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Nr. 43 Erstes Blatt Sonntag den 19. Februar
1893
Amts- und Anzeigeblutt fär den Tireis Gieszen.
chralisbeikaae: chießener Iamitienötätter.
Amtlichem TKeil
ist Professor v. Pettenkofer.
Die im vorigen Herbst wegen
18e Innoncen-BurtaMF M 3n» unb WuKeitM neh»« leaeiae* für ben „Eießenrr «Bjeigtr- mtgegm.
Sie Gießener
werben bnn Anzeiger Wöchentlich dreimal ■.ri^elegt
Der
•M«mt «Miete« erscheint täglich, w*t LuSnahme de» Montags.
Gefunden: 1 Laterne, 1 Gummischuh, 2 Handschuhe, 2 Filzhüte, 1 Zwicker, 1 Schwanzriemen, 1 Boa, 1 Schirm, 1 Uhrgehäng, 1 Taschentuch, 1 Taschenmesser, 1 Deckchen, 1 Leiter, 1 Paar Kinderhandschuhe, 1 Ring von einem Schirm und 1 Aushängeschild.
Gießen, den 18. Februar 1893.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.
lirilmt oob Anzeige, zu der NachmiN«e» für bca fMftnben lag erscheinenden Nummer bi» Bore. 10 llhr.
Localer und pvouruzleller.
Gießen, 18. Februar 1893.
** Oeffentliche Sitzung des Kreisausschuffes am 17. Februar 1893. Zur Verhandlung gelangt das Gesuch des Christian Röhm in Grünberg um Concession zum Betriebe einer Schankwirthschaft. Das fragliche Gesuch ist seitens des Kreisausschusses in einer früheren nicht öffentlichen Sitzung abschlägig beschieden worden. Röhm hat daher Antrag auf mündliche Verhandlung gestellt. Durch drei von dem Gesuchsteller, bezw. dessen Vertreter sistirte Zeugen wurde bekundet,
Bterteliäbriflet Aöo,Nrme«t,Pret»» 2 Mark 20 Pfg. mü Bringerlohn.
Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Psg.
Redattion, Lrpedins« und Drudetei:
--»Nlür-tze Mr.,. frrni(tre*r 51.
zu beglückwünschen r sie wurden vom Cardinalssecretär Ram- polla empfangen.
Depeschen deS Bureau „Herold".
Berlin, 17. Februar. Landtagsabgeordneter Plötz, der Führer der agrarischen Bewegung, weilt heute bei Bismarck.
Berlin, 17. Februar. Bankier Bleichröder liegt im Sterben.
Berlin, 17. Februar. Die Broschüre des Generalmajors W'lle: „Das kleinste Gewehrcaliber" hatte den Blättern Veranlassung gegeben, ihre Ansicht dahin auszusprechen, daß bet den Großmächten Europas die Möglichkeit vorhanden sei, eine Neubewaffnung der Infanterie vorzunehmen. Das „Berliner Tageblatt" erfährt nun von durchaus com- petenter Seite, daß an zuständiger Seite zur Zeit an eine Neubewaffnung der Infanterie nicht gedacht werde.
Berlin, 16. Februar. In dem Arbeitshause Rummels- bürg bet Berlin ist heute Vormittag Großfeuer ausgebrochen. Drei Feuerwehrzüge sind beim Löschen thätig. Man vermuthet, ein früherer Sträfling habe aus Rache den Brand angelegt.
Berlin, 18. Februar. Die Wahlprüfungs -Commission des Reichstages erklärte gestern die Wahl des Abgeordneten Oechelhäuser (natL) für giltig.
Berlin, 18. Februar. Dem Abgeordnetenhause ist der Entwurf eines Gesetzes, betreffend Aufhebung des § 124, Absatz 2, der Medtcinalordnung für die Freie Stadt Frankfurt a. M. und deren Gebiet, vom 29. Juli 1841, zugegangen.
Berlin, 17. Februar. Dem „Vorwärts" zufolge fanden gestern in den Wohnungen mehrerer russischer Studenten Haussuchungen statt- daran schloß sich die Ststirung der Betreffenden. Die Gründe für diese Maßregeln sind unbekannt.
Graudenz, 18. Februar. Bei der Reichstags wähl in dem Kreise Berent - Dirschau • Stargard wurde der Pole von Kalkstein gewählt. Der Antisemit Paasch erhielt 1500 Stimmen.
