeit bei der VGrob'hig der wilden Vegetation wird der Enrag h^abgeseyt Und die Arbeit des Bestellens vermehrt. In Süd Europa beschränkte sich der Ackerbau vielfach auf die Ebenen, während durch den Terraffenbau, etwa nach chinesischem Muster, nach Annahme des Vortragenden noch viel Land zu gewinnen fei. Auch in manchen Gegenden Deutschlands, glaubt Redner, daß durch Einführung eines rationellen TerraffenbaueS noch Vortheile erzielt werden könnten.
Als Muster intensiven LandwirthschaftSbetriebes wird der Ackerbau in Ostasien angeführt, der einer ungleich dichteren Bevölkerung, als tn Europa, genügenden Unterhalt gewährt. In scharfem Gegensatz hierzu steht die Agricultur in den spanischen Colonien, besonders Manila, daS eine unversiegbare Quelle beträchtlicher Einnahmen für das Mutterland werden könnte, wenn die an sich faulen Eingeborenen nicht nur zur Arbeit herangezogen, sondern auch entsprechend beaufsichrigt würden.
Unter den Momenten, welche dem Emporblühen der Landwirthschaft im AuSlande besonders nachtheilig sind, stehen die DerkehrShinderniffe obenan, da sie einen geschäftlichen Umsatz des Ernteüberschuffes vielfach nicht gestatten und die Landbearbeitung auf die Befriedigung deS SclbstbedarfeS beschränken. Von großer Tragweite war die Einführung der Mc Kinley-Bill, deren nachtheilige Folgen für die Landwirthschaft in Indien ausführlich geschildert werden.
Sodann bespricht der Vortragende die Ursachen der Mißernte und erwähnt d'e schlimmen Folgen der letzten trockenen Jahre für Ost-Europa, als Begegnungsmittel der Dürren werden empsehlenswerthe chinesische BewäfferungSeinrichtungen beschrieben.
Bei Sefpredjuiig von Fraßschäden durch Jnsecten werden die Verhältnisse in den Vereinigten Staaten in Nord-Amerika geschildert, Redner glaubt der Anstellung von Staats-Entomologen vor der Constituirung vielköpfiger Commissionen den Vorzug geben zu sollen, da es bet Kalamitäten auf möglichst rasche Abhilfe ankomme. Zur Illustration der Thätigkeit solcher Staats-Entomologen werden Abbildungen von Apparaten zur Vernichtung der Feinde der Landwirthschaft vorgezeigt.
Die Thierpflege im Ausland ist meist vernachlässigt und spielt nur in wenigen Ländern in der Staatsöconomie eine Rolle. Schlachtvieh ist in buddhistischen Ländern unbekannt, daß Arbeitsvieh wird überall thierquälerisch und roh behandelt; die Dreffnr wird vielfach in grausamer Weise vollzogen. Die Folge davon ist eine unverkennbare Verschlechterung der eingeführten HauSthierraffe selbst in den Ländern, wo Klima und Nahrung den Thieren zusagen.
Zum Schluß spricht der Vortragende die Hoffnung au-, daß auS den Schilderungen einiges zur Anregung neuer Einführungen dienen könne, und unterwirft die Frage, was von dem Gesagten auf hiesige Verhältnisse übertragbar fei, dem Urtheil der Sachverständigen.
Die Versammlung folgt den, auch für unsere Verhältnisse manche Anregung bietenden Ausführungen des vielgereiste» Redners mit größtem Interesse und stattet demselben ihrm wärmsten Dank ab.
Als bedeutungsvollster Gegenstand steht die „Hagelversicherung" auf der Tagesordnung. Nachdem der Vorsitzende und Herr Oeconom Schienke das Thema in längerem Referat eingeleitet, wird in eine DiScnfsion der ersten der gestellten Fragen eingetreten: „Genügt die jetzige Einrichtung, wonach eS den Landwirthen überlassen ist, sich gegen Hagel zu versichern?" Zu dieser Frage sprechen außer Herrn Oeconomierath M.üller, welcher auf deren große Bedeutung hinweist und um freie Meinungsäußerung bittet, u. A. die Herren Bürgermeister Krämer, Steinbach, Köhler, Lang-dorf, Müller Zimmer, Lauter, Bürgermeister Pachter Güngerich, Hof Heibertsdausen, Bürgermeister Leun, Großen-Linden, und Amtmann Nebel, Gießen. Sämmtliche Redner betonen die Unzulänglichkeit des jetzigen