Wilhelmshaven, 17.Februar. Der Kaiser ist mit dem Panzerschiff „König Wilhelm" um 9 Uhr heute Morgen nach Helgoland abgedampft. „Beowulf" folgte.
München, 17.Februar. Der Obermedicinal-Aus- schuß beräth am kommenden Dienstag wegen der internationalen Sanitäts-Conferenz in Dresden. Berichterstatter
Jahre abgehalten, da das Somit« die epidemische Verbreitung der Cholera nicht besürchtet.
Rom, 17. Februar. Heute hatten 8700 Nord-Italiener bei dem Papste eine Audienz. Anwesend waren neun Cardinäle, darunter die Cardinäle Krementz und Kopp und 56 Bischöfe. Paroechi begrüßte den Papst und Monseigneur Sporitini verlas die Antwort des Papstes, worin über die Spaltung unter den Italienern und über die schlechten Gesetze geklagt wird.
London, 17. Februar. Neuerdings wurde abermals nahezu eine Million Hectoliter Weizen per Schiff nach England gebracht. Aus Amerika sind noch weitere bedeutende Getreidesendungen unterwegs.
Petersburg, 17. Februar. Die offizielle Statistik der vorjährigen Ernte ist bereits bekannt. Weizen ergab 93,26 Mill, (gegen 63,60 Mill.), Roggen 227,30 Mill. (gegen,‘189,31 Mill.), Gerste 65,75 Mill, (gegen 53,10) Mais 7,63 Mill. Hectoliter.
Newyork, 17. Februar. Die Ernte in Südamerika ist gut. Die Weizenernte Argentiniens ergab 7 Millionen Hectoliter (3 Millionen mehr als im Vorjahre). Aus Australien sind 742,500 Hectoliter Weizen nach London unterwegs.
Ncrrcstc Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Köln, 17. Februar. Der „Köln. Ztg." zufolge beschloß gestern eine in Köln abgehaltene Conferenz des Verbandes Nordatlantischer Dampferlinien, von einer Wiederaufnahme der Beförderung von Auswanderern abzusehen, in dritter Klasse nur Amerikaner und Reisende zuzulassen.
Rom, 17. Februar. Graf d u Monceau, Chef des Militärstaates der Königin-Regentin der Niederlande, Baron Miltitz, Abgesandter des Königs von Sachsen, und Oberst Schilgen, Flügeladjutant des Fürsten von Hohenzollern, mit einem Briefe des Königs von Rumänien, sind hier eingetroffen, um den Papst Namens der genannten Souveräne
München, 17. Februar.
der Choleragefahr vertagte Versa.wmlung deutscher Historiker findet hier vom 5. bis 7. April statt.
Nürnberg, 17. Februar. Die im vorigen Jahre verschobene Naturforscher-Versammlung wird in diesem
Kehener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
Deutscher Reichstag.
46. Sitzung. Freitag, 17. Februar 1893.
Die gestrige Debatte wild fortgesetzt.
Abg. Graf Kanttz (conf.) erörtert zunächst eingehend die Währungsfrage und krttisirt sodann die von Herrn Huber vor Jahresfrist im Reichstage gehaltene Rede über die HandelSoerttäge. Er bemerkt, da dieser Herr auch bei den Verhandlungen mit Rußland eine große Rolle spielt, sei es tntereffant, seine jetzigen Grundsätze zu erfahren. Unsere handelspoltttschen Begehungen würden viel besser sein, wenn wir einen autonomen Tarif hätten und mit allen Ländern Meistbegünsttgungsverträge abschlössen.,
Staatssecretär v. Marschall vertheidigt dem Vorredner gegenüber die Handelsverträge.
Staatssecretär v. Maltzahn: Die Regierung sei verpflichtet und gewillt, die Goldwährung ausrecht zu erhalten.
Abg. Büsing (nat.-ltb.) stimmt mit den Ausführungen Buhls über die Getreidezölle nicht überein, er billigt die Handelsverttags« poltttkderRegterung und sagt dteUnterstützung derNationalliberalen zu. Redner wünscht keine Währungeänderung.
Abg. Graf Dönhoff (conf.) wendet sich gegen die Ausführungen des Soctaldemokraten Schultze, welcher von schlechten Löhnen in Ostpreußen gesprochen hat. Dle dortige Lohnmethode werde von allen als gut anerkannt.
Abg. Jordan (freis.) empfiehlt, den mittleren und kleinen Landwirthen eine Einschränkung und erklärt, er stimme darin mit den Agrariern überein, daß er keinen Widerspruch gegen das Gehalt des Staatssecretärs erhebe.
Abg. Holtz (Retchsp.) wendet sich gegen den russischen Handelsvertrag, der Gefahr bezüglich der Vteheinfuhr in sich berge.
Reichskanzler v. Eaprivi: Die Regierung habe nicht die Absicht, mit Rußland über Viehtmport zu verhandeln; er erklärt, eine auffallende Erscheinung sei es, daß im Reichstage und Abgeordnetenhause gleichzeitig Debatten über die Landwirlhfchaft heroorgerufen würden, während morgen ein ganz aus Landwirthen bestehender Verein hier zusammentritt. Ausiälltg sei auch der Ton, der an anderer Stelle gegen die Regierung angeschlagen werde. Bei einem Theile geschehe dies sogar planmäßig, um die Retchsregterung anzugretfen, vielleicht zu stürzen, Nicht der russische Handels-Vertrag, sondern die Roth der Landwirthschast und die Stellungnahme des Reichskanzlers dazu seien das eigentliche Object der Debatte. Redner weist den Angriff wegen der Außerachtlassung der Landwirthschast durch die Regierung zurück, nennt dieselben unverständlich bet dem bewiesenen Interesse. Die bisherigen Vorschläge seitens der Eonservativen feien Heuer unausführbar, positive Anträge würden nicht gestellt. Die fortgefetzten Angriffe seien schädlich. Der wahre Eonseroalismus gipfele in der Erhaltung des christlich-moralischen Staates. Er (Redner) fei confer; vatio, nicht Agrarier. Die agrarische Regierung werde bald vor einer schweren Katastrophe stehen. Die wirthschastlichen Jntereffen basirten auf dem Egoismus, die staatlichen Interessen auf der Opferfähigkeit und dem Idealismus der Bürger. Die Regierung schütze jeden Besitz, aber auch die Besitzlosen. Besorgnißerregend sei der Angriff der Besitzlosen gegen die Besitzenden, da die Strömung immer stärker werde, sogar in Deutschland die Grenze des Zulässigen überschreite. Die Männer, welche für die heutige Bewegung die Schleußen ousziehen, ahnen nicht die drohenden Gefahren. Die Schließung der Schleußen sei vielleicht unmöglich. Redner erklärt, seine Warnung habe mit seiner Person nichts zu thun. Wenn er überzeugt sei, daß er durch den Austritt aus dem Amte Nutzen schaffen werde für Deutschland, so würde keine Stunde mehr dis zum Einreichen seines Abschiedsgesuchs vergehen. Die Bürde meines Amtes ist so schwer, daß ich den Tag segne, an dem sie von mir genommen wird; ich werde aber ausharren. Wir gehen schweren Zeiten entgegen, die Festigkeit der Regierung ist die erste Anforderung. Jeder Personenwechsel ist mit einer Erschütterung verbunden. Der Reichskanzler wünscht, daß die Agrarier reiflich überlegen, ob sich ihre Wege mit dem Interesse des deutschen Staates dauernd vereinbaren.
An der weiteren Debatte betheiligen sich Dzembowski, Mirbach, Eaprivi, Rickert, v. Staudy.
Der Titel: Gehalt des Staatssecretärs wird bewilligt. Fortsetzung morgen.
daß an den Markttagen die in der Nähe des Marktplatzes befindlichen Stallungen zur Aufnahme des Zugviehes nicht ausreichten und es daher oft vorkomme, daß das Vieh auf der Straße liegen müfse. — Röhm betreibe seit Kurzem Speisewirthschaft, diese könne aber, ohne daß Ausschank von geistigen Getränken damit verbunden werde, nicht bestehen. Der Großh. Bürgermeister von Grünberg wendete dagegen ein, daß auf dem Marktplatze und in unmittelbarer Nähe desselben eine große Zahl Wirthschaften mit ausreichenden Stallungen vorhanden seien. Der Vertreter des Gesuchstellers beantragte Ertheilung der Concession und wies darauf hin, daß die Kurz'sche Wirthschaft eingegangen sei, eine Vermehrung der Wirthschaften sonach nicht eintrete. Dem Röhm wird die erbetene Concession zum Wirthschaftsbetriebe erteilt;
** Theater. „Die wohlthätigen Frauen', Lustspiel in vier Acten von A. L'Arronge. Mit einem glücklichen Griff ins volle Menschenleben persiflirt hier der Autor in äußerst geistreicher Weise eine Thatsache, an die wir uns durch ihre Alltäglichkeit völlig gewöhnt haben, so daß wir die ihr anhaftende Anstößigkeit kaum beachten. Es ist die sogenannte öffentliche Wohlthätigkeit der Damen der höheren Stände, über die der Dichter die Schale seines Spottes ausgießt, es sind jene Vereine, die er geißelt, welche wahre Wohlthaten nicht kennen, da ihren Mitgliedern das Herz fehlt, freudig spendet, wo es noth thut, nur um ihre Namen in den Zeitungen zu lesen und um ihre Verdienste durch Orden und Prädicate anerkannt zu sehen, sich den Schein der Mildthätigkeit geben. In sehr drastischer Weise versteht es der Dichter, den Effect zu steigern, indem er neben den „wohlthätigen Frauen" die „wohlthätigen Männer" handelnd einführt. Sie charactersiert er als die wirklich hochherzigen Spender, die mit geringeren Mitteln, dafür aber mit wahrer opferfreudiger Gesinnung und im Stillen da eingreifen, wo Noth herrscht. Eine in dieser Beziehung wirklich äußerst sympathisch wirkende Figur ist der Major von Rodeck. Weniger wahr und überzeugend ist die Art und Weise, wie er der Gouvernante seiner Pflegetochter gegenübertritt. Daß ein Mann, der die Characteranlage Rodecks besitzt, sich binnen zwei Secunden derartig in ein Wesen verlieben kann, daß er ihr Herz und Hand anbietet, ist wohl kaum glaublich. Dieser Anstoß ist aber auch wohl der einzige Vorwurf, den man dem Dichter machen kann- alle übrigen Figuren sind sehr frisch und wahr getroffen, die Sprache ist edel, die Satire oft gerade zu beißend, dabei jedoch stets geistreich. — Die Wiedergabe der Comödie durch unser Ensemble war ganz besriedigend. Frau Copp«, zu deren Benefiz die Vorstellung stattfand, spielte die „Geheimräthin von Praß' mit großer Verve und tüchtiger Routine. Obwohl wir der Ansicht sind, daß das Talent der Künstlerin mehr in der Darstellung komischer Rollen besteht, so müssen wir doch gestehen, daß ihr infolge ihrer feinen Auffassungsgabe und einer langjährigen Bühnenpraxis auch in Rollen wie der gestrigen der Erfolg sicher ist. Die zweite Repräsentantin des Wohlthätigkeitsvereines wurde von Fräulein Brünner zu unserer größten Zufriedenheit gegeben. Sehr nett und anziehend waren außerdem die beiden Paare Frau Director Reiners (Martha) und Herr Martiensen (Rodeck), sowie Fräulein Copp« (Anna) und Herr Rupp (Werner)- zum Schluffe erwähnen wir noch die kleine Wally Copp«, welche sich ihrer Aufgabe mit großem Geschicke entledigte. Das Haus war leidlich besucht und ehrte die Darsteller, insbesondere die Benefiziantin, mit reichem Applaus.
M. Hermann Vortrag. Nur einem ästhettsch echt gebildeten Kreise konnte der Inhalt des Vortrages zusagen: was er uns bot, das waren keine bestaubten Tagesfrüchte, entsproßt an der großen, allbegangenen Heerstraße — hier und dort, im lauschigen Thal, am fernen, kaum gekannten Steg waren die seltenen Blüthen erwachsen, deren duftige Reize wir genießen durften. Und so war auch die Schaar der Hörer nicht übergroß- die aber versammelt waren, formten eine Gemeinde, deren schöne Empfänglichkeit vollauf das feinsinnig gewählte Programm zu würdigen wußte, sodaß Herrn Hermanns Reci- tation der höchste Erfolg des begeisterten Verständniffes zu Theil ward. — Als Eingangsnummer trug Herr H. mit köstlichem Verständniß einige der wundervollen Dialectgedichte von Karl Stiel er vor, die in ihrer naiven, ehrlichen Schönheit entzückend zur Geltung kamen und schloß hieran desselben Dichters nachgelassenes „Winteridyll". Die Fülle herrlicher poetischer Situationen und Empfindungen, die diese Dichtung ziert, fand in Herrn Hermann einen congenialen Interpreten. — Nun aber kam das Hauptstück des Abends: Gedichte von G. Edward (Georg Geilfus). Durften wir schon nach den einleitenden Worten Herrn Hermanns mit Recht auf das Können unseres Landsmannes gespannt sein,


